Die Hymiskviða erzählt, wie die Götter beim Gelage des Meerriesen Ægir feststellen, dass kein Kessel groß genug ist, um Bier für alle zu brauen. Ägir wird aufgetragen, das Fest auszurichten — doch zuvor muss ein gewaltiger Braukessel beschafft werden. Auf Tyrs Rat brechen Thor und Tyr nach Osten auf, jenseits der Élivágar, zu Tyrs Vater, dem hundertklugen Riesen Hymir, der einen meilentiefen Kessel besitzt. Im Riesenhaus warten Kraftproben: Hymirs zerspringende Säulen und Thors gewaltiger Appetit, der zwei Ochsen verschlingt. Dann folgt der berühmte Fischzug — Thor rudert mit einem Ochsenkopf als Köder aufs Meer hinaus und zieht die Midgardschlange selbst empor, ehe der Faden reißt. Zurück in der Halle zerschmettert Thor Hymirs unzerbrechlichen Becher an dessen eigenem Schädel, hebt endlich den Kessel auf den Kopf und trägt ihn davon. Als Hymir mit einem Heer vielköpfiger Riesen nachsetzt, erschlägt Thor sie mit Mjölnir. Der altnordische Text folgt dem Codex Regius (Ausgabe Guðni Jónsson), die deutsche Übertragung stammt von Karl Simrock (1851) — beide gemeinfrei.
Str.AltnordischDeutsch (Simrock)
1
Ár valtívar
veiðar námu
ok sumblsamir,
áðr saðir yrði,
hristu teina
ok á hlaut sáu;
fundu þeir at Ægis
örkost hvera.
Einst nahmen die Walgötter die erwaideten Tiere
Zu schlemmen gesonnen noch ungesättigt:
Sie schüttelten Stäbe, besahen das Opferblut,
Und fanden, Ägirn fehle der Braukessel.
2
Sat bergbúi
barnteitr fyr
mjök glíkr megi
miskorblinda;
leit í augu
Yggs barn í þrá:
„Þú skalt ásum
oft sumbl gera.“
Saß der Felswohner froh wie ein Kind,
Doch ähnlich eher der dunkeln Abkunft.
Ihm in die Augen sah Odins Sohn:
„Gib alsbald den Göttern Trank.“
3
Önn fekk jötni
orðbæginn halr,
hugði at hefndum
hann næst við goð,
bað hann Sifjar ver
sér færa hver, -
„þanns ek öllum öl
yðr of heita.“
Der Ungestüme schuf Angst dem Riesen;
Doch rasch erdachte der Rach an den Göttern:
Er ersuchte Sifs Gatten: „Schaff mir den Kessel,
So brau ich alsbald das Bier euch darin.“
4
Né þat máttu
mærir tívar
ok ginnregin
of geta hvergi,
unz af tryggðum
Týr Hlórriða
ástráð mikit
einum sagði:
Den mochten nicht die mächtigen Götter
Irgendwo finden, die Fürsten des Himmels,
Bis Tyr dem Hlorridi getreulich sagte,
Ihm allein, Auskunft und Rat:
5
„Býr fyr austan
Élivága
hundvíss Hymir
at himins enda;
á minn faðir
móðugr ketil,
rúmbrugðinn hver,
rastar djúpan.“
„Im Osten wohnt der Eliwagar
Der hundweise Hymir an des Himmels Ende.
Einen Kessel hat mein kraftreicher Vater,
Ein räumig Gefäß, einer Raste tief.“
Hinweis: Tyr nennt Hymir hier seinen Vater; anderswo gilt Tyr als Odins Sohn (Finnur Jónsson emendierte zu ‚Großvater').
6
„Veiztu ef þiggjum
þann lögvelli?“
„Ef, vinr, vélar
vit gervum til.“
Meinst du, den Saftsieder sollten wir haben?
„Mit List gelingt es ihn zu erlangen.“
Sie fuhren schleunig denselben Tag
Von Asgard hin zu des Übeln Haus.
Hinweis: Wechselrede Thor/Tyr; Simrock zieht die Reisezeilen aus Str. 7 bereits hier herein.
7
Fóru drjúgum
dag þann fram
Ásgarði frá,
unz til Egils kvámu;
hirði hann hafra
horngöfgasta;
hurfu at höllu,
er Hymir átti.
Selbst stallt er die Böcke, die stattlich gehörnten;
Sie eilten zur Halle, die Hymir bewohnte.
Der Sohn fand die Ahne, die er ungern sah;
Sie hätte der Häupter neunmal hundert.
