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Jötunheim – das Land der Riesen: Lage, Quellen, Orte und Götterfahrten

Die neun Welten Jötunheim – das Land der Riesen: Lage, Quellen, Orte und Götterfahrten

Jötunheim (altnordisch Jǫtunheimar, meist im Plural) ist in der nordischen Mythologie das Land der Riesen – eine wilde Randzone jenseits von Flüssen, Wäldern und Bergen, irgendwo im Osten oder Norden der Menschenwelt. Die Edda nennt es schon in der Völuspá, Snorri Sturluson legt es als Küstenland rings um Midgard an. Dorthin fahren Thor, Odin und Skírnir, um zu kämpfen, zu werben und Wissen zu holen. Hier erfährst du, was die Quellen wirklich sagen und was erst spätere Leser daraus gemacht haben.

Stell dir eine Landkarte vor, auf der die Mitte sauber vermessen ist: Höfe, Felder, ein Zaun drumherum. Und dann, am Rand, hört die Vermessung auf. Kein Maßstab mehr, keine Straßen, nur noch Wasser, das nie zufriert, Berge, die bei Thors Durchfahrt bersten, und Hallen, deren Herren Steinköpfe oder Kessel von einer Meile Tiefe besitzen. Genau dort beginnt Jötunheim.

Wichtig vorweg: In diesem Artikel geht es um den Ort. Wer die Riesen selbst sind – Herkunft, Typen, Namen, ihr zwiespältiges Verhältnis zu den Göttern –, das erzählen wir ausführlich in unserem Beitrag über die Riesen (Jötnar). Hier schauen wir auf Landschaft, Grenzen, Wege und Adressen: Wo liegt diese Welt, wie kommt man hinein, und wer war schon da?

Der Name: Jǫtunheimar – lieber im Plural

Das Wort setzt sich aus jǫtunn („Riese“) und heimr („Heim, Wohnstätte, Welt“) zusammen. Jǫtunn geht auf ein germanisches *etunaz zurück; verwandt ist das altenglische eoten, das zum Beispiel im Beowulf vorkommt. Viele Sprachforscher verbinden die Wurzel mit „essen“ – der Riese wäre dann ursprünglich ein „Fresser“. Das ist eine verbreitete, aber nicht gesicherte Deutung.

Spannender für uns ist die Grammatik. In den Eddaliedern steht das Wort fast immer im Plural: í Jǫtunheima, „in die Riesenheime“, ór Jǫtunheimum, „aus den Riesenheimen“. Die Dichter dachten offenbar nicht an ein einziges Reich mit Hauptstadt und Grenzposten, sondern an eine Mehrzahl von Riesenländern, eine ganze Zone. Die moderne Einzahl „Jötunheim“ oder englisch „Jotunheim“ ist eine Vereinfachung, die sich vor allem durch die Systematisierung in Lexika, Kinderbüchern und schließlich Filmen und Spielen durchgesetzt hat. Wir benutzen sie im Text trotzdem – so sucht man heute danach –, aber im Hinterkopf solltest du die Mehrzahl behalten.

Ganz verschwunden ist die Einzahl allerdings nicht. In der Völuspá heißt es an einer berühmten Stelle gnýr allr Jǫtunheimr, „ganz Jötunheim dröhnt“. Wenn die Welt untergeht, wird das Land der Riesen auf einmal zu einem einzigen, bebenden Körper.

Was die Quellen sagen: die wichtigsten Belege

Jötunheim ist kein Ort, den uns ein Reisender beschreibt. Alles, was wir haben, sind Dichtung und gelehrte Nacherzählung. Die Lieder der Lieder-Edda sind vor allem in einer isländischen Handschrift um 1270 überliefert, dem Codex Regius; viele Lieder dürften älter sein, ihr Alter ist aber im Einzelnen umstritten. Die Prosa-Edda schrieb Snorri Sturluson um 1220–1230, ein christlicher Isländer, der die alten Mythen als Lehrbuch für Dichter ordnete. Dazu kommen Skaldengedichte, die teils deutlich älter sind und von Snorri zitiert werden.

