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Vanaheim – die Heimat der Wanen: ein Ort mit Namen und ohne Landkarte

Die neun Welten Vanaheim – die Heimat der Wanen: ein Ort mit Namen und ohne Landkarte

Vanaheim (altnordisch Vanaheimr) ist in der nordischen Mythologie die Heimat der Wanen, aus der Njörðr als Geisel zu den Asen kam. Mehr verraten die Quellen kaum: Die Lieder-Edda nennt Vanaheim ein einziges Mal, Snorri zweimal mit dem Namen in der Ynglinga saga und einmal in der Gylfaginning – und dort verlegt er es an den Don. Wir zeigen jede Stelle, trennen Beleg von moderner Zutat und erklären, warum Vanaheim in Spielen grün und üppig ist, in der Edda aber fast leer.

Stell dir eine Landkarte der nordischen Götterwelt vor. Asgard hat Mauern, Hallen und einen Baumeister, der sie bauen wollte. Jötunheim hat Berge, Eisenwälder und Riesen mit Namen. Hel hat ein Tor, einen Fluss und eine Brücke mit Goldbelag. Und Vanaheim? Vanaheim hat einen Namen – und fast nichts sonst. Kein Saal wird beschrieben, kein Fluss, kein Baum, kein Herrscher. Ausgerechnet die Heimat der Götter, denen der Norden Ernte, Reichtum und Liebe zuschrieb, ist in den Quellen ein weißer Fleck.

Wer nach Vanaheim sucht, findet im Netz grüne Hügel, ewigen Frühling und magische Wälder. Die stammen aus Videospielen und Comics, nicht aus der Edda. Wir legen deshalb jede Stelle auf den Tisch, an der Vanaheim im Mittelalter überhaupt genannt wird – es sind erstaunlich wenige – und prüfen, was sich daraus ehrlich ableiten lässt.

Ein Hinweis vorab: Um die Wanen als Göttergeschlecht – ihren Namen, ihren Kult, die Frage, ob es sie als eigene Gruppe überhaupt gab – geht es ausführlich in einem eigenen Beitrag. Hier steht der Ort im Mittelpunkt.

Der Name: „Heim der Wanen“

Altnordisch heißt die Welt Vanaheimr. Das ist ein durchsichtiges Kompositum: Vana- ist der Genitiv Plural von vanr, „Wane“, und heimr bedeutet „Welt, Wohnstätte, Heimat“ – dasselbe Wort, das in Jötunheimr, Álfheimr oder Niflheimr steckt und mit unserem deutschen „Heim“ verwandt ist. Vanaheimr ist also wörtlich „die Welt der Wanen“. Eingedeutscht schreibt man meist Vanaheim oder Wanaheim; englisch ist Vanaheim üblich.

Woher das Wort vanr selbst kommt, ist nicht sicher geklärt. Häufig wird es mit einer indogermanischen Wurzel für „wünschen, lieben, erfreuen“ verbunden, zu der auch lateinisch Venus und altnordisch vinr („Freund“) gestellt werden. Das ist eine verbreitete, aber keine bewiesene Deutung. Für den Ort heißt das: Sein Name sagt nur, wem er gehört – nicht, wie er aussieht oder wo er liegt.

Der einzige Eddabeleg: Vafþrúðnismál 39

In der gesamten Lieder-Edda kommt Vanaheimr genau einmal vor. Die Stelle steht in den Vafþrúðnismál, dem Wissenswettstreit zwischen Odin und dem Riesen Vafþrúðnir. Die beiden fragen sich gegenseitig ab, wer verliert, verliert den Kopf. In Strophe 38 will Odin wissen, woher Njörðr zu den Asen kam – ein Gott, der über unzählige Heiligtümer und Altäre herrscht, aber nicht von den Asen abstammt. Der Riese antwortet in Strophe 39:

Í Vanaheimi skópu hann vís regin
ok seldu at gíslingu goðum;
í aldar rök hann mun aftr koma
heim með vísum vǫnum.
— Vafþrúðnismál 39, altnordisch. Sinngemäß: In Vanaheim schufen ihn weise Mächte und gaben ihn den Göttern als Geisel; am Ende der Zeit wird er wieder heimkehren zu den weisen Wanen. (Eigene Übertragung)

Diese vier Zeilen sind der älteste und wichtigste Beleg für Vanaheim überhaupt. Sie enthalten drei Aussagen, die du dir merken solltest:

Erstens: Njörðr wurde in Vanaheim „geschaffen“ (skópu, von skapa). Das Lied sagt nicht „geboren“, und es nennt keine Eltern. Vanaheim ist hier der Ursprungsort eines Gottes, kein Ort, an dem eine Familiengeschichte erzählt würde.

Zweitens: Njörðr wurde den Göttern als Geisel übergeben. Das setzt einen Konflikt und einen Friedensschluss voraus – den Wanenkrieg, den die Völuspá in dunklen Andeutungen schildert.

Drittens, und das ist die eigentliche Überraschung: Bei aldar rök, dem „Schicksal“ oder „Ende des Zeitalters“, kehrt Njörðr heim zu den Wanen. Kein anderer Text sagt etwas über Njörðs Ende. Während Odin vom Wolf verschlungen wird und Freyr gegen Surtr fällt, geht Njörðr laut diesem Lied einfach nach Hause. Vanaheim erscheint damit als Ort, der den Weltuntergang zumindest in diesem Punkt übersteht – oder der vom Untergang gar nicht berührt wird. Mehr gibt die Strophe nicht her, und jede weitere Ausmalung wäre Spekulation.

Befund. Vafþrúðnismál ist im Codex Regius der Lieder-Edda (um 1270) erhalten. Wann das Lied entstand, ist umstritten; viele Forscher setzen es in die späte Heidenzeit oder die Übergangszeit, sicher datieren lässt es sich nicht. Fest steht: Vanaheimr ist kein Wort, das erst Snorri erfunden hat – es steht in einem Eddalied, das Snorri selbst als Quelle benutzte.

Die alte deutsche Fassung dieses Beitrags hatte hier eine Zeile „Njörd war in Noatun geboren“ zitiert. Das steht so nicht in der Strophe; wir haben den Fehler korrigiert. Nóatún ist Njörðs Wohnsitz bei den Asen, nicht sein Herkunftsort.

Lokasenna 34: „von hier nach Osten geschickt“

Ein zweites Eddalied nennt Vanaheim nicht beim Namen, berührt aber dieselbe Geschichte. In der Lokasenna beleidigt Loki beim Gelage des Meeresriesen Ægir die versammelten Götter reihum. Zu Njörðr sagt er in Strophe 34 sinngemäß: Schweig, Njörðr, du wurdest von hier nach Osten (austr heðan) als Geisel zu den Göttern gesandt – und dann folgt eine derbe Schmähung über die Töchter des Riesen Hymir. Njörðr antwortet gelassen, das sei sein Trost: Als Geisel weit weg geschickt, habe er einen Sohn gezeugt, den niemand hasse – Freyr. In Strophe 36 legt Loki nach: Diesen Sohn habe Njörðr mit seiner eigenen Schwester gezeugt.

Die Formulierung „von hier nach Osten“ ist der einzige Richtungshinweis in der ganzen Edda, der mit der Herkunft der Wanen zu tun hat. Leider ist er doppeldeutig. Steht der Sprecher bei Ægir am Meer, und die Götter wohnen östlich davon? Oder ist „hier“ ganz allgemein der Ort, aus dem Njörðr kam? Die Strophe lässt sich nicht so lesen, dass man daraus eine Himmelsrichtung für Vanaheim ableiten könnte.

Der Vorwurf der Geschwisterehe dagegen ist wichtig, denn Snorri greift ihn auf und macht daraus eine Sitte des Landes Vanaheim. Dazu gleich mehr.

Snorris Gylfaginning: Njörðr „aufgezogen in Vanaheim“

Ja, die Prosa-Edda nennt Vanaheim ausdrücklich. Das wird gelegentlich bestritten, deshalb haben wir den Text geprüft. In Kapitel 23 der Gylfaginning stellt Snorri Sturluson um 1220 Njörðr vor. Er wohne im Himmel an einem Ort namens Nóatún, herrsche über Wind und Meer und sei so reich, dass er jedem Land und Gut geben könne, der ihn darum bitte. Und dann:

Njǫrðr er eigi ása ættar. Hann var upp fœddr í Vanaheimi, en Vanir gísluðu hann goðunum ok tóku í mót at gíslingu þann er Hœnir heitir.
— Snorri, Gylfaginning 23, altnordisch. Sinngemäß: Njörðr ist nicht vom Geschlecht der Asen. Er wurde in Vanaheim aufgezogen, doch die Wanen gaben ihn den Göttern als Geisel und nahmen dafür den, der Hœnir heißt, als Geisel. (Eigene Übertragung)

Snorri folgt hier erkennbar der Vafþrúðnismál-Strophe, die er an anderer Stelle seines Werks zitiert. Aber er verschiebt die Gewichte. Aus „geschaffen“ wird „aufgezogen“ (upp fœddr), und der Austausch bekommt einen Gegenwert: Hœnir geht im Tausch zu den Wanen. Die Heimkehr bei Ragnarök übernimmt Snorri nicht. In seiner großen Erzählung vom Weltende spielt Njörðr keine Rolle.

