Ginnungagap ist in der nordischen Mythologie die gähnende Urleere vor der Erschaffung der Welt: eine Kluft zwischen dem eisigen Niflheim im Norden und dem glühenden Muspelheim im Süden. Dort, wo Reif und Hitze aufeinandertrafen, entstand der Urriese Ymir, aus dessen Körper Odin und seine Brüder später Erde, Meer und Himmel bauten. Wir zeigen dir, was die Völuspá und Snorris Gylfaginning genau sagen, was der rätselhafte Name bedeuten könnte und warum Ginnungagap im Mittelalter sogar auf Landkarten des Nordatlantiks landete.
Stell dir einen Anfang vor, an dem es nichts gibt, was man anfassen könnte. Keinen Boden, keinen Himmel, kein Meer. Genau dort, an diesem Punkt vor allem anderen, setzt die nordische Schöpfungsgeschichte ein. Und sie gibt diesem Nichts einen Namen, der bis heute nach Wind und Weite klingt: Ginnungagap.
Andere Mythen beginnen mit einem Befehl oder einem Ei, der Norden mit einer Lücke. Aus dieser Lücke entsteht durch das Aufeinandertreffen von Kälte und Hitze das erste Lebewesen, aus dessen Körper später Erde, Meer und Himmel gebaut werden. Was wir darüber wissen, stammt aus wenigen Liedstrophen und aus der geordneten Nacherzählung eines isländischen Gelehrten des 13. Jahrhunderts – plus einer verblüffenden Parallele aus Bayern und einer Karriere als Ortsname auf alten Karten.
„Einst war das Alter, da Ymir lebte: / Da war nicht Sand nicht See, nicht salzge Wellen, / Nicht Erde fand sich noch Ueberhimmel, / Gähnender Abgrund und Gras nirgend.“Völuspá, Strophe 3, übersetzt von Karl Simrock (gemeinfrei)
Der älteste Beleg für Ginnungagap steht in der Völuspá, dem „Lied der Seherin“. Eine Völva, also eine Seherin, erzählt Odin die Geschichte der Welt von ihrem Anfang bis zum Untergang und darüber hinaus. Gleich in der dritten Strophe beschreibt sie den Urzustand, und zwar fast ausschließlich durch Verneinung: kein Sand, kein See, keine kühlen Wogen, keine Erde, kein Himmel. Positiv benannt wird nur eines, in der berühmten Halbzeile gap var ginnunga, „Kluft war der Ginnungen“, wörtlich und etwas holprig. Simrock hat daraus den „gähnenden Abgrund“ gemacht.
Die Völuspá ist uns vor allem im Codex Regius überliefert, einer isländischen Handschrift aus der Zeit um 1270, die heute in Reykjavík liegt. Wann das Lied selbst gedichtet wurde, ist umstritten; viele Forscher denken an die Zeit um das Jahr 1000, also an die Phase der Bekehrung Islands, sicher ist das nicht. Mehr zur Überlieferung findest du in unserem Beitrag über die Edda als Quelle.
Spannend ist schon die erste Zeile, denn sie existiert in zwei Fassungen. Im Codex Regius heißt es Ár var alda, þar er Ymir bygði – „Urzeit war es, als Ymir hauste“. Snorri Sturluson zitiert dieselbe Strophe in seiner Prosa-Edda aber mit þat er ekki var – „als nichts war“. Die eine Lesart stellt den Urriesen bereits in die Leere hinein, die andere lässt den Anfang wirklich leer. Welche Fassung älter ist, lässt sich nicht sicher entscheiden – aber schon die mittelalterlichen Isländer stellten sich die Kluft offenbar unterschiedlich vor.
Um 1220 schrieb der isländische Politiker, Dichter und Gelehrte Snorri Sturluson die Gylfaginning, „Gylfis Betörung“. Darin besucht der schwedische König Gylfi verkleidet die Asen und stellt drei geheimnisvollen Gestalten Fragen über die Welt. Auf die Frage, was am Anfang war, entfaltet Snorri in den Kapiteln 4 bis 8 (nach der üblichen Zählung) eine Kosmogonie, also eine Erzählung von der Entstehung der Welt, die so systematisch ist wie in keiner anderen altnordischen Quelle.
Ganz am Anfang, schreibt Snorri, gab es im Süden eine Welt namens Múspell, hell und heiß, flammend und brennend, für jeden unbetretbar, der dort nicht beheimatet ist. An ihrer Grenze sitzt Surtr mit einem flammenden Schwert. Ausführlich erzählen wir von dieser Glutwelt im Artikel über Muspelheim. Viele Zeitalter bevor die Erde geschaffen wurde, entstand im Norden Niflheim, die „Nebelwelt“. In ihrer Mitte liegt die Quelle Hvergelmir, meist als „rauschender Kessel“ gedeutet, und von dort fließen die Flüsse, die Snorri mit Namen aufzählt: Svöl, Gunnþrá, Fjörm, Fimbulþul, Slíðr und Hríð, Sylgr und Ylgr, Víð, Leiptr und Gjöll. Zusammen heißen sie Élivágar, was meist als „Sturmwogen“ oder „Eiswogen“ gedeutet wird.
Dann wird es fast physikalisch. Als die Élivágar so weit von ihrem Ursprung entfernt waren, dass das Gift in ihnen erstarrte wie Schlacke, die aus einem Schmelzfeuer läuft, wurde es zu Eis. Wo das Eis zum Stillstand kam, sprühte Gift daraus hervor und gefror zu Reif, und so legte sich Schicht über Schicht in den nördlichen Teil von Ginnungagap. Der südliche Teil dagegen wurde von den Funken und glühenden Brocken aus Muspelheim erhellt. Und die Mitte? Sie war, so Snorri, so mild wie windstille Luft.
Ginnungagap ist bei Snorri also kein schwarzes Loch, sondern eine Zwischenzone: Kälte von der einen Seite, Hitze von der anderen, und in der Mitte eine Stille, in der etwas passieren kann.
Als der Hauch der Hitze auf den Reif traf, begann dieser zu schmelzen und zu tropfen. Aus diesen Tropfen, schreibt Snorri, erwachte Leben, und zwar „durch die Kraft dessen, der die Hitze sandte“. Das Wesen hatte Menschengestalt und hieß Ymir; die Reifriesen nannten ihn Aurgelmir. Snorri stützt sich hier ausdrücklich auf das Vafþrúðnismál, das er zitiert: Aus den Élivágar sprangen Gifttropfen und wuchsen, bis daraus ein Riese wurde.
Ymir war nach Snorri von Anfang an böse, ebenso wie alle seine Nachkommen. Während er schlief, geriet er in Schweiß. Unter seinem linken Arm wuchsen ein Mann und eine Frau, und einer seiner Füße zeugte mit dem anderen einen Sohn. So entstand das Geschlecht der Reifriesen.
Wovon lebte Ymir? Auch dafür hat Snorri eine Antwort. Als der Reif tropfte, entstand ebenfalls eine Kuh namens Auðhumla. Aus ihrem Euter liefen vier Milchströme, und davon nährte sich Ymir. Die Kuh selbst leckte die salzigen Reifsteine. Am ersten Tag kam beim Lecken das Haar eines Mannes hervor, am zweiten der Kopf, am dritten Tag stand der ganze Mann da. Er hieß Búri, war schön, groß und stark.
Búris Sohn hieß Börr (auch Burr oder Bor geschrieben). Er nahm Bestla zur Frau, die Tochter des Riesen Bölþorn. Ihre drei Söhne waren Odin, Vili und Vé. Die Götter haben also eine riesische Mutter – am Anfang der Welt ist die Grenze zwischen Göttern und Riesen noch durchlässig.
Auðhumla taucht in keinem erhaltenen Eddalied auf. Ob Snorri sie aus einer verlorenen Quelle kannte oder selbst ausgestaltete, wissen wir nicht.
Die Söhne Börrs töteten Ymir. Aus seinen Wunden floss so viel Blut, dass darin alle Reifriesen ertranken, bis auf einen: Bergelmir entkam mit seiner Frau auf einem lúðr, einem Wort, das man meist als Boot oder Kasten versteht, dessen genaue Bedeutung aber unsicher ist. Von ihm stammen die späteren Riesengeschlechter ab.
Dann trugen die Brüder Ymir in die Mitte von Ginnungagap und bauten aus ihm die Welt. Aus seinem Fleisch machten sie die Erde, aus seinem Blut Meer und Gewässer, aus den Knochen die Felsen, aus Zähnen, Kiefern und Knochensplittern Steine und Geröll. Seinen Schädel setzten sie als Himmel über die Erde und stellten an die vier Ecken je einen Zwerg: Norðri, Suðri, Austri und Vestri. Die Funken und Glutbrocken, die aus Muspelheim herübergeflogen waren, setzten sie als Gestirne an den Himmel. Aus Ymirs Augenbrauen errichteten sie einen Wall gegen die Riesen, und dieser umschlossene Raum heißt Miðgarðr, Midgard. Sein Gehirn warfen sie in die Luft, daraus wurden die Wolken.