Belegstellen im Überblick: Völuspá 8 (drei Thursentöchter „aus Jötunheimen“) und 48 („ganz Jötunheim dröhnt“) · Skírnismál 40 (Freyr fragt, was Skírnir „in Jötunheimen“ erreicht hat) · Þrymskviða (Thor und Loki ziehen mehrfach „nach Jötunheimen“) · Hymiskviða 5 (Hymir wohnt „östlich der Élivágar, am Ende des Himmels“) · Vafþrúðnismál 16 (Grenzfluss Ífingr) · Gylfaginning (Küstenland der Riesen, Thors Fahrt nach Útgarðr) · Skáldskaparmál (Geirrøðr, Hrungnir, Þjazi). Strophenzählung nach der gängigen Ausgabe Neckel/Kuhn.

Die älteste Stelle in der Reihenfolge der Weltgeschichte steht in der Völuspá, der „Weissagung der Seherin“. In Strophe 8 spielen die Götter im goldenen Zeitalter fröhlich Brettspiel, nichts fehlt ihnen an Gold – bis drei Thursentöchter kommen, sehr mächtig, „aus Jötunheimen“. Wer diese drei Frauen sind, weiß niemand sicher; Nornen, Riesinnen und andere Deutungen werden diskutiert. Klar ist nur die Funktion: Aus dem Riesenland kommt der erste Riss in der heilen Götterwelt.

Strophe 48 bildet das Gegenstück. Kurz vor dem Untergang fragt die Seherin: „Was ist mit den Asen? Was ist mit den Alben?“ Und antwortet: Ganz Jötunheim dröhnt, die Asen sind beim Thing. Der Anfang vom Ende kam aus Jötunheim, und am Ende bebt es selbst. Zwischen beiden Strophen spannt sich der ganze Bogen der Mythologie.

Im Skírnismál, dem Lied von Freyrs Werbung um Gerðr, steht der Name in Strophe 40. Skírnir ist zurück, noch nicht einmal abgestiegen, da bestürmt ihn Freyr: Was hast du in Jötunheimen erreicht, für dich oder für mich? Die Prosa-Einleitung des Liedes erzählt außerdem, dass Freyr von Odins Hochsitz aus „nach Jötunheimen“ hineinblickte und dort Gerðr sah.

Am häufigsten fällt der Name in der Þrymskviða. Neunmal taucht er dort auf, mal als jǫtna heimar, mal als Jǫtunheimar. Das Lied pendelt geradezu zwischen Asgard und dem Riesenland hin und her – kein Wunder, es ist eine Reisegeschichte.

Wo liegt Jötunheim? Osten, Norden, Rand

Eine Koordinate gibt es nicht. Die Quellen bieten Richtungen, Grenzen und Bilder, und die passen nicht völlig zusammen.

Osten. Am häufigsten liegt das Riesenland im Osten. Thor ist, wenn er fehlt, „im Osten, Trolle erschlagen“ (í austrvegi at berja trǫll) – so begründet Snorri seine Abwesenheit beim Bau der Asgard-Mauer. Im Hárbarðslied prahlt Thor: „Ich war im Osten und erschlug Riesen.“ Der Riese Hymir wohnt laut Hymiskviða 5 „östlich der Élivágar, am Ende des Himmels“. Und in Snorris Erzählung beginnt Thor seine Fahrt zu Utgard-Loki „ostwärts nach Jötunheimen“.

Norden. Andere Texte rücken die Riesen in den kalten Norden. Spätere isländische Sagas und gelehrte Erdbeschreibungen setzen Riesenländer gern an den äußersten Nordostrand der bekannten Welt, jenseits von Norwegen und Bjarmaland am Weißen Meer. Das ist allerdings jüngere, halb-geografische Literatur und nicht dieselbe Ebene wie die Eddalieder.

