Die neun Welten der nordischen Mythologie sind in den Quellen sicher bezeugt – aber nur als Zahl: Die Seherin der Völuspá sagt „neun Welten weiß ich“, der Riese Vafþrúðnir will alle neun bereist haben, und Snorri lässt Hel über neun Welten herrschen. Eine Liste, welche neun das sind, nennt keine einzige Quelle. Die bekannte Reihe Asgard, Vanaheim, Alfheim, Midgard, Jötunheim, Svartalfheim, Niflheim, Muspelheim und Hel ist eine moderne Zusammenstellung aus echten Namen. Hier erfährst du, woher jeder Name stammt und wo die Ordnung wackelt.
Stell dir ein altes Haus vor, über dessen Tür steht: „Neun Zimmer.“ Du zählst nach und kommst mal auf sieben, mal auf zwölf – und an einer Tür hängt ein Schild in fremder Handschrift. So geht es jedem, der die nordischen Quellen nach den neun Welten befragt.
Die Zahl selbst steht außer Frage. Sie begegnet uns in der Lieder-Edda, die vor allem im Codex Regius (Königsbuch, GKS 2365 4to, um 1270 in Island geschrieben) überliefert ist. Und sie begegnet uns in der Prosa-Edda des isländischen Gelehrten und Politikers Snorri Sturluson, entstanden um 1220/1230. Beide stammen aus dem christlichen Island, Generationen nach der Bekehrung um das Jahr 1000. Was sie über den Kosmos sagen, ist Erinnerung, Dichtung und gelehrte Ordnung – kein Lehrbuch der Wikingerzeit.
Völuspá, Strophe 2. Die „Weissagung der Seherin“ ist das Eröffnungsgedicht des Codex Regius. Gleich zu Beginn erinnert sich die Seherin an die Riesen der Urzeit, die sie aufgezogen haben, und sagt: níu man ek heima, níu íviðjur – „neun Welten erinnere ich, neun …“. Was das zweite Wort bedeutet, ist bis heute umstritten. Íviðja wird meist als Riesin oder Waldweib gedeutet, andere denken an Baumwesen oder an Wurzeln des Weltenbaums, der in derselben Strophe als ruhmreicher „Maßbaum“ unter der Erde erscheint. Karl Simrock übersetzte 1851 ganz pragmatisch:
„Neun Welten kenn ich, neun Äste weiß ich“Völuspá 2, übersetzt von Karl Simrock (1851, gemeinfrei)
Die „Äste“ sind Simrocks Lösung, nicht die einzige mögliche. Wichtig ist: Die Seherin nennt die Zahl, aber keinen einzigen Namen.
Vafþrúðnismál, Strophe 43. Im Wissenswettstreit zwischen Odin und dem Riesen Vafþrúðnir begründet der Riese, warum er die Geheimnisse der Götter kennt: Er sei in alle neun Welten gekommen, hinab bis nach Niflhel, wo die Toten aus Hel weitersterben. Auch hier: Zahl ja, Liste nein. Und die Stelle ist zweideutig formuliert. Man kann sie so lesen, dass der Riese neun Welten unterhalb von Niflhel durchwandert hat. Einige Forscher haben daraus geschlossen, die neun Welten könnten ursprünglich gestufte Unterwelten gewesen sein und gar nicht der gesamte Kosmos. Beweisen lässt sich das nicht, aber es zeigt, wie dünn das Eis ist.
Alvíssmál. Das „Lied von Allwissend“ wird gern als dritter Beleg genannt, und hier muss man genau hinsehen. Der Zwerg Alvíss zählt auf, wie Erde, Himmel, Mond und vieles mehr „in jeder Welt“ heißen – bei Menschen, Asen, Vanen, Riesen, Alben, Zwergen, in Hel und bei weiteren Götterscharen. Das ist eine Ordnung nach Wesen, nicht nach Orten. Die ausdrückliche Zeile, Alvíss habe alle neun Welten bereist, steht nicht im Codex Regius. Henry Adams Bellows wies 1923 darauf hin, dass sie nur in späten Papierhandschriften vorkommt, die manche Herausgeber ergänzen. Ein Beleg also, aber ein nachgetragener.