Bemerkenswert ist, was Snorri nicht tut: Er beschreibt Vanaheim mit keinem Wort. Bei Asgard zählt er Hallen auf, bei Hel sogar das Geschirr der Totengöttin – Vanaheim bleibt ein bloßer Herkunftsvermerk.

Ynglinga saga: Vanaheim am Don

Ganz anders klingt Snorris zweites großes Werk, die Heimskringla, eine Geschichte der norwegischen Könige. Ihr erster Teil, die Ynglinga saga, erzählt die Vorgeschichte der schwedischen Ynglinger-Dynastie, und hier verwandelt Snorri die Götter in Menschen. Fachleute nennen dieses Verfahren Euhemerismus, nach dem griechischen Autor Euhemeros: Götter werden als frühe Könige und Helden gedeutet, die nach ihrem Tod verehrt wurden.

In Kapitel 1 beschreibt Snorri die Welt nach mittelalterlicher Gelehrsamkeit. Ein Fluss, der von Norden kommt und ins Schwarze Meer mündet, trenne Europa von Asien. Er heiße eigentlich Tanais – so nannten antike Geografen den Don –, sei aber früher Tanakvísl oder Vanakvísl genannt worden. Dann der entscheidende Satz:

Í Vanakvíslum var þá kallat Vanaland eða Vanaheimr.
— Snorri, Ynglinga saga 1, altnordisch. Sinngemäß: An den Wanen-Flussarmen hieß es damals Vanaland oder Vanaheimr. (Eigene Übertragung)

Östlich des Flusses, in Asien, liege dagegen Ásaland oder Ásaheimr mit der Hauptstadt Ásgarðr (Kapitel 2). Odin ist dort ein mächtiger Häuptling. Snorri hat hier eine hübsche gelehrte Kombination gebaut: Æsir klingt wie Asia, Tana- wie Vana-. Aus dem Gleichklang wird Geografie. Das Wort kvísl bedeutet übrigens „Gabelung, Flussarm“ – Vanaheim liegt also in einem Flussdelta, zumindest in Snorris Gedankenkarte.

In Kapitel 4 erzählt Snorri dann den Krieg: Odin zieht mit einem Heer gegen die Wanen, sie wehren sich und verteidigen ihr Land, beide Seiten verheeren einander das Gebiet. Schließlich schließt man Frieden und tauscht Geiseln. Die Wanen geben ihre vornehmsten Männer, Njörðr den Reichen und seinen Sohn Freyr, die Asen geben Hœnir und den weisen Mimir. Weil Hœnir ohne Mimirs Rat nichts zu sagen weiß, fühlen sich die Wanen betrogen, schlagen Mimir den Kopf ab und schicken ihn den Asen. Eine Variante der Kvasir-Geschichte kennt Snorri hier ebenfalls: Die Wanen hätten ihren klügsten Mann Kvasir mitgeschickt.

Und in diesem Kapitel stehen auch die beiden Sätze, die Vanaheim zum ersten Mal so etwas wie eine Kultur geben:

Über Njörðr: Solange er bei den Wanen war, hatte er seine Schwester zur Frau, „denn das war dort Gesetz“ (því at þat váru þar lǫg). Bei den Asen dagegen sei es verboten gewesen, so nahe Verwandte zu heiraten. Über Freyja: Sie habe den Asen als Erste den seiðr beigebracht, eine Form der Zauberei, „wie es bei den Wanen üblich war“ (sem Vǫnum var títt).

Mythos-Check: „In Vanaheim war die Geschwisterehe erlaubt und seiðr die Volksmagie.“ Diese Aussagen stehen so in der Ynglinga saga – aber eben in einem euhemeristischen Geschichtswerk des 13. Jahrhunderts, das die Götter als Menschen am Schwarzen Meer schildert. Der Vorwurf der Geschwisterehe stammt ursprünglich aus Lokis Schmährede, also aus einer Beleidigung. Ob Snorri hier altes Wissen über die Wanen bewahrt oder aus Lokasenna und eigener Systematik eine „Landessitte“ konstruiert, lässt sich nicht entscheiden.

