Sein Beiname klingt wie ein Vorwurf: Eyvindr skáldaspillir, „der Dichterverderber“. Gemeint ist wohl, dass er ältere Vorbilder nachahmte – doch er war einer der größten Skalden Norwegens, und in gewisser Weise der letzte seiner Art.
Manche Beinamen des Nordens klingen wie eine Ehrung, andere wie ein Vorwurf. Eyvindr Finnsson trug einen der rätselhaftesten: skáldaspillir, „der Dichterverderber". Wahrscheinlich meinte man damit, dass er sich eng an ältere Vorbilder anlehnte und deren Verse gleichsam „aufbrauchte". Doch der Spott täuscht: Eyvindr war einer der größten Skalden Norwegens – und, wie sich zeigen sollte, in gewisser Weise der letzte seiner Art.
Er lebte im 10. Jahrhundert und stammte selbst aus vornehmem, teils königlichem Geschlecht. Sein Beiname ist mehrdeutig geblieben: „der die Dichter übertrifft" ebenso wie „der die Dichter verdirbt" oder schlicht „Plagiator". Schon im Mittelalter stritt man darüber, ob seine kunstvollen Anlehnungen an ältere Werke Nachahmung oder geniale Antwort waren.
Eyvindr diente König Hákon dem Guten, einem Sohn Harald Schönhaars, der christlich erzogen worden war, aber über ein noch heidnisches Volk herrschte. Als Hákon in der Schlacht von Fitjar um 961 tödlich verwundet fiel, schuf Eyvindr sein Meisterwerk, das Hákonarmál, das „Lied von Hákon".
Das Gedicht ist von ergreifender Doppeldeutigkeit. Es schildert, wie Odin die Walküren Göndul und Skögul aussendet, um den gefallenen König zu holen, und wie der heidnische Hákon in Walhall empfangen wird – obwohl er als Christ gestorben war. Die alten Götter nehmen den guten König auf, als gehörte er zu ihnen. Kaum ein Text fängt den Übergang zweier Zeitalter, das Nebeneinander von altem und neuem Glauben, so bewegend ein.
„Es stirbt das Vieh, es sterben die Freunde, Land und Leute veröden, seit Hákon zu den heidnischen Göttern fuhr." — Hákonarmál, Schlussstrophe, nach der Heimskringla
Mit dieser Schlussstrophe endet das Lied – ein Nachhall der berühmten Hávamál-Verse, aber gewendet auf einen ganz konkreten Verlust. Mit Hákon, so klagt Eyvindr, geht nicht nur ein König dahin, sondern eine ganze Ordnung. Das Land verarmt, weil der gute Herrscher fort ist.
Eyvindrs zweites großes Werk ist die Háleygjatal, eine kunstvolle Ahnenreihe der Jarle von Lade. Sie führt das Geschlecht dieser mächtigen Familie über viele Generationen zurück – bis hinauf zu den Göttern selbst, zu Odin und der Riesin Skaði. Solche Genealogien waren keine bloße Spielerei: Sie begründeten den Herrschaftsanspruch eines Geschlechts, indem sie es unmittelbar aus dem Göttlichen ableiteten. Wer von Odin abstammte, dessen Recht zu herrschen stand über dem gewöhnlicher Menschen.
Damit zeigt Eyvindr die zweite große Aufgabe der Skalden neben dem Preislied: Sie waren auch die Hüter der Herkunft, die Gedächtnisträger der Geschlechter. In ihren Versen lebten die Ahnen weiter, und mit ihnen der Anspruch der Lebenden.
Eyvindr gilt als der letzte bedeutende Skalde, der noch ganz und ohne Bruch in der alten, heidnischen Bildwelt dichtete. Nach ihm wandelte sich die Zeit unwiderruflich: Das Christentum setzte sich durch, und mit ihm kamen neue Stoffe, neue Bilder, ein neuer Himmel. Die Kenningar, die auf die alten Mythen anspielten, wurden nach und nach zu bloßen Formeln, deren Sinn man erklären musste.
So steht sein Hákonarmál wie ein Grenzstein am Rand einer untergehenden Welt – ein letzter, glühender Gesang auf die alten Götter und einen guten König, gedichtet in dem Moment, in dem beides zu verblassen begann. Genau solche Übergangsmomente faszinieren uns: Wenn wir am Windlicht den Met der Dichtung andeuten, denken wir an Männer wie Eyvindr, die den alten Glauben noch einmal in vollem Licht aufleuchten ließen, ehe er in die Erinnerung überging.

Vellekla · Óttarr svarti · Die Schlachten Hákons · Walhall.
Eyvindr skáldaspillir, Hákonarmál, Háleygjatal (Snorri, Heimskringla); Skaldic Poetry of the Scandinavian Middle Ages. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.