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Helheim – der Weg ins nordische Totenreich zwischen Edda-Liedern und Snorri

Die neun Welten Helheim – der Weg ins nordische Totenreich zwischen Edda-Liedern und Snorri

Helheim, in den Quellen meist einfach Hel genannt, ist das Totenreich der nordischen Mythologie: ein dunkler Ort unter der Erde, „hinab und nach Norden“, nach Snorri Sturluson in oder bei Niflheim gelegen. Wer dorthin will, reitet neun Nächte durch finstere Täler, überquert die goldgedeckte Brücke Gjallarbrú und steht vor dem Gitter Helgrind. Wir folgen Hermóðr und Odin auf ihren Ritten, betreten Snorris Halle Éljúðnir, blicken auf den Leichenstrand Náströnd – und trennen sauber, was die alten Lieder sagen und was erst im 13. Jahrhundert dazukam.

„Die Verborgene“: was das Wort hel bedeutet

Bevor wir losreiten, ein Blick auf das Wort selbst. Altnordisch hel geht auf ein urgermanisches *haljō zurück, das zur Wurzel von *helan „verbergen, verhüllen“ gehört. Hel ist also ursprünglich der verborgene, bedeckte Ort – das, was unter der Erde liegt und dem Blick entzogen ist. Dieselbe Wortfamilie steckt in unserem „hehlen“ und „verhehlen“, und vermutlich auch in „Hülle“.

Das Wort ist gemeingermanisch: Gotisch halja – damit übersetzte Bischof Wulfila im 4. Jahrhundert das griechische hádēs der Bibel –, altenglisch hel, althochdeutsch hella. Christliche Missionare übernahmen es für ihren Strafort. So wurde aus dem germanischen Totenort unsere „Hölle“ und das englische hell.

Wer „Hel“ hört, denkt deshalb unwillkürlich an Feuer und ewige Qual. Die Edda-Lieder meinen aber zunächst nur den Ort, an den die Toten gehen: dunkel, kalt, still – und für fast alle bestimmt. In den Liedern heißt er fast immer schlicht hel, man fährt til heljar, „zur Hel“. Die Form „Helheim“ ist vor allem in moderner Literatur, Spielen und Filmen zum Standard geworden – praktisch, weil sie den Ort von der Göttin unterscheidet.

Ort oder Göttin? Eine Abgrenzung

Im Altnordischen trägt die Herrscherin des Totenreichs denselben Namen wie ihr Reich. Der Philologe Christopher Abram hat in seiner Cambridge-Dissertation (2003) gezeigt, dass die Skaldendichtung Hel fast nur als Person kennt, die Edda-Lieder dagegen überwiegend als Ort. In beiden dient „Hel“ oft schlicht als dichterisches Wort für den Tod. Erst Snorri Sturluson hat beides zu einem geschlossenen Bild verbunden.

Über die Göttin – Lokis Tochter, halb blauschwarz, halb fleischfarben – haben wir einen eigenen Artikel: Hel, die Totengöttin. Hier geht es um den Ort: Landkarte, Weg, Tor, Halle. Und um die Frage, was davon alte Überlieferung ist und was Snorri daraus gemacht hat.

Unten und nördlich: wo Helheim liegt

Die Richtung ist klar. Hermóðr bekommt in Snorris Erzählung zu hören, der Helweg führe niðr ok norðr – „hinab und nach Norden“. Hinab, weil Hel unter der Erde liegt; nach Norden, weil dort Kälte, Dunkelheit und Riesen zu Hause sind.

Nach Snorris Kosmologie liegt Hel in oder bei Niflheim, der uralten Nebel- und Eiswelt, die schon vor der Erschaffung der Welt existierte. In der Gylfaginning, dem ersten Teil seiner Prosa-Edda (um 1220), heißt es, Odin habe Hel nach Niflheim hinabgeworfen und ihr Macht über neun Welten gegeben. Dort solle sie allen Wohnstatt zuteilen, die zu ihr gesandt werden: den an Krankheit und an Alter Gestorbenen.

Die Lieder klingen etwas anders. In der Grímnismál wohnt unter einer der drei Wurzeln des Weltenbaums Hel, unter der zweiten die Reifriesen, unter der dritten die Menschen. Snorri setzt an diese Stelle Niflheim mit dem Brunnen Hvergelmir, an dem Níðhöggr nagt. Für ihn sind Hel und Niflheim fast austauschbar.