Snorris Prosa-Edda. In der Gylfaginning („Gylfis Täuschung“) taucht die Zahl zweimal auf. Im dritten Kapitel heißt es, böse Menschen gingen zu Hel und von dort hinab nach Niflhel, „in die neunte Welt“. Und im Kapitel über Lokis Kinder wirft Odin die Totengöttin Hel nach Niflheim und gibt ihr Macht über neun Welten, damit sie allen, die zu ihr geschickt werden, Wohnung zuteilt. Wieder keine Aufzählung.
Die Liste, die du in jedem Lexikonartikel, auf Postern und in Videospielen findest, ist eine Rekonstruktion. Gelehrte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts haben die Weltnamen, die verstreut in Liedern und bei Snorri vorkommen, gesammelt und auf neun gebracht. Wie offen das Ergebnis war, zeigt Bellows' Anmerkung zur Völuspá von 1923: Er nennt Asgard, Vanaheim, Alfheim, Midgard, Jötunheim, Muspellsheim, Svartalfaheim und Niflheim – und schreibt sinngemäß dazu, die neunte sei unsicher, vielleicht die Welt der Zwerge. Acht Welten mit Fragezeichen also, wo heute oft neun mit Ausrufezeichen stehen.
Je nach Autor wird die neunte Stelle unterschiedlich besetzt: mit Hel, mit Niðavellir, mit einer Trennung von Dunkel- und Schwarzalben, oder Niflheim und Hel werden zu einer Welt verschmolzen. Jeder einzelne Name ist echt. Die Neunerreihe als Ganzes ist es nicht.
Asgard (Ásgarðr, „Umzäunung der Asen“) ist der Sitz des größeren Göttergeschlechts um Odin, Thor und Frigg. Der Name ist in der Lieder-Edda belegt, etwa in der Þrymskviða, wo Loki fürchtet, die Riesen könnten sich in Asgard ansiedeln, wenn Thor seinen Hammer nicht zurückbekommt. Snorri füllt sie mit Hallen wie Walhall und Bilskirnir. Bei ihm liegt Asgard ausdrücklich „in der Mitte der Welt“ – und in seinem euhemeristischen Prolog, der die Götter als vergöttlichte Menschen erklärt, setzt er es sogar mit Troja gleich. Zugleich reiten die Götter bei ihm täglich über die Brücke Bifröst zum Gericht am Urdbrunnen „im Himmel“. Asgard ist also mal Mitte, mal oben. Mehr dazu in unserem Artikel über Asgard.
Vanaheim (Vanaheimr) ist die Heimat der Vanen, des zweiten Göttergeschlechts, zu dem Njörd, Freyr und Freyja gehören. In der Vafþrúðnismál (Str. 39) heißt es, die weisen Mächte hätten Njörd in Vanaheim geschaffen und ihn den Göttern als Geisel gegeben – ein Echo des Krieges zwischen Asen und Vanen. Snorri wiederholt das in der Gylfaginning. Und in der Ynglinga saga verlegt er „Vanaland oder Vanaheim“ an den Fluss Tanakvísl, den Don, an den Rand seiner gelehrten Weltkarte. Mehr Stellen gibt es nicht; wie Vanaheim aussieht, verraten die Quellen nicht. Unser Artikel zu Vanaheim geht dem genauer nach.
Alfheim (Álfheimr, „Albenheim“) taucht zuerst in der Grímnismál auf, einem Lied, in dem Odin unerkannt die Wohnstätten der Götter aufzählt. In Strophe 5 heißt es, die Götter hätten Freyr Alfheim in alter Zeit als tannfé geschenkt – als Zahngeschenk, das man einem Kind zum ersten Zahn gab. Hier ist Alfheim ein Götterhof, keine eigene Welt.
