Die Lokasenna („Lokis Zankrede“) ist ein Lied der Lieder-Edda, in dem Loki beim Gelage des Meeresriesen Ägir einen Gott nach dem anderen mit Vorwürfen überzieht: Feigheit, Ehebruch, Inzest, unmännlicher Zauber. Erst Thor bringt ihn mit dem Hammer zum Schweigen, und ein Prosaschluss erzählt, wie die Götter ihn danach fesseln. Überliefert ist das Gedicht nur im Codex Regius aus dem 13. Jahrhundert. Wir gehen es Strophe für Strophe durch, erklären die Anspielungen und trennen sauber, was die Quelle sagt und was die Forschung daraus liest.
Stell dir eine Feier vor, bei der jeder Gast ein Geheimnis hat. Das Bier fließt von allein, der Saal glänzt, alle loben den Gastgeber. Dann geht die Tür auf, und herein kommt der eine, der sie alle kennt. Er setzt sich, hebt den Becher und fängt an zu reden. Genau das ist die Lokasenna: 65 Strophen, in denen Loki die versammelten Götter auseinandernimmt, einen nach dem anderen, bis der Donnergott in der Tür steht.
Das Gedicht steht in einer einzigen mittelalterlichen Handschrift, dem Codex Regius der Lieder-Edda (Kopenhagen, GKS 2365 4to), der um 1270 in Island geschrieben wurde und heute wieder in Reykjavík liegt. Spätere Papierabschriften gehen auf diese Handschrift zurück. Mehr zur Sammlung insgesamt findest du in unserem Artikel über die Edda.
Im Codex Regius steht die Lokasenna zwischen der Hymiskviða und der Þrymskviða, zwei Thor-Liedern. Die Prosaeinleitung knüpft ausdrücklich an die Hymiskviða an, in der Thor den Braukessel für Ägir besorgt, und am Ende beendet wieder Thor das Gelage. Neben „Lokasenna“ ist auch der Name Ægisdrekka („Ägirs Trinkgelage“) geläufig; unter dem Titel „Oegisdrecka“ übersetzte Karl Simrock das Lied ins Deutsche.
Das Versmaß ist der ljóðaháttr, das „Liedmaß“ der Rede- und Spruchdichtung, das auch die Hávamál verwenden. Vier Strophen, alle von Loki gesprochen, sind um eine zusätzliche Zeile erweitert, die sogenannte galdralag, die „Zauberliedform“. Loki redet also an Schlüsselstellen buchstäblich mehr, als das Versmaß verlangt.
Bevor auch nur ein Vers fällt, stellt eine kurze Prosa die Szene. Ägir, der Meeresriese, der „mit anderem Namen Gymir hieß“, hat für die Götter Bier gebraut, nachdem er den großen Kessel bekommen hat. Fast alle sind da: Odin und Frigg, Sif, Bragi und Idun, Týr, „der einhändig war, denn Fenrir hatte ihm die Hand abgebissen“, Njörðr und Skaði, Freyr und Freyja, Víðarr, Loki und Freyrs Diener Byggvir und Beyla. Dazu „viele Asen und Alben“. Thor fehlt, er ist auf der Ostfahrt, um Trolle zu erschlagen.
Zwei Details sind bemerkenswert. Erstens: Ägir lässt leuchtendes Gold (lýsigull) in die Halle tragen, das statt Feuer den Saal erhellt. Snorri kennt das Motiv ebenfalls und erklärt damit, warum Gold in der Skaldendichtung „Ägirs Feuer“ heißen kann. Zweitens: Die Halle ist ein griðastaðr mikill, ein „großer Friedensort“. Hier darf keine Gewalt geschehen. Das Bier trägt sich von selbst auf.
Die Gäste loben Ägirs Diener Fimafengr und Eldir für ihre gute Aufwartung. Das erträgt Loki nicht und erschlägt Fimafengr, ein Mord am Friedensort, gleich zu Beginn. Die Götter schütteln ihre Schilde, schreien ihn an und jagen ihn in den Wald. Die Strophen selbst erwähnen diesen Mord übrigens nicht; die Prosa greift vermutlich auf ältere Erzählstoffe zurück, die auch Snorri kannte.