Und es gibt eine noch tiefere Ebene: Niflhel, die „Nebel-Hel“. Im Vafþrúðnismál rühmt sich der Riese Vafþrúðnir, er sei durch neun Welten gekommen, hinab unter Niflhel, wohin die Menschen aus der Hel sterben. Man stirbt also aus Hel noch einmal weiter. Snorri macht daraus eine moralische Ordnung: Böse Menschen fahren zur Hel und von dort nach Niflhel, „hinab in die neunte Welt“. Ob diese Staffelung alt oder gelehrte Systematik ist, lässt sich nicht entscheiden. Wie viel System in den neun Welten überhaupt steckt, zeigen wir separat.

Hermóðs Ritt: die einzige Reisebeschreibung

Für den Weg nach Helheim haben wir genau eine ausführliche Schilderung, in Snorris Gylfaginning, als Teil der Geschichte von Balders Tod. Frigg fragt, wer zu Hel reiten und Lösegeld für Balder anbieten will. Es meldet sich Hermóðr der Schnelle, ein Sohn Odins, und bekommt Sleipnir geliehen, Odins achtbeinigen Hengst.

Neun Nächte reitet Hermóðr durch dunkle, tiefe Täler, so finster, dass er nichts sieht. Dann erreicht er den Fluss Gjöll – der Name bedeutet etwa „die Tosende“ oder „die Lärmende“. Über ihn führt die Brücke Gjallarbrú, und die ist, so Snorri, mit leuchtendem Gold gedeckt. Der Weg ins düsterste Reich führt über Gold.

Auf der Brücke wacht eine Jungfrau namens Móðguðr. Ihr Name wird meist als „Kampfeswut“ oder „die zornig Kämpfende“ gedeutet, ganz sicher ist das nicht. Sie fragt Hermóðr nach Namen und Herkunft und sagt dann einen der unheimlichsten Sätze der ganzen Edda, hier sinngemäß wiedergegeben: Gestern seien fünf Scharen toter Männer über die Brücke geritten, aber unter ihm allein dröhne sie nicht weniger. Und er habe nicht die Farbe toter Männer. Warum reite er auf dem Helweg?

In diesem Wortwechsel steckt eine ganze Totenlehre. Die Toten haben eine eigene Farbe, an der man sie erkennt, und sie sind leicht; ein Lebender bringt die Brücke zum Dröhnen. Und es kommen viele: fünf Scharen an einem Tag. Hel ist kein Ort für wenige Verdammte, sondern das gewöhnliche Ziel der Gewöhnlichen. Móðguðr bestätigt, dass Balder hier vorbeigeritten ist – und dann folgt die berühmte Wegbeschreibung: hinab und nach Norden.

Am Gitter: Helgrind und die Halle

Am Ende des Weges steht ein Tor oder Zaun, die Helgrindr, das „Hel-Gitter“. Hermóðr steigt ab, zieht den Sattelgurt fest, sitzt wieder auf und gibt Sleipnir die Sporen. Der Hengst springt so hoch über das Gitter, dass er ihm nirgends nahekommt. Ein Lebender kommt nicht durchs Tor, nur darüber hinweg.

Das Bild vom Totengitter ist älter als Snorri. In der Lokasenna droht Thor dem Loki, Hrungnirs Töter – also sein Hammer – werde ihn zur Hel schicken, „unter das Leichengitter“ (fyr nágrindr neðan). Die Vorstellung eines eingezäunten Totenbezirks war also auch den Liederdichtern geläufig. Snorri betont, die Mauern der Hel seien außerordentlich hoch und die Gitter groß.

Drinnen findet Hermóðr seinen Bruder im Ehrensitz der Halle. Er bleibt über Nacht und trägt am Morgen sein Anliegen vor. Hel stellt ihre bekannte Bedingung: Wenn alle Dinge in der Welt, lebendige wie tote, um Balder weinen, darf er zurückkehren. Weint auch nur eines nicht, bleibt er bei ihr. Bevor Hermóðr zurückreitet, gibt Balder ihm den Ring Draupnir für Odin mit, den man ihm auf den Scheiterhaufen gelegt hatte. Balders Frau Nanna, die ihm in den Tod gefolgt ist, schickt Frigg ein Leinengewand und der Dienerin Fulla einen goldenen Fingerring.

Die Szene ist bemerkenswert unspektakulär. Keine Folter, keine Flammen. Balder sitzt auf einem Ehrenplatz und verschickt Geschenke. Helheim ist hier ein Ort der Abwesenheit, nicht der Strafe. Wie es endet, weißt du: Die Riesin Þökk weigert sich zu weinen – und Snorri deutet an, dass dahinter Loki steckte.

Der Hund vor der Höhle: Garmr und Gnipahellir

Wer an Wächter der Unterwelt denkt, denkt an Hunde. Auch der Norden hat einen. In der Völuspá, dem großen Seherinnenlied, kehrt ein Kehrreim mehrfach wieder: „Laut heult Garmr vor Gnipahellir“ (eigene Übertragung). Gnipahellir bedeutet etwa „Felsüberhang-Höhle“. Dort ist der Hund gefesselt, und wenn er losreißt, beginnt Ragnarök. Snorri lässt Garmr in der Endschlacht gegen den Gott Týr kämpfen; beide töten einander.

Ob Garmr der Wachhund Helheims ist, sagen die Quellen aber nicht. In den Baldrs draumar begegnet Odin auf dem Weg zur Hel einem namenlosen Hund, der „aus Hel kam“, mit blutiger Brust. Kommentare wie der von Henry Adams Bellows (1923) setzen ihn mit Garmr gleich. Den dreiköpfigen Kerberos sollte man jedenfalls nicht auf den Norden übertragen.

Mythos-Check: „Garmr ist der Höllenhund von Helheim.“ – So steht es nirgends. Die Völuspá nennt Gnipahellir, aber nicht Hel; die Baldrs draumar nennen keinen Namen. Dass beide Hunde derselbe sind, ist eine gut begründete Vermutung, kein Quellenbefund.

Éljúðnir: Snorris Ausstattung des Elends

Die farbigste Beschreibung von Helheim verdanken wir wieder Snorri. Im Kapitel über Lokis Kinder zählt er auf, wie die Halle der Hel eingerichtet ist, und er tut das mit erkennbarer Lust am Wortspiel. Die Halle heißt Éljúðnir. Die Bedeutung ist nicht sicher geklärt; meist wird der Name mit él „Schneeschauer, Graupel“ verbunden und als „die von Schneeschauern Feuchte“ verstanden.

Und dann wird es allegorisch. Ihre Schüssel heißt Hungr, Hunger. Ihr Messer heißt Sultr, ebenfalls Hunger oder Darben. Der Knecht heißt Ganglati, die Magd Ganglöt – beides bedeutet „der/die Langsamgehende“. Die Schwelle, über die man eintritt, heißt Fallanda forað, etwa „drohender Absturz“ oder „Fallgrube“. Ihr Bett heißt Kör, Krankenlager, und die Bettvorhänge Blíkjanda böl, „schimmerndes Unheil“.

Das ist großartige Literatur, aber kein Inventar heidnischen Glaubens. Die Namen personifizieren Mangel, Siechtum und Trägheit – genau das, woran die Bewohner nach Snorri gestorben sind. Die Halle spiegelt die Todesart ihrer Gäste. Ältere Belege für diese Namen gibt es nicht; Hilda Ellis Davidson hielt Snorris Unterweltschilderung daher für weitgehend sein eigenes Werk.

Quellenlage: Die Einrichtungsliste der Halle (Éljúðnir, Hungr, Sultr, Ganglati, Ganglöt, Fallanda forað, Kör, Blíkjanda böl) steht nur in Snorris Gylfaginning (um 1220). Die Edda-Lieder kennen dagegen eine „hohe Halle der Hel“ (Baldrs draumar), ein Leichengitter (Lokasenna) und einen rußroten Hahn, der „unter der Erde in den Sälen der Hel“ kräht (Völuspá).

Náströnd: der Leichenstrand

Wo bleibt nun die Strafe? Es gibt sie – aber an einem eigenen Ort, und nicht ganz dort, wo man sie erwartet. Die Völuspá beschreibt einen Saal „fern der Sonne“ auf der Náströnd, dem „Leichenstrand“. Die Türen weisen nach Norden, Gift tropft durch die Dachluken, die Wände sind aus Schlangenrücken geflochten. Henry Adams Bellows übersetzte 1923:

A hall I saw, far from the sun, / On Nastrond it stands, and the doors face north.Völuspá, übers. H. A. Bellows, The Poetic Edda (1923)

Dort sieht die Seherin Meineidige und Mordwölfe – also hinterhältige Mörder – durch schwere Ströme waten, und den Drachen Níðhöggr, der an den Leichen der Toten saugt. Das ist das einzige Bild in den Edda-Liedern, das einer christlichen Hölle wirklich nahekommt: Bestrafung für bestimmte Vergehen, ausgerechnet Eidbruch und Meuchelmord, also Verbrechen gegen die soziale Ordnung.