Snorri macht mehr daraus. In der Gylfaginning (Kap. 17) wohnen in Alfheim die Lichtalben (ljósálfar), „schöner anzusehen als die Sonne“. Ihnen stellt er die Dunkelalben (døkkálfar) gegenüber, „schwärzer als Pech“, die unten in der Erde leben. Ein Teil der Forschung vermutet hinter dieser Licht-Dunkel-Ordnung christliche Vorbilder, etwa die Lehre von Engeln und gefallenen Engeln. Das bleibt eine Deutung. Die Verbindung zwischen dem Vanengott Freyr und den Alben ist dagegen auffällig und alt: In mehreren Liedern stehen „Asen und Alben“ als feste Formel nebeneinander. Mehr über diese Wesen in unserem Beitrag über die Alben.
Midgard (Miðgarðr, „mittlere Umzäunung“) ist die Welt der Menschen – und der am breitesten bezeugte Weltname überhaupt. Das Gotische kennt midjungards in Wulfilas Bibelübersetzung (4. Jahrhundert), das Altenglische middangeard, das Althochdeutsche mittilgart. Die Vorstellung einer umzäunten Mitte, in der die Menschen leben, ist damit gemeingermanisch und deutlich älter als die Wikingerzeit. Aus middangeard machte übrigens ein Oxforder Philologe namens Tolkien seine „Mittelerde“.
In der Völuspá (Str. 4) heben die Söhne Burs das Land empor und schaffen „den herrlichen Midgard“. Snorri erzählt es drastischer: Odin und seine Brüder bauen aus den Augenbrauen des erschlagenen Urriesen Ymir einen Wall gegen die Riesen, und den so umschlossenen Raum nennen sie Midgard. Den Riesen geben sie das Land am äußeren Meeresstrand. Ringsum liegt das Weltmeer, in dem die Midgardschlange sich in den eigenen Schwanz beißt. Lies dazu unseren Artikel über Midgard.
Jötunheim (Jötunheimr, meist im Plural Jötunheimar) ist das Land der Riesen. Die Pluralform ist kein Zufall: Die Lieder sprechen von „Riesenheimen“, einer Zone eher als einem Staat. In der Völuspá (Str. 8) kommen drei mächtige Thursenmädchen „aus Jötunheimar“ und beenden das goldene Zeitalter der Götter. In der Þrymskviða fliegt Loki dorthin, um Thors Hammer zu suchen.
Wo liegt es? Bei Snorri am äußeren Rand der Welt, jenseits des Meeres, und meist im Osten: Thor zieht „nach Osten“, um Riesen zu erschlagen, und die große Fahrt zu Útgarða-Loki führt ihn ostwärts über das tiefe Meer. Útgarðr, „die äußere Umzäunung“, ist das Gegenstück zu Midgard. Gleichzeitig liegt bei Snorri eine Wurzel des Weltenbaums bei den Reifriesen, dort, wo einst Ginnungagap war. Riesenland ist damit draußen und unten zugleich.
Die Riesen sind dabei keine bloßen Monster, sondern oft mit den Göttern verschwägert: Skadi, Gerd und Odins Mutter Bestla stammen aus ihrem Geschlecht. Mehr in unserem Artikel über Jötunheim.
Hier wird es unübersichtlich – und für uns als Werkstatt sympathisch, denn hier wird geschmiedet. Der Name Svartálfaheimr, „Heim der Schwarzalben“, steht nur bei Snorri. In der Gylfaginning schickt Odin seinen Boten Skírnir „hinab nach Svartalfheim zu einigen Zwergen“, um die Fessel Gleipnir anfertigen zu lassen, mit der Fenrir gebunden wird. In der Skáldskaparmál, dem zweiten Teil seiner Edda, fährt Loki nach Svartalfheim und erpresst vom Zwerg Andvari das Gold für die Otterbuße.
Snorri setzt Schwarzalben und Zwerge also praktisch gleich, ohne es je ausdrücklich zu sagen. Ob seine Dunkelalben aus Kapitel 17 dieselben Wesen sind wie die Schwarzalben, lässt er offen. Die Lieder kennen dagegen dvergar, Zwerge, als eigene Gruppe, die in Stein und Fels wohnt.