Hinweis: Simrock verschiebt die Zeilen leicht: die neunhundertköpfige Ahne steht bei ihm schon hier.
8
Mögr fann ömmu
mjök leiða sér,
hafði höfða
hundruð níu,
en önnur gekk
algullin fram
brúnhvít bera
bjórveig syni:
Eine andre kam allgolden hervor,
Weißbrauig, und brachte das Bier dem Sohn.
Hinweis: Die goldene Frau (Tyrs Mutter) bringt das Bier; Simrocks Str. 8 ist nur zweizeilig.
9
„Áttniðr jötna,
ek viljak ykkr
hugfulla tvá
und hvera setja;
er minn fríi
mörgu sinni
glöggr við gesti,
görr ills hugar.“
„Verwandte der Riesen, ich will euch beide,
Ihr kühnen Männer, unter Kesseln bergen.
Manches Mal ist mein Geselle
Gästen gram und grimmen Mutes.“
10
En váskapaðr
varð síðbúinn
harðráðr Hymir
heim af veiðum,
gekk inn í sal,
glumðu jöklar,
var karls, en kom,
kinnskógr frörinn.
Der übel Gesinnte spät abends kam,
Der hartmutge Hymir, heim von der Jagd.
Er ging in den Saal, die Gletscher dröhnten;
Ihm war, als er kam, der Kinnwald gefroren.
11
„Ver þú heill, Hymir,
í hugum góðum,
nú er sonr kominn
til sala þinna,
sá er vit vættum
af vegi löngum;
fylgir hánum
hróðrs andskoti,
vinr verliða;
Véurr heitir sá.
„Heil dir, Hymir, sei hohen Muts:
Der Sohn ist gekommen in deinen Saal,
Den wir erwartet von langem Wege.
Ihm folgt hierher der Freund der Menschen,
Unser Widersacher, Weor genannt.
12
Sé þú, hvar sitja
und salar gafli,
svá forða sér,
stendr súl fyrir.“
Sundr stökk súla
fyr sjón jötuns,
en áðr í tvau
áss brotnaði.
Du siehst sie sitzen an des Saales Ende,
So bangen sie, daß die Säule sie birgt“,
Die Säule zersprang von des Riesen Sehe,
Und entzweigebrochen sah man den Balken.
13
Stukku átta,
en einn af þeim
hverr harðsleginn
heill af þolli;
fram gengu þeir,
en forn jötunn
sjónum leiddi
sinn andskota.
Acht Kessel fielen, und einer nur,
Ein hart gehämmerter, kam heil herab.
Vorgingen die Gäste; der graue Riese
Faßt ins Auge den Feind sich scharf.
14
Sagði-t hánum
hugr vel þá,
er hann sá gýgjar græti
á golf kominn,
þar váru þjórar
þrír of teknir,
bað senn jötunn
sjóða ganga.
Wenig Gutes sagte der Geist ihm voraus,
Als der Thursenbetrüber in den Vorsaal trat.
Da sah man Stiere drei geschlachtet,
Die alsbald zu braten gebot der Riese.
15
Hvern létu þeir
höfði skemmra
ok á seyði
síðan báru;
át Sifjar verr,
áðr sofa gengi,
einn með öllu
öxn tvá Hymis.
Man ließ um den Kopf sie kürzen beide
Und setzte sie zum Sieden ans Feuer.
Sifs Gemahl, eh er schlafen ging,
Zwei Ochsen Hymirs verzehrt er allein.
16
Þótti hárum
Hrungnis spjalla
verðr Hlórriða
vel fullmikill:
„Munum at aftni
öðrum verða
við veiðimat
vér þrír lifa.“
Da schien dem grauen Gesellen Hrungnirs
Hlorridis Mahlzeit so mäßig nicht:
„Nun müssen wir drei uns morgen Abend
Mit des Waidwerks Gewinn selber bewirten.“
17
Véurr kvaðzk vilja
á vág róa,
ef ballr jötunn
beitr gæfi.
„Hverf þú til hjarðar,
ef þú hug trúir,
brjótr berg - Dana,
beitur sækja.
Bereit war Weor ins Wasser zu rudern,
Wenn der kühne Jötun den Köder gäbe.
„Geh hin zur Herde, wenn du das Herz hast,
Zerschmetterer des Berggeschlechts, und suche den Köder.
Hinweis: Bellows Str. 17-18; er markiert davor eine Lücke und verteilt die Zeilen anders.
18
Þess vænti ek,
at þér myni-t
ögn af oxa
auðfeng vera.“
Sveinn sýsliga
sveif til skógar,
þar er uxi stóð
alsvartr fyrir.