Aber: Die Völuspá sagt nicht, dass Náströnd in Hel liegt. Das Lied nennt den Ort für sich. Snorri wiederum verlegt Náströnd in die Zeit nach Ragnarök. In seiner Darstellung gibt es nach dem Weltuntergang gute und schlechte Wohnstätten: Gimlé, Brimir und Sindri für die Rechtschaffenen, Náströnd für die Übeltäter. Und er fügt hinzu, das Schlimmste sei in Hvergelmir. Wie das zur Neuen Welt passt, kannst du in unserem Beitrag Was kommt nach Ragnarök? nachlesen.

Viele Forscher sehen gerade hier christlichen Einfluss: Die Völuspá wird meist um das Jahr 1000 datiert, in die Zeit der Bekehrung Islands. Andere halten eine Strafe für Eidbrecher auch heidnisch für denkbar. Die Quellen erlauben keine Entscheidung. Die Strophen im Zusammenhang: Völuspá zum Nachlesen.

Baldrs draumar: Odin reitet zum Ostportal

Ein zweiter Ritt nach Hel steht in den Liedern selbst. Die Baldrs draumar („Balders Träume“) sind nicht im Codex Regius, sondern in der Handschrift AM 748 I 4to überliefert. Balder wird von bösen Träumen geplagt; Odin sattelt Sleipnir und reitet hinab nach Niflhel.

Unterwegs trifft er den blutigen Hund aus Hel, die Erde dröhnt, bis er das „hohe Haus der Hel“ erreicht. Am östlichen Tor liegt das Grab einer Seherin, die er mit Totenzaubern weckt. Ihre ersten Worte: Sie sei beschneit, vom Regen geschlagen, vom Tau durchnässt gewesen, lange sei sie tot.

Odin nennt sich Vegtamr, „der Weggewohnte“, und fragt, für wen die Bänke mit Ringen und die Plattformen mit Gold geschmückt seien. Die Antwort der Seherin, in Bellows’ gemeinfreier Übersetzung:

Here for Baldr the mead is brewed, / The shining drink, and a shield lies o’er it.Baldrs draumar 7, übers. H. A. Bellows (1923)

In der Halle der Hel wird also ein Fest vorbereitet: Met gebraut, Bänke geschmückt, der Ankömmling erwartet wie ein Ehrengast. Hel ist hier kein Kerker, sondern eine düstere Spiegelung der Hallen der Lebenden. Und die Seherin liegt vor dem Tor, an der Grenze. Zur Datierung gehen die Meinungen auseinander; Bellows hielt das Lied für alt, andere für jüngere Dichtung im Stil der Völuspá.

Helreið Brynhildar: im Wagen nach Hel

Das dritte Zeugnis führt uns aus der Götterwelt in die Heldensage. Die Helreið Brynhildar, „Brynhilds Helfahrt“, steht im Codex Regius bei den Liedern um Sigurd. Nach ihrem Tod werden Brynhild und Sigurd verbrannt – nach der Prosaeinleitung auf zwei Scheiterhaufen. Brynhild wird in einem Wagen gefahren und fährt auf dem Helweg an einem Gehöft vorbei, in dem eine Riesin wohnt.

Die Riesin verstellt ihr den Weg: Sie solle lieber am Webstuhl sitzen, statt einem fremden Ehemann nachzureisen. Brynhild rechtfertigt ihr ganzes Leben und schließt trotzig, sie und Sigurd würden fortan zusammen sein – „Versinke, Riesin!“

Für unsere Frage zählt dreierlei: Auch eine Walküre aus königlichem Haus fährt nach Hel, nicht nach Walhall. Der Helweg ist eine Landstraße mit Begegnungen. Und die Reise geschieht im Wagen. Bellows und andere Herausgeber datieren das Lied allerdings eher spät, ins 11. Jahrhundert oder später, und sehen in der Hoffnung auf ein gemeinsames Weiterleben der Liebenden christlichen Einfluss. Mehr über die Heldin selbst findest du bei Brynhild.