Loki kehrt zurück und trifft draußen den zweiten Diener, Eldir. Die ersten fünf Strophen sind ein Vorgeplänkel: Loki will wissen, worüber drinnen gesprochen wird. Eldir antwortet, die Götter redeten von Waffen und Kampfruhm, und keiner da drinnen sei Loki freundlich gesinnt. Loki kündigt an, er werde hineingehen und den Göttern „Hader und Hass“ ins Bier mischen. Eldir warnt ihn, jede Schmähung werde auf ihn selbst zurückfallen. Loki zuckt nur mit den Schultern: Wenn es ums Wortgefecht gehe, sei er reich an Antworten.
Drinnen verstummt die Runde, als er eintritt. Loki fordert, was jedem Gast zusteht: einen Sitz und einen Trunk. Bragi, der Gott der Dichtkunst, lehnt ab. Daraufhin spielt Loki seine stärkste Karte aus und wendet sich direkt an Odin:
Remember, Othin, in olden days / That we both our blood have mixed;Lokasenna 9, Übersetzung Henry Adams Bellows (1923, gemeinfrei)
Sinngemäß fährt er fort: Damals habe Odin geschworen, nie Bier zu trinken, wenn es nicht beiden gebracht werde. Odin und Loki sind Blutsbrüder. Die Lokasenna ist unsere Hauptquelle für diesen Bund, und er bindet Odin die Hände. Er befiehlt seinem Sohn Víðarr, aufzustehen und dem „Vater des Wolfes“ Platz zu machen, damit Loki in Ägirs Halle keine Lästerreden führe. Die Ironie ist kaum zu überbieten: Odin lässt Loki ein, um genau das zu verhindern, was dann geschieht.
Loki trinkt und grüßt reihum alle Asen und Asinnen, „außer dem einen, der weiter innen auf der Bank sitzt“: Bragi. Damit ist der Fehdehandschuh geworfen.
Das altnordische Wort senna bedeutet „Zank, Streit“; die Forschung bezeichnet damit eine feste Form des Wortgefechts, im Englischen flyting genannt. Carol J. Clover hat 1980 gezeigt, dass solche Duelle in der germanischen Dichtung einem Muster folgen: Man begegnet sich oft an einer Schwelle oder über ein Gewässer hinweg, wirft sich Feigheit, sexuelle Schande und Versagen vor, kontert, überbietet und schließt mit einer Drohung. Verwandte Szenen sind Thors Streit mit dem verkleideten Odin in den Hárbarðsljóð oder das Wortduell zwischen Beowulf und Unferth.
Harmloser Spaß war das nicht. Die mittelalterlichen Rechtsbücher Norwegens und Islands stellten bestimmte Schmähungen unter schwere Strafe, besonders Unterstellungen von Unmännlichkeit, etwa dass ein Mann Kinder geboren habe. Genau solche Vorwürfe tauschen Loki und Odin aus. Das Schlüsselwort ist ergi (Adjektiv argr, ragr): sexuelle Passivität und „Weibischkeit“ bei Männern, das Ehrenrührigste, was man einem Mann vorwerfen konnte.
Bragi versucht es zuerst mit Bestechung: ein Pferd, ein Schwert und ein Ring, wenn Loki nur Ruhe gibt. Loki lacht ihn aus. Bragi fehle es doch selbst ständig an Pferden und Ringen, und von allen Göttern sei er der scheueste im Kampf. Bragi droht, draußen hielte er Lokis Kopf in der Hand. Loki kontert, Bragi sei ein Held nur auf der Bank.
Idun, Bragis Frau, bittet um Frieden. Lokis Antwort: Sie sei die mannstollste aller Frauen, denn sie habe ihre hell gewaschenen Arme um den Mörder ihres Bruders gelegt. Wer dieser Bruder war und wen sie umarmt hat, erzählt keine andere Quelle. Es ist einer der Vorwürfe, die nur hier existieren. Idun lässt sich nicht provozieren und will Bragi beruhigen.
