Tyr (altnordisch Týr, urgermanisch *Tīwaz) ist der einhändige Gott der nordischen Mythologie, der seine rechte Hand als Pfand ins Maul des Fenriswolfs legte, damit die Götter ihn fesseln konnten. Sein Name ist mit Zeus und Jupiter urverwandt, steckt im Dienstag und im englischen Tuesday, und die Römer setzten ihn mit Mars gleich. In der Edda hat er kaum noch eigene Geschichten – und gerade deshalb lohnt der genaue Blick: auf Weihesteine am Hadrianswall, Runengedichte, Ortsnamen und zwei Lieder, die sich bei der Frage nach seinem Vater widersprechen.
Stell dir eine Halle voller Götter vor. Vor ihnen liegt ein Wolf, der größer geworden ist, als irgendwem lieb sein kann, und ein seidendünnes Band. Der Wolf stellt eine einzige Bedingung. Alle schauen auf den Boden. Einer nicht.
Das ist die Szene, für die man Tyr kennt. Aber sie ist nur das letzte Kapitel einer viel längeren Geschichte. Sein Name ist älter als Odin, älter als Thor, älter als jede Runeninschrift – und er hat sich in einem Wort versteckt, das du jede Woche benutzt.
Altnordisch heißt er Týr, altenglisch Tīw, althochdeutsch Ziu. Alle drei Formen gehen auf urgermanisch *Tīwaz zurück (das Sternchen markiert eine erschlossene, nicht direkt überlieferte Form). Und *Tīwaz wiederum gehört zur indogermanischen Wortfamilie um *dyeu-, „Himmel, heller Tag“, und *deiwos, „himmlisch, göttlich“.
Aus derselben Familie stammen der griechische Zeus, der altindische Dyaus, der lateinische Jupiter (aus einer Fügung „Himmelsvater“) und das lateinische deus, „Gott“. Tyr ist mit diesen Göttern also nicht verwandt, weil irgendwer abgeschrieben hätte. Die Namen sind Geschwister, die sich vor mehreren Jahrtausenden aus einem gemeinsamen Wort entwickelt haben. Mehr dazu, wie diese ältere Gestalt aussah, findest du in unserem Beitrag über Tiwaz.
Das Altnordische hat die ursprüngliche Bedeutung noch nicht ganz vergessen. Der Plural tívar heißt in der Dichtung schlicht „die Götter“. Und -týr taucht als Grundwort in Beinamen anderer Götter auf: Hangatýr, „Gott der Gehenkten“, und Sigtýr, „Siegesgott“, sind Namen Odins. Wer Odin so nennt, sagt also im Grunde „Gott der Gehenkten“ – mit Tyrs Namen als Wort für Gott.
In der römischen Woche war der zweite Tag dem Mars geweiht: dies Martis. Als die Germanen die Siebentagewoche übernahmen, setzten sie für Mars den eigenen Gott ein. So entstand Tīwesdæg, heute englisch Tuesday, altnordisch Týsdagr, schwedisch tisdag, dänisch und norwegisch tirsdag, westfriesisch tiisdei. Im Französischen blieb Mars stehen – mardi.
Auch im Deutschen hat Tyr Spuren hinterlassen, nur sind sie besser versteckt. Im Alemannischen sagt man bis heute Zischtig, eine Fortsetzung von althochdeutsch Ziestag – Zius Tag. Das Bairische ging einen eigenen Weg: Ertag oder Erchtag wird meist auf den griechischen Kriegsgott Ares zurückgeführt.
Und der hochdeutsche Dienstag? Er kam über das Niederdeutsche und Niederländische (dingesdach, dinsdag) ins Hochdeutsche. Die verbreitete Herleitung verbindet ihn mit dem Beinamen Thingsus – dem Gott des Things, also der Versammlung. Gut begründet, aber nicht unumstritten. Die ganze Woche mit ihren Göttern haben wir in den germanischen Wochentagen aufgedröselt.