Vana und Vanlandi: das letzte Echo

Noch einmal taucht Vanaheimr in der Ynglinga saga auf, und zwar in Kapitel 15. Der Sagenkönig Svegðir, ein Nachfahre Freyrs, zieht los, um „Godheimr“ und den alten Odin zu suchen. Er reist fünf Jahre durch das „große Schweden“, wie Snorri das Land nördlich des Schwarzen Meeres nennt. Unterwegs, heißt es, habe er in Vanaheim eine Frau namens Vana genommen; ihr Sohn hieß Vanlandi.

Hier sieht man Snorris Methode besonders deutlich. Vanlandi ist ein Name aus dem alten Ynglingatal, einem Preisgedicht, das Snorri zitiert. Der Name lässt sich als „Mann aus dem Wanenland“ deuten, und Snorri liefert die passende Mutter aus Vanaheim gleich mit. Ob er dafür eine Überlieferung kannte oder den Namen erklärend ausgeschmückt hat, wissen wir nicht. Für die Geschichte des Ortes ist die Stelle trotzdem wertvoll: Sie zeigt, dass Vanaheim für Snorri ein real gedachtes Land am Rand der bekannten Welt war, in das man reisen und aus dem man heiraten konnte.

Alle mittelalterlichen Belege auf einen Blick. Vanaheimr steht in Vafþrúðnismál 39 (Lieder-Edda), in Gylfaginning 23 (Prosa-Edda) sowie in der Ynglinga saga Kap. 1 (Vanaland/Vanaheimr am Tanakvísl) und Kap. 15 (Vana aus Vanaheim). Die Ynglinga saga Kap. 4 erzählt den Krieg mit dem „Land“ der Wanen und ihre Sitten, ohne den Namen dort zu wiederholen. Eine Beschreibung des Ortes enthält keine dieser Stellen.

Gehört Vanaheim zu den „neun Welten“?

Fast jede moderne Darstellung zählt Vanaheim zu den neun Welten, die am Weltenbaum Yggdrasil hängen. Die Edda bestätigt das nicht – sie widerspricht aber auch nicht. Die Zahl neun ist gut belegt: Die Seherin der Völuspá erinnert sich in Strophe 2 an „neun Welten“, Vafþrúðnir rühmt sich in Strophe 43, er sei durch neun Welten bis hinab nach Niflhel gekommen, und in den Alvíssmál hat der Zwerg Alvíss „alle neun Welten“ durchwandert. Nach Snorri erhält Hel Macht über neun Welten. Eine Liste dieser neun Welten gibt es in keiner einzigen mittelalterlichen Quelle.

Die heute verbreitete Aufzählung – Asgard, Vanaheim, Álfheim, Midgard, Jötunheim, Svartalfheim, Niflheim, Muspelheim, Hel – ist ein Werk der Neuzeit. Den Anfang machte der isländische Gelehrte Finnur Magnússon im Jahr 1825; ihm folgten unter anderem Gustav Legis 1829 und Karl Simrock in seinem Handbuch der deutschen Mythologie. Alle diese frühen Listen nehmen Vanaheim auf, was nahe liegt: Es ist einer der wenigen heimr-Namen, die tatsächlich in der Edda stehen. Simrock setzte Vanaheim übrigens in den Westen – eine Entscheidung ohne Quellengrundlage.

Auch die Forschung ist sich nicht einig, ob Vanaheim ursprünglich als eigene Welt im kosmologischen Sinn gedacht war. Rudolf Simek hält den Namen für eine Bildung, die vor allem als Gegenstück zu Asgard dient. Die britische Religionshistorikerin Hilda Ellis Davidson erwog dagegen, die Wanen könnten mit Erde, Hügeln und Gewässern verbunden gewesen sein, ihre Welt also eher unten als oben gelegen haben. Beides sind Deutungen, keine Belege.

Mythos-Check: „Die Edda nennt die neun Welten, darunter Vanaheim.“ Falsch in dieser Form. Die Edda nennt die Zahl neun und nennt Vanaheim einmal – aber nie im selben Atemzug. Dass Vanaheim eine der neun ist, ist eine plausible moderne Zuordnung, keine überlieferte Aussage.

