Die Riesen der nordischen Mythologie – altnordisch Jötnar oder Thursen – sind die ältesten Wesen der Welt: Aus dem Urriesen Ymir formten die Götter Erde, Meer und Himmel, und von ihm stammen die Frostriesen ab. Doch sie sind mehr als Ungeheuer. Riesinnen sind Mütter und Ehefrauen der Götter, Riesen hüten uraltes Wissen, und Thor kämpft ein Leben lang gegen sie. Hier erfährst du, was die Edda wirklich über sie sagt, woher die Namen kommen und wie die Forschung sie deutet.
Stell dir eine Welt vor, deren Berge Knochen sind und deren Meer Blut ist. Wer in der nordischen Mythologie über die Erde geht, geht über einen toten Riesen. Und wer in den Liedern der Edda einen Gott trifft, trifft fast immer auch einen Riesen: als Feind am Zaun, als Gastgeber beim Gelage, als Schwiegervater, als Mutter, als Lehrer. Die Riesen sind das große Gegenüber der Götter – und zugleich ihre Verwandtschaft. Genau dieser Widerspruch macht sie zu den spannendsten Gestalten des Nordens.
In diesem Artikel geht es um die Wesen selbst: wie sie hießen, woher sie nach den Quellen kommen, wer die bekanntesten unter ihnen sind und wie die Forschung sie heute deutet. Den Ort, an dem sie leben, haben wir in einem eigenen Beitrag beschrieben: Jötunheim.
Das Altnordische hat kein einzelnes Wort für „Riese“, sondern mehrere, die sich überschneiden. Das häufigste ist jǫtunn (eingedeutscht Jötunn, Plural jǫtnar, Jötnar). Es hat genaue Verwandte: altenglisch eoten – im Beowulf tauchen eotenas neben Elben und Wiedergängern als Nachkommen Kains auf –, mittelenglisch etayn und das altertümliche englische ettin. Im heutigen Dänisch und Schwedisch lebt das Wort als jætte und jätte weiter. Sprachwissenschaftler setzen eine urgermanische Form *etunaz an.
Und hier beginnt die schönste Debatte des Themas: Hängt *etunaz mit *etanan „essen“ zusammen? Dann wäre der Jötunn wörtlich der „Fresser“. Der Etymologe Vladimir Orel hält diese Verbindung in seinem Handbook of Germanic Etymology (2003) für wahrscheinlich, andere bleiben vorsichtiger, weil die Wortbildung nicht ganz glatt aufgeht. Sicher ist die Deutung also nicht. Verlockend ist sie trotzdem, denn die Geschichten spielen damit: Bei Utgard-Loki verliert Loki ein Wettessen gegen einen gewissen Logi, der Fleisch, Knochen und Trog gleichermaßen verschlingt – Logi heißt „Flamme“, und das Feuer frisst bekanntlich alles. Und Thor verputzt bei der falschen Hochzeit in der Þrymskviða einen ganzen Ochsen und acht Lachse. Wer da wen an Appetit übertrifft, bleibt offen.
Das zweite Wort ist þurs (Thurs, Plural þursar). Es entspricht altenglisch þyrs und althochdeutsch duris, das dort eher „Dämon, böser Geist“ bedeutet. Orel stellt es zu einer Wurzel, die mit altindisch turá- „stark, mächtig“ verwandt sein könnte; auch das ist eine Hypothese, keine Gewissheit. Bemerkenswert: Þurs ist zugleich der Name der dritten Rune im jüngeren Futhark (ᚦ). In der Wortverbindung hrímþursar – „Reifthursen“, meist als Frostriesen übersetzt – bezeichnet es die Urriesen aus dem Eis.
Das dritte Wort, risi, ist mit althochdeutsch risi/riso verwandt und damit der direkte Vorfahr unseres deutschen „Riese“. Im Altnordischen erscheint es vor allem in Zusammensetzungen wie bergrisi „Bergriese“ und in den jüngeren Sagas, wo der risi oft der große, gelegentlich sogar wohlwollende Riese ist.