Und Ginnungagap? Verschwindet an dieser Stelle aus der Erzählung: Die Leere ist mit einem toten Riesen gefüllt, aus dem die bewohnbare Welt wurde. Wie daraus das Gefüge der neun Welten mit dem Weltenbaum Yggdrasil in der Mitte ergibt, ist eine eigene Geschichte, die auch die Quellen nicht ganz widerspruchsfrei erzählen.
Jetzt zur Frage, die die meisten Menschen zu diesem Wort führt. Der zweite Teil ist einfach: Altnordisch gap bedeutet „Öffnung, Kluft, Schlund“ und ist mit dem Verb für „gaffen, den Mund aufreißen“ verwandt. Das englische gap ist ein direkter Nachfahre. Schwierig wird es beim ersten Teil, ginnunga. Grammatisch ist das ein Genitiv Plural, wörtlich also „Kluft der Ginnungen“. Nur: Ein Wort ginnungr oder ginnung ist außerhalb dieses Ausdrucks nicht sicher belegt. Entsprechend vielfältig sind die Deutungen.
Erstens: die „gähnende Kluft“. Die verbreitetste Erklärung verbindet ginn- mit einer Wortfamilie für „gähnen, klaffen“, zu der auch unser deutsches „gähnen“ gehört. So deutet es etwa Jan de Vries in seinem Altnordischen etymologischen Wörterbuch. Ginnungagap wäre dann eine doppelt betonte Leere, sinngemäß „klaffende Kluft“. Daher stammt die beliebte Übersetzung „gähnende Leere“, die auch Simrock wählte.
Zweitens: die „magisch geladene“ Leere. Im Altnordischen gibt es ein Präfix ginn-, das in heiligen oder mächtigen Zusammenhängen auftaucht: ginnheilagr („hochheilig“, von den Göttern gesagt), ginnregin („die großen Mächte“, ebenfalls Götter) oder ginnrúnar („mächtige Runen“). Liest man Ginnungagap von hier aus, wäre es keine tote Leere, sondern ein Raum voller schöpferischer, vielleicht magischer Kraft. Diese Deutung wird in der Forschung oft genannt, Rudolf Simek bespricht sie in seinem Lexikon der germanischen Mythologie.
Drittens: die „täuschende“ Leere. Das Verb ginna heißt „betören, täuschen, verlocken“. Es steckt im Titel Gylfaginning selbst, „die Betörung Gylfis“. Manche haben deshalb eine „trügerische Leere“ in Ginnungagap gesehen, einen Raum, der leer scheint, aber in Wahrheit voller Möglichkeiten steckt. Reizvoll, denn Snorris ganze Erzählung ist als Täuschung eines Königs gerahmt. Ob die Wörter sprachgeschichtlich wirklich zusammengehören, ist allerdings nicht gesichert.
Viertens: ein Lehnwort aus dem Süden. Die Edda-Forscherin Ursula Dronke hat vorgeschlagen, das Wort könnte aus dem Althochdeutschen entlehnt sein, von einem Ausdruck wie ginunga. Sie vermutete Ähnliches für Múspell, das im althochdeutschen Gedicht Muspilli aus dem 9. Jahrhundert eine Entsprechung hat. Dronke verweist außerdem auf den norwegischen Skalden Þjóðólfr aus Hvinir, der in seinem Gedicht Haustlǫng mit der Wendung ginnunga vé spielt. Dann wäre das Wort in der Dichtung schon lange vor Snorri geläufig gewesen.
Wer die dritte Völuspá-Strophe liest und dann einen Blick in die althochdeutsche Literatur wirft, stolpert über eine verblüffende Ähnlichkeit. In einer lateinischen Sammelhandschrift, die heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München liegt (Clm 22053) und nach dem Kloster Wessobrunn benannt ist, aus dem sie in die Bibliothek kam, steht ein kurzes Gedicht. Es wurde vermutlich um 790 oder bald danach verfasst, die erhaltene Abschrift wird um 814 datiert. Es beginnt so:
„Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista, / dat ero ni uuas noh ufhimil, / noh paum noh pereg ni uuas …“Wessobrunner Gebet, Verse 1–3 (Althochdeutsch, frühes 9. Jh., gemeinfrei)
Sinngemäß übertragen: „Das erfuhr ich unter den Menschen als größtes Wunder: dass Erde nicht war noch Oberhimmel, noch Baum noch Berg nicht war.“ Danach heißt es, dass kein Stern war und keine Sonne schien, dass der Mond nicht leuchtete und kein Meer da war. Erst dann wendet sich das Gedicht dem allmächtigen Gott zu, der vor allem war.
