Kann ein Gedicht ein Leben retten? Im Norden ja. Der Skalde Óttarr svarti („der Schwarze") hatte den Zorn König Óláfs des Heiligen auf sich gezogen – und rettete seinen Kopf mit Versen.
Am Anfang steht ein Fehler, der einen Kopf kosten konnte. Der isländische Skalde Óttarr svarti, „der Schwarze", hatte – so die Überlieferung – in jungen Jahren ein Liebesgedicht auf Ástríðr verfasst, die Gemahlin König Óláfs des Heiligen von Norwegen. Ein Preislied auf eine Frau, eine mansöngr, galt als Beleidigung ihres Mannes und konnte als schweres Vergehen mit dem Tod geahndet werden. Als Óttarr später an Óláfs Hof kam, lastete diese alte Sünde auf ihm, und der Zorn des Königs war nicht gering.
Óttarr war kein Unbekannter: Er stammte aus einer Familie von Dichtern und war der Neffe eines der größten Skalden seiner Zeit, Sigvatr Þórðarson, der selbst am Hof Óláfs in hohem Ansehen stand. Und ausgerechnet dieser Onkel wurde zur Rettung.
Sigvatr, der die Lage seines Neffen erkannte, riet ihm zum einzigen Ausweg, den der Norden für einen Dichter kannte: nicht Flucht, nicht Kampf, sondern ein besseres Gedicht. Óttarr solle ein großes Preislied auf den König selbst verfassen – so kunstvoll, dass Óláfr gar nicht anders könne, als sich versöhnen zu lassen. Der Legende nach half Sigvatr sogar heimlich nach und feilte mit an den Versen.
In nur drei Nächten schuf Óttarr die Hǫfuðlausn, das „Haupt-Lösegeld" oder „Kopf-Lösegeld". Als er das Lied vor Óláfr und dem versammelten Hof vortrug, geschah, worauf alles hinauslief: Der König, gerühmt in prächtigen, wahrhaftigen Versen, ließ seinen Zorn fahren und schenkte dem Dichter das Leben. Ein Gedicht hatte buchstäblich einen Kopf ausgelöst.
„Die Zunge wird dem Haupt zum Verderben." — Hávamál 73, nach Simrock
Kaum ein Sprichwort passt besser – und wird hier auf schönste Weise umgekehrt. Óttarrs Zunge hatte ihn erst in Todesgefahr gebracht, mit dem falschen Lied auf die falsche Frau. Und dieselbe Zunge, mit dem richtigen Lied auf den richtigen Mann, rettete ihm den Kopf. Im Norden konnte das Wort töten und heilen, verletzen und lösen.
Der Name Hǫfuðlausn ist im Norden fast ein eigenes Genre. Auch Egill Skallagrímsson soll sich mit einem in einer Nacht gedichteten Preislied vor seinem Todfeind Erik Blutaxt in York den Kopf erkauft haben. Dahinter steht ein tiefer, für uns fast fremder Glaube an die Macht der Dichtung: Das Lob eines echten Skalden war kostbarer als Gold, denn nur es trug den Ruhm eines Fürsten über den Tod hinaus. Ein König konnte Schlachten gewinnen – aber ob man in tausend Jahren noch seinen Namen kannte, entschied der Dichter.
Genau deshalb hielt ein Herrscher sich Skalden, beschenkte sie reich und ertrug ihre Freimütigkeit. Und genau deshalb konnte ein Gedicht ein Leben aufwiegen. Die dramatische Rahmenerzählung – Liebeslied, Todesdrohung, Rettung in drei Nächten – ist in der später aufgezeichneten Saga sicher literarisch ausgeschmückt. Doch der Kern spiegelt reale höfische Praxis: Dichtung war im Norden eine Macht, mit der man rechnen musste.
Óttarr svarti ist kein weltbewegender Held, und doch erzählt seine Geschichte etwas Grundlegendes über die Kultur, aus der unsere Motive stammen. Es war eine Welt, in der das gesprochene, kunstvoll gefügte Wort echte Macht besaß – Ehre stiften, Ehre nehmen, versöhnen, verletzen und sogar Leben retten konnte. Diese Ehrfurcht vor dem guten Wort und dem dauerhaften Namen ist etwas, das wir in unserer Arbeit teilen: Auch eine Gravur ist ein Versuch, einem Namen, einem Spruch, einer Erinnerung Bestand zu geben. Der Met der Dichtung, den unser Windlicht andeutet, ist genau dieser Stoff, aus dem Ruhm gemacht wurde.

Vellekla · Eyvindr skáldaspillir · Die Edda · Runen.
Óttarr svarti, Hǫfuðlausn (Snorri, Óláfs saga helga); Skaldic Poetry of the Scandinavian Middle Ages. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.