Die ersten Zeugnisse für Tyrs Verehrung tragen nicht seinen Namen, sondern einen römischen. Römische Autoren übersetzten fremde Götter in ihre eigenen – man nennt das interpretatio Romana. Welcher Gott dahintersteckt, muss man erschließen.
Tacitus schreibt um 98 n. Chr. in der Germania (Kap. 9), die Germanen verehrten vor allem Merkur, dem sie an bestimmten Tagen sogar Menschenopfer brächten; Herkules und Mars würden mit Tieropfern versöhnt. Hinter diesem Mars wird seit langem Tiwaz vermutet – die Wochentagsnamen machen die Gleichung sehr wahrscheinlich.
Wie wichtig dieser Mars war, zeigen zwei weitere Stellen: In den Annalen (13,57) weihen Hermunduren im Krieg gegen die Chatten (58 n. Chr.) das feindliche Heer vorab Mars und Merkur. In den Historien (4,64) danken die Tenkterer den gemeinsamen Göttern und „vor allem Mars“, dem höchsten von ihnen.
Reizvoll ist Germania 39: Die Semnonen betreten ihren heiligen Hain nur gefesselt und ehren dort einen „Herrscher über alles“ (regnator omnium deus). Manche Forscher sahen darin Tiwaz. Das ist eine Deutung – Tacitus nennt keinen Namen.
Der beste Beleg kommt aus Stein und aus einer unerwarteten Ecke: dem römischen Kastell Vercovicium, heute Housesteads, am Hadrianswall in Nordengland. 1883 fand man am Nordhang des Chapel Hill zwei Weihesteine, die heute im Museum von Chesters liegen.
Der eine (RIB 1593) nennt den Deus Mars Thincsus und zwei weibliche Gottheiten, die Alaisiagae mit Namen Beda und Fimmilena. Der andere (RIB 1594) ist Mars und den beiden Alaisiagen geweiht und lässt sich datieren: Die Einheit trägt den Ehrentitel des Kaisers Severus Alexander, also 222–235 n. Chr. Ein zugehöriger Türsturz zeigt Mars mit Schwert, Schild und Speer.
Und die Stifter? Hier müssen wir die ältere Fassung dieses Artikels korrigieren. Es waren nicht einfach „friesische Soldaten“, sondern germanische Bürger der Tuihanti – Leute aus der Landschaft Twente im heutigen Overijssel –, die in einem friesischen Reiterverband (cuneus Frisiorum) dienten.
Der Beiname Thincsus wird meist als *Þingsaz gelesen, „der zum Thing gehörige“. Ausführlich behandeln wir die Inschrift unter Mars Thingsus.
Aus Thincsus und dem Dienstag haben viele Forscher ein Bild gezeichnet: Tyr als Schutzgott des Things, der Rechtsversammlung, auf der Streit entschieden, Urteile gesprochen und Eide geleistet wurden. Georges Dumézil sah in Odin den magischen, in Tyr den rechtlichen Pol der Herrschaft – nach dem Muster der altindischen Götter Varuna und Mitra.
Das ist eine elegante These. Aber sie bleibt eine Deutung. Kein altnordischer Text nennt Tyr ausdrücklich „Gott des Rechts“. Snorri sagt sogar das Gegenteil, wenn auch auf eigene Weise: Tyr werde nicht „Versöhner der Menschen“ genannt. Und in der Lokasenna spottet Loki, Tyr habe zwischen zweien nie etwas ausgleichen können.
Krieg und Recht waren damals allerdings keine Gegensätze, sondern zwei Wege, einen Streit zu beenden.
Die große Geschichte erzählt Snorri Sturluson um 1220 in der Gylfaginning, dem ersten Teil seiner Prosa-Edda. In dieser Ausführlichkeit steht sie nur bei ihm, einem christlichen Gelehrten, der alte Dichtung zu einem System ordnete.