Bleibt der troll. Das Wort hat im Altnordischen das weiteste Bedeutungsfeld: Es kann Riesen meinen, aber auch Hexen, Wiedergänger, Berserker oder einfach unheimlich starke, hässliche Menschen. Der isländische Mediävist Ármann Jakobsson hat gezeigt, wie unscharf und zugleich wie bedrohlich dieser Begriff in den Sagas eingesetzt wird. Seine Herkunft ist nicht geklärt. Wie aus dem Edda-Begriff später der skandinavische Berggeist wurde, erzählen wir ausführlich bei den Trollen. Für Riesinnen gibt es eigene Wörter: gýgr, íviðja und trǫllkona.
Wo kommen die Riesen her? Die ausführlichste Antwort gibt Snorri Sturluson in der Gylfaginning, dem ersten Teil seiner Prosa-Edda (um 1220). Im Urgrund Ginnungagap trifft der Reif aus dem Norden auf die Glut aus dem Süden, und aus dem tauenden Eis entsteht Ymir, den die Reifriesen Aurgelmir nennen. Aus seinem Schweiß unter dem linken Arm wachsen Mann und Frau, und ein Fuß zeugt mit dem anderen einen Sohn. So beginnt das Riesengeschlecht, älter als jeder Gott.
Dann töten Odin und seine Brüder Vili und Vé, die Söhne Burs, den Urriesen. In Kapitel 7 der Gylfaginning erzählt Snorri, was danach geschah – sinngemäß in eigener Übertragung: Aus Ymirs Wunden lief so viel Blut, dass das ganze Geschlecht der Reifriesen darin ertrank. Nur einer entkam mit seiner Frau, Bergelmir. Er stieg auf seinen lúðr und rettete sich, und von ihm stammen die späteren Riesengeschlechter ab.
Der lúðr ist ein kleines Rätsel. Snorri versteht ihn offenbar als eine Art Boot, und das hat viele an Noahs Arche denken lassen – zumal Snorri ein christlich gebildeter Autor war. Das Wort kann aber auch einen Mühlenkasten, einen Trog oder eine Wiege meinen. In der älteren Quelle, dem eddischen Wissensgedicht Vafþrúðnismál (Strophe 35), sagt der Riese Vafthrudnir nur, Bergelmir sei á lúðr lagiðr worden, „auf den lúðr gelegt“. Von einer Flut ist dort nicht die Rede. Ob die Blutflut alte Überlieferung oder Snorris Ausgestaltung ist, wird deshalb in der Forschung offen diskutiert.
Wichtig für alles Weitere: Die Götter sind selbst Riesenabkömmlinge. Bur heiratet nach Snorri Bestla, die Tochter des Riesen Bölþorn. Ihre Kinder sind Odin, Vili und Vé. Der oberste Gott ist also mütterlicherseits ein halber Jötunn – und der Mord an Ymir ist, genealogisch betrachtet, eine Familienangelegenheit.
Die hrímþursar, die Reifriesen, sind in den Quellen die Urbewohner der Welt. In den Skírnismál droht Freyrs Bote Skírnir der Riesin Gerðr, sie werde bei einem dreiköpfigen Thursen namens Hrímgrímnir enden; in den Vafþrúðnismál werden die Reifriesen als ältestes Geschlecht verhandelt. Ihre Welt ist kalt und steinig, aber reich: Þrymr prahlt mit goldgehörnten Kühen.
Ihr Gegenpol ist der Süden. Dort liegt Muspell, die Feuerwelt, bewacht von Surtr mit seinem flammenden Schwert. Ob Surtr streng genommen ein Riese ist, verraten die Lieder nicht ausdrücklich; die Völuspá lässt ihn einfach „von Süden“ kommen. Die Bezeichnung „Feuerriese“ ist eine nachvollziehbare, aber moderne Etikettierung. Klar ist nur seine Rolle: Er bringt am Ende das Feuer, das die Welt verzehrt.
Wer die Riesen für das schlichte „Böse“ der nordischen Mythologie hält, sollte sich die Riesinnen ansehen. Sie sind in den Quellen auffallend oft Mütter und Ehefrauen von Göttern:
Jörð, die „Erde“, ist die Mutter Thors. Snorri nennt sie Odins Tochter und Frau; ihre Mutter Nótt (die Nacht) ist nach ihm vom Riesengeschlecht. Ob Jörð selbst als Riesin zu zählen ist, wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt – Simek und Lindow stellen es als offene Frage dar.
Gerðr, die Tochter des Riesen Gymir, ist so schön, dass von ihren Armen nach den Skírnismál Luft und Meer erstrahlen. Freyr verliebt sich unsterblich und gibt für sie sein Schwert her – das ihm bei Ragnarök fehlen wird. Die norwegische Religionshistorikerin Gro Steinsland hat diese Ehe zwischen Gott und Riesin als „heilige Hochzeit“ gedeutet, aus der nach der Ynglinga saga das schwedische Königsgeschlecht hervorgeht: Königtum als Kind zweier Welten.
Skaði ist die Tochter des Riesen Þjazi. Nach dessen Tod zieht sie in voller Rüstung nach Asgard, um Rache zu fordern – und bekommt einen Ehemann als Buße, Njörðr, den sie nach seinen Füßen auswählen muss. Die Ehe scheitert an Wohnort-Fragen: Er hält die Wölfe im Gebirge nicht aus, sie nicht die Möwen am Meer. Die Ynglinga saga weiß zudem von Kindern Skaðis mit Odin.
Gríðr ist eine Riesin, mit der Odin den schweigsamen Gott Víðarr zeugt – den Gott, der bei Ragnarök den Fenriswolf rächt. Snorri erzählt in den Skáldskaparmál, wie sie Thor auf dem Weg zu Geirrøðr Kraftgürtel, Eisenhandschuhe und ihren Stab Gríðarvölr leiht.
Angrboða schließlich ist die dunkle Seite dieser Verbindungen: Mit Loki hat sie nach Snorri drei Kinder, den Fenriswolf, die Midgardschlange und Hel. Auch Loki selbst ist übrigens von Geburt ein Riese, Sohn des Fárbauti, und lebt trotzdem mitten unter den Asen.
Riesen sind in der Edda nicht nur stark, sondern klug. Genauer: Sie sind alt, und Alter ist Wissen. Die Seherin der Völuspá beginnt ihre große Weltschau mit einem bemerkenswerten Satz – in eigener Übertragung: „Ich gedenke der Riesen, der früh geborenen, die mich einst aufgezogen haben.“ Die Frau, die Odin den Anfang und das Ende der Welt erklärt, ist bei Riesen in die Schule gegangen.
Noch deutlicher wird es in den Vafþrúðnismál. Odin reist verkleidet zum „allweisen“ Riesen Vafthrudnir und fordert ihn zu einem Wissenswettstreit auf Leben und Tod. Die beiden fragen sich durch Kosmologie, Ursprung und Zukunft der Welt. Vafthrudnir weiß alles, auch über die Riesengeschlechter, denn er hat nach eigener Aussage alle neun Welten durchwandert. Er verliert nur, weil Odin am Ende eine Frage stellt, die niemand außer ihm selbst beantworten kann: was er seinem toten Sohn Balder ins Ohr geflüstert hat. Ein ehrlicher Sieg ist das nicht.
Auch die Riesin Hyndla im Hyndluljóð kennt die Stammbäume der Helden, und Freyja muss sie dafür aus ihrer Höhle holen. Und Mímir, der Hüter des Weisheitsbrunnens, an dem Odin sein Auge verpfändet? Die Quellen nennen ihn nie ausdrücklich einen Jötunn. Manche Forscher halten ihn trotzdem für einen Riesen, weil Odin nach den Hávamál (Strophe 140) neun Zauberlieder vom „Sohn Bölþorns“, also dem Bruder seiner Mutter Bestla, gelernt hat – und dieser namenlose Oheim wird gern mit Mímir gleichgesetzt. Das ist eine Deutung, kein Beleg.