Rand. Snorri liefert in der Gylfaginning (Kapitel 8) das klarste Modell: Die Söhne Borrs, also Odin und seine Brüder, formen aus dem Leib des Urriesen Ymir die Welt. Die Erde ist rund, ringsum liegt das tiefe Meer. Das Land an der Meeresküste geben sie den Riesengeschlechtern zum Wohnen. Weiter innen bauen sie aus Ymirs Augenbrauen eine Burg gegen die Riesen – Midgard. Jötunheim ist in diesem Bild also ein Ring um die Menschenwelt, zwischen Zaun und Weltmeer.

Der isländische Forscher Ármann Jakobsson hat 2006 in einem Aufsatz mit dem schönen Titel „Where do the giants live?“ gezeigt, dass Riesen in den Quellen in praktisch allen Himmelsrichtungen auftauchen. Seine Folgerung: Das Riesische ist weniger ein Ort als eine Eigenschaft, das Fremde schlechthin, das sich nicht festnageln lässt. Der norwegische Religionswissenschaftler Eldar Heide hat 2014 die scheinbar widersprüchliche Kosmologie untersucht und vorgeschlagen, solche Welten eher als über besondere Übergänge verbundene Bereiche zu verstehen, nicht als Länder auf einer flachen Karte. Für dich heißt das: Wer eine exakte Jötunheim-Karte zeichnet, zeichnet eine moderne Interpretation.

Grenzflüsse: Ífingr und die Élivágar

Wenn Jötunheim eine Grenze hat, dann ist sie aus Wasser. Im Vafþrúðnismál, dem tödlichen Wissenswettstreit zwischen Odin und dem Riesen Vafþrúðnir, fragt der Riese nach dem Namen des Flusses, der die Erde zwischen den Riesensöhnen und den Göttern teilt. Odin antwortet in Strophe 16: Ífingr heißt er; offen soll er fließen alle Zeiten, nie liegt Eis auf dem Fluss.

„Ífing heißt der Fluss, der den Riesensöhnen und den Göttern den Grund teilt; offen soll er strömen alle Tage, nie liegt Eis auf diesem Fluss.“Vafþrúðnismál 16, eigene Übertragung

Das Detail ist klüger, als es klingt. Ein Fluss, der zufriert, wird im Winter zur Brücke. Ein Fluss, der nie zufriert, bleibt eine Grenze, die man nicht einfach überschreitet – man braucht Mut, Kraft oder Zauber.

Die Élivágar („Sturmwogen“ oder „Eiswogen“, die Deutung des ersten Wortteils ist nicht ganz sicher) sind älter und unheimlicher. Bei Snorri sind es Ströme, die am Anfang der Welt weit von ihrer Quelle weg erstarren; aus ihrem giftigen Gischt entsteht Reif, der das Ginnungagap füllt. Im Vafþrúðnismál (Strophe 31) springen aus den Élivágar Gifttropfen, aus denen ein Riese wächst. Die Élivágar sind also zugleich Ursprung der Riesen und, in der Hymiskviða, die Schwelle, hinter der Hymir wohnt. Wer sie überquert, reist nicht nur in eine andere Gegend, sondern in eine ältere Schicht der Welt.

Daneben kennt die Überlieferung Wälder und Berge als Grenzzone. Thor durchquert auf dem Weg zu Utgard-Loki einen riesigen Wald, Skírnir reitet im Skírnismál über „feuchte Berge“ und durch das Volk der Thursen und muss an Gerðrs Hof eine flackernde Flamme durchqueren. Jötunheim ist nie nur „drüben“. Man muss hinein.

Utgard: Burg, Gegenwelt – oder Forschungsbegriff?

Viele Darstellungen setzen Utgard mit Jötunheim gleich: Midgard, der „Innenhof“, gegen Utgard, den „Außenhof“. Das ist eine elegante Formel, und wir benutzen sie selbst gern. Aber schauen wir genau hin.

In den Quellen ist Útgarðr zunächst ein ganz konkreter Ort: die Burg des Riesenkönigs Utgard-Loki in Snorris Gylfaginning. Thor zieht mit Loki und seinen Dienern Þjálfi und Röskva ostwärts nach Jötunheimen, übers Meer, durch einen gewaltigen Wald, übernachtet ahnungslos im Handschuh des Riesen Skrýmir – und erreicht schließlich eine Burg auf einer Ebene, so hoch, dass er den Kopf in den Nacken legen muss. Dort folgen die berühmten Wettkämpfe gegen das Feuer, den Gedanken und das Alter, die wir in unserem Artikel über Thor bei Utgard-Loki nacherzählen. Auch der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus kennt um 1200 eine Gestalt namens Utgarthilocus, die in einer düsteren Jenseitsfahrt besucht wird.

Die große Gegensatz-Formel „Innengehege gegen Außengehege“ hat dagegen vor allem die Forschung des 20. Jahrhunderts stark gemacht, etwa der russische Mediävist Aaron Gurevich und die dänische Anthropologin Kirsten Hastrup. Sie haben das Begriffspaar innangarðs und útangarðs – drinnen und draußen vor dem Zaun – aus dem isländischen Rechts- und Alltagsleben auf das Weltbild übertragen. Das ist eine hilfreiche Brille, aber eben eine Brille.

Mythos-Check: „Utgard ist der altnordische Name für Jötunheim.“ – So einfach ist es nicht. In der Edda ist Útgarðr die Burg eines bestimmten Riesen. Die Gleichung Utgard = Riesenwelt als Gegenpol zu Midgard ist eine moderne Deutung. Sie passt gut zur Logik der Mythen, steht aber so nicht im Text.

Den Gegensatz selbst gibt es freilich wirklich. Midgard ist eingezäunt, bebaut, geordnet; Jötunheim ist ungezähmt, alt, gefährlich und voller Schätze. Die Götter leben davon, diese Grenze zu bewachen – und sie immer wieder zu überschreiten.

Bekannte Orte in Jötunheim

Die Riesenwelt ist kein leerer Raum. Die Quellen nennen eine ganze Reihe von Hallen, Höfen und Burgen. Eine Auswahl, mit dem nötigen Kleingedruckten:

Þrymheimr („Lärmheim“ oder „Donnerheim“). Im Grímnismál (Strophe 11) ist es der Wohnsitz des Riesen Þjazi, den später seine Tochter Skadi bewohnt. Snorri verortet ihn „auf irgendwelchen Bergen“. Hier spielt der Ehekrach zwischen Skadi und dem Meeresgott Njörðr: Er hält die Wölfe nicht aus, sie nicht die Möwen. Von hier aus raubt Thjazi die Göttin Idun.

Mythos-Check: Þrymheimr ist nicht das Zuhause des Riesen Þrymr aus der Þrymskviða, der Thors Hammer stiehlt – auch wenn der Name es nahelegt. Þrymr hat in seinem Lied keinen benannten Hof. Die Verwechslung findet sich in vielen Online-Listen.

Útgarðr. Die Burg Utgard-Lokis, siehe oben. Riesig, voller Illusionen, und am Ende verschwindet sie samt ihrem Herrn, als Thor zuschlagen will.

Geirrøðargarðar, die Höfe des Riesen Geirrøðr. Nach Snorris Skáldskaparmál reist Thor dorthin ohne Hammer und Kraftgürtel, weil Loki ihn hineinmanövriert hat. Die Riesin Gríðr leiht ihm Gürtel, Eisenhandschuhe und einen Stab; im Fluss Vimur, den Geirrøðrs Tochter Gjálp anschwellen lässt, kämpft er gegen die Flut. Dieselbe Geschichte erzählt schon das Skaldengedicht Þórsdrápa des Eilífr Goðrúnarson, das um 1000 entstanden sein dürfte – einer der ältesten erzählenden Belege für eine Fahrt ins Riesenland überhaupt. Mehr dazu in Thor bei Geirröd.

