Jenseits des Walls, jenseits der reißenden Ströme, liegt Jötunheim – das Land der Riesen. Es ist die Welt des Ungebändigten: Frost und Fels, uralte Kräfte, die älter sind als die Götter selbst. Und doch ist die Grenze durchlässiger, als man denkt, denn die Asen holen sich von dort ihre Frauen.
Die Jötnar (Einzahl jötunn) sind keine dummen Kolosse, wie das Wort „Riese" vermuten lässt. Sie sind Verkörperungen der Naturgewalten – Frostriesen, Bergriesen, Meerriesen – und oft klüger und älter als die Götter. Von ihnen stammt das Wissen um Anfang und Ende der Welt.
Jötunheim (auch Útgarðr, „das, was außerhalb des Zauns liegt") wird von Midgard durch Ströme getrennt – die Élivágar, die Eiswogen, und den Fluss Ífing, der nie zufriert. Hierher reist Thor immer wieder, um Riesen zu erschlagen; hierher kommt Odin, um zu lernen. Und von hier stammen Göttergemahlinnen wie Skadi und Gerd, die schöne Riesin, um die Freyr sich verzehrt.
„Ífing heißt der Fluss, der die Erde teilt
zwischen den Göttern und den Riesen;
offen wird er strömen alle Tage,
nie liegt Eis auf dem Fluss."
— nach Vafþrúðnismál 16, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)

Die Riesen (Jötnar) · Skadi · Thor · Midgard · Ragnarök.
Snorri Sturluson, Gylfaginning (um 1220). Vafþrúðnismál, Skírnismál, Þrymskviða (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology.