Niflheim ist in der nordischen Mythologie die kalte, neblige Urwelt im Norden, aus deren Eis zusammen mit dem Feuer Muspells der Urriese Ymir entstand. Der Name bedeutet etwa „Nebelwelt“. Beschrieben wird sie fast nur von Snorri Sturluson in der Gylfaginning (um 1220): Dort liegt in ihrer Mitte der Brunnen Hvergelmir, aus dem die Urflüsse strömen, und dorthin wird später die Totengöttin Hel verbannt. Die älteren Edda-Lieder kennen dagegen nur Niflhel, eine finstere Tiefe unter dem Totenreich. Hier trennen wir die drei Begriffe sauber.
Stell dir eine Welt vor, die keinen Boden hat, an dem man sich festhalten könnte. Kein Licht, kein Horizont, nur Dunst, der sich zu Reif verdichtet, und irgendwo darunter das Brausen eines Kessels, aus dem Ströme voller Gift quellen. So malt Snorri Sturluson den Norden am Anfang aller Dinge. Niflheim ist kein Ort, den Helden bereisen, kein Reich mit Hallen und Königen. Es ist ein Zustand der Welt, bevor es Welt gab: Kälte als Urstoff.
Gleichzeitig ist Niflheim einer der am häufigsten missverstandenen Begriffe der nordischen Mythologie. Mal wird es mit dem Totenreich gleichgesetzt, mal als „Eisriesenwelt“ geführt, mal als eine von neun nummerierten Welten. Die Quellen sind sparsamer und widersprüchlicher. Wir gehen der Nebelwelt Stelle für Stelle nach: erst das Wort, dann Snorris Schöpfungsbericht, dann Hel und Niflhel, und am Ende die Frage, ob Niflheim überhaupt älter ist als Snorris Schreibstube.
Altnordisch heißt die Welt Niflheimr. Der zweite Teil ist leicht: heimr bedeutet „Welt, Wohnstätte, Heimat“ und steckt auch in Jötunheimr oder Vanaheimr. Spannender ist der erste Teil. Nifl gehört zu einer weit verbreiteten indogermanischen Wortfamilie für Nebel und Wolken: Verwandt sind unser deutsches „Nebel“, niederländisch nevel, lateinisch nebula und griechisch nephélē („Wolke“). Im Altenglischen gibt es ein Wort nifol mit der Bedeutung „dunkel, finster“. Gemeint ist also eher Düsternis als romantischer Morgendunst.
„Nebelheim“ oder „Nebelwelt“ sind darum gute Übersetzungen, „Dunkelwelt“ trifft den Ton ebenfalls. Der englische Übersetzer Arthur Gilchrist Brodeur machte 1916 aus Niflheim schlicht die Mist-World.
Wichtig für alles Weitere: Das Wort Niflheimr selbst ist in der mittelalterlichen Überlieferung praktisch nur bei Snorri belegt. In den Götterliedern der Lieder-Edda taucht stattdessen eine andere Bildung auf: Niflhel, wörtlich „Nebel-Hel“ oder „Dunkel-Hel“. Henry Adams Bellows übersetzte es 1923 mit Dark-Hell. Dieser kleine Unterschied in der Endung entscheidet über fast alle Missverständnisse rund um die Nebelwelt.
Im Netz liest du oft „Niflheim, auch Niflhel oder Helheim genannt“. So einfach ist es nicht.
| Begriff | Belegt in | Was gemeint ist |
|---|---|---|
| Niflheimr | fast nur Snorris Gylfaginning | kalte Urwelt im Norden, älter als die Erde; später Verbannungsort Hels |
| Niflhel | Vafþrúðnismál 43, Baldrs draumar 2, bei Snorri Gylfaginning Kap. 3 | die finstere Tiefe unter oder hinter dem Totenreich |
| Hel | überall in Lied, Skaldik und Prosa | das Totenreich und zugleich die Göttin, die darüber herrscht |
Hel ist der Normalfall: der Ort, an den die meisten Toten gehen, und die Gestalt, die ihn verwaltet. Niflhel ist eine Steigerung davon, eine Art Unterkeller des Totenreichs. Niflheim schließlich ist bei Snorri in erster Linie ein kosmologischer Begriff, eine Region der Urzeit. Erst weil Snorri Hel später dorthin verbannt, überlagern sich die Bilder. Die heute so geläufige Form Helheim spielt in den Quellen eine viel kleinere Rolle als in Lexika und Spielen; mehr dazu in unserem Artikel über Helheim.