Grjótúnagarðar, die „Steinzaun-Höfe“ an der Grenze, bei denen Thor gegen den Steinriesen Hrungnir antritt. Dazu kommen Gymisgarðar, der Hof von Gerðrs Vater Gymir aus dem Skírnismál, und die Halle Hymirs „am Ende des Himmels“, in der der Kessel steht, den Thor für das Gelage der Götter holt.

Hnitbjǫrg, der Berg, in dem der Riese Suttungr den Dichtermet verwahrt und seine Tochter als Wächterin einsetzt. Snorri nennt den Ort ausdrücklich; die Geschichte findest du bei uns unter Gunnlöd und der Raub des Dichtermets.

Gastropnir. Ein Sonderfall. Der Name stammt aus dem Fjölsvinnsmál, einem späten Eddalied, das nicht im Codex Regius steht, sondern erst in jüngeren Papierhandschriften überliefert ist. Gastropnir ist dort die Umwallung um den Hof der Jungfrau Menglöð, die der Wächter Fjölsviðr aus den Gliedern eines Riesen namens Leirbrimir gebaut haben will. Ob dieser Hof in Jötunheim liegt, sagt das Gedicht nicht ausdrücklich. Viele moderne Listen rechnen ihn dazu – wir würden das als Deutung kennzeichnen, nicht als Beleg.

Thor auf Riesenfahrt

Kein Gott reist so oft nach Jötunheim wie Thor. Fast jede große Thor-Geschichte ist eine Fahrt über die Grenze: zu Hymir, zu Utgard-Loki, zu Geirrøðr, zu Hrungnir, zu Þrymr. Der Donnergott ist der Grenzschützer der Götterwelt, und er arbeitet vor allem im Außendienst.

Die Þrymskviða macht daraus eine Komödie. Der Riese Þrymr hat Mjölnir gestohlen und will Freyja als Braut. Loki fliegt in Freyjas Federgewand „nach Jötunheimen“ und findet Þrymr auf einem Grabhügel, wo er seinen Hunden goldene Halsbänder flicht. Schließlich fährt Thor selbst, verkleidet als Braut, mit Loki als Brautjungfer. Strophe 21 liefert eines der stärksten Bilder des Riesenlandes überhaupt: Die Berge brachen, die Erde brannte in Flammen, als Odins Sohn nach Jötunheimen fuhr. Die Landschaft reagiert auf den Gott, der in sie eindringt.

In der Hymiskviða ziehen Thor und Týr zum Riesen Hymir, um einen Braukessel für Ägirs Gelage zu holen; nach diesem Lied ist Hymir sogar Týrs Vater, in anderen Quellen nicht. Hier liegt Jötunheim jenseits der Élivágar, am Rand der Welt, und von dort aus fährt Thor zum Fischen hinaus aufs Meer, wo er die Midgardschlange an den Haken bekommt. Das Riesenland reicht bis an den Ozean – genau wie bei Snorris Küstenmodell.

Skírnir und Odin: Werben und Wissen

Thor geht mit dem Hammer hinein. Andere gehen mit Worten.

Skírnir, Freyrs Diener, reitet mit Freyrs Pferd und Schwert los, um die Riesin Gerðr zu gewinnen. Seine Reise im Skírnismál ist die vielleicht atmosphärischste Schilderung des Weges nach Jötunheim: Es ist dunkel draußen, es geht über nasse Berge und durch das Volk der Thursen, vor dem Hof bellen angekettete Hunde, um ihn lodert eine Flamme. Die Werbung gelingt erst mit schweren Drohungen und Runenflüchen. Der Preis ist hoch – Freyr gibt sein Schwert her, das ihm in Ragnarök fehlen wird.