Ich weiß gewiß, dir wird nicht schwer
Die Lockspeise vom Stier zu erlangen.“
Zum Walde wandte sich Weor alsbald:
Da fand er stehen allschwarzen Stier.
Hinweis: Entspricht Bellows Str. 19.
19
Braut af þjóri
þurs ráðbani
hátún ofan
horna tveggja.
„Verk þykkja þín
verri miklu
kjóla valdi
en þú kyrr sitir.“
Der Thursentöter, abbrach er dem Tiere
Der beiden Hörner erhabnen Sitz.
„Im Schaffen scheinst du schlimmer um vieles,
Lenker der Kiele, als in bequemer Ruh.“
Hinweis: Bellows Str. 20 (Hymirs Spott); Bellows setzt danach eine Lücke.
20
Bað hlunngota
hafra dróttinn
áttrunn apa
útar færa,
en sá jötunn
sína talði
lítla fýsi
at róa lengra.
Da bat der Böcke Gebieter den Affengott,
Ferner in die Flut das Seeroß zu führen.
Aber der Jötun gab ihm zur Antwort,
Ihn lüste wenig noch länger zu rudern.
Hinweis: Ab hier läuft Bellows' Zählung um eins vor: altnord. n = Bellows n+1.
21
Dró meir Hymir
móðugr hvali
einn á öngli
upp senn tváa,
en aftr í skut
Óðni sifjaðr
Véurr við vélar
vað gerði sér.
Da hob am Haken Hymir der starke
Zwei Walfische aus den Wellen allein.
Am Steuer inzwischen Odins Erzeugter,
Festigte listig ein Fischseil Weor.
22
Egndi á öngul,
sá er öldum bergr,
orms einbani
uxa höfði;
gein við agni,
sú er goð fía,
umgjörð neðan
allra landa.
An die Angel steckte der Irdischen Gönner
Als Köder den Stierkopf zum Kampf mit dem Wurm.
Gähnend haschte der gottverhaßte
Erdumgürter nach solcher Atzung.
23
Dró djarfliga
dáðrakkr Þórr
orm eitrfáan
upp at borði;
hamri kníði
háfjall skarar
ofljótt ofan
ulfs hnitbróður.
Tapfer zog Thor der gewaltige
Den schimmernden Giftwurm zum Schiffsrand auf.
Das häßliche Haupt mit dem Hammer traf er,
Das felsenfeste, dem Freunde des Wolfs.
24
Hraungalkn hlumðu,
en hölkn þutu,
fór in forna
fold öll saman;
sökkðisk síðan
sá fiskr í mar.
Felsen krachten, Klüfte heulten,
Die alte Erde fuhr ächzend zusammen:
Da senkte sich in die See der Fisch.
Hinweis: Codex Regius und Bellows markieren hier eine fehlende Zeile.
25
Óteitr jötunn,
er aftr reru,
svá at ár Hymir
ekki mælti,
veifði hann ræði
veðrs annars til.
Nicht geheuer war's auf der Heimkehr dem Riesen:
Der starke Hymir verstummte ganz;
Wider den Wind nur wandt er das Ruder:
26
„Mundu of vinna
verk halft við mik,
at þú heim hvali
haf til bæjar
eða flotbrúsa
festir okkarn.“
„Willst du die Hälfte haben der Arbeit:
Entweder die Walfische zur Wohnung tragen,
Oder das Boot fest binden am Ufer?“
27
Gekk Hlórriði,
greip á stafni
vatt með austri
upp lögfáki,
einn með árum
ok með austskotu
bar hann til bæjar
brimsvín jötuns
ok holtriða
hver í gegnum.
Hlorridi ging und ergriff am Steven,
Ohn erst auszuschöpfen das Schiff erfaßt er
Allein mit Rudern und Schöpfgerät;
Trug auch die Fische des Thursen heim
In das kesselgleiche Berggeklüft.
28
Ok enn jötunn
um afrendi,
þrágirni vanr,
við Þór sennti,
kvað-at mann ramman,
þótt róa kynni
kröfturligan,
nema kálk bryti.
Aber der Jötun wie immer trotzig,
Mit Thor um die Stärke stritt er aufs neu:
Der Macht ermangle der Mann, wie er rudre,
Könn er dort den Kelch nicht zerbrechen.
29
En Hlórriði,
er at höndum kom,
brátt lét bresta
brattstein gleri;
sló hann sitjandi
súlur í gögnum;
báru þó heilan
fyr Hymi síðan.