Fenrir, einer von Lokis Söhnen mit der Riesin Angrboda, wurde bei den Göttern aufgezogen. Nur Tyr wagte es, zu ihm zu gehen und ihm Fleisch zu geben. Der Wolf wuchs jeden Tag, und die Weissagungen kündigten Unheil an.
Die Ketten Læðingr und Drómi sprengte er mühelos. Dann ließ Odin von Zwergen ein drittes Band anfertigen: Gleipnir, glatt und weich wie ein Seidenband, gefertigt aus dem Geräusch der Katzenschritte, dem Bart der Frau, den Wurzeln des Berges, den Sehnen des Bären, dem Atem des Fisches und dem Speichel des Vogels.
Auf der Insel Lyngvi im See Ámsvartnir boten die Götter dem Wolf das Band an. Fenrir war misstrauisch: Ein Band, das so harmlos aussieht, sei entweder keine Ehre wert oder mit List gemacht. Er willigte nur ein, wenn einer der Götter ihm zum Pfand für ihren guten Willen eine Hand ins Maul lege.
Snorri erzählt, wie einer den anderen ansah und keiner die Hand hergeben wollte – bis Tyr die rechte vorstreckte. Fenrir stemmte sich gegen das Band, und je mehr er zog, desto fester saß es. Da lachten alle, heißt es, außer Tyr. Er verlor seine Hand.
Ein Schwert zwischen den Kiefern hält dem Wolf das Maul offen, sein Geifer fließt als Fluss Ván – bis zum Weltende.
Lies die Szene einmal wie einen Vertrag.
Tyr gibt ein Pfand. Er haftet mit seinem Körper dafür, dass die Zusage der Götter ehrlich ist. Und die Zusage ist eine Lüge. Der Gott, den man später mit Eid und Ordnung verbunden hat, verbürgt sich wissentlich für einen Betrug – und zahlt im selben Augenblick mit der Hand, mit der man schwört, einschlägt und Verträge schließt.
Snorri hängt daran sogar eine kleine Etymologie: Die Stelle, an der die Hand abgebissen wurde, heiße seither úlfliðr, „Wolfsgelenk“ – das altnordische Wort für das Handgelenk. Ob das Volksetymologie oder Snorris Gelehrsamkeit ist, wissen wir nicht.
Das ist keine bequeme Geschichte. Die Götter betrügen, weil die Alternative der Untergang wäre, und es kostet sie etwas. Wer in der nordischen Mythologie saubere Helden sucht, sucht vergebens. Wer Figuren sucht, die Schuld tragen und trotzdem handeln, ist hier richtig.
In der Lokasenna, einem Lied der Lieder-Edda, beleidigt Loki beim Gelage des Meerriesen Ägir einen Gott nach dem anderen. Tyr springt in Strophe 37 für Freyr in die Bresche. Prompt ist er selbst an der Reihe.
„Schweig du, Tyr! du taugst zum Kampfe nicht / Zu gleicher Zeit mit Zweien.“Lokasenna 38, Übertragung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)
Danach erinnert Loki ihn an die rechte Hand, die Fenrir ihm abriss. Die altnordische Zeile ist übrigens doppeldeutig: Man kann sie wie Simrock als „nicht mit zweien kämpfen“ verstehen oder, wie viele neuere Übersetzer, als „nie zwischen zweien Frieden stiften“. Die zweite passt gut zu Snorris Satz, Tyr gelte nicht als Versöhner.
Tyr kontert in Strophe 39 trocken: „Der Hand muß ich darben; so darbst du Fenrirs.“ Beide haben etwas verloren – und der Wolf liegt gefesselt, bis die Götter untergehen. In Strophe 40 legt Loki nach: Tyrs Frau habe von ihm ein Kind bekommen, und Tyr habe dafür nie eine Buße erhalten. Das ist die einzige Stelle in den Quellen, die überhaupt eine Frau Tyrs erwähnt. Einen Namen hat sie nicht.
Hier widersprechen sich die Quellen offen – und das ist lehrreich.