Odin reist nicht, um zu kämpfen, sondern um zu wissen. Im Vafþrúðnismál besucht er unter falschem Namen den allwissenden Riesen Vafþrúðnir und setzt im Rätselwettstreit seinen Kopf aufs Spiel. Im Hávamál erinnert er sich: Den alten Riesen suchte ich auf, nun bin ich zurückgekommen – gemeint ist Suttungr, dem er den Dichtermet abluchst. Das Riesenland ist für Odin ein Archiv. Die Riesen sind älter als die Götter und erinnern sich an Dinge, die vor der Welt lagen. Wer das Ende kennen will, muss zu ihnen.

Und es gibt den umgekehrten Verkehr. Aus Jötunheim kommen Bräute und Mütter: Gerðr heiratet Freyr, Skadi heiratet Njörðr, Odin zeugt Kinder mit Riesinnen. Aus Jötunheim kommen auch Baumeister, Diebe und Herausforderer. Die Grenze ist ein Fluss, der nie zufriert – und trotzdem herrscht reger Grenzverkehr.

Jötunheim im System der neun Welten

Heute wird Jötunheim fast immer als eine der „neun Welten“ am Weltenbaum Yggdrasil präsentiert. Die Völuspá spricht tatsächlich von neun Welten, zählt sie aber nicht auf. Eine handliche Liste mit Asgard, Midgard, Jötunheim, Vanaheim, Alfheim, Muspelheim, Niflheim, Svartalfheim und Helheim gibt es in keiner einzelnen mittelalterlichen Quelle – sie ist eine Zusammenstellung späterer Zeit. Wie das Schema entstanden ist, erklären wir in unserem Artikel über die neun Welten.

Im Grímnismál (Strophe 31) heißt es immerhin, unter einer der drei Wurzeln Yggdrasils wohnten die Reifriesen. Snorri macht daraus, dass eine Wurzel zu den Reifriesen reicht, „wo früher Ginnungagap war“, und dass unter ihr Mímirs Brunnen liegt, der Quell der Weisheit. Wieder dasselbe Motiv: Bei den Riesen liegt das alte Wissen.

Jotunheimen: Norwegens Riesenheim aus dem 19. Jahrhundert

Wer heute „Jotunheim“ googelt, landet schnell in Norwegen. Das Gebirge Jotunheimen zwischen Gudbrandsdalen und Sognefjord ist das höchste Skandinaviens. Sein höchster Gipfel ist der Galdhøpiggen mit 2.469 Metern, zugleich Norwegens höchster Berg; dicht dahinter folgt der Glittertind. Seit 1980 ist ein großer Teil als Jotunheimen-Nationalpark geschützt.

Der Name ist allerdings kein uraltes Erbe. Der Geologe Baltazar Mathias Keilhau schlug 1823 den Namen Jotunfjeldene vor, nach dem Vorbild des deutschen Riesengebirges. Die heutige Form Jotunheimen stammt vom Dichter Aasmund Olavsson Vinje, der sie 1862 in seinem Reisebuch Fjøllstaven min verwendete; durchgesetzt hat sie sich gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Das passt zur Zeit: Norwegen suchte damals eine eigene nationale Identität, und die Edda lieferte die passenden Bilder. Ein Gebirge voller Gletscher, Geröll und Nebel als Heimat der Riesen – besser hätte man es kaum benennen können.

Mythos-Check: „Die Wikinger nannten diese Berge Jötunheim.“ – Nein. Der Name ist eine romantische Schöpfung des 19. Jahrhunderts. Die mittelalterlichen Quellen verbinden Jötunheim mit keinem bestimmten norwegischen Gebirge.