Wo liegt Vanaheim? Ehrliche Antwort: Das sagt keine Quelle

Asgard liegt im Himmel, Jötunheim im Osten, Hel im Norden und unten, Muspelheim im Süden – solche Zuordnungen lassen sich mit mehr oder weniger Mühe aus der Edda ablesen. Für Vanaheim gibt es nichts Vergleichbares. Die einzige konkrete Lage stammt aus der Ynglinga saga, und die ist gelehrte Geografie: ein Flussdelta am Don, zwischen Europa und Asien, wo mittelalterliche Weltkarten das Ende der vertrauten Welt verorteten.

Moderne Bücher und Diagramme setzen Vanaheim oft auf die „obere Ebene“ neben Asgard und Álfheim, manchmal in den Westen, manchmal irgendwo zwischen die Wurzeln. Das sind Ordnungsvorschläge von Autorinnen und Autoren, die Lücken der Quellen schließen wollen. Wer dir sagt, Vanaheim liege „an der zweiten Wurzel Yggdrasils“ oder „im Westen jenseits des Meeres“, zitiert keine Edda, sondern ein Schema.

Wir finden diese Leerstelle eigentlich sympathisch. Vanaheim ist in den Texten nicht Kulisse, sondern Herkunft: der Ort, aus dem das Gute kommt, ohne dass man ihn je betritt. Kein Gott reist in einer überlieferten Erzählung nach Vanaheim. Nur die Geiseln kommen von dort – und Njörðr wird laut Vafþrúðnismál eines Tages dorthin zurückkehren.

Nóatún, Fólkvangr, Álfheimr: die Wohnsitze der Wanen bei den Asen

Viele Leser verwechseln Vanaheim mit den Orten, an denen die Wanen-Götter in der Edda tatsächlich wohnen. Die liegen aber alle bei den Asen, nicht in Vanaheim. Die Grímnismál, ein Lied, in dem Odin die Götterwohnungen aufzählt, und Snorris Gylfaginning nennen drei:

Nóatún, „Schiffsgehege“ oder „Schiffsplatz“, ist Njörðs Hof (Grímnismál 16). Snorri sagt ausdrücklich: Er wohnt im Himmel, an einem Ort namens Nóatún. Dort, am Meer, hält es Njörðr aus; das Gebirge seiner Frau Skaði in Þrymheimr erträgt er nicht, und sie verträgt das Möwengeschrei nicht. Nóatún ist der Wohnsitz des Geisels, nicht seine Heimat.

Fólkvangr, „Feld des Volkes“ oder „Feld der Kriegerschar“, ist Freyjas Wohnsitz (Grímnismál 14). Nach Grímnismál wählt Freyja dort jeden Tag die Hälfte der Gefallenen, die andere Hälfte gehört Odin. Snorri sagt, ihr Hof liege im Himmel; ihre Halle heiße Sessrúmnir. Mehr dazu im Beitrag Walhall, Hel, Fólkvangr.

Álfheimr, die Welt der Lichtalben, bekamen die Götter einst Freyr als Zahngeschenk, also als Gabe zum ersten Zahn (Grímnismál 5). Ein Wanengott erhält damit eine eigene Welt – aber nicht Vanaheim, sondern das Land der Alben. Ob Alben und Wanen ursprünglich zusammengehörten, wird in der Forschung diskutiert; die Edda nennt „Asen und Alben“ oft als feste Formel, die Wanen tauchen in solchen Reihen gelegentlich zusätzlich auf.

Auffällig ist: Alle drei Orte stehen bei den Asen. Die Wanen in der Edda sind integriert. Sie bekommen Höfe in der Götterwelt, ihr Herkunftsland verschwindet aus der Erzählung. Vanaheim ist der Ort, den man verlassen hat.

Und die Menschen? Vanaheim und der Kult

Die Frage liegt nahe: Wenn die Wanen Fruchtbarkeitsgötter waren, gab es dann auch irdische Orte, die man mit „ihrem“ Land verband? Belegen lässt sich das nicht. Was wir haben, sind Ortsnamen mit Njörðr und Freyr in Skandinavien – etwa zahlreiche schwedische und norwegische Namen mit Frö- und Njärd-/Nerd- – und die Nachricht des Adam von Bremen über ein Freyr-Bild (er nennt ihn Fricco) im Tempel von Uppsala. In Snorris Ynglinga saga baut Freyr selbst den Tempel in Uppsala. Ein Ort namens Vanaheim auf der menschlichen Landkarte ist nirgends überliefert.

Ob hinter dem Wanenkrieg ein historischer Zusammenstoß zweier Kulte steckt oder – nach Georges Dumézil – eine Ordnung göttlicher Funktionen, diskutieren wir im Beitrag über die Wanen. Für die Lage Vanaheims folgt aus keiner dieser Theorien etwas.