Die ältesten Belege stehen in zwei eddischen Gedichten. Beide sind erst in Handschriften des späten 13. Jahrhunderts erhalten, ihr Stoff dürfte aber älter sein; wie viel älter, ist umstritten.
Im Vafþrúðnismál, dem tödlichen Wissenswettstreit zwischen Odin und dem Riesen Vafþrúðnir, prahlt der Riese in Strophe 43 mit seiner Weltkenntnis. Er sei in jede Welt gekommen, sagt er, und dann folgt der entscheidende Satz: níu kom ek heima fyr Niflhel neðan; hinig deyja ór helju halir.
„To nine worlds came I, to Niflhel beneath, / The home where dead men dwell.“Vafþrúðnismál 43, Übersetzung Henry Adams Bellows (1923, gemeinfrei)
Der altnordische Wortlaut ist schärfer als Bellows’ Version: „Neun Welten kam ich, unten vor Niflhel; dorthin sterben aus Hel die Männer“ (eigene, wörtliche Übertragung). Die Toten sterben also aus Hel heraus noch einmal, hinab nach Niflhel. Das ist der Kern des Begriffs: eine zweite, tiefere Stufe des Todes. Und Niflhel liegt hier unter den neun Welten, nicht als eine von ihnen.
Der zweite Beleg steht in Baldrs draumar, einem kurzen Gedicht über Balders unheilvolle Träume, das nicht im Codex Regius, sondern in der Handschrift AM 748 I a 4to überliefert ist. In Strophe 2 sattelt Odin Sleipnir und reitet hinab, Niflheljar til, „nach Niflhel“, um eine tote Seherin zu befragen. Unterwegs begegnet ihm ein blutbefleckter Hund, der „aus Hel“ kommt. Wieder ist Niflhel der tiefste Punkt einer Abwärtsbewegung. Von Eis, Reif oder Urflüssen ist in beiden Liedern keine Rede. Wie man sich diesen Abstieg vorstellte, liest du in Der Weg nach Hel.
Um 1220 schreibt der isländische Gelehrte und Politiker Snorri Sturluson seine Edda, ein Lehrbuch für Dichter. Ihr erster Teil, die Gylfaginning („Gylfis Betörung“), ist als Gespräch aufgebaut: Der schwedische König Gylfi fragt unter dem Namen Gangleri drei geheimnisvolle Gestalten aus, Hár, Jafnhár und Þriði. Snorri war Christ, schrieb zwei Jahrhunderte nach der Bekehrung Islands und ordnete die alten Lieder nach eigenem Plan – Bewahrer und Baumeister zugleich.
In Kapitel 4 (Zählung nach Brodeur und den gängigen Ausgaben; manche Editionen zählen leicht anders) fragt Gangleri, wie alles begann. Hár zitiert zunächst die Völuspá: Am Anfang war nichts, weder Sand noch See, nur die gähnende Kluft Ginnungagap. Dann übernimmt Jafnhár mit einem Satz, der Niflheim zeitlich verortet: Fyrr var þat mörgum öldum en jörð var sköpuð, er Niflheimr var gerr.
„It was many ages before the earth was shaped that the Mist-World was made.“Gylfaginning 4, Übersetzung Arthur Gilchrist Brodeur (1916, gemeinfrei)
Das ist eine präzise Aussage: Niflheim ist geschaffen, „gemacht“ (gerr), und zwar viele Zeitalter vor der Erde. Wer es gemacht hat, sagt Snorri nicht. Und Niflheim ist nicht das Allererste. Unmittelbar danach erklärt Þriði, noch früher habe es im Süden die Welt namens Muspell gegeben, hell und heiß, unzugänglich für alle, die dort nicht heimisch sind, bewacht von Surtr mit seinem flammenden Schwert. Die Reihenfolge lautet also: zuerst Muspelheim, dann Niflheim, dann alles andere. Das kosmische Urpaar ist bei Snorri kein Zwillingspaar, sondern ein älteres und ein jüngeres Geschwister.