Dann spricht Gefjun, eine Göttin, die Snorri mit dem Pflügen der Insel Seeland verbindet. Loki erinnert sie an „den weißen Knaben“, der ihr ein Halsgeschmeide schenkte, und daran, dass sie dafür ihren Schenkel über ihn gelegt habe. Auch diese Geschichte kennen wir sonst nicht. Manche Forscher vermuten, hier seien Motive von Freyja auf Gefjun übertragen, die nach einer späteren Erzählung ihr Halsband gegen Liebesnächte erwirbt.
Jetzt greift Odin selbst ein. Loki sei wahnsinnig, Gefjun gegen sich aufzubringen, denn sie kenne die Geschicke der Welt so gut wie er. Damit ist Odin in der Arena, und Loki zielt sofort auf seine Rolle als Siegvater: Odin habe nie gerecht verteilt und oft den Feigeren den Sieg gegeben. Der Vorwurf hat Rückhalt in anderen Quellen, in denen Odin seine Gunst launisch entzieht und Helden fallen lässt, die er vorher gestützt hat.
Odins Gegenschlag ist hart. Loki sei acht Winter unter der Erde gewesen, als melkende Kuh und als Weib, und habe dort Kinder geboren. Das sei args aðal, die Art eines Unmännlichen. Anspielungen auf Lokis Mutterschaft gibt es auch sonst: Nach Snorri gebar Loki als Stute das achtbeinige Pferd Sleipnir, und das Hyndlulied erzählt, er sei nach dem Verzehr eines halb verbrannten Frauenherzens schwanger geworden. Die acht Winter als Milchkuh kennt nur die Lokasenna.
Lokis Antwort ist berühmt. Auf der Insel Samsey habe Odin seiðr getrieben, „auf die Trommel geschlagen wie die Seherinnen“ und sei in Zaubergestalt durch die Menschenwelt gezogen. Auch das sei unmännlich. Seiðr war eine Form der Zauberei, die die Quellen vor allem mit Frauen, Wahrsagung und Schicksalsbeeinflussung verbinden. Snorri schreibt in der Ynglinga saga, Männer hätten diese Kunst wegen der ihr anhaftenden ergi gemieden. Odin beherrschte sie trotzdem. Mehr dazu in unseren Beiträgen über Seiðr und Odin.
Frigg, Odins Frau, mahnt, man solle alte Geschichten ruhen lassen. Loki zieht sofort nach: Sie sei immer mannstoll gewesen und habe, als Odin fort war, Vé und Vili, Odins Brüder, beide in ihre Arme genommen. Dazu passt eine Notiz in der Ynglinga saga, nach der Odins Brüder sein Reich verwalteten und Frigg teilten, als er lange fort war. Die Lokasenna und Snorri stützen sich hier vielleicht auf dieselbe Tradition.
Frigg antwortet mit Trauer und Zorn: Säße hier ein Sohn wie Baldr, käme Loki nicht lebend heraus. Lokis Antwort ist vielleicht der kälteste Satz des ganzen Lieds. Er habe es bewirkt, dass sie Baldr nie mehr zu den Hallen reiten sehe. Damit gibt Loki offen zu, am Tod Baldrs schuld zu sein. Das passt zur Erzählung Snorris, nach der Loki den blinden Höðr den Mistelzweig werfen ließ. Wie alt diese Verbindung ist, hängt an der Datierung des Lieds, und die ist offen.
Nun mischt sich Freyja ein: Frigg kenne alle Schicksale, auch wenn sie sie nicht ausspreche. Loki: Jeder Ase und jeder Alb im Saal sei ihr Liebhaber gewesen. Freyja sagt ihm voraus, dass er unglücklich heimgehen werde. Daraufhin legt Loki nach: Sie sei eine boshafte Zauberin, die Götter hätten sie bei ihrem Bruder Freyr ertappt, und dabei habe sie einen fahren lassen. Ganz aus der Luft gegriffen ist der Inzestvorwurf nicht: Nach Snorris Ynglinga saga war die Geschwisterehe bei den Wanen Sitte.