Niðavellir, „dunkle Gefilde“ oder „Neumondfelder“, kommt ein einziges Mal vor: In der Völuspá (Str. 37 in der üblichen Zählung) steht im Norden auf Niðavellir ein Saal aus Gold für Sindris Geschlecht. Sindri ist der Name eines kunstfertigen Zwergs, also gilt Niðavellir als Zwergenwelt. Manche Herausgeber lesen statt -vellir („Felder“) lieber -fjöll („Berge“). Eine Welt auf einer Halbstrophe – und trotzdem oft die neunte in der Liste. Mehr dazu in Svartalfheim.
Bei Snorri sind Feuer und Eis älter als alles andere. Bevor es Erde, Himmel oder Götter gab, lag im Süden Muspell, hell und heiß, bewacht vom Riesen Surt mit dem flammenden Schwert. Im Norden lag die Kälte. Dazwischen gähnte Ginnungagap, die leere Kluft. Wo Reif und Funken sich trafen, taute das Eis, und aus den Tropfen entstand der Urriese Ymir. Aus den Funken, die aus Múspellsheimr herüberflogen, setzten die Götter später Sonne, Mond und Sterne an den Himmel.
Muspelheim ist als Wortform nur bei Snorri belegt. Das Wort Muspell selbst aber ist alt und reicht weit über den Norden hinaus. In der Völuspá (Str. 51) kommen beim Weltende „Muspells Leute“ übers Meer, in der Lokasenna reiten „Muspells Söhne“. Das altsächsische Heliand (9. Jahrhundert) kennt mutspelli als Weltgericht, ein bairisches Gedicht derselben Zeit heißt heute Muspilli. Ob das Wort ursprünglich christlich oder heidnisch war, ist bis heute offen. Sicher ist: Muspell war zuerst ein Weltbrand, ein Ereignis, und erst Snorri macht daraus deutlich einen Ort. Unser Artikel zu Muspelheim geht tiefer.
Niflheim (Niflheimr, „Nebelheim“) steht ebenfalls nur bei Snorri. Dort entspringt der Brunnen Hvergelmir, aus dem die Urflüsse strömen, und dort nagt der Drache Níðhöggr an einer Wurzel des Weltenbaums. Die Lieder kennen dagegen Niflhel, „Nebel-Hel“, die tiefste, finsterste Unterwelt – etwa in der Vafþrúðnismál oder in den Baldrs draumar, wo Odin „hinab nach Niflhel“ reitet. Vieles spricht dafür, dass Snorri Niflheim aus Niflhel und als Gegenstück zu Muspell gebildet hat. Bei ihm verschwimmen die Grenzen dann prompt: Hel wird „nach Niflheim“ geworfen, die Bösen kommen „nach Niflhel“. Lies weiter bei Niflheim.
Hel ist zugleich ein Ort und eine Person. Das Wort ist verwandt mit unserem „Hölle“ und bedeutet ursprünglich wohl „das Verborgene“. Als Ort ist Hel in den Liedern vielfach belegt: Man „fährt zu Hel“, wenn man stirbt. In der Völuspá kräht ein rußroter Hahn „unter der Erde in den Sälen Hels“. In der Grímnismál (Str. 31) wohnt Hel unter einer der drei Wurzeln des Weltenbaums.
Als Gestalt erscheint Hel vor allem bei Snorri: Tochter Lokis und der Riesin Angrboda, halb blau, halb fleischfarben, Herrin über die, die an Krankheit und Alter sterben. Ihre Halle heißt Éljúðnir, ihr Teller „Hunger“, ihr Messer „Hungersnot“, die Schwelle „fallende Falle“. Der Weg dorthin führt „hinab und nach Norden“; Hermóðr reitet neun Nächte durch finstere Täler, bis er die Brücke über den Fluss Gjöll erreicht. Die Form „Helheim“, unter der die Welt heute meist in Listen steht, spielt in der Überlieferung kaum eine Rolle. Mehr im Artikel über Helheim.