Katja Schulz hat dieses Bild in ihrer Studie Riesen. Von Wissenshütern und Wildnisbewohnern in Edda und Saga (Heidelberg 2004) auf den Punkt gebracht: Riesen definieren sich weniger durch Größe als durch ungewöhnliche Kraft und magisches Können. Sie hüten Wissen und bewohnen die Wildnis – zwei Seiten derselben Fremdheit.
Wenn die Götter Geschichten erleben, dann meistens mit Riesen. Hier die wichtigsten Gegenspieler, jeweils mit der Quelle, in der sie auftreten:
Þrymr (Thrym) stiehlt Thors Hammer, versteckt ihn acht Rasten tief unter der Erde und verlangt Freyja als Braut. Die Götter schicken stattdessen Thor im Brautschleier, Loki als Brautjungfer. Die Þrymskviða ist das komischste Lied der Edda – und endet blutig, als Thor seinen Hammer auf dem Schoß wiederhat.
Hrungnir hat nach Snorri ein Herz aus Stein, dreieckig gezackt, und einen steinernen Schädel. Nach einem Pferderennen gegen Odin betrinkt er sich in Asgard und droht, Walhall nach Jötunheim zu tragen. Im Zweikampf an den Grjótúnagarðar zerschmettert Thors Hammer seinen Schädel, aber ein Splitter von Hrungnirs Wetzstein bleibt in Thors Stirn stecken. Die Geschichte ist schon im Skaldengedicht Haustlǫng des Þjóðólfr aus Hvinir angedeutet, das meist um 900 datiert wird.
Þjazi raubt in Adlergestalt die Göttin Iðunn mit ihren Äpfeln der Jugend. Die Götter beginnen zu altern, bis Loki sie als Falke zurückholt. Þjazi verbrennt an der Mauer von Asgard; Odin wirft seine Augen an den Himmel, wo sie als Sterne stehen. Auch diese Geschichte erzählt bereits die Haustlǫng.
Geirrøðr lockt Thor ohne Hammer und ohne Gürtel in seinen Hof. Unterwegs lässt Geirrøðs Tochter Gjálp den Fluss Vimur anschwellen, im Saal heben ihn die Töchter samt Stuhl an die Decke, und am Ende wirft der Riese glühendes Eisen. Thor überlebt mit Gríðrs Ausrüstung. Neben Snorri bezeugt das die Þórsdrápa des Eilífr Goðrúnarson aus dem späten 10. Jahrhundert.
Hymir besitzt den riesigen Braukessel, den die Götter für Ägirs Gelage brauchen. Mit ihm fährt Thor zum Fischen hinaus und zieht mit einem Ochsenkopf als Köder die Midgardschlange aus der Tiefe. Der Riese bekommt Angst und kappt die Leine. Überliefert in der Hymiskviða und bei Snorri; das Motiv zeigen auch Bildsteine wie der von Altuna in Schweden.
Útgarða-Loki und Skrýmir sind am Ende derselbe. Thor übernachtet im Daumen eines riesigen Handschuhs und schlägt dem schlafenden Skrýmir dreimal den Hammer auf den Kopf, der nur fragt, ob ihm ein Blatt aufs Haupt gefallen sei. In Utgard verliert Thor dann alle Wettkämpfe: Trinkhorn, Katze, Ringkampf mit einer Alten – nichts gelingt. Erst beim Abschied erfährt er, dass das Horn ins Meer reichte, die Katze die Midgardschlange war und die Alte das Alter selbst. Die ganze Geschichte bei Thor bei Utgard-Loki.
Wenn ein Gott für den Kampf gegen die Riesen steht, dann Thor. Snorri führt in den Skáldskaparmál die dichterischen Umschreibungen für ihn auf; darunter ist die Bezeichnung als Feind und Töter der Riesen und Trollweiber. Thor ist, wie es in den Quellen mehrfach heißt, „im Osten“ unterwegs, um Trolle zu erschlagen – Osten ist die Himmelsrichtung von Jötunheim.