Njörðr nimmt Freyja in Schutz, mit bemerkenswerter Begründung: Dass Frauen Liebhaber hätten, sei kein großes Unglück; ein Skandal sei, dass ein unmännlicher Gott hier sitze, der Kinder geboren habe. Loki antwortet mit einer der rüdesten Strophen der Edda: Njörðr sei als Geisel von Osten zu den Göttern geschickt worden, und die Töchter des Riesen Hymir hätten ihn als Pinkeltopf benutzt. Hintergrund ist der Krieg zwischen Asen und Wanen, nach dem Njörðr als Geisel zu den Asen kam. Njörðr tröstet sich mit seinem Sohn Freyr; Loki erwidert, den habe er mit der eigenen Schwester gezeugt.
Dann tritt Týr für Freyr ein, der jeden aus der Fessel löse. Loki trifft ihn, wo es schmerzt: Týr habe nie zwei Parteien versöhnen können, und seine rechte Hand habe Fenrir ihm abgerissen. Týr antwortet bitter: Ihm fehle die Hand, Loki aber der Wolf, und der müsse gefesselt warten bis zum Weltende. Lokis Pointe: Týrs Frau habe einen Sohn von ihm bekommen, und Týr habe nie Buße erhalten. Von einer Frau des Týr weiß keine andere Quelle.
Freyr selbst droht nun, Loki werde gebunden wie sein Wolfssohn, wenn er nicht schweige. Lokis Konter zielt auf Freyrs Brautwerbung: Er habe Gymirs Tochter Gerðr mit Gold gekauft und dafür sein Schwert weggegeben. Wenn die Söhne Muspells kämen, wisse er nicht, womit er kämpfen solle. Die Geschichte dahinter erzählt das Edda-Lied Skírnismál, und Snorri ergänzt, dass Freyr bei Ragnarök ohne Schwert gegen Surtr fällt.
Mitten im Göttergezänk springt ein Diener auf: Byggvir. Hätte er Freyrs Geschlecht und so einen schönen Sitz, würde er Loki klein mahlen. Loki verspottet ihn als kleines, schwanzwedelndes Ding, das immer an Freyrs Ohr hänge und unter der Mühle schwätze. Byggvir ist stolz, dass alle das Bier trinken, an dem er mitgewirkt hat. Loki sagt, im Kampf verstecke er sich im Stroh.
Der Name Byggvir hängt sehr wahrscheinlich mit altnordisch bygg „Gerste“ zusammen; ein Diener des Fruchtbarkeitsgottes, der beim Mahlen und Brauen hilft, passt dazu. Ob er eine Gottheit oder eine poetische Personifikation war, ist offen. Der Name seiner Frau Beyla ist nicht sicher gedeutet.
Dann meldet sich Heimdall: Loki sei betrunken. Lokis Antwort: Heimdall sei seit Anbeginn das hässliche Los zugefallen, mit „schmutzigem Rücken“ ewig wachen zu müssen. Was genau der Rücken bedeutet, ist unklar; vielleicht einfach der Wächter, der bei jedem Wetter draußen steht. Bei Ragnarök töten sich Loki und Heimdall nach Snorri gegenseitig.
Jetzt wird es ernst. Skaði, die Tochter des Riesen Thjazi, spricht als Erste aus, was Loki bevorsteht: Er werde nicht mehr lange mit freiem Schwanz herumspielen, denn die Götter würden ihn mit den Gedärmen seines eiskalten Sohnes auf einen scharfen Felsen binden. Loki antwortet ungerührt: Wenn es so komme, so sei er doch der Erste und Letzte gewesen, als man ihren Vater Thjazi tötete. Skaði schwört, aus ihren Heiligtümern und Feldern würden ihm stets kalte Ratschläge kommen. Loki erwidert, sie sei freundlicher gewesen, als sie ihn in ihr Bett einlud.