Snorri macht Tyr in seinem Dichterhandbuch, den Skáldskaparmál, zum Sohn Odins und zählt als Umschreibungen auf: „der einhändige Ase“, „Ziehvater des Wolfs“, „Kampfgott“, „Sohn Odins“. Das passt in sein System, in dem Odin Vater fast aller Götter ist.
Die Hymiskviða, ein Lied der Lieder-Edda, sagt etwas anderes. Dort erklärt Tyr in Strophe 5, sein Vater besitze einen riesigen Kessel – und der Vater ist der Riese Hymir, der „am Ende des Himmels“ östlich der Élivágar wohnt. In Strophe 8 trifft Tyr seine Großmutter mit neunhundert Köpfen und seine Mutter, die golden geschmückt den Gästen Bier bringt. In Strophe 11 heißt es zu Hymir: Dein Sohn ist in deine Halle gekommen.
Finnur Jónsson wollte „Vater“ zu „Großvater“ ändern; überzeugt hat das wenige. Ehrlicher ist es, den Widerspruch stehen zu lassen: Eine kanonische Fassung der nordischen Mythologie gab es nie.
Die Hymiskviða ist zugleich Tyrs zweite und letzte Geschichte, und sie dreht sich um Bier. Ägir soll den Göttern ein Gelage ausrichten, hat aber keinen Kessel, der groß genug wäre. Tyr weiß Rat, und so fahren er und Thor zu Hymir.
Was folgt, ist derb: Thor verschlingt zwei Ochsen, angelt mit einem Ochsenkopf die Midgardschlange und zerschmettert Hymirs unzerbrechlichen Becher am Schädel des Riesen.
Dann der Kessel. In Strophe 34 versucht Tyr zweimal, ihn zu bewegen, und zweimal steht er fest. Thor stülpt ihn sich über den Kopf, die Henkel klirren ihm an den Fersen, und er stapft davon.
In seiner eigenen Familiengeschichte ist Tyr nur Stichwortgeber: Er kennt den Weg, tragen muss ein anderer. Das Angeln der Midgardschlange erzählt Snorri übrigens ebenfalls (Gylfaginning 48) – dort ohne Tyr.
Beim Weltende tritt Tyr nicht gegen Fenrir an. Der Wolf ist für Odin bestimmt. Tyrs Gegner ist Garm, der Hund, der vor der Höhle Gnipahellir angekettet liegt. Laut Snorri (Gylfaginning 51) reißt er sich los, kämpft mit Tyr, und jeder wird des anderen Tod.
Das Bild ist stark: Der Gott, der den Wolf fesseln half, stirbt am Ende gegen ein anderes gefesseltes Tier. Aber Vorsicht. Die Völuspá, das Lied, auf das Snorri sich für Ragnarök vor allem stützt, nennt Tyr beim Endkampf gar nicht. Dort heult Garm vor Gnipahellir, die Fessel reißt, der Wolf rennt – und weil der Kehrreim so klingt, haben manche Forscher vermutet, Garm und Fenrir seien ursprünglich ein und dasselbe Tier gewesen. Das Duell Tyr gegen Garm ist jedenfalls Snorris Fassung.
Tyr ist einer der wenigen Götter, deren Name an einer Rune hängt: ᛏ, der Lautwert t, im Älteren Futhark rekonstruiert als *tīwaz, im Jüngeren Futhark Týr. Sie sieht aus wie ein Pfeil, der nach oben zeigt.
Zu dieser Rune gibt es eine echte Gebrauchsanweisung aus der Dichtung. Im Sigrdrífumál lehrt die Walküre Sigrdrifa den Helden Sigurd Runenwissen, und gleich zu Beginn kommen die Siegrunen:
„Siegrunen schneide, wenn du Sieg willst haben; / Grabe sie aus des Schwertes Griff; / Auf die Seiten Einige, Andere auf das Stichblatt / Und nenne zweimal Tyr.“Sigrdrífumál 6, Übertragung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)
Ob mit „Tyr“ hier der Gott gemeint ist, den man anruft, oder die t-Rune, die man zweimal ritzt, ist in der Runenforschung umstritten. Vermutlich ist beides gemeint, denn die Rune trägt ja den Namen des Gottes. Selten ist, dass ein Text so konkret wird.