Snorri zitiert dazu zwei Skaldenstrophen, die regelrechte Abschusslisten sind. Vetrliði Sumarliðason rühmt, Thor habe der Leikn die Beine gebrochen, Þrívaldi erschlagen, Starkaðr niedergestreckt und Gjálp getötet. Þorbjǫrn dísarskáld zählt Keila, Kjallandi, Lútr, Leiði, Búseyra, Hengjankjapta, Hyrrokkin und Svívǫr auf. Beide Dichter gehören ins späte 10. Jahrhundert, in die Zeit der Christianisierung Islands. Zu den meisten Namen ist keine Geschichte mehr erhalten.
Interessant ist, wie diese Gegnerschaft funktioniert. Thor schützt Asgard und Midgard, die Welt der Götter und die der Menschen, gegen das Außen. Sein Hammer ist das Werkzeug, mit dem Ordnung gegen das Ungebändigte verteidigt wird. Doch er gewinnt durchaus nicht immer: Bei Utgard-Loki wird er vorgeführt, bei Geirrøðr braucht er die Hilfe einer Riesin, gegen Hrungnir trägt er eine bleibende Wunde davon. Die Edda erzählt keinen glatten Heldenmythos, sondern einen ständigen, mühsamen Grenzkrieg.
Am Ende kommen die Riesen zurück. Die Völuspá schildert den Weltuntergang als großen Ansturm aus allen Richtungen. Schon vorher sitzt der Riesenhirte Eggþér auf einem Hügel und schlägt die Harfe, während der Hahn Fjalarr kräht. Dann heißt es in Strophe 48 sinngemäß: Was ist mit den Asen, was mit den Alben? Ganz Jötunheim dröhnt.
Aus dem Osten kommt der Riese Hrymr mit erhobenem Schild, die Midgardschlange wälzt sich in Riesenzorn, und ein Schiff fährt mit den Leuten Muspells heran – Loki steuert es nach der Völuspá. Snorri ordnet das etwas anders: Bei ihm steuert Hrymr das Totennagelschiff Naglfar. Von Süden zieht Surtr mit dem Feuer. Er tötet Freyr, der sein Schwert einst für die Riesin Gerðr hergegeben hat. Am Ende verschlingt Surtrs Feuer die Welt.
Bemerkenswert ist, dass die Riesen hier nicht siegen. Beide Seiten gehen zugrunde, und aus dem Meer steigt nach der Völuspá eine neue, grüne Erde.
Die älteste wissenschaftliche Deutung stammt aus dem 19. Jahrhundert. Jacob Grimm las die Riesen in seiner Deutschen Mythologie (1835) vor allem als Verkörperungen der rohen Naturgewalten: Frost, Fels, Sturm, Meer. Das liegt nahe. Hrungnir hat ein Herz aus Stein, die Reifriesen entstehen aus Eis, Ægir ist das Meer, Logi das Feuer, Þjazi und Skaði gehören ins winterliche Gebirge.
Die jüngere Forschung hat es erweitert und relativiert. Die amerikanische Germanistin Lotte Motz hat sich zwischen 1979 und 1996 in einer ganzen Reihe von Aufsätzen mit den Riesen beschäftigt, mit ihren Namen, ihren Familien und ihrem Verhältnis zum Königtum („Kingship and the Giants“, 1996). Dabei wurde deutlich, wie vielgestaltig diese Wesen sind und wie wenig sich alle Riesen auf eine einzige Naturkraft reduzieren lassen. Katja Schulz zeigt in ihrer Untersuchung von 2004, dass Riesen in Edda und Saga immer dann auftreten, wenn es um Grundfragen geht: Geschlechterrollen, die Legitimität von Herrschern, den Umgang des christlichen Mittelalters mit dem heidnischen Erbe. Riesen erklären Unwetter oder ausbleibende Fische, aber sie sind auch ein Spiegel, in dem eine Gesellschaft ihre Grenzen verhandelt.
