Audhumla (altnordisch Auðhumla) ist die Urkuh der nordischen Schöpfungsgeschichte: Sie entsteht aus tauendem Reif in der Urleere Ginnungagap, nährt den Urriesen Ymir mit vier Milchflüssen und leckt in drei Tagen Búri aus einem salzigen Stein – den Großvater Odins. Erzählt wird das allein in Snorri Sturlusons Gylfaginning um 1220, nicht in den Edda-Liedern. Wir zeigen, was genau dasteht, was der Name bedeutet, welche Vergleiche die Forschung zieht und warum eine Kuh am Anfang der Welt für Wikinger gar nicht so seltsam war.
Am Anfang der Welt steht bei den Nordleuten kein Lichtstrahl und kein Machtwort. Da steht eine Kuh. Sie hat keinen Stall, keine Weide, keinen Hirten, nur Eis und einen Riesen, der an ihren Zitzen hängt. Und während sie selbst Hunger hat, leckt sie geduldig an einem Salzstein – bis darin ein Haarschopf auftaucht.
Das klingt nach Märchen. Aber dahinter stecken Fragen, die die Forschung seit über hundert Jahren beschäftigen: Ist die Urkuh uraltes indogermanisches Erbe oder die Idee eines gelehrten Isländers des 13. Jahrhunderts? Und warum ausgerechnet eine Kuh? Wir gehen der Reihe nach vor: Text, Quellenlage, Name, große Vergleiche – und zum Schluss der Stall, in dem die Antwort vielleicht am nächsten liegt.
Um Audhumla zu verstehen, musst du den Ort kennen, an dem sie entsteht. Snorri beschreibt am Anfang der Zeit eine gähnende Leere, Ginnungagap. Im Norden liegt Niflheim, die Welt aus Nebel, Frost und eisigen Strömen. Im Süden liegt Muspelheim, hell, heiß und flammend. Die Flüsse aus dem Norden, die Élivágar, tragen Gift und Eis in die Leere; dort gefriert alles zu Schichten aus Reif. Wo aber die warme Luft aus dem Süden auf diesen Reif trifft, beginnt er zu schmelzen und zu tropfen.
Aus diesen Tropfen entsteht bei Snorri zuerst ein Wesen in Menschengestalt: Ymir, der Urriese, Ahnherr aller Reifriesen. Erst danach – und das ist ein Detail, das in vielen Nacherzählungen verloren geht – kommt die Kuh. Snorri lässt seinen Erzähler ausdrücklich sagen, sie sei „als Nächstes“ entstanden, als der Reif tropfte. Ymir und Audhumla stammen also aus demselben Stoff, aber nicht im selben Augenblick. Erst ist der Hungrige da, dann die Nahrung.
Die ganze Geschichte steht in einem einzigen kurzen Abschnitt der Gylfaginning („Gylfis Täuschung“), dem ersten erzählenden Teil der Prosa-Edda (meist als Kapitel 6 gezählt; die Zählung schwankt je nach Ausgabe). Der Fragesteller Gangleri – der verkleidete Schwedenkönig Gylfi – will wissen: „Wo wohnte Ymir, und wovon lebte er?“ Die Antwort lässt den ersten Teil der Frage übrigens elegant liegen – wo Ymir wohnte, erfahren wir nicht. Dafür hören wir, wovon er lebte.
Als Nächstes geschah es, als der Reif tropfte, dass daraus eine Kuh wurde, die Auðhumla hieß. Vier Milchflüsse rannen aus ihren Zitzen, und sie nährte Ymir. […] Sie leckte die Reifsteine, die salzig waren. Und am ersten Tag, als sie die Steine leckte, kam am Abend aus dem Stein das Haar eines Mannes hervor, am zweiten Tag der Kopf eines Mannes, am dritten Tag war dort ein ganzer Mann.Snorri Sturluson, Gylfaginning, eigene Übertragung aus dem Altnordischen
Im Altnordischen heißt es fjórar mjólkár runnu ór spenum hennar – „vier Milchflüsse rannen aus ihren Zitzen“. Das Wort á (Plural ár) meint einen richtigen Fluss, kein Rinnsal.