Was liegt in Niflheim? Snorri nennt genau ein Ding: í honum miðjum liggr brunnr sá, er Hvergelmir heitir, „in seiner Mitte liegt der Brunnen, der Hvergelmir heißt“. Der Name wird meist als „brausender Kessel“ gedeutet: hverr ist der Kessel, in Island auch die heiße Quelle, gelmir wird als „der Lärmende, Tosende“ verstanden.
Aus Hvergelmir fließen nach Snorri elf Flüsse: Svöl, Gunnþrá, Fjörm, Fimbulþul, Slíðr ok Hríð, Sylgr ok Ylgr, Víð, Leiptr, und dann ein Nachsatz: Gjöll er næst Helgrindum, „Gjöll ist den Hel-Gittern am nächsten“. Schon im Schöpfungskapitel schimmert also das Totenreich durch. Gjöll ist der Fluss, über den später die Brücke Gjallarbrú führt, die Hermóðr auf seinem Ritt zu Balder überquert.
Woher hat Snorri diese Namen? Aus dem Grímnismál. Dort tropft in Strophe 26 vom Geweih des Hirsches Eikþyrnir auf Walhalls Dach Flüssigkeit nach Hvergelmir hinab, „von dort haben alle Wasser ihren Weg“. Die Strophen 27 und 28 sind lange Flussnamenkataloge. Strophe 27 nennt unter anderem Síð und Víð, Svöl und Gunnþró, Fjörm und Fimbulþul, dazu, für Leser aus dem Rheinland kurios, Rín, den Rhein. Strophe 28 nennt Slíð und Hríð, Sylgr und Ylgr, Víð und Ván, Gjöll und Leiptr und viele mehr und schließt damit, dass sie „den Menschen nahe“ fließen und „von hier zu Hel fallen“.
„From his horns a stream into Hvergelmir drops, / Thence all the rivers run.“Grímnismál 26, Übersetzung Henry Adams Bellows (1923, gemeinfrei)
Snorri hat also aus zwei unübersichtlichen Katalogen eine Auswahl gezogen und sie dem Brunnen in Niflheim zugeordnet. Im Lied selbst steht Hvergelmir gar nicht in Niflheim. Bellows merkt an, dass die Strophen 27 bis 34 vermutlich spätere Einschübe sind und die Namen in den Handschriften schwanken. Mehr zu den Quellen unter dem Weltenbaum liest du in unserem Artikel über die drei Brunnen unter Yggdrasil.
In Kapitel 5 kommt Bewegung in die Kälte. Hár erzählt von den Strömen namens Élivágar. Der Name setzt sich aus él, „Schnee- oder Hagelschauer“, und vágar, „Wogen, Buchten“, zusammen; Brodeur übersetzt Ice-waves, im Deutschen trifft „Unwetterwogen“ den Sinn. Als diese Flüsse weit genug von ihrem Ursprung entfernt waren, erstarrte das Gift, das sie mit sich führten, wie die Schlacke, die aus dem Schmiedefeuer rinnt, und wurde zu Eis. Darüber legte sich Reif, Schicht um Schicht, bis in die Kluft Ginnungagap hinein.
Snorri sagt nicht ausdrücklich, dass die Élivágar dieselben Flüsse sind, die aus Hvergelmir kommen. Die Erzählung legt es nahe, und die meisten Nacherzählungen verbinden beides. Die Élivágar selbst sind älter als Snorri: Im Vafþrúðnismál (Strophe 31) springen aus ihnen Gifttropfen, aus denen ein Riese wuchs, und in der Hymiskviða wohnt der Riese Hymir östlich der Élivágar. Snorri fügt diese Splitter zu einer Kette: Niflheim, Hvergelmir, Élivágar, Reif.
