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Seiðr – der Zauber der Völven, Freyjas und Odins

Aufklärung Eine Völva beim Seidr-Ritual im Nordlicht – Sinnbild für die nordische Zauberkunst

Es ist die geheimnisvollste und gefürchtetste Kunst des Nordens: Seiðr, der Zauber, mit dem man das Schicksal nicht nur sieht, sondern umwebt. Selbst Odin, der höchste Gott, beugte sich, um ihn zu lernen – von einer Frau. Eine Reise in die Welt der Seherinnen, der Stäbe und der Trance.

Was ist Seiðr?

Seiðr (gesprochen etwa „sayth-r") ist die operative Zauberkunst der Wikingerzeit – im Unterschied zum bloßen Wahrsagen ein Eingreifen. Der nordische Mensch dachte sich das Schicksal (örlög) als ein Gewebe, gesponnen von den Nornen. Wer den Seiðr beherrschte, konnte die Fäden dieses Gewebes nicht nur lesen, sondern sie neu verknüpfen – ein neues Ereignis in die Welt weben. Schon die Wortherkunft passt: Seiðr hängt vermutlich mit „Schnur, Fessel, Fangschlinge" zusammen.

Die Zwecke waren so vielfältig wie das Leben selbst: Zukunft und Wetter erschauen, die Ernte oder den Fischzug sichern, Krankheiten heilen oder schicken, Liebe erzwingen, Feinde im Kampf „binden" und lähmen, Verborgenes finden – und dem Geist eines anderen Menschen den Willen rauben. Seiðr konnte segnen und verfluchen. Er war Macht in ihrer reinsten, gefährlichsten Form.

Seiðr, Spá und Galdr – drei Wege der Magie

Die Quellen unterscheiden mehrere Künste, die oft ineinandergreifen. Spá ist das Sehen, die Prophezeiung – die Gabe, in Schicksal und Zukunft zu blicken (unser Wort „spähen" ist verwandt). Seiðr ist die aktive Trance-Magie, die eingreift und verändert. Galdr dagegen ist der gesungene Zauber, die Beschwörung (von gala, „krähen, singen") – oft mit Runen verbunden und eher den Männern zugeschrieben. Dazu kommt die Útiseta, das „Aussitzen": nachts allein draußen sitzen, um mit Geistern und Toten in Verbindung zu treten.

Die Völva – die Seherin mit dem Stab

Die zentrale Gestalt des Seiðr ist die Völva, die wandernde Seherin. Ihr Name sagt schon alles: Er kommt von vǫlr, „Stab" – die Völva ist die „Stabträgerin". Solche Frauen zogen von Hof zu Hof, wurden ehrenvoll bewirtet und gegen Kost und Lohn um Rat gefragt. Ihr Ansehen war hoch, ihre Macht real.

Die berühmteste Beschreibung steht in der Saga von Erik dem Roten: Auf Grönland kommt die Seherin Þorbjörg auf einen Hof, um die Zukunft in einer Hungerszeit zu erschauen. Die Saga schildert ihr Auftreten bis ins Detail: ein blauer Mantel mit Steinen besetzt, eine Kappe aus schwarzem Lammfell mit weißem Katzenfell gefüttert, Handschuhe aus Katzenfell, ein Stab mit Knauf und Messingbeschlag, ein Gürtel mit Zunderbeutel. Man setzt sie auf ein erhöhtes Hochsitz-Gerüst (seiðhjallr) und bereitet ihr ein besonderes Mahl aus den Herzen aller Tiere des Hofes. Vor allem aber braucht sie ein Lied: die junge Guðríðr singt die Varðlokkur, den „Geisterlockruf", der die helfenden Geister herbeiruft – erst dann fällt die Völva in Trance und weissagt.

Eine Völva, die Seherin mit dem Stab, beim Seidr-Ritual
Die Völva – die Seherin mit dem Stab. Atmosphärische Darstellung; die überlieferten Rituale beschreiben wir aus den Quellen im Text.

Freyja – die Meisterin, die den Zauber zu den Göttern brachte

Woher kommt diese Kunst? Aus dem Geschlecht der Wanen. Snorri berichtet in der Ynglinga saga, dass Freyja den Seiðr beherrschte und ihn als Erste zu den Asen brachte – ihn den Göttern überhaupt erst lehrte. Freyja ist damit die eigentliche Herrin des Seiðr, eine Göttin von Liebe, Reichtum, Tod und Zauber in einem.

In die gleiche Richtung weist die rätselhafte Gullveig der Völuspá: eine Zauberin, die von den Asen mit Speeren durchbohrt und dreimal verbrannt wird – und dreimal wiederaufersteht. Unter dem Namen Heiðr zieht sie danach als Völva umher. Viele Forscher (u. a. Rudolf Simek) sehen in Gullveig/Heiðr eine Gestalt der Freyja selbst; ihr Auftreten löst den Wanenkrieg aus – als hätten die Asen die fremde Zaubermacht zuerst zu vernichten versucht, ehe sie sie annahmen.

„Heid hieß man mich, wohin ich kam, die wohlkundige Wala; / Zauber konnt ich, den Geist bezaubern; / stets war ich böser Weiber Wonne.“— Völuspá (Heiðr/Gullveig), nach Karl Simrock (gemeinfrei)

Odin – der Gott, der die Schande auf sich nahm

Und dann ist da Odin. Nach der Ynglinga saga beherrschte er den Seiðr so gut wie keiner – doch mit diesem Zauber war „solche Verweichlichung verbunden", dass er Männern als schändlich galt. Das ist der Kern: Seiðr war Frauensache. Ihn als Mann zu üben bedeutete ergi – Unmännlichkeit, ein tiefes gesellschaftliches Tabu. Genau damit verspottet Loki den Göttervater in der Lokasenna: Odin habe auf der Insel Samsey wie eine Völva gezaubert und sei „von unmännlicher Art" umhergezogen.

Dass der höchste Gott diese Schande auf sich nahm, ist bezeichnend. Odin opfert für Wissen und Macht alles – sein Auge am Mimirbrunnen, sich selbst am Weltenbaum, und eben auch seine Männerehre. Er ist der große Grenzgänger: Er weckt mit Nekromantie eine tote Völva aus dem Grab (in den Baldrs draumar), er lässt sich von der Seherin der Völuspá die ganze Weltgeschichte weissagen, er sendet seinen Geist in Tiergestalt aus (hamför) und trägt das sprechende Haupt Mímirs mit sich. Wo Freyja die geborene Meisterin ist, ist Odin der besessene Schüler.

Frigg – die schweigende Wissende

Und die dritte große Gestalt? Frigg, Odins Gemahlin, „weiß alle Schicksale" – aber sie spricht sie nicht aus. In der Lokasenna heißt es, Frigg kenne das Los aller, sage es aber niemandem. Damit steht sie für eine andere Seite derselben Macht: das stille Wissen um das örlög, ohne den offenen Eingriff der Völva. Manche Forscher vermuten hinter Frigg und Freyja ohnehin eine einst gemeinsame Göttin (mehr dazu in unserem Artikel Freya oder Frigg?). Wissen, Weben und Schweigen – bei den großen Frauengestalten des Nordens liegen sie nah beieinander.

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Der Zauberstab aus dem Grab

Und dann gibt es das Stück, das den Mythos berührbar macht: einen echten Seiðr-Stab. In Wikingergräbern lagen eiserne Ruten, die genau zu dem passen, was die Sagas beschreiben. Der Archäologe Neil Price hat rund 40 solcher Gräber in ganz Skandinavien zusammengetragen; allein das Statens historiska museum in Stockholm bewahrt fünf dieser kunstvollen „Völva-Stäbe".

Eiserner Seidr-Stab (Zauberrute) einer Völva aus der Wikingerzeit, Statens historiska museum
Ein echter Seiðr-Stab: die eiserne Zauberrute einer Völva (Wikingerzeit), mit knotigem Schaft und verziertem Griffkorb. Statens historiska museum, Stockholm. Foto: Swedish History Museum, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons.

Der berühmteste stammt aus Klinta auf der Insel Öland: ein eiserner Stab mit Bronzezier und einem winzigen Häuschen als Bekrönung – gedeutet als Sinnbild für Freyjas Halle, den Weltenbaum oder den Faden des Lebens. Ein zweiter, 82 cm langer Stab kam aus Köpingsvik (ebenfalls Öland), begleitet von einem Krug aus Zentralasien und einem Kessel aus Westeuropa – die Bestattete war weitgereist und reich. In Fyrkat (Dänemark) lag die Seherin in einem Wagenkasten, in blau-rote Kleider mit Goldfaden gehüllt, mit silbernen Zehenringen, einem stuhlförmigen Amulett (vielleicht dem Sinnbild des seiðhjallr) – und mit Samen des Bilsenkrauts, einer giftigen Rauschpflanze. Im Schiffsgrab von Oseberg (Norwegen) fand man bei zwei Frauen einen hölzernen Stab sowie Cannabis- und Bilsenkrautsamen. Solche Pflanzen können eine Trance vertiefen.

Auffällig ist die Form vieler Stäbe: Sie ähneln einem Spinnrocken. Das passt genau ins Weltbild, denn das Schicksal wird gesponnen und gewoben – der Stab der Völva ist das Werkzeug, mit dem sie in dieses Gewebe greift. Nicht umsonst heißt sie „die Stabträgerin".