Und die Kuh selbst? Sie frisst nicht Gras, denn Gras gibt es noch nicht. Sie leckt hrímsteinar, „Reifsteine“, und Snorri betont, dass sie salzig waren. Wer je Rinder an einem Leckstein gesehen hat, kennt das: die raue Zunge, das stundenlange Lecken. Snorri, Sohn eines isländischen Häuptlings und selbst Großbauer, wusste, wie Kühe sich verhalten.
Das Ergebnis des Leckens ist kein Riese, sondern etwas Neues. Am Abend des ersten Tages taucht ein Haarschopf aus dem Stein, am zweiten ein Kopf, am dritten ein ganzer Mann. Snorri nennt ihn Búri und beschreibt ihn knapp: „schön von Ansehen, groß und mächtig“. Der Name wird oft als „Erzeuger“ gedeutet, was gut zu seiner Rolle passt, auch wenn die Etymologie nicht völlig gesichert ist.
Búri bekommt einen Sohn namens Borr (auch Burr oder Bor). Woher dessen Mutter kommt, verrät Snorri nicht – eine der vielen Lücken, die er stehen lässt. Borr heiratet Bestla, die Tochter des Riesen Bölþorn. Die beiden bekommen drei Söhne: Odin, Vili und Vé.
Damit steht die Ahnenreihe der Asen, der wichtigsten Göttersippe: Kuh – Búri – Borr – Odin. Halte dir kurz vor Augen, was das bedeutet. Odin, der Allvater, ist mütterlicherseits ein halber Riese. Und väterlicherseits geht er auf einen Mann zurück, den eine Kuh aus dem Eis geleckt hat. Die Götter sind nicht die Ersten, und sie sind nicht rein. Sie stammen aus derselben frostigen Ursuppe wie ihre späteren Feinde, die Riesen.
Gleich danach erschlagen Odin und seine Brüder Ymir. In seinem Blut ertrinken fast alle Reifriesen; nur Bergelmir und seine Frau entkommen. Aus Ymirs Körper bauen die Götter die Welt: Fleisch wird Erde, Blut wird Meer, Knochen werden Berge, der Schädel wird Himmel. Später formen sie aus zwei Baumstämmen am Strand die ersten Menschen, Ask und Embla.
Und Audhumla? Sie verschwindet aus der Geschichte. Snorri sagt kein Wort darüber, was aus ihr wird. Ertrinkt sie mit den Riesen im Blutstrom? Grast sie irgendwo weiter? Niemand weiß es, und jede Antwort darauf wäre erfunden.
Hier wird es für alle wichtig, die sauber zwischen Beleg und Nacherzählung unterscheiden wollen. Audhumla ist eine Gestalt mit genau einer erzählenden Quelle. In der Lieder-Edda, der Sammlung alter Götter- und Heldenlieder im Codex Regius, kommt sie nicht vor. Weder die Völuspá, das große Weltentstehungs- und Weltuntergangslied, noch das Wissensduell im Vafþrúðnismál erwähnen eine Kuh. Dabei interessieren sich beide sehr für Ymir.
Das Vafþrúðnismál erzählt sogar, wie aus den Élivágar Gifttropfen sprühten, aus denen ein Riese wuchs – und wie unter Ymirs Arm Mann und Mädchen heranwuchsen. Die Kuh fehlt. Snorri zitiert diese Strophen ausführlich, um Ymirs Herkunft zu belegen. Für Audhumla dagegen zitiert er keine einzige Strophe. Wer liest, Snorri stütze sich bei der Urkuh auf ein verlorenes Gedicht, liest mehr, als dasteht.
Eine Spur gibt es trotzdem: die þulur, gereimte Namenslisten, die in einigen Handschriften der Snorra-Edda überliefert sind. In einer Liste von Rinderbezeichnungen taucht Auðhumla auf, mit dem Zusatz, sie sei die älteste der Kühe (in der Ausgabe von Finnur Jónsson: hon er elzt kúa). Ob diese Liste älter als Snorri ist und ihm als Quelle diente oder umgekehrt aus seinem Werk schöpft, ist umstritten. Der Religionshistoriker Gabriel Turville-Petre etwa bezweifelte, dass die þula alt genug sei, um Snorri vorgelegen zu haben.