Als der dem Hiorridi zu Händen kam,
Zerstückt er den starrenden Stein damit:
Sitzend schleudert er durch Säulen den Kelch;
In Hymirs Hand doch kehrt er heil.
30
Unz þat in fríða
frilla kenndi
ástráð mikit,
eitt er vissi:
„Drep við haus Hymis,
hann er harðari,
kostmóðs jötuns
kálki hverjum.“
Aber die freundliche Frille lehrt ihn
Wohl wichtgen Rat: sie wußt ihn allein:
„Wirf ihn an Hymirs Haupt: härter ist das
Dem kostmüden Jötun als ein Kelch mag sein.“
31
Harðr reis á kné
hafra dróttinn,
færðisk allra
í ásmegin;
heill var karli
hjalmstofn ofan,
en vínferill
valr rifnaði.
Der Böcke Gebieter bog die Knie
Mit aller Asenkraft angetan:
Heil dem Hünen blieb der Helmsitz;
Doch brach alsbald der Becher entzwei.
32
„Mörg veit ek mæti
mér gengin frá,
er ek kálki sé
ór knéum hrundit;“
karl orð of kvað:
„knákat ek segja
aftr ævagi,
þú ert, ölðr, of heitt.
„Die liebste Lust verloren weiß ich,
Da mir der Kelch vor den Knien liegt.
Oft sagt ich ein Wort; nicht wieder sag ich's
Von heut an je; zu heiß ist der Trank!
33
Þat er til kostar,
ef koma mættið
út ór óru
ölkjól hofi.“
Týr leitaði
tysvar hræra;
stóð at hváru
hverr kyrr fyrir.
Noch mögt ihr versuchen ob ihr Macht habt,
Aus der Halle hinaus zu heben die Kufe.“
Zwei Mal ihn zu rücken mühte sich Tyr:
Des Kessels Wucht stand unbewegt.
34
Faðir Móða
fekk á þremi
ok í gegnum steig
golf niðr í sal;
hóf sér á höfuð upp
hver Sifjar verr,
en á hælum
hringar skullu.
Aber Modis Vater erfaßt ihn am Rand,
Stieg vom Estrich in den untern Saal.
Aufs Haupt den Hafen hob sich Sifs Gemahl;
An den Knöcheln klirrten ihm die Kesselringe.
35
Fóru-t lengi,
áðr líta nam
aftr Óðins sonr
einu sinni;
sá hann ór hreysum
með Hymi austan
folkdrótt fara
fjölhöfðaða.
Sie fuhren lange eh lüstern ward
Odins Sohn sich umzuschauen:
Da sah er aus Höhlen mit Hymir von Osten
Volk ihm folgen vielgehauptet.
36
Hóf hann sér af herðum
hver standanda,
veifði hann Mjöllni
morðgjörnum fram,
ok hraunhvala
hann alla drap.
Da harrt er und hob den Hafen von den Schultern,
Schwang den mordlichen Miölnir entgegen
Und fällte sie all, die Felsungetüme,
Die ihn anliefen in Hymirs Geleit.
37
Fóru-t lengi,
áðr liggja nam
hafr Hlórriða
halfdauðr fyrir;
var skær skökuls
skakkr á beini,
en því inn lævísi
Loki of olli.
Sie fuhren nicht lange, so lag am Boden
Von Hlorridis Böcken halbtot der eine.
Scheu vor den Strängen schleppt er den Fuß:
Das hatte der listige Loki verschuldet.
Hinweis: Simrock klammert Str. 37-38 als vermutlich späteren Zusatz ein.
38
En ér heyrt hafið, -
hverr kann of þat
goðmálugra
görr at skilja? -
hver af hraunbúa
hann laun of fekk,
er hann bæði galt
börn sín fyrir.
Doch hörtet ihr wohl (wer hat davon
Der Gottesgelehrten ganze Kunde?),
Welche Büß er empfing von dem Bergbewohner:
Den Schaden zu sühnen gab er der Söhne zwei.
39
Þróttöflugr kom
á þing goða
ok hafði hver,
þanns Hymir átti;
en véar hverjan
vel skulu drekka
ölðr at Ægis
eitt hörmeitið.
Kraftgerüstet kam er zum Göttermahl
Und hatte den Hafen, den Hymir besessen.
Daraus sollen trinken die seligen Götter
Ael in Ägirs Haus jede Leinernte.
Altnordisch nach dem Codex Regius (Ausgabe Guðni Jónsson); deutsch nach Karl Simrock (1851). Beides gemeinfrei. Zusammenstellung von Glanz & Gravur.