Dann kommt der Satz, der die beiden Urwelten gegenüberstellt. Jafnhár sagt, so wie aus Niflheim Kälte aufstieg „und alle grimmen Dinge“, so sei alles, was gegen Muspell lag, heiß und glühend gewesen, Ginnungagap aber mild wie windstille Luft.
„Just as cold arose out of Niflheim, and all terrible things …“Gylfaginning 5, Übersetzung Arthur Gilchrist Brodeur (1916, gemeinfrei)
„Alle grimmen Dinge“, allir hlutir grimmir: Niflheim ist bei Snorri nicht nur kalt, sondern feindlich. Das passt zur späteren Rolle als Verbannungsort.
Was dann geschieht, ist der berühmteste Moment der nordischen Schöpfungserzählung. Der südliche Teil von Ginnungagap wurde von Funken und glühenden Massen erhellt, die aus Muspellheim herüberflogen. Als der warme Hauch auf den Reif traf, schmolz er und tropfte, und aus den Tropfen entstand durch die Kraft dessen, der die Hitze sandte, Leben in Menschengestalt: der Urriese Ymir. Kurz danach ging aus dem tropfenden Reif auch die Urkuh Audhumla hervor, von deren Milch Ymir sich nährte.
„… when the breath of heat met the rime, so that it melted and dripped …“Gylfaginning 5, Übersetzung Arthur Gilchrist Brodeur (1916, gemeinfrei)
Niflheim liefert also den Stoff, Muspell die Energie. Aus Ymirs Leib bauen Odin und seine Brüder später die Welt: aus dem Fleisch die Erde, aus dem Blut das Meer, aus dem Schädel den Himmel. In Snorris Logik steckt Niflheim damit in jedem Stein von Midgard.
Snorri stützt diesen Bericht auf ältere Lieder, vor allem auf Völuspá und Vafþrúðnismál. Aber die Rollenverteilung Eis gegen Feuer, Norden gegen Süden, findet sich in dieser Klarheit nur bei ihm. Ob dahinter verlorene Überlieferung, gelehrte Naturkunde oder Islands Landschaft aus Gletschern und Vulkanen steht, lässt sich nicht beweisen; Letzteres ist eine plausible, aber unbelegte moderne Vermutung.
Niflheim kehrt wieder, wenn Snorri den Weltenbaum beschreibt. In Kapitel 15 erklärt Hár, dass Yggdrasil drei Wurzeln hat: eine bei den Asen, eine bei den Reifriesen, wo einst Ginnungagap war, und in þriðja stendr yfir Niflheimi, ok undir þeiri rót er Hvergelmir, „die dritte steht über Niflheim, und unter dieser Wurzel ist Hvergelmir“. Dort nagt der Drache Níðhöggr von unten an der Wurzel. Im folgenden Kapitel ergänzt Snorri, in Hvergelmir seien so viele Schlangen bei Níðhöggr, dass keine Zunge sie zählen könne.
Auch hier lohnt der Blick in die Lieder. Grímnismál 31 nennt drei Wurzeln und ordnet sie Hel, den Reifriesen und den Menschen zu. Snorri macht aus Hel an dieser Stelle Niflheim und aus den Menschen die Asen. Das ist kein Versehen, sondern eine Umordnung, die zu seinem System passt: Niflheim ist für ihn die Region unter allem. Dass das Lied genau dort „Hel“ sagt, wo Snorri „Niflheim“ schreibt, ist ein starkes Indiz, dass er beides gedanklich bereits zusammengelegt hatte.
Die folgenreichste Niflheim-Stelle steht in Kapitel 34. Die Götter erfahren, dass Loki mit der Riesin Angrboða drei Kinder hat: den Wolf Fenrir, die Midgardschlange und Hel. Odin lässt sie holen und verteilt sie: die Schlange ins Meer, den Wolf in Fesseln, und Hel kastaði hann í Niflheim ok gaf henni vald yfir níu heimum.