Lieder gegen Snorri: zwei Bilder von Helheim

Legen wir die Quellen nebeneinander, ergibt sich ein Muster. Die Edda-Lieder zeichnen Hel als den gewöhnlichen Ort der Toten: Balder geht dorthin, obwohl er ein Gott ist, Brynhild, obwohl sie Walküre war. In der Völuspá fürchten sich alle „auf den Helwegen“. Und Egill Skallagrímsson schließt sein Klagegedicht Sonatorrek damit, er wolle froh und unbetrübt auf Hel warten.

Snorri dagegen ordnet. Bei ihm gehen die Gefallenen zu Odin nach Walhall, die an Krankheit und Alter Gestorbenen zu Hel. An anderer Stelle sortiert er nach Moral: Gute kommen nach Gimlé oder Vingólf, Böse zur Hel und weiter nach Niflhel. Beide Einteilungen passen nicht zusammen – wer friedlich im Bett stirbt, ist nicht automatisch böse.

Außerdem gehen nicht alle Toten an einen von zwei Orten. Freyja erhält nach der Grímnismál die Hälfte der Gefallenen, die Meeresgöttin Rán die Ertrunkenen, und Sagas kennen Tote, die in Grabhügeln oder Bergen weiterleben. „Walhall für Helden, Helheim für den Rest“ ist eine Vereinfachung, die vor allem auf Snorri zurückgeht. Mehr: Tod und Jenseits im Norden.

Snorri war eben ein gebildeter christlicher Isländer, der gut zweihundert Jahre nach der Bekehrung ein Lehrbuch für Dichter schrieb. Er hat Großartiges bewahrt, aber auch geordnet und ergänzt. Mehr dazu: Snorri Sturluson.

Christlicher Einfluss: eine offene Forschungsfrage

Wie viel Christentum steckt in Helheim? Endgültig beantwortet ist das nicht. Weil „Hel“ zugleich das christliche Wort für den Strafort wurde, lasen spätere Schreiber die alten Texte durch diese Brille. Die Sortierung nach Gut und Böse und die Strafen auf Náströnd erinnern an christliche Lehre. Und Christopher Abram argumentiert, dass Snorris Bericht von Hermóðs Ritt mehr mit der christlichen Visionsliteratur des Mittelalters gemein hat als mit einheimischen Quellen – Texten, in denen Lebende Jenseitslandschaften durchqueren, gefährliche Brücken passieren und mit Botschaften zurückkehren.

Ein Vergleich zeigt, wie verwickelt die Lage ist. Saxo Grammaticus erzählt um 1200 im ersten Buch seiner Gesta Danorum, wie König Hadingus von einer Frau, die mitten im Winter frische Kräuter trägt, unter die Erde geführt wird. Sie gehen durch Nebel, überqueren auf einer Brücke einen Fluss voller Waffen, sehen zwei unablässig kämpfende Heere gefallener Krieger und stehen schließlich vor einer hohen Mauer. Die Frau dreht einem Hahn den Hals um und wirft ihn hinüber – drüben kräht er wieder.

Fluss, Brücke, Mauer, Überspringen der Grenze: Die Parallelen zu Gjallarbrú und Helgrind sind deutlich. Ob Saxo und Snorri aus gemeinsamer skandinavischer Überlieferung schöpfen oder unabhängig gelehrte Muster nutzten, ist umstritten. Aus Holstein stammt die Visio Godeschalci vom Ende des 12. Jahrhunderts: Ein Bauer sieht im Jenseits eine Dornenheide, einen Fluss voller Eisenspitzen und eine Linde voller Schuhe für die Barmherzigen. Christliche Vision und volkstümliches Motiv sind hier kaum zu trennen. Mehr dazu: Die Christianisierung der Germanen.

Was Gräber verraten – und was nicht

Die Archäologie kann eine Frage nicht beantworten: welcher Tote an welchen Ort gehen sollte. Ein Grab sagt uns, wie jemand bestattet wurde, nicht, ob die Hinterbliebenen ihn in Hel, Walhall oder im Hügel selbst vermuteten. Trotzdem zeigen die Funde der Wikingerzeit eine Vorstellung, die sich gut zu den Texten fügt: Der Tod ist eine Reise.

