Die nordische Kosmologie kennt nicht Himmel und Erde, sondern neun Welten – aufgereiht am Weltenbaum Yggdrasil, der sie alle wie eine Achse durchzieht. Götter, Menschen, Riesen, Elfen, Zwerge und Tote: Jedes Geschlecht hat seinen Ort. Dieser Beitrag führt durch alle neun – und sagt ehrlich, wo die Ordnung Überlieferung ist und wo spätere Systematik.
Das Motiv oben ist keine Illustration: Es ist unsere lasergravierte Yggdrasil-Weltenbaum-Birken-Baumscheibe (Ø 32–34 cm) – der ganze Kosmos auf einer echten Baumscheibe, mit Asgard, Midgard, Jötunheim, Niflheim und allen übrigen Welten am Urdbrunnen. Weiter unten siehst du die einzelnen Welten in der Nahaufnahme. Im Shop ansehen →
„Neun Welten weiß ich“, sagt die Seherin in der Völuspá. Die Zahl neun ist im Norden heilig – neun Nächte hing Odin im Baum, neun Schritte geht Thor nach dem Kampf mit der Schlange. Doch so klar die Zahl klingt: Die Quellen zählen die neun Welten nirgends sauber auf. Was wir heute als „die neun Welten“ kennen, ist eine Zusammenschau der Forschung aus vielen verstreuten Nennungen – zuallermeist aus Snorris Prosa-Edda und der Lieder-Edda.
„Neun Welten kenn ich, neun Äste weiß ich / an dem starken Stamm im Staube der Erde.“Völuspá, nach Karl Simrock (gemeinfrei)
Yggdrasil, die immergrüne Welten-Esche, hält alles zusammen. Drei gewaltige Wurzeln reichen zu drei Brunnen: zum Urðarbrunnr, dem Brunnen der Norne Urd bei den Göttern, wo die Nornen täglich den Baum mit weißem Schlamm begießen, damit er nicht fault; zum Mímisbrunnr, dem Brunnen des Wissens bei den Reifriesen, für dessen Trunk Odin ein Auge gab; und zu Hvergelmir im eisigen Niflheim, dem Ursprung aller Flüsse, wo der Drache Níðhöggr an der Wurzel nagt. Zwischen den Welten vermittelt allerlei Getier: ein weiser Adler in der Krone, das Eichhörnchen Ratatoskr, das Schmähworte zwischen Adler und Drache hin- und herträgt, und vier Hirsche, die an den Knospen fressen. Mehr dazu im Yggdrasil-Beitrag.
Asgard ist die Burg der Asen, hoch über allem, mit Odins Halle Walhall und den Wohnungen der Götter. Sie ist mit der Menschenwelt durch die Regenbogenbrücke Bifröst verbunden, die Heimdall bewacht. Siehe unser Pantheon und Walhall.
Vanaheim ist die Heimat der Wanen, der Götter der Fruchtbarkeit und des Reichtums – Njörd, Freyr, Freyja. Von hier kamen sie nach dem Asen-Wanen-Krieg als Geiseln nach Asgard.
Álfheim gehört den Ljósálfar, den Lichtelfen, „schöner als die Sonne anzusehen“, sagt Snorri. Bemerkenswert: Diese Welt wurde dem Gott Freyr als „Zahngeschenk“ (zum ersten Zahn) übergeben – ein Hinweis auf die enge Verbindung von Wanen und Elfen.
Midgard (‚Mittelgarten‘) ist unsere Welt, geschaffen aus den Augenbrauen des Urriesen Ymir als Schutzwall gegen die Riesen und ringsum vom Weltmeer umgeben, in dem die Midgardschlange Jörmungandr liegt.
Jötunheim (auch Útgard) ist das raue Land der Jötnar, der Riesen – Chaosmächte, aber auch Träger uralten Wissens und oft Verwandte der Götter. Hierher zieht Thor zu seinen berühmten Fahrten; von hier stammen viele Gemahlinnen der Götter.
Tief unter der Erde liegt die Welt der Zwerge (Svartálfar, „Schwarzelfen“) und Dunkelelfen. Hier, in den Schmieden von Niðavellir, entstehen die größten Schätze: Thors Hammer Mjölnir, Odins Speer Gungnir und Ring Draupnir, Freyrs Eber – und die unzerreißbare Fessel Gleipnir, mit der Fenrir gebunden wird.
Múspellsheim im Süden ist eine der beiden Urwelten: das Reich des lodernden Feuers, bewacht vom Feuerriesen Surt. Aus seinen Funken wurden einst Sonne, Mond und Sterne; sein Feuer verzehrt am Ende bei Ragnarök die Welt.
Niflheim im Norden ist die zweite Urwelt: Kälte, Nebel, Ureis. Hier entspringt aus dem Brunnen Hvergelmir alles Wasser, und hier nagt Níðhöggr an der Wurzel des Baumes. Aus dem Zusammentreffen von Niflheim und Múspellsheim in der gähnenden Leere entstand alles Leben.
Hel (Helheim) ist das Reich der Totengöttin gleichen Namens, einer Tochter Lokis. Hierher kommen die, die an Alter oder Krankheit sterben – nicht die auf dem Schlachtfeld Gefallenen (die gehören Odin und Freyja). Ihre Halle heißt Éljúðnir, mit sprechenden Namen für Schwelle, Teller und Messer: „Fallgefahr“, „Hunger“, „Hungrig“.

Das Bild hat eine tiefe Logik: Alles Sein hängt an einem lebendigen Baum – Götter und Menschen, Feuer und Eis, Leben und Tod sind Äste desselben Stammes. Der Kosmos ist kein starres Gebäude, sondern ein Organismus, der wächst, leidet (der Drache nagt, die Hirsche fressen) und gepflegt werden muss (die Nornen begießen ihn). Wer ein Stück davon graviert an der Wand hat, trägt diese Ordnung ins eigene Haus: den Baum, der alles trägt.
Yggdrasil im Detail · Ginnungagap · Ymir & die Weltentstehung · Das Götter-Pantheon · Fenrir · Jörmungandr · Ragnarök · Was danach kommt.
Lieder-Edda (Codex Regius): Völuspá, Grímnismál (der Baum und seine Wesen), Vafþrúðnismál. Snorri Sturluson, Prosa-Edda / Gylfaginning, um 1220. Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (zur Uneinheitlichkeit der Neunerliste); John Lindow, Norse Mythology (2001). Die Trennung von Beleg und späterer Systematik ist im Text kenntlich gemacht.