Dazu kommt: Snorri schrieb rund zweihundert Jahre nach der Christianisierung Islands, als gebildeter Christ, der das alte Material mit System ordnete. Mehr dazu in unserem Porträt Snorri Sturluson und im Überblick zur Edda. Das heißt nicht, dass er die Kuh erfunden hat. Es heißt nur: Wir können nicht beweisen, dass es sie vor ihm gab.
Schon die Schreibweise zeigt, wie wackelig die Überlieferung ist. Die Handschriften der Snorra-Edda bieten Auðhumla, Auðumla und Auðumbla. Ältere deutsche Übersetzungen schreiben oft „Audhumbla“, dänische Texte auch „Ødhumbla“. Im Deutschen hat sich heute „Audhumla“ eingebürgert.
Die übliche Deutung geht auf den schwedischen Sprachwissenschaftler Adolf Noreen zurück und steht so in den Fachlexika: Der Name setzt sich zusammen aus auðr, „Reichtum, Wohlstand“, und einem erschlossenen *humala, „hornlos“. Zusammen ergibt das etwa „die reiche (milchreiche) hornlose Kuh“. Das zweite Glied ist gut abgesichert: Im Norwegischen und in schottischen Dialekten des Englischen gibt es Wörter wie hummel oder humble-cow für ein Rind ohne Hörner.
Beim ersten Glied ist die Sache offener. Das dänische Lexikon Den Store Danske nennt seine Bedeutung schlicht umstritten. Auðr kann im Altnordischen nämlich nicht nur „Reichtum“ heißen; ein gleich lautendes Adjektiv auðr bedeutet „öde, leer“. Der Sprachwissenschaftler Anatoly Liberman hat deshalb erwogen, dass in dem Namen ein bewusstes Doppelspiel liegen könnte – passend zu einer Kuh, die in der leeren Urwelt steht. Das ist eine anregende These, mehr nicht.
Warum aber ausgerechnet „hornlos“? Eine sichere Antwort gibt es nicht. Hornlose Rinder gab es im Norden seit langem, und schon der römische Geschichtsschreiber Tacitus bemerkte um 98 n. Chr. in seiner Germania, das Vieh der Germanen habe nicht die „Zier der Stirn“ – meist verstanden als kleine oder fehlende Hörner. Im Altnordischen gibt es zudem das Wort kolla für eine hornlose Kuh. Eine Kuh ohne Hörner ist friedlich, eine Ernährerin, keine Kämpferin. Vielleicht wollte der Name genau das sagen.
Wenn die Edda-Lieder schweigen, wo könnte Snorri das Bild hergenommen haben? Der russische Skandinavist Fjodor Uspenskij hat eine bodenständige Antwort vorgeschlagen: nicht aus fernen Mythen, sondern aus dem Erzählgut der eigenen Insel.
Sein auffälligstes Beispiel steht in der Eyrbyggja saga. Dort wird die Leiche des gefährlichen Wiedergängers Þórólfr Bægifótr verbrannt; Asche weht über die Steine am Strand. Eine Kuh leckt an diesen Steinen, wird trächtig und bringt ein Stierkalb zur Welt, den unheimlichen Stier Glæsir. Hier hast du das gleiche Muster: Eine Kuh leckt an Steinen, und daraus geht ein neues Wesen hervor.
Dazu kommt das isländische Volksmärchen von Búkolla, einer Wunderkuh, die von Trollen geraubt wird. Ein Junge befreit sie, und aus Haaren ihres Schwanzes werden auf der Flucht ein Fluss, ein Feuer und ein Berg. Schon der Philologe Stefán Einarsson hatte Búkolla mit Audhumla verglichen. Uspenskij weist zusätzlich auf den Namensanklang hin: In Bú-kolla steckt dasselbe kolla, „hornlose Kuh“.