Die Runengedichte des Hochmittelalters bestätigen die Verbindung. Das norwegische sagt: Týr er æinendr ása – Tyr ist der Einhändige unter den Asen. Das isländische nennt ihn „Rest des Wolfs“ und „Fürst der Tempel“ und glossiert lateinisch Mars. Das altenglische Runengedicht dagegen nennt das Zeichen Tir und beschreibt es als ein Zeichen, das „Treue hält“ und in der Nacht nie vom Kurs abweicht. Viele lesen darin einen Leitstern, vielleicht den Polarstern. Ein Gott wird dort nicht genannt.
Und die Funde? Der Boden liefert kein Bekenntnis, aber Muster. Auf dem Kylver-Stein von Gotland, einer Grabplatte um 400, folgt auf die vollständige Futhark-Reihe ein tannenbaumartiges Zeichen – gemeinhin gelesen als acht übereinandergestellte t-Runen. Auf dem Lindholm-Amulett aus Schonen, einem beschrifteten Knochenstück, steht in einer Folge wiederholter Zeichen dreimal hintereinander t, danach das bekannte Formelwort alu. Auf dem dänischen Goldbrakteaten Seeland-II-C (um 500) endet die Inschrift ebenfalls mit drei gestapelten t-Runen.
Solche Wiederholungen werden oft als Verstärkung gedeutet, als Anrufung Tyrs oder als Siegeszeichen. Sicher ist nur, dass die t-Rune in diesen Kontexten auffällig oft gehäuft vorkommt. Gerne wird behauptet, die Rune sei auch regelmäßig auf Schwerter und Speere geritzt worden. Für die Frühzeit sind eindeutige Beispiele aber rar; was tatsächlich auf alten Waffen steht, zeigen wir in Runen auf Waffen.
Gibt es Tyr auch als Bild? Möglicherweise. Auf einem Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit aus Trollhättan in Westschweden sieht man eine Gestalt, deren Hand von einem Tier gepackt wird. Die naheliegende Deutung: Tyr und Fenrir. Brakteaten sind dünne, geprägte Goldanhänger – ohne Bildunterschrift.
Ein jüngerer Kandidat: ein Steigbügelriemen-Beschlag aus der Nähe von Dereham in Norfolk, vermutlich 10. Jahrhundert (Portable Antiquities Scheme NMS-DAF1F7), den die dortige Denkmalpflege als Tyr und Fenrir deutet.
Ortsnamen zeigen, ob ein Gott verehrt oder nur besungen wurde. Bei Tyr gibt es eine Falle: Weil tý- auch einfach „Gott“ heißen kann, lässt sich oft nicht unterscheiden, ob ein Name „Tyrs Ort“ oder „Götterort“ meint.
Das bekannteste Beispiel ist Tissø auf Seeland, an dessen Ufer Archäologen einen großen wikingerzeitlichen Herrenhof mit Kultbezirk ausgegraben haben. Das Namenforschungsinstitut der Universität Kopenhagen nennt drei Lesarten: „Tyrs See“, „See des Gottes“ oder „See der Götter“. Möglich ist sogar, dass das Grundwort ursprünglich „Insel“ meinte. Mehr dazu in unserem Beitrag Tissø – der See des Gottes Tyr.
Weitere Kandidaten: Tyrseng bei Viby in Jütland, „Tyrs Wiese“; Tisvilde und Tirslund in Dänemark; Tysnes in Westnorwegen; in Schweden Tiveden, dessen Deutung als „Tyrs Wald“ aber unsicher ist. In England werden Tysoe in Warwickshire und Tuesley in Surrey mit Tīw verbunden. Bei allen gilt: Deutung ja, Beweis nein.
Bleibt die Frage, die jeden umtreibt, der sich mit Tyr beschäftigt: Wenn sein Name einmal „Gott“ schlechthin bedeutete und mit Zeus verwandt ist – warum spielt er in der Edda nur eine Nebenrolle?
Die klassische Antwort lautet: Tyr sei ein abgelöster Himmelsgott. In ältester Zeit habe *Tīwaz an der Spitze gestanden, sei dann aber von Wodan/Odin verdrängt worden, der Rang und Beinamen übernahm. Was blieb, war ein Spezialist für Sieg, Eid und Mut. Den Weg der festländischen Namen verfolgen wir in Wodan, Donar und Ziu.
Dafür spricht einiges: die Etymologie, der Plural tívar, Tacitus’ hoher Mars, die Weihesteine. Dagegen spricht die Quellenlage. Es gibt keinen einzigen Text aus der Zeit, in der Tyr angeblich obenan stand. Und aus einem urverwandten Namen folgt nicht zwingend ein Göttervater. Und Snorri schrieb gut 200 Jahre nach der Christianisierung Islands.
Snorri überliefert zwei Redewendungen, die mehr über die Wertvorstellungen verraten als jede Nacherzählung. Wer alle anderen übertrifft und nicht zurückweicht, heißt týhraustr, „tyr-tapfer“. Wer besonders klug ist, heißt týspakr, „tyr-weise“. Und Tyr selbst, schreibt Snorri, habe viel Macht über den Sieg im Kampf; tapfere Männer täten gut daran, ihn anzurufen.
Darin steckt der Kern der Figur: Tyr ist nicht mutig, weil er keine Angst hat, sondern weil er genau weiß, was ihn die Hand in diesem Maul kosten wird – und sie trotzdem hineinlegt.
Die Tiwaz-Rune ist eines unserer Lieblingsmotive: drei Linien, sauber in Schiefer, Holz und Glas. Wir gravieren sie als das, was sie ist – ein Schriftzeichen mit langer Geschichte, kein Zauber mit Garantie.
Schön wird es mit Geschichte: ᛏ auf einer Schieferplatte mit einem Namen in Runen, für jemanden, der für andere eingestanden ist – oder als Zeichen eines Versprechens bei einer Hochzeitsgravur (eine moderne Idee, kein Wikingerbrauch). Deinen Namen im Älteren Futhark findest du im Runen-Namensgeber, eigene Motive setzen wir über die Wunschgravur um.

Wofür steht der Gott Tyr? In den Quellen vor allem für Mut und Sieg im Kampf; Snorri nennt ihn den kühnsten der Asen. Die verbreitete Rolle als Gott von Recht und Eid ist aus Inschriften wie „Mars Thincsus“ und aus seinem Handopfer erschlossen.
Warum hat Tyr nur eine Hand? Er legte dem Fenriswolf seine rechte Hand als Pfand ins Maul, damit der sich mit Gleipnir fesseln ließ. Als der Wolf merkte, dass er nicht freikam, biss er sie ab.
Ist Tyr ein Sohn Odins? Bei Snorri ja. In der Hymiskviða der Lieder-Edda ist dagegen der Riese Hymir sein Vater. Beide Angaben stehen nebeneinander, eine verbindliche Fassung gab es nicht.
Was hat Tyr mit dem Dienstag zu tun? Englisch Tuesday, schwedisch tisdag und alemannisch Zischtig heißen nach ihm, als Ersatz für den römischen Tag des Mars. Das deutsche Dienstag wird meist auf den Beinamen Thingsus zurückgeführt.
Was bedeutet die Tiwaz-Rune? Sie steht für den Laut t und trägt Tyrs Namen. Im Sigrdrífumál gehört sie zu den Siegrunen, im norwegischen Runengedicht heißt es: Tyr ist der Einhändige unter den Asen.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Der Fenriswolf · Gleipnir · Das Thing · Odin · Donar · Ragnarök · Runen · Die Schwarze Sonne.
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