Vanaheim in Spiel und Film – Rezeption, nicht Quelle

Die meisten Menschen begegnen Vanaheim heute nicht in der Edda, sondern auf dem Bildschirm. Das ist völlig in Ordnung, solange man weiß, was man sieht.

Im Videospiel God of War Ragnarök (2022) ist Vanaheim eine große, begehbare Welt mit dichtem Dschungel, Sümpfen, Ebenen und einem riesigen Krater. Freyr führt dort einen Widerstand der Wanen gegen die Asen an. Das ist eine eigenständige, starke Erfindung der Entwickler – die Landschaft, der Konflikt und die Rolle Freyrs als Rebellenführer haben keine Vorlage in den mittelalterlichen Texten. Unser God-of-War-Faktencheck trennt Spiel und Quelle genauer.

Im Marvel-Kosmos ist Vanaheim eines der „Neun Reiche“. Im Film Thor – The Dark Kingdom (2013) kämpfen Thor und seine Gefährten zu Beginn auf Vanaheim; der Krieger Hogun stammt dort her. Die Marvel-Reiche gehen auf die moderne Neun-Welten-Liste zurück, nicht auf eine Edda-Stelle. Mehr dazu im Marvel-Thor-Faktencheck.

Gerade weil Vanaheim in den Quellen leer ist, kann jede Zeit es neu erfinden. Das ist Rezeption – lebendig und manchmal großartig, aber kein Wissen über die Wikingerzeit.

Gravur-Idee: Vanaheim auf Schiefer

Wie graviert man einen Ort, von dem es kein Bild gibt? Wir gehen in der Werkstatt in Alsdorf meist zwei Wege, und beide bleiben ehrlich.

Der Vers. Die schönste Spur von Vanaheim ist ein Satz: aftr koma heim með vísum vǫnum – „wieder heimkommen zu den weisen Wanen“. Auf einer Schieferplatte, in klarer Antiqua oder einer historischen Unziale, wird daraus ein Heimkehr-Spruch. Er passt an die Haustür, als Geschenk zum Umzug oder für jemanden, der nach langer Zeit zurückkommt. Altnordisch mit kleiner deutscher Übertragung darunter – so bleibt die Herkunft lesbar.

Die Gaben statt der Landschaft. Statt einer erfundenen Ansicht von Vanaheim gravieren wir lieber das, was nach den Quellen von dort kam: das Schiff für Njörðr und Nóatún, die Ähre und den Eber für Freyr, die Katze oder ein schlichtes Halsband-Ornament für Freyja. Drei Motive, eine Platte, eine Geschichte – die Wanen, die nach Asgard gingen. Auf Holz oder Glas funktioniert das ebenso.

Wenn du lieber eine eigene Vanaheim-Fantasie willst, setzen wir auch die um. Dann schreiben wir nur nicht „nach der Edda“ darunter.

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Häufige Fragen

Was ist Vanaheim in der nordischen Mythologie? Vanaheim (altnordisch Vanaheimr) ist die Heimat der Wanen, des zweiten Göttergeschlechts neben den Asen. Von dort kam Njörðr als Geisel zu den Asen.

Wo wird Vanaheim in der Edda erwähnt? In der Lieder-Edda nur in Vafþrúðnismál 39, in der Prosa-Edda in Gylfaginning 23. Dazu kommen zwei Stellen in Snorris Ynglinga saga (Kap. 1 und 15).

Wer lebt in Vanaheim? Die Wanen. Namentlich bekannt sind vor allem Njörðr, Freyr und Freyja – die aber nach dem Geiselaustausch bei den Asen wohnen. Andere Bewohner nennen die Quellen nicht.

Gehört Vanaheim zu den neun Welten? In modernen Listen ja. Die Edda nennt zwar „neun Welten“, zählt sie aber nirgends auf; die bekannte Liste entstand erst ab 1825.

Wie sieht Vanaheim aus? Das beschreibt keine mittelalterliche Quelle. Grüne Hügel, Dschungel und Krater stammen aus modernen Spielen, Filmen und Fantasy.

Was passiert mit Vanaheim bei Ragnarök? Nach Vafþrúðnismál 39 kehrt Njörðr am Ende der Zeit heim zu den Wanen. Über ein Schicksal Vanaheims selbst sagen die Quellen nichts.

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Der Wanenkrieg · Freyr · Asen & Wanen – das Pantheon · Ägir & Ran · Asgard.

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