Uspenskij macht außerdem auf ein Wortspiel aufmerksam. Das altnordische hrím bedeutet „Reif, Raureif“, kann aber auch „Ruß“ heißen. In Snorris Schöpfungsbild, so seine These, flossen Asche und Salz, Ruß und Reif zusammen. Das bleibt Deutung. Das Salz aber muss kein Dichter erfinden: Es ist das, was Kühe wirklich lecken.
Ein letzter Gedanke, der sich aufdrängt, aber spekulativ bleibt: vier Milchflüsse. Wer die Bibel kennt, denkt an die vier Flüsse, die nach dem ersten Buch Mose aus dem Paradies strömen. Snorri kannte diesen Text sicher. Dass er die Zahl von dort nahm, ist aber nirgends belegt. Vier ist auch einfach die Zahl der Zitzen am Euter einer Kuh.
Jetzt zur großen Bühne. Seit dem 19. Jahrhundert vergleicht die Forschung die nordische Schöpfungsgeschichte mit den Mythen anderer indogermanischer Völker, der Sprachfamilie von Indisch und Iranisch bis Latein und Germanisch. Wichtig vorweg: Alles in diesem Abschnitt sind Forschungsthesen, keine gesicherten Tatsachen.
Der Ausgangspunkt ist Ymir selbst. Sein Name wird häufig mit altindisch Yama und avestisch (altiranisch) Yima verbunden; dahinter steht ein erschlossenes indogermanisches Wort für „Zwilling“. Ymir zeugt Nachkommen aus sich selbst heraus, was zu einem zwittrigen „Zwillingswesen“ passen würde. Auch der germanische Stammvater Tuisto, von dem Tacitus berichtet, wird oft so gedeutet.
Der amerikanische Religionshistoriker Bruce Lincoln hat in den 1970er- und 1980er-Jahren daraus einen gemeinsamen indogermanischen Schöpfungsmythos rekonstruiert: Ein erster Mensch („Mann“) opfert seinen Zwillingsbruder, und aus dessen Körper entsteht die Welt. In den indoiranischen Fassungen wird zusammen mit dem Zwilling auch ein Rind geopfert, aus dessen Leib Pflanzen und Tiere hervorgehen. In den europäischen Fassungen, so Lincoln, habe das Rind seine Rolle verändert: Es wird nicht mehr geopfert, sondern nährt die Urwesen mit Milch. Audhumla wäre dann das nordische Echo dieses Urrindes.
Der Vergleich mit Iran ist dabei der eindrucksvollste. In der zoroastrischen Überlieferung, besonders im mittelpersischen Bundahišn, steht am Anfang neben dem ersten Menschen Gayōmard ein einzigartig erschaffenes Urrind. Der böse Geist Ahriman tötet beide; aus dem Rind gehen Pflanzen und Tiere hervor, aus Gayōmard Metalle und Menschen. Auch hier also: ein Urmensch und ein Urrind ganz am Anfang. Allerdings wird das iranische Rind getötet, Audhumla nicht – und Ymir wird von Göttern erschlagen, nicht von einem bösen Prinzip.
Aus Indien kommen weitere Bilder. Im Rigveda, den ältesten indischen Hymnen, werden kosmische Kräfte immer wieder als Kühe beschrieben; im Vala-Mythos sprengt der Gott Indra einen Felsen und befreit darin eingeschlossene Kühe. In der späteren Hindu-Tradition gibt es die Wunschkuh Kāmadhenu, die alles schenkt, was man sich wünscht. Das erinnert entfernt an Búri im Stein – nur werden dort die Kühe befreit, statt selbst zu befreien.
Und dann gibt es Parallelen, die überhaupt nichts mit Indogermanen zu tun haben. Die ägyptische Göttin Hathor etwa wurde als Kuh dargestellt. Der amerikanische Skandinavist John Lindow hält fest, dass Kühe in Schöpfungserzählungen weltweit häufig vorkommen – was den Schluss auf ein gemeinsames Erbe eher schwächt.