„Hel he cast into Niflheim, and gave to her power over nine worlds …“Gylfaginning 34, Übersetzung Arthur Gilchrist Brodeur (1916, gemeinfrei)
Hel soll dort den Toten Wohnungen zuteilen, die man ihr schickt, nämlich denen, die an Krankheit oder Alter sterben. Snorri beschreibt ihr Anwesen mit hohen Mauern, ihre Halle Éljúðnir und sprechende Hausratsnamen wie „Hunger“ für ihre Schüssel. Damit ist der Kurzschluss perfekt: Das Totenreich liegt jetzt in Niflheim. Wer heute Niflheim und Helheim verwechselt, folgt im Grunde genau dieser Stelle.
Halte die Begriffe trotzdem auseinander. In Kapitel 34 ist Niflheim der Ort, an den Hel verbannt wird, und Hel ist die Herrin. Das Totenreich, das sie verwaltet, heißt weiterhin schlicht Hel. Und in Kapitel 3 kennt Snorri zusätzlich das liedhafte Niflhel: Die Guten kommen nach Gimlé oder Vingólf, die Bösen aber til Heljar ok þaðan í Niflhel; þat er niðr í inn níunda heim, „zu Hel und von dort nach Niflhel, das ist hinab in die neunte Welt“. Hier folgt Snorri deutlich dem Vafþrúðnismál, worauf schon Gabriel Turville-Petre hingewiesen hat. Bei Snorri gibt es also eine Stufenfolge: Hel für die gewöhnlich Gestorbenen, Niflhel als tiefere Strafe für Übeltäter – und Niflheim als kosmische Landschaft, in der beides liegt.
Wie wacklig die Grenze zwischen Niflheim und Niflhel schon im Mittelalter war, zeigt eine kleine Stelle in Kapitel 42, der Geschichte vom Mauerbau um Asgard. Der Riese, der den Göttern die Burg bauen soll, wird am Ende von Thor erschlagen und hinabgeschickt. Wohin? Das hängt davon ab, welche Handschrift du aufschlägst. Die Online-Ausgabe auf heimskringla.no liest niðr undir Niflheim, Brodeurs Übersetzung folgt einer Vorlage mit „under Niflhel“. John Lindow hat darauf hingewiesen, dass die wichtigsten Handschriften der Snorra-Edda hier gespalten sind: Zwei lesen Niflheim, zwei Niflhel.
Schon die mittelalterlichen Schreiber hielten die beiden Wörter also für austauschbar. Festhalten lässt sich nur: Niflhel ist das ältere, dichterische Wort für die Totentiefe, Niflheim Snorris kosmologisches Wort, das sich mit ihr überlagert.
Damit sind wir bei der spannendsten Frage. Wenn Niflheimr in den älteren Liedern nicht vorkommt, Niflhel aber schon, liegt eine Vermutung nahe: Snorri könnte das Wort selbst gebildet haben, als Gegenstück zu Muspellsheimr und passend zu Jötunheimr, Álfheimr und den anderen Welten auf -heimr. Der Wiener Religionswissenschaftler Rudolf Simek hält das in seinem Lexikon der germanischen Mythologie für gut möglich. Andere rechnen vorsichtiger damit, dass Snorri ein heute verlorenes Wort oder eine mündliche Variante kannte.
Für die These spricht dreierlei: die Belegsituation (Niflhel in zwei Liedern, Niflheim nur bei Snorri), Snorris Arbeitsweise, die aus Andeutungen Listen und aus Listen Ordnungen macht und Symmetrien wie Muspellsheimr–Niflheimr liebt, und die Wurzel-Stelle, an der er „Hel“ durch „Niflheim“ ersetzt. Dagegen spricht vor allem, dass wir die mündliche Dichtung des 10. bis 12. Jahrhunderts nur zu einem Bruchteil kennen. Ein Wort, das in keiner erhaltenen Strophe steht, muss nicht erfunden sein.
Auch das System der neun Welten gehört hierher. Moderne Listen führen Niflheim brav als eine von neun Welten; im Mittelalter gibt es keine solche Liste. Die Edda spricht von neun Welten, zählt sie aber nirgends auf, und Snorri selbst nennt in Kapitel 3 Niflhel die „neunte Welt“, nicht Niflheim. Wie die modernen Schemata entstanden sind, erklären wir in Die neun Welten der nordischen Mythologie.
