Ein Festmahl der Götter, reichlich Bier – und ein Gast, der jeden Einzelnen bloßstellt. Die Lokasenna („Lokis Zankrede") ist das berühmteste Streitgedicht des Nordens: eine Szene voller Bosheit, Witz und unangenehmer Wahrheiten. Loki hält den Mächtigen den Spiegel vor – und keiner kommt heil davon.
Der Meeresriese Ägir lädt die Asen zum Gelage. Seine Halle ist so hell, dass leuchtendes Gold statt Feuer den Saal erhellt; das Bier schenkt sich von selbst ein. Fast alle sind gekommen: Odin und Frigg, Freyja, Freyr und Njörd, Tyr, Bragi und Idun, Sif und viele mehr. Nur Thor fehlt – er ist im Osten auf Riesenfahrt. Ägirs Knechte Fimafeng und Eldir bedienen so vortrefflich, dass die Götter sie laut loben. Und genau das erträgt Loki nicht: Aus purem Neid erschlägt er Fimafeng. Die Götter schütteln zornig ihre Schilde und jagen ihn in den Wald hinaus.
Doch Loki kommt wieder. An der Tür trifft er den Knecht Eldir und lässt sich in düsteren Versen erzählen, worüber drinnen geredet wird. Dann tritt er ein und beruft sich auf das heilige Gastrecht: Nach altem Brauch fordert er einen Platz und einen Trunk. Bragi verweigert ihm beides – aber Odin selbst lässt seinem Sohn Vidar Platz machen und den Becher füllen. Ein fataler Fehler, denn Loki hebt den Becher, grüßt höhnisch alle Asen und Asinnen – „nur einen nicht: Bragi" – und eröffnet damit das Wortgefecht.
Die Lokasenna ist ein Flyting (altnordisch senna): ein ritualisierter Schmähwettstreit, in dem man den Gegner mit kunstvoll zugespitzten Vorwürfen übertrumpft. Solche Wortduelle waren in der Wikingerzeit real und gefürchtet – ein gelungener Schimpf, das nið, konnte die Ehre eines Mannes so tief verletzen, dass Blut floss. Die Forscherin Carol Clover hat gezeigt, wie streng solche Duelle einem Muster folgten: Vorwurf, Konter, Übertrumpfen. Loki ist darin ein Meister – denn als langjähriger Gefährte der Götter war er bei jeder Peinlichkeit dabei.
Und nun geht es Schlag auf Schlag. Jeder Vorwurf trifft, weil in jedem ein Körnchen Wahrheit aus einem anderen Mythos steckt:
Bragi nennt er einen Feigling, der prahle, aber nie kämpfe. Idun wirft er vor, sie habe den Mörder ihres Bruders umarmt. Gefjon und Frigg beschuldigt er der Untreue – Frigg habe mit Odins Brüdern Vili und Vé geschlafen, als Odin fort war. Odin selbst kontert er doppelt: Der Allvater verteile den Sieg ungerecht, und schlimmer noch, er habe auf der Insel Samsey wie eine Hexe Seiðr getrieben – die unmännlichste aller Künste. Freyja hält er vor, sie habe mit jedem im Saal geschlafen, sogar mit ihrem eigenen Bruder Freyr. Njörd spottet er als Geisel, den die Töchter des Riesen Hymir als Pissnapf benutzt hätten. Tyr verhöhnt er, weil Loki selbst mit dessen Frau einen Sohn gezeugt habe. Selbst die kleinen Diener Byggvir und Beyla bekommen ihr Fett weg. Nur eine bringt ihn kurz ins Wanken: Skadi erinnert ihn daran, dass ihn ein grausames Ende erwartet – und Loki gibt zynisch zu, dass er beim Tod ihres Vaters vorn mit dabei war.
„Weißt du, Odin, wie wir einst / das Blut zusammen mischten? / Kein Bier wolltest du kosten, / das man uns beiden nicht bot."— nach Lokasenna 9, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)
Erst als Thor aus dem Osten heimkehrt und mit Mjöllnir droht, verstummt der Spötter. Viermal höhnt Loki noch – „vor dem Wolf aber wirst du fliehen, wenn er die Sonne verschlingt" –, doch als der Hammer zum vierten Mal steigt, gibt er nach. Er geht, aber nicht ohne einen letzten Fluch: Ägirs Halle solle künftig in Flammen aufgehen. Damit endet das Zankgelage – und beginnt Lokis Ende.
Denn die Prosa nach dem Gedicht erzählt, wie die Götter Loki jagen. Er verwandelt sich in einen Lachs, wird doch gefangen und in einer Höhle gefesselt – mit den Gedärmen seines eigenen Sohnes. Über ihm hängt eine Schlange, deren Gift auf sein Gesicht tropft; nur seine treue Frau Sigyn fängt es mit einer Schale auf. Wenn sie sie leert, zuckt Loki, dass die Erde bebt. Die ganze Geschichte erzählen wir unter Lokis Bestrafung.


Die Lokasenna ist mehr als Götter-Klatsch. Sie ist ein Spiegel, den ein Außenseiter den Mächtigen vorhält. Loki spricht aus, was sonst verschwiegen wird, und entlarvt, dass auch Götter eitel, fehlbar und widersprüchlich sind. Zugleich ist das Gedicht ein brillantes „Who's who" des Skandals: Fast jeder Vorwurf spielt auf einen anderen Mythos an – wer die Anspielungen versteht, liest die halbe nordische Götterwelt zwischen den Zeilen. Und über allem liegt ein sehr nordischer, bitterböser Humor.
Loki · Lokis Bestrafung · Ägir & Ran · Seiðr – der Zauber · Thor · Das Götter-Pantheon.
Lieder-Edda: Lokasenna (mit Prosa-Rahmen), Codex Regius; deutsche gemeinfreie Übersetzung Karl Simrock, Die Edda (1851). Snorri Sturluson, Prosa-Edda (Ägir-Gelage), um 1220. Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001); Carol J. Clover zum senna/Flyting; Ursula Dronke, The Poetic Edda Bd. II.