Lincolns Modell hat Kritik erfahren. Der Indogermanist Edgar Polomé meinte, es mache für die skandinavische Fassung zu viele unbeweisbare Annahmen. Und Uspenskij hält die fernen Parallelen ohnehin für weniger ergiebig als das isländische Erzählgut. Die ehrliche Bilanz: Die Idee eines indogermanischen Urrindes ist reizvoll und wird ernsthaft diskutiert. Bewiesen ist sie nicht.
Wechseln wir die Perspektive – hinein in die Welt der Leute, die solche Geschichten erzählten. Dort war eine Kuh kein exotisches Bild. Sie war Reichtum.
Das sieht man schon an der Sprache. Das altnordische Wort fé bedeutet „Vieh“ und zugleich „Besitz, Geld“. Es ist verwandt mit unserem deutschen „Vieh“, mit gotisch faihu („Vermögen“), mit lateinisch pecus („Vieh“), von dem wiederum pecunia („Geld“) kommt. Auch das englische fee gehört dazu. Wer Vieh hatte, hatte Vermögen, und umgekehrt.
Nicht zufällig heißt die erste Rune des Futhark fehu bzw. im jüngeren Futhark fé (mehr dazu im Vergleich der beiden Futhark-Reihen). Das norwegische Runengedicht beginnt mit dem Vers Fé vældr frænda róge – sinngemäß: „Besitz stiftet Streit unter Verwandten“. Und in den Hávamál, den Sprüchen des Hohen, steht die berühmteste Zeile über Vergänglichkeit, die die nordische Literatur kennt: Deyr fé, deyja frændr.
Cattle die, and kinsmen die, / And so one dies one's self; / But a noble name will never die, / If good renown one gets.Hávamál 76, übersetzt von Henry Adams Bellows, 1923
Bellows übersetzt fé mit „Cattle“, deutsche Fassungen oft mit „Besitz“ – beides stimmt, weil das Wort beides meinte. Und Vieh konnte in einem harten Winter einfach wegsterben.
Schon Tacitus beobachtete das bei den Germanen des 1. Jahrhunderts. In der Germania schreibt er, sie freuten sich an der Zahl ihrer Tiere, und diese seien ihr einziger und liebster Reichtum. In derselben Schrift berichtet er von der Göttin Nerthus, deren heiliger Wagen von Kühen gezogen wurde. Mehr zu solchen Verbindungen findest du in unserem Artikel über heilige Tiere und über die germanische Religion. Ein direkter Bezug zu Audhumla ist nicht belegt.
Wie sah das konkret aus? Archäologisch ist die Viehwirtschaft der Wikingerzeit gut fassbar. In Skandinavien lebten Menschen und Tiere oft unter einem Dach: Das Langhaus hatte an einem Ende den Wohnteil mit Herdfeuer, am anderen den Stall. Die Tiere wärmten im Winter das Haus mit. Solche Wohnstallhäuser kennt man etwa aus dem dänischen Vorbasse. Mehr zum Hofleben findest du bei Landwirtschaft der Wikinger und im Wikinger-Alltag.
Die Rinder waren klein, viele standen unter 1,20 Meter Schulterhöhe. In Island entschied die Heuernte darüber, wie viele Tiere ein Hof durch den langen Winter brachte. Auf dem isländischen Hof Stöng im Tal Þjórsárdalur fanden Archäologen einen Stall, der Platz für rund anderthalb Dutzend Rinder bot – ein ansehnlicher Bestand für isländische Verhältnisse.
Was die Kuh lieferte, war vor allem Milch. Geschlachtet wurde vor allem im Herbst, wenn das Winterfutter nicht für alle reichte. Aus Milch wurden Butter, Käse, Molke und das isländische skyr gemacht, ein gesäuertes Milchprodukt, das man in Sagas immer wieder findet. Mehr dazu in unserem Artikel zur Ernährung der Wikinger. Eine Kuh, die vier Flüsse Milch gibt, war für diese Menschen also kein abstraktes Symbol, sondern die übersteigerte Version des größten Glücks, das ein Hof haben konnte.
