Ein Dichter, der um seinen Lohn bangt, und ein Fürst, der sich feiern lässt: Die Vellekla („Goldmangel“) des Skalden Einarr skálaglamm ist eines der glanzvollsten Preislieder der Wikingerzeit.
Um die Vellekla zu verstehen, muss man wissen, was ein Skalde im alten Norden bedeutete. Er war kein einfacher Sänger, sondern ein hochspezialisierter Wortkünstler, oft von adliger Herkunft, der am Hof eines Königs oder Jarls lebte. Seine Kunst, das kunstvoll verschränkte Versmaß dróttkvætt mit seinen strengen Stab- und Binnenreimen und den rätselhaften Umschreibungen, den Kenningar, gehörte zum Schwersten, was die nordische Sprache hervorgebracht hat. Ein gutes Preislied war kostbarer als Silber – denn es machte den Herrscher unsterblich.
Einer der größten dieser Meister war Einarr Helgason, genannt skálaglamm – „Waagschalen-Klang", nach einem klingenden Geschenk, das er einst erhielt. Um das Jahr 985 dichtete er sein Hauptwerk, die Vellekla, zu Ehren des mächtigsten Mannes Norwegens.
Gefeiert wird Hákon Jarl Sigurðarson, der Herrscher von Lade und faktische Gebieter über Norwegen. Das Gedicht rühmt seine Feldzüge in dichten, bildstarken Strophen: die Kämpfe in Dänemark, den Widerstand gegen fremde Ansprüche und vor allem die berühmte Seeschlacht im Hjörungavágr gegen die gefürchteten Jomswikinger. Immer wieder feiert Einarr den Jarl nicht nur als Krieger, sondern als Beschützer der alten Heiligtümer und der Götter – in einer Zeit, in der das Christentum bereits an die Tür des Nordens klopfte.
Diese Betonung der Heidentreue ist kein Zufall. Hákon stand für die alte Ordnung, und ein Skalde, der ihn pries, machte diese Ordnung zugleich zum Programm. Skaldendichtung war nie nur schön, sie war immer auch Politik.
Der seltsame Titel spielt augenzwinkernd auf zweierlei an. Zum einen auf Einarrs eigene, oft klamme Kasse: Ein Skalde lebte von der Freigebigkeit seines Fürsten, und wer keinen guten Gönner fand, litt buchstäblich „Goldmangel". Zum anderen – und das ist die feine Pointe – auf die Großzügigkeit Hákons selbst, der jeden solchen Mangel seines Dichters mit reichen Gaben heilte. Der Titel ist also zugleich Klage und Kompliment, ein kleines Meisterstück höfischer Ironie.
Darin steckt das ganze Wesen der Skaldik: Kunst und Kalkül, Schönheit und Broterwerb, echte Bewunderung und handfestes Eigeninteresse, untrennbar verwoben. Der Dichter brauchte den Fürsten, und der Fürst brauchte den Dichter – denn nur dessen Verse trugen seinen Namen über den Tod hinaus.
„Besitz stirbt, Sippen sterben, du selbst stirbst wie sie; eins weiß ich, das ewig lebt: des Toten Tatenruhm." — Hávamál 76/77, nach Simrock
Für Historiker sind Gedichte wie die Vellekla ein Glücksfall. Ihr strenges Versmaß macht spätere Verfälschung schwer: Wer eine Strophe verändert, zerstört Reim und Rhythmus – deshalb gelten die Skaldenverse als besonders zuverlässige Zeugen der Ereignisse, oft älter und näher am Geschehen als die Prosasagas, die sie später umrahmten. Aus Einarrs Strophen lässt sich Hákons Regierungszeit fast wie aus einer zeitgenössischen Chronik ablesen.
Zugleich bleibt Vorsicht geboten: Es ist Auftragsdichtung. Hákons gerühmte „Heidentreue" ist auch Propaganda, und selbst die Datierung (975 oder 985?) und die Reihenfolge der erhaltenen Strophen sind bis heute umstritten. Uns fasziniert an solchen Gedichten gerade diese Doppelnatur – Kunstwerk und historische Quelle in einem. Wenn wir am Windlicht den Met der Dichtung andeuten, denken wir an genau diese Männer, die mit Worten Ruhm schmiedeten, der tausend Jahre überdauert hat.

Eyvindr skáldaspillir · Óttarr svarti · Die Edda · Runen.
Einarr skálaglamm, Vellekla (Snorri, Heimskringla / Skáldskaparmál); Egils saga. Skaldic Poetry of the Scandinavian Middle Ages (Turville-Petre, Whaley u. a.); Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.