Diese Wechselrede verbindet mehrere Mythen. Snorri erzählt, wie die Götter Thjazi töteten und Skaði zur Rache kam, und wie Loki sie unter anderem dadurch versöhnte, dass er sie zum Lachen brachte. Eine Liebesnacht kennt Snorri nicht. Wichtig: Skaði nennt schon die Strafe, die im Prosaschluss vollzogen wird. Die Lokasenna weiß also, wie Lokis Geschichte endet.
Dann tritt Sif, Thors Frau, vor und reicht Loki einen bereiften Becher mit altem Met, in der Hoffnung, dass er wenigstens sie schont. Loki trinkt und sagt, sie wäre die einzige untadelige Frau, wenn er nicht einen wüsste, der Thor zum Hahnrei gemacht habe: ihn selbst. Gerade Sifs friedliche Geste wird so zur schlimmsten Demütigung für den abwesenden Thor. Beyla ruft, die Berge bebten, Thor komme heim. Loki beschimpft auch sie noch als dreckige Magd.
Dann steht Thor in der Halle: Schweig, sonst nimmt Mjöllnir dir die Rede. Loki kontert, Thor werde nicht mehr so kühn sein, wenn er gegen den Wolf kämpfen müsse und dieser den „Siegvater“ ganz verschlinge, also Odin. Manche Nacherzählungen machen daraus die Sonne, das steht so nicht im Text. Tatsächlich kämpft Thor bei Ragnarök gegen die Midgardschlange, nicht gegen den Wolf; Loki stichelt also mit Odins Tod.
Thor droht ein zweites Mal: Er werde Loki nach Osten schleudern, wo ihn kein Mensch mehr sehe. Loki erinnert ihn an seine Ostfahrten und daran, dass Thor sich einmal im Daumen eines Handschuhs versteckt habe und kaum wie Thor ausgesehen habe. Das ist die Geschichte vom Riesen Skrýmir, dessen Handschuh Thor und seine Gefährten für eine Halle hielten. Snorri erzählt sie ausführlich in der Episode über Utgard-Loki.
Thor droht ein drittes Mal, ihm alle Knochen zu brechen. Loki: Thor habe nicht einmal Skrýmirs Proviantsack aufbekommen. Beim vierten Mal kündigt Thor an, ihn nach Hel zu schicken, unter die Totengatter. Erst jetzt gibt Loki nach: Vor Thor allein weiche er, weil er wisse, dass dieser zuschlage. Auffällig: Thor widerspricht keinem einzigen Vorwurf. Er argumentiert nicht, er droht, und verlässt damit die Regeln der senna.
Die letzte Strophe gehört Loki, und sie ist ein Fluch an den Gastgeber:
Ale hast thou brewed, but, Ægir, now / Such feasts shalt thou make no more;Lokasenna 65, Übersetzung Henry Adams Bellows (1923, gemeinfrei)
Sinngemäß weiter: Flammen sollen über alles spielen, was Ägir besitzt, und ihm den Rücken verbrennen. Viele Ausleger sehen darin eine Vorschau auf Ragnarök, wenn Surtrs Feuer die Welt verschlingt. Damit schließt sich ein Kreis: Das Gelage im Friedensort wird zum letzten Fest einer Welt, die schon auf ihren Untergang zuläuft. Diesen Gedanken vertiefen wir in unserem Artikel über Ägirs Gelage.
Ein kurzer Prosaschluss folgt. Loki versteckt sich als Lachs im Wasserfall Fránangrsfoss, wird aber gefangen und mit den Gedärmen seines Sohnes Nari gebunden; sein Sohn Narfi wird zum Wolf. Skaði befestigt eine Giftschlange über Lokis Gesicht. Seine Frau Sigyn hält eine Schale unter das Gift. Wenn sie sie ausleert, tropft es auf Loki, und er windet sich so, dass die Erde bebt. „Das nennt man jetzt Erdbeben“, schließt der Text.