Daraus ergibt sich eine zweite Lesart: Die Riesen als „die Anderen“. Sie leben außerhalb der umzäunten Welt – útgarðr heißt wörtlich „Außenhof“ –, sie haben eigene Höfe, Herden, Töchter, Feste und Bündnisse. In der Forschung wird deshalb oft betont, dass die Grenze zwischen Göttern und Riesen eher eine soziale als eine biologische ist: Wer mit den Göttern lebt, gilt als Gott, auch wenn er wie Loki oder Skaði riesischer Herkunft ist.
Lange nach der Wikingerzeit sind die Riesen nicht aus Skandinavien verschwunden, sie sind nur in die Landschaft gewandert. In der Volksüberlieferung der Neuzeit werden sie oft mit den Trollen gleichgesetzt; Motz hat schon 1982 auf diese Überschneidung hingewiesen. Zahlreiche Sagen erklären auffällige Findlinge als Steine, die ein Riese geworfen hat – nicht selten nach einer Kirche, deren Glockengeläut ihn störte.
Auch Ortsnamen und Fachwörter zeugen davon. Im Dänischen heißen die steinzeitlichen Ganggräber jættestuer, „Riesenstuben“. Im Schwedischen nennt man die von Gletschern ausgeschliffenen Strudellöcher jättegrytor, „Riesentöpfe“. Und im deutschen Norden sprechen wir von Hünengräbern und Hünenbetten. Das Wort „Hüne“ geht nach den etymologischen Wörterbüchern auf mittelhochdeutsch hiune zurück, das ursprünglich „Hunne“ bedeutete und erst später zur Bezeichnung für einen Riesen wurde. Gemeinsam ist all diesen Namen eine einfache Logik: Wer solche Steine bewegen konnte, musste ein Riese gewesen sein. Tatsächlich sind diese Gräber jungsteinzeitlich, Jahrtausende älter als die Wikinger.
Für uns in der Werkstatt sind Riesen ein Geschenk, gerade weil sie so vielgestaltig sind. Ein Motiv kann den Urriesen Ymir zeigen, aus dessen Schädel der Himmel gewölbt wird. Es kann Thor und Hrungnir im Moment des Zusammenpralls festhalten, Skaði auf Skiern im Gebirge oder die Zeile aus der Völuspá, in der die Seherin der Riesen gedenkt, die sie aufgezogen haben – in Runen oder in Schrift. Auf rauem Schiefer passt das besonders gut: Stein, Kälte und Alter sind ohnehin das Element der Jötnar. Riesen sind keine Comic-Monster, sondern die ältesten Wesen der nordischen Welt.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Was ist ein Jötunn in der nordischen Mythologie? Ein Jötunn (Plural Jötnar) ist ein Riese, ein Wesen aus der Welt außerhalb der göttlichen Ordnung. Die Jötnar sind älter als die Götter, stehen ihnen oft feindlich gegenüber und sind doch eng mit ihnen verwandt und verschwägert.
Was ist der Unterschied zwischen Jötunn und Thurs? In der Edda werden beide Wörter weitgehend gleichbedeutend für Riesen gebraucht. Þurs klingt häufiger abwertend und steckt in den „Reifthursen“, den Frostriesen der Urzeit; ein festes System von Riesenarten kennen die Quellen nicht.
Bedeutet Jötunn „Fresser“? Möglich, aber nicht sicher. Das Wort geht auf urgermanisch *etunaz zurück, und eine Verbindung mit *etanan „essen“ halten manche Etymologen für wahrscheinlich, andere bleiben skeptisch.
Sind die Riesen in der nordischen Mythologie böse? Nein, nicht pauschal. Viele Riesinnen sind Mütter und Ehefrauen von Göttern, Riesen wie Vafthrudnir oder Ægir sind weise oder gastfreundlich. Sie sind die Gegenseite der Götter, aber keine reine Verkörperung des Bösen.
Woher kommen die Frostriesen? Nach Snorris Prosa-Edda stammen sie von Ymir ab, der im Urgrund Ginnungagap aus schmelzendem Reif entstand. Als die Götter Ymir töteten, ertranken die Reifriesen in seinem Blut – nur Bergelmir überlebte und wurde Stammvater der späteren Riesen.
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