Tote wurden mit Schiffen, Pferden, Hunden und Wagen bestattet. In Dänemark kennt man aus dem 10. Jahrhundert Frauengräber mit einem Wagenkasten als Sarg – etwa in Fyrkat, wo eine reich ausgestattete Frau mit Bilsenkrautsamen lag (siehe Bilsenkraut). Man denkt an Brynhilds Wagenfahrt, doch ein Wagenkasten kann auch Statussymbol oder schlicht Sarg gewesen sein. Und Ibn Faḍlān schildert im 10. Jahrhundert eine Schiffsverbrennung der Rus an der Wolga, bei der eine Sklavin ihren Herrn in einem grünen Paradies sitzen sieht – von Hel keine Rede (Ibn Fadlan bei den Rus).

Mythos-Check: „Wikinger banden ihren Toten Helschuhe an, damit sie den Weg nach Helheim gehen konnten.“ – Der Brauch der helskór ist nur an einer einzigen Stelle der altnordischen Literatur belegt, in der Gísla saga Súrssonar (13. Jahrhundert). Dort bindet Þorgrímr dem erschlagenen Vésteinn die Helschuhe und sagt, es sei Sitte, den Männern Helschuhe zu binden, auf denen sie nach Walhall gehen sollen – nicht nach Hel. Inger Vibeke Hansen betonte 1987, dass der Brauch ausschließlich aus dieser Saga bekannt ist. Schuhe in Gräbern sind zwar häufig, weil man Tote bekleidet bestattete, doch ein eigener Helschuh-Ritus lässt sich archäologisch nicht nachweisen.

Was bleibt, ist ein vorsichtiges Bild: Die Menschen der Wikingerzeit statteten ihre Toten aus, als wären sie unterwegs. Die Texte des 13. Jahrhunderts erzählen von einem dunklen Weg hinab und nach Norden, über einen tosenden Fluss und eine goldene Brücke bis zu einem Gitter. Ob ein Bauer im 9. Jahrhundert genau diesen Weg vor Augen hatte, wissen wir nicht. Dass er an einen Weg dachte, ist wahrscheinlich.

In unserer Werkstatt in Alsdorf begegnet uns dieser Gedanke oft – bei Gedenktafeln, für die Menschen nordische Motive wünschen. Dass der Tod eine Reise ist und nicht einfach ein Ende, berührt bis heute.

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Häufige Fragen

Was ist Helheim in der nordischen Mythologie? Helheim ist das Totenreich unter der Erde, in den Quellen meist einfach „Hel“ genannt. Nach Snorri Sturluson liegt es in Niflheim und nimmt die an Krankheit und Alter Gestorbenen auf; in den Edda-Liedern ist es der gewöhnliche Ort aller Toten.

Wie kommt man nach Helheim? Nach Snorris Erzählung von Hermóðr führt der Helweg neun Nächte lang durch dunkle Täler hinab und nach Norden, über den Fluss Gjöll und die goldgedeckte Brücke Gjallarbrú, die Móðguðr bewacht, bis zum Gitter Helgrind.

Ist Helheim dasselbe wie die christliche Hölle? Nein. Das Wort ist verwandt, aber Hel ist in den Edda-Liedern kein Strafort, sondern ein dunkler Aufenthaltsort der Toten. Nur die Náströnd-Strophen der Völuspá schildern Strafen – und gerade dort vermuten viele Forscher christlichen Einfluss.

Wer bewacht Helheim? An der Brücke Gjallarbrú wacht die Jungfrau Móðguðr. Der Hund Garmr vor der Höhle Gnipahellir wird oft als Höllenhund verstanden; ausdrücklich als Wächter Helheims bezeichnen ihn die Quellen aber nicht.

Was ist der Unterschied zwischen Helheim und Niflheim? Niflheim ist bei Snorri die urzeitliche Nebel- und Eiswelt; Hel liegt dort oder grenzt daran. Niflhel ist eine noch tiefere Stufe, in die nach Snorri die Bösen aus Hel weiterziehen.

Kamen nur Feiglinge nach Helheim? Nein, das ist ein modernes Klischee. Auch der Gott Balder und die Walküre Brynhild fahren nach Hel. Die Trennung „Helden nach Walhall, alle anderen nach Hel“ geht vor allem auf Snorris spätere Systematik zurück.

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