Snorri erzählt die Strafe in der Gylfaginning ausführlicher, aber in anderem Zusammenhang: Bei ihm folgt die Fesselung auf Baldrs Tod, und die Götter verwandeln Váli in einen Wolf, der seinen Bruder Narfi zerreißt, mit dessen Gedärmen Loki gebunden wird. Welche Fassung näher an einer älteren Erzählung liegt, wissen wir nicht. Die ganze Geschichte erzählen wir in Lokis Bestrafung.
Was wollte der Dichter? Keine der folgenden Positionen ist bewiesen.
Tragikomödie aus heidnischer Zeit. Danach stand der Dichter fest im alten Glauben und konnte seine Götter trotzdem verspotten; komisch an der Oberfläche, tragisch im Kern, denn hinter jedem Vorwurf steht Ragnarök. Preben Meulengracht Sørensen hat 1988 betont, dass Loki hier die Schuld der Götter offenlegt. Verwandt ist die Lesart als Ernüchterung am Ende des Heidentums, um die Zeit, als Island im Jahr 999 oder 1000 das Christentum annahm.
Christliche Kritik. Eine weitere Position liest die Lokasenna als bewusste Abwertung der alten Götter durch einen christlichen Autor: Wer die heidnischen Götter als feige, lüstern und unmännlich vorführt, entzieht ihnen jede Würde. Kritiker wenden ein, dass das Gedicht die Götter ernst genug nimmt, um ihre Geschichte bis Ragnarök mitzudenken, und dass Loki nicht als Sprachrohr des Dichters taugt.
Gelehrtes Spiel des 13. Jahrhunderts. Schließlich ist denkbar, dass ein gebildeter Isländer zur Zeit Snorris alte Mythen zusammentrug und ironisch neu arrangierte. Für eine eher späte Entstehung spricht, dass die Lokasenna offenbar auf viele andere Erzählungen anspielt und sie umdeutet, also eher Nehmende als Gebende ist.
Kultischer Hintergrund. Ein anderer Forschungsstrang fragt, ob hinter der Szene ein reales Ritual steckt: das feierliche Trinkgelage (sumbl) mit Toasts, Gelübden und Prahlreden, bei dem auch Spott seinen festen Ort hatte. Die Diener Byggvir und Beyla, der Braukessel und die Rolle des Biers werden dafür als Indizien angeführt. Belegen lässt sie sich nicht; die Lokasenna ist kein Ritualprotokoll, sondern kunstvoll gebaute Dichtung.


Was bedeutet Lokasenna? Der Titel heißt etwa „Lokis Zankrede“ oder „Lokis Streit“; senna ist im Altnordischen ein Wortgefecht mit gegenseitigen Beschimpfungen. Das Lied ist auch als Ægisdrekka („Ägirs Trinkgelage“) bekannt.
Wo ist die Lokasenna überliefert? Nur im Codex Regius der Lieder-Edda, einer isländischen Handschrift von etwa 1270. Spätere Papierhandschriften sind Abschriften davon.
Warum tötet Loki Fimafeng? Laut Prosaeinleitung, weil die Götter Ägirs Diener Fimafengr für seinen guten Dienst loben und Loki das nicht ertragen kann. Mehr Begründung gibt die Quelle nicht.
Welche Götter beleidigt Loki in der Lokasenna? Bragi, Idun, Gefjun, Odin, Frigg, Freyja, Njörðr, Týr, Freyr, Byggvir, Heimdall, Skaði, Sif, Beyla und am Ende Thor. Ägir selbst trifft nur der Fluch der letzten Strophe.
Wie endet die Lokasenna? Thor droht viermal mit dem Hammer, Loki geht und verflucht Ägirs Halle. Ein Prosaschluss erzählt, wie Loki als Lachs gefangen und mit den Gedärmen seines Sohnes gefesselt wird.
Ist die Lokasenna christliche Satire? Das ist eine von mehreren Forschungspositionen. Andere sehen in ihr heidnische Tragikomödie oder gelehrtes Spiel des 13. Jahrhunderts; eine Entscheidung ist nicht möglich.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
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