Die beliebten Grafiken stapeln die Welten in drei Ebenen: oben Asgard, Vanaheim und Alfheim, in der Mitte Midgard, Jötunheim und Svartalfheim, unten Niflheim, Muspelheim und Hel, alles säuberlich an Yggdrasils Stamm aufgereiht. Das sieht ordentlich aus. In den Quellen steht es so nirgends.
Der russische Mythenforscher Eleazar Meletinskij hat in den 1970er-Jahren vorgeschlagen, die nordische Kosmologie mit zwei Achsen zu beschreiben. Auf der waagerechten Achse liegen die Welten in Kreisen umeinander: innen Asgard und Midgard, die geordnete Mitte, außen Útgard und Jötunheim, das wilde Draußen, dazwischen das Meer. Auf der senkrechten Achse steht der Weltenbaum, der Himmel oben und Unterwelt unten verbindet. Der dänische Religionswissenschaftler Jens Peter Schjødt hat 1990 in einem Aufsatz über „horizontale und vertikale Achsen“ untersucht, wie beide Systeme zusammenpassen, und sie mit den Gegensatzpaaren Kultur und Natur, Kosmos und Chaos verbunden.
Dass beide Modelle nebeneinander existieren, siehst du bei Snorri selbst. Asgard liegt „mitten in der Welt“ – und zugleich im Himmel, zu dem Bifröst hinaufführt. Jötunheim liegt im Osten am Weltrand – und zugleich unter einer Wurzel des Baumes. Hel liegt „hinab und nach Norden“. Und die drei Wurzeln selbst: Bei Snorri reichen sie zu den Asen, zu den Reifriesen und nach Niflheim. In der älteren Grímnismál stehen unter ihnen Hel, die Reifriesen und die Menschen. Zwei Texte, zwei Kosmen.
Warum so widersprüchlich? Die neuere Forschung betont, dass es „die“ nordische Religion nie gab. Der schwedische Ortsnamenforscher Stefan Brink hat 2007 in seinem Aufsatz „How uniform was the Old Norse religion?“ anhand von Ortsnamen gezeigt, wie regional verschieden die Kulte waren: Manche Götter wurden in bestimmten Landschaften verehrt und anderswo offenbar gar nicht. Wenn schon die Götter regional verschieden waren, hatten Norweger, Schweden, Dänen und Isländer kaum über Jahrhunderte dieselbe Weltkarte im Kopf. Snorris System ist eine Momentaufnahme aus dem gelehrten Island des 13. Jahrhunderts.
Keine Zahl taucht in der nordischen Überlieferung so oft an Schlüsselstellen auf wie die Neun.
In der Hávamál (Str. 138) hängt Odin neun Nächte am windigen Baum, verwundet mit dem Speer, sich selbst geopfert, bevor er die Runen aufnimmt; gleich danach lernt er neun Machtlieder vom Bruder seiner Mutter. Heimdall ist der Sohn von neun Müttern – so sagt es das Hyndluljóð, das die neun Riesinnen sogar mit Namen nennt, und Snorri zitiert ein verlorenes Lied, in dem Heimdall von sich sagt, er sei der Sohn von neun Müttern. Unser Artikel über die neun Mütter Heimdalls erzählt die ganze Geschichte.
Die Reihe geht weiter. Thor geht beim Weltende neun Schritte, nachdem er die Midgardschlange erschlagen hat, bevor er an ihrem Gift stirbt (Völuspá 56). Hermóðr reitet neun Nächte nach Hel. Gerd verspricht Freyr in der Skírnismál ein Treffen nach neun Nächten im Hain Barri, und Freyr findet schon eine Nacht unerträglich lang. Aus Odins Ring Draupnir tropfen jede neunte Nacht acht gleich schwere Ringe. Ägir und Rán haben neun Töchter, die Wellen.
Auch außerhalb der Mythen begegnet die Neun. Adam von Bremen berichtet um 1075 vom Heiligtum in Uppsala, dort werde alle neun Jahre ein großes Fest gefeiert, bei dem man von jedem männlichen Lebewesen neun opfere. Adam war selbst nie dort und schrieb nach Berichten Dritter; die Zahlen sind mit Vorsicht zu lesen. Dass ihm ausgerechnet die Neun berichtet wurde, passt aber ins Bild.