Gibt es eine Nebelwelt auch außerhalb Islands? Der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus, ein Zeitgenosse Snorris, nennt Niflheim nirgends. Im achten Buch seiner Gesta Danorum erzählt er aber von den Fahrten des Thorkillus in den äußersten Norden, in eine Gegend ohne Sonne und Sterne, in der es nichts zum Feuermachen gibt, bis zur Höhle des gefesselten Utgarthilocus. Das ist eine Landschaft aus Dunkel und Kälte am Rand der Welt. Aber Vorsicht: Saxo verwendet keinen der eddischen Begriffe, und sein Bericht ist eine gelehrte lateinische Reiseerzählung. Mehr als eine motivische Verwandtschaft lässt sich daraus nicht ableiten.
In der Popkultur hat Niflheim eine zweite Karriere gemacht. Im Spiel God of War (2018) ist es ein giftig vernebeltes Reich mit wechselndem Labyrinth; unseren Abgleich mit den Quellen findest du im God-of-War-Faktencheck. Auch Assassin’s Creed Valhalla schickte die Spieler mit einer späteren Erweiterung in eine Version von Niflheim, und in Final Fantasy XV heißt ein ganzes Kaiserreich so, ohne Bezug zur Mythologie außer dem Klang. Das Muster ist fast überall gleich: Niflheim wird zur bereisbaren Eiswelt mit Bewohnern, Feinden und Schätzen. Bei Snorri lebt dort außer der verbannten Hel und den Schlangen in Hvergelmir niemand. Eisriesen als Einwohner sind eine moderne Zutat; die Reifriesen stammen zwar von Ymir ab, wohnen aber im Riesenland.
Am Ende bleibt ein Bild, das stärker ist als jede Landkarte. Snorri dachte sich den Anfang nicht als Licht, das die Dunkelheit vertreibt, sondern als Begegnung zweier Gegensätze: Erstarrung und Glut, Reif und Funke. Erst ihre Berührung erzeugt etwas Neues. Niflheim ist dabei die stille, schwere Hälfte – das Material, das wartet. Wer bei uns die Welten des Nordens auf Schiefer gravieren lässt, fragt meist nach Yggdrasil und Asgard. Die Nebelwelt am Fuß des Baumes gehört dazu, und auf dunklem Naturschiefer wirkt gerade das Unscharfe besonders stark. Wir gravieren dann lieber eine ehrliche Andeutung als eine erfundene Landkarte.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Was bedeutet Niflheim? Niflheim (altnordisch Niflheimr) bedeutet etwa „Nebelwelt“ oder „Dunkelwelt“. Das Wort nifl ist verwandt mit deutsch „Nebel“ und lateinisch nebula, heimr heißt „Welt, Heim“.
Was ist der Unterschied zwischen Niflheim und Helheim? Niflheim ist bei Snorri die kalte Urwelt im Norden, aus der der Reif für Ymir kam. Hel ist das Totenreich und seine Herrin. Erst weil Odin nach Snorri die Göttin Hel nach Niflheim verbannt, überlagern sich beide Vorstellungen.
Ist Niflheim dasselbe wie Niflhel? Nein, auch wenn mittelalterliche Abschreiber die Wörter teilweise vertauschten. Niflhel ist das ältere Wort aus den Edda-Liedern und bezeichnet eine tiefere, finstere Stufe unter Hel, in die nach Snorri die Übeltäter kommen.
Wo steht etwas über Niflheim? Fast nur in Snorri Sturlusons Gylfaginning (um 1220), vor allem in Kapitel 4–5 (Schöpfung), 15–16 (Wurzel Yggdrasils) und 34 (Hel). Die Lieder-Edda kennt nur Niflhel, etwa in Vafþrúðnismál 43 und Baldrs draumar 2.
Gehört Niflheim zu den neun Welten? In modernen Listen ja, in den mittelalterlichen Quellen gibt es keine solche Liste. Snorri nennt in Kapitel 3 Niflhel die „neunte Welt“, nicht Niflheim.
Ginnungagap – die Urleere · Muspelheim – die Feuerwelt · Ymir · Yggdrasil · Helheim.
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