Tyr ist der Gott, der wusste, was Ordnung kostet – und bereit war, sie mit der eigenen Hand zu bezahlen. Einst vielleicht der höchste Himmelsgott der Germanen, ist er der Inbegriff von Mut, Recht und geopfertem Eigeninteresse.
Tyr (altnordisch Týr) ist der einhändige Kriegs- und Rechtsgott der Asen. Sein Name geht auf den urgermanischen Himmelsgott *Tiwaz zurück – und der ist uralt: Er steckt im Wochentag Dienstag (englisch Tuesday, „Tyrs Tag") und in der Rune Tiwaz ᛏ, die wie ein nach oben zeigender Pfeil aussieht.

Als die Römer die Germanen beschrieben, setzten sie Tyr mit ihrem Kriegsgott Mars gleich (Mars Thingsus) – ein Hinweis darauf, dass Tyr einst weit größere Bedeutung hatte, bevor Odin und Thor in den Vordergrund rückten. Tyr ist auch ein Gott des Things, der Rechtsversammlung: Krieg und Recht waren für die Germanen zwei Seiten derselben Ordnung.
Die berühmteste Geschichte: Der Wolf Fenrir, Lokis Sohn, wuchs so bedrohlich heran, dass die Götter ihn fesseln wollten. Zweimal zerriss er ihre Ketten. Erst das Zauberband Gleipnir, dünn wie Seide und doch unzerreißbar, konnte ihn halten. Doch Fenrir witterte die List und forderte ein Pfand: Einer der Götter solle ihm zum Zeichen des guten Willens die Hand ins Maul legen.

Nur einer war bereit: Tyr. Er legte seine rechte Hand zwischen Fenrirs Zähne. Als der Wolf merkte, dass er gefesselt blieb, biss er zu. Tyr verlor die Hand – aber die Welt gewann Zeit. Kein anderer Gott hatte den Mut; Tyr wusste von Anfang an, was es ihn kosten würde, und tat es trotzdem.
„Schweig du, Tyr! du konntest nie / Frieden stiften den Streitenden; / deiner rechten Hand nur denk ich, / die dir der Fenriswolf abbiss.“— Lokasenna 38, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)
Tyrs Opfer ist der Kern seiner Bedeutung: Ordnung hat einen Preis, und wahrer Mut zeigt sich nicht im Draufschlagen, sondern im bewussten Verzicht. Im Altnordischen galt ein Mann als „tyr-tapfer", wenn er andere an Kühnheit übertraf.

Beim Ragnarök kämpft Tyr gegen den Höllenhund Garm – und beide töten einander. Ein einhändiger Gott, der bis zuletzt seinen Posten hält: passender könnte ein Ende für Tyr kaum sein.
Fenrir · Odin · Ragnarök · Das Götter-Pantheon.
Lokasenna, Völuspá, Hymiskvida (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Snorri Sturluson, Gylfaginning. Tacitus, Germania. Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001); Georges Dumézil zur Funktion des Rechtsgottes.