Jötunheim in Comic, Film und Spiel

Die bekannteste moderne Fassung ist die von Marvel. Im Film Thor (2011) ist Jotunheim ein düsterer Eisplanet, regiert von Frostriesen unter König Laufey, und Loki entpuppt sich als dessen Sohn. Das ist freie Erfindung mit mythologischem Anstrich: In den Quellen ist Laufey Lokis Mutter, und Jötunheim ist kein Planet aus Eis, sondern ein Land mit Hallen, Höfen, Herden und Gold. Was Marvel sonst noch verschiebt, steht in unserem Marvel-Thor-Faktencheck.

Die Spiele God of War (2018) und God of War Ragnarök (2022) machen Jötunheim zum Ziel und Sehnsuchtsort einer Reise und erzählen die Riesen als weitgehend verdrängtes, eher sympathisches Volk. Auch das ist eine moderne Neudeutung, aber eine, die das Ambivalente der Riesen ernster nimmt als mancher Comic. Einzelheiten im God-of-War-Faktencheck.

Warum Jötunheim uns bis heute packt

Jede Kultur braucht einen Ort für das, was sie nicht beherrscht. Für die Menschen im Norden waren das Gebirge, Gletscher, Winterstürme und das offene Meer – Gegenden, in denen man sterben konnte, die aber auch Eisen, Pelze, Fische und Wild lieferten. Jötunheim fasst diese Erfahrung in ein Bild: gefährlich, unverzichtbar, älter als jede Ordnung.

Gravur-Idee: Jötunheim auf Schiefer

Bei uns in Alsdorf entsteht Jötunheim am liebsten auf Naturschiefer. Der dunkle, raue Stein sieht schon von selbst aus wie ein Stück Riesenland. Ein Motiv, das wir mögen: eine Gebirgssilhouette mit einem Fluss im Vordergrund, darüber eine Zeile aus der Völuspá in Originalsprache – gnýr allr Jǫtunheimr, „ganz Jötunheim dröhnt“. Oder, für Wanderer, die von Galdhøpiggen zurückkommen: der Gipfelname, die Höhe und das Datum der Tour, eingefasst von nordischem Flechtwerk. Ein Geschenk, das daran erinnert, dass man selbst einmal am Rand der Welt stand.

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Häufige Fragen

Was ist Jötunheim in der nordischen Mythologie? Jötunheim (altnordisch meist Jǫtunheimar, Plural) ist das Land der Riesen. Es liegt nach den Quellen am Rand der Welt, meist im Osten oder Norden, getrennt von der Menschen- und Götterwelt durch Flüsse wie den Ífingr.

Ist Utgard dasselbe wie Jötunheim? Nicht ganz. In der Edda ist Útgarðr die Burg des Riesen Utgard-Loki in Jötunheim. Die Gleichsetzung von Utgard mit der ganzen Riesenwelt als Gegenpol zu Midgard ist eine moderne Deutung.

Wo wird Jötunheim in der Edda erwähnt? Unter anderem in Völuspá 8 und 48, Skírnismál 40, mehrfach in der Þrymskviða sowie in Snorris Gylfaginning und Skáldskaparmál.

Welcher Fluss trennt Jötunheim von der Götterwelt? Nach dem Vafþrúðnismál ist es der Ífingr, der nie zufriert. Daneben gelten die Élivágar als Grenzströme am Rand der Riesenwelt.

Woher hat das Gebirge Jotunheimen in Norwegen seinen Namen? Der Dichter Aasmund Olavsson Vinje prägte den Namen 1862, inspiriert von der Mythologie. Zuvor hatte der Geologe Keilhau 1823 „Jotunfjeldene“ vorgeschlagen.

Ist Jötunheim bei Marvel wie in der Mythologie? Kaum. Marvels Eisplanet mit König Laufey ist eine freie Erfindung; in den Quellen ist Laufey Lokis Mutter, und Jötunheim ist ein Land mit Höfen und Hallen.

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Die Riesen (Jötnar) · Skadi · Thor · Midgard · Ragnarök.

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