In Island wurde die Kuh sogar zur Recheneinheit. Das kúgildi, wörtlich „Kuhwert“, war im Mittelalter ein Wertmaß im Tauschhandel: der Wert einer Kuh, der etwa sechs Mutterschafen entsprach. Im 13. Jahrhundert setzte man ihn mit rund 120 Ellen Wollstoff (vaðmál) gleich. Pachtverträge wurden in Kuhwerten berechnet. Snorri, einer der reichsten Männer Islands, stellte also das Wertmaß seiner Gesellschaft an den Anfang der Welt.
Übrigens: Die heutigen isländischen Rinder stammen von den Tieren der Siedler des 9. Jahrhunderts ab und sind fast alle hornlos – das aber vor allem durch gezielte moderne Zucht. Für die Wikingerzeit folgt daraus nichts.
Lange vor Computerspielen fand Audhumla in die Kunst. Der dänische Maler Nicolai Abildgaard malte um 1777 das Bild „Ymir saugt an der Kuh Audhumla“, heute im Statens Museum for Kunst in Kopenhagen. Es zeigt den nackten Riesen unter dem Euter einer gewaltigen Kuh. In der dänischen Kleinstadt Faaborg steht der Ymerbrunnen des Bildhauers Kai Nielsen, 1913 aufgestellt: Ymir, gebeugt an Audhumlas Euter.
Wenn wir in unserer Werkstatt in Alsdorf Motive aus der Schöpfungsgeschichte in Schiefer gravieren, merken wir immer wieder, wie anders dieser Anfang ist als die Bilder, die viele im Kopf haben. Kein Donner, kein Kampf. Am Anfang der nordischen Welt steht Ernährung. Ein Wesen nährt ein anderes, und ein drittes kommt durch geduldige Arbeit ans Licht. Erst danach kommen die Götter, und mit ihnen der erste Mord.
Interessant ist auch, dass Audhumla beide Seiten der späteren Welt versorgt. Sie nährt Ymir, den Ahnherrn der Riesen. Und sie legt Búri frei, den Ahnherrn der Götter. John Lindow hat darauf hingewiesen, dass die Kuh damit die beiden Gruppen verbindet, die sich später bis zum Ragnarök bekämpfen. Am Anfang aller Feindschaft steht eine gemeinsame Amme.
Ob Snorri dieses Bild aus altem Glauben, aus isländischem Märchengut oder aus seinem eigenen Kopf schöpfte, werden wir wohl nie sicher wissen. Aber es passt zu einer Gesellschaft, in der eine Kuh Reichtum, Nahrung und Zukunft bedeutete. Wer an einem kalten Morgen in einem dampfenden Stall gestanden hat, versteht dieses Bild. Wie die neun Welten danach aufgebaut wurden, liest du in unserem Überblick zu den neun Welten.

Wer ist Audhumla in der nordischen Mythologie? Audhumla ist die Urkuh, die nach Snorris Prosa-Edda aus tauendem Reif in Ginnungagap entstand. Sie nährte den Urriesen Ymir mit vier Milchflüssen und leckte den ersten Gott Búri aus einem salzigen Stein.
Was bedeutet der Name Audhumla? Meist wird er als „reiche, hornlose Kuh“ gedeutet, aus altnordisch auðr („Reichtum“) und *humala („hornlos“). Das zweite Glied gilt als sicher, das erste ist umstritten.
Kommt Audhumla in der Lieder-Edda vor? Nein. Sie wird nur in Snorri Sturlusons Gylfaginning (um 1220) erzählt und in einer Namensliste (þula) als älteste der Kühe genannt.
Wie hängen Audhumla und Odin zusammen? Audhumla leckte Búri frei, Búris Sohn Borr heiratete die Riesin Bestla, und deren Sohn war Odin. Die Urkuh steht damit am Anfang von Odins Ahnenreihe.
Gibt es ähnliche Kühe in anderen Mythen? Ja, etwa das Urrind der iranischen Überlieferung, die indische Wunschkuh Kāmadhenu oder die ägyptische Himmelskuh. Ob Audhumla auf ein gemeinsames indogermanisches Erbe zurückgeht, ist eine Forschungsthese und nicht bewiesen.
Was passiert mit Audhumla nach der Schöpfung? Das verrät keine Quelle. Snorri erwähnt sie nach Búris Freilegung nicht mehr.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
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