Ehrlich bleibt: Nicht jede dieser Eisenruten muss ein Zauberstab gewesen sein – manche könnten Bratspieße sein. Doch die Häufung von Stab, exotischen Gaben, Rauschpflanzen und hohem Rang gerade in Frauengräbern ist zu auffällig, um Zufall zu sein.

Wenn der Zauber tötet – Seiðr in den Sagas

In den Isländersagas ist Seiðr selten harmlos. In der Gísla saga lässt ein Feind den Zauberer Þorgrímr nef einen Seiðr wirken, damit dem geächteten Gísli niemand mehr helfen kann – ein Fluch, der ihn langsam in den Tod treibt. In der Laxdœla saga errichtet die Zaubererfamilie um Kotkell ein Seiðr-Gerüst, singt darauf ihre Zauberlieder und ruft einen tödlichen Sturm herbei, der einen jungen Mann ertränkt. Solche Seiðr-Wirker wurden gefürchtet – und nicht selten gesteinigt oder erschlagen, wenn man ihrer habhaft wurde. Zauber war Macht, und Macht war gefährlich; wer sie besaß, stand am Rand der Gesellschaft: verehrt, gebraucht und zugleich beargwöhnt.

Schamanismus? Der Streit der Forschung

Wie nah steht der Seiðr dem Schamanismus? Der Schwede Dag Strömbäck legte 1935 mit seinem Werk Sejd die Grundlage und betonte die Nähe zu den Trance-Techniken der Sámi (der „Lappen"), ihrer Trommel und ihren Geisterreisen. Der Brite Neil Price hat in seinem einflussreichen Buch The Viking Way (2002/2019) den Seiðr umfassend als eine Art nordischen Schamanismus gedeutet. Andere, etwa Clive Tolley (Shamanism in Norse Myth and Magic, 2009), mahnen zur Vorsicht mit dem Etikett. Sicher ist: Seiðr, Trance, Stab, Hochsitz und Geistersendung bilden ein zusammenhängendes System – ob man es „Schamanismus" nennt, bleibt ein gelehrter Streit.

Beleg & Quellen. Freyja bringt den Seiðr zu den Asen & lehrt Odin: Snorri, Ynglinga saga 4 & 7. Odins Seiðr als „ergi": Lokasenna 24. Frigg kennt alle Schicksale, schweigt: Lokasenna 29, Vafþrúðnismál. Gullveig/Heiðr: Völuspá 21–22. Völva-Ritual (Þorbjörg, Varðlokkur, seiðhjallr): Eiríks saga rauða 4. Odin weckt tote Völva: Baldrs draumar. Archäologie: Stäbe in Frauengräbern (Birka, Fyrkat, Köpingsvik); Fyrkat-Grab 4 & Oseberg mit Bilsenkraut/Cannabis (Nationalmuseet Kopenhagen). Forschung: Dag Strömbäck, Sejd (1935); Neil Price, The Viking Way (2002/2019); Clive Tolley (2009); Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; Britt-Mari Näsström zu Freyja.
Mythos-Check. Gesichert: Seiðr war eine reale, in Text und Fund belegte Praxis; er galt als weiblich, und Männer (auch Odin) verletzten damit ein Ehr-Tabu (ergi). Deutungssache bleibt vieles: Ob die eisernen „Stäbe" wirklich alle Zauberstäbe waren (manche könnten Bratspieße sein), ob Bilsenkraut gezielt zur Trance genutzt wurde, und ob Gullveig wirklich Freyja ist – all das ist gut begründet, aber nicht endgültig bewiesen. Auch das Wort „Schamanismus" ist eine moderne Deutung, kein Begriff der Quellen. Faszinierend echt im Kern, ehrlich offen in den Rändern.

Weiterlesen bei uns

Freyja – Herrin des Seidr · Odin · Freya oder Frigg? · Die Nornen & das Schicksal · Runen & Galdr · Die Merseburger Zaubersprüche.

Quellen & Literatur

Primär: Völuspá, Lokasenna, Vafþrúðnismál, Baldrs draumar, Hávamál (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei Karl Simrock (1851); Snorri Sturluson, Ynglinga saga (Heimskringla); Eiríks saga rauða. Forschung: Dag Strömbäck, Sejd (1935); Neil S. Price, The Viking Way (2. Aufl. 2019); Clive Tolley, Shamanism in Norse Myth and Magic (2009); Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; Britt-Mari Näsström, Freyja – the Great Goddess of the North (1995); Nationalmuseet Kopenhagen (Fyrkat).

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