Eine Erklärung, die oft angeboten wird: Neun ist drei mal drei, und drei steht für Vollständigkeit – drei Nornen, drei Wurzeln, drei Brüder, die die Welt ordnen. Das ist eine Deutung. Die Quellen selbst erklären die Neun nirgends – sie benutzen sie einfach, so selbstverständlich wie wir das Dutzend.
Dass heute fast jeder von „den neun Welten“ gehört hat, verdanken wir zu einem guten Teil nicht der Edda, sondern Comics und Spielen. Die Thor-Comics von Marvel, seit den 1960er-Jahren, und vor allem die Kinofilme ab 2011 haben die „Nine Realms“ zu einem festen Begriff gemacht. Marvel trennt dabei Svartalfheim und Nidavellir in zwei Reiche und macht Bifröst zu einer Art Wurmloch – Science-Fiction mit nordischem Anstrich. Was davon auf echte Quellen zurückgeht, prüfen wir im Marvel-Thor-Faktencheck.
Die Spielereihe God of War (2018) und ihr Nachfolger Ragnarök (2022) machen die Welten zu begehbaren Reichen, die man über einen Weltenbaum bereist. Die Entwickler haben sichtbar in die Edda geschaut und frei erfunden, wo die Geschichte es verlangte – legitime moderne Rezeption, keine Überlieferung. Unser God-of-War-Faktencheck trennt das eine vom anderen.
Bei uns in der Werkstatt in Alsdorf ist der Weltenbaum eines der beliebtesten Motive, Wir finden: Man kann die Welten wunderbar gravieren, ohne so zu tun, als hätte die Edda eine Landkarte geliefert.
Ein Vorschlag, der uns selbst gut gefällt: Yggdrasil in der Mitte einer Baumscheibe oder Schieferplatte, darüber der Halbvers aus der Völuspá – níu man ek heima, „neun Welten erinnere ich“. Die Namen der Welten setzen wir nicht in Etagen, sondern im Kreis um den Stamm, wie Meletinskijs waagerechtes Modell: innen Asgard und Midgard, außen Jötunheim, unten an den Wurzeln Hel und Niflheim. Wer mag, bekommt die Namen zusätzlich in Runen des jüngeren Futhark, der Runenreihe der Wikingerzeit. So hängt an deiner Wand, was die Quellen wirklich hergeben – eine Zahl, ein Baum und eine Ordnung, die man immer wieder neu denken darf.

Wie heißen die neun Welten der nordischen Mythologie? Üblich ist heute: Asgard, Vanaheim, Alfheim, Midgard, Jötunheim, Svartalfheim (oder Niðavellir), Niflheim, Muspelheim und Hel. Diese Liste ist eine moderne Zusammenstellung; keine mittelalterliche Quelle zählt die neun Welten auf.
Wo werden die neun Welten in der Edda erwähnt? In der Völuspá (Str. 2), der Vafþrúðnismál (Str. 43), einer späten Zusatzstrophe der Alvíssmál und zweimal in Snorris Gylfaginning. Überall wird nur die Zahl genannt.
Hängen die neun Welten an Yggdrasil? Die Vorstellung ist naheliegend, aber so nicht überliefert. Snorri sagt, die Äste der Esche reichten über alle Welten, und ihre drei Wurzeln lägen bei den Asen, den Reifriesen und in Niflheim.
Ist Niflheim dasselbe wie Hel? Nicht ganz. Die Lieder kennen Hel und Niflhel als tiefste Unterwelt; Niflheim steht nur bei Snorri, der die Begriffe selbst nicht sauber trennt.
Warum ist die Neun in der nordischen Mythologie so wichtig? Sie taucht immer wieder auf: Odins neun Nächte am Baum, Heimdalls neun Mütter, Thors neun Schritte, das Fest in Uppsala alle neun Jahre. Eine Erklärung liefern die Quellen nicht.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
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