Die Parallelen sind auffällig. Beide Texte beschreiben den Urzustand durch eine Kette von Verneinungen: nicht Erde, nicht Himmel, nicht Meer. Und das althochdeutsche ufhimil entspricht wortwörtlich dem altnordischen upphiminn der Völuspá, beide bedeuten „Oberhimmel, Himmel droben“. Ein kleines Detail macht die Handschrift für Runenfreunde besonders reizvoll: Die Silbe ga in gafregin ist mit einem Zeichen geschrieben, das der Rune Gebo (ᚷ) gleicht und als Abkürzung dient.
Was bedeutet die Ähnlichkeit? Hier gehen die Meinungen auseinander. Eine Richtung sieht darin den Rest einer gemeinsamen germanischen Dichtungsformel für den Weltanfang, die sowohl im christlichen Bayern um 800 als auch im Norden weiterlebte. Die andere betont, dass das Wessobrunner Gebet eindeutig christlich ist: Am Anfang steht dort Gott, der die Welt aus dem Nichts erschafft, und gerade das unterscheidet es von der Völuspá, wo es keinen Schöpfer vor der Leere gibt. Eine alte Formel kann allerdings neuen Inhalt tragen. Sicher belegt ist nur die sprachliche und stilistische Nähe, nicht ein gemeinsamer heidnischer Mythos dahinter.
Die Symmetrie von Snorris Bericht ist so elegant, dass Forscher seit langem fragen, wie viel davon aus heidnischer Überlieferung stammt und wie viel aus Snorris eigener Bildung. Er kannte die lateinische Gelehrsamkeit seiner Epoche, und der Prolog der Prosa-Edda erklärt die heidnischen Götter ganz im Stil mittelalterlicher Gelehrter als vergöttlichte Menschen aus Troja.
Einige Punkte sprechen dafür, dass gelehrtes Wissen eingeflossen ist. Die Anordnung von kalt und feucht im Norden, heiß und trocken im Süden erinnert an die mittelalterliche Lehre von den Elementen und Klimazonen. Die griechische Kosmologie kennt zudem ein Urwesen namens Chaos, und das Wort bedeutet ursprünglich ebenfalls so etwas wie „klaffender Raum“, es ist mit dem griechischen Verb für „gähnen“ verwandt. Bei Hesiod steht Chaos ganz am Anfang. Und Snorris Formulierung, das Leben sei durch die Kraft dessen erwacht, der die Hitze sandte, klingt für viele Leser nach einem verborgenen Schöpfer, wie ihn ein christlicher Autor sich denken würde. Die norwegische Forscherin Anne Holtsmark hat in den 1960er-Jahren besonders deutlich auf solche gelehrten und christlichen Einflüsse in Snorris Mythologie hingewiesen.
Dagegen steht: Die Grundbausteine sind älter als Snorri. Die Kluft steht in der Völuspá, die Gifttropfen der Élivágar und der Riesenleib als Baumaterial der Welt im Vafþrúðnismál, das Wort Ginnunga womöglich schon bei einem Skalden um 900. Snorri hat also nicht erfunden, sondern geordnet, ergänzt und harmonisiert. Wie viel genau er hinzugefügt hat, lässt sich nicht exakt bestimmen. Der Kern ist alt, die aufgeräumte Landkarte mit Nord, Süd und Mitte zumindest teilweise gelehrte Systematik des 13. Jahrhunderts.
Nun wird es kurios. Im Spätmittelalter wanderte der Name aus dem Mythos in die Geografie. Als die Isländer und Grönländer über das Meer im Westen nachdachten, über Grönland und das in den Sagas beschriebene Vinland, griffen sie auf das alte Wort für die Urkluft zurück, um den unbekannten Ozean am Rand der Welt zu bezeichnen.
Das deutlichste Zeugnis ist ein geografischer Text, der unter dem Namen Gripla überliefert ist und den der isländische Gelehrte Björn Jónsson von Skarðsá im 17. Jahrhundert in seine Sammlung über Grönland aufnahm. Dort heißt es sinngemäß: Zwischen Vinland und Grönland liegt Ginnungagap, das aus dem Meer fließt, das Mare oceanum heißt und die ganze Erde umgibt. Der Text gilt als spätmittelalterlich; eine genaue Datierung ist schwierig. Der dänische Altertumsforscher Carl Christian Rafn druckte ihn 1837 in den Antiquitates Americanae, eine englische Übersetzung erschien 1906 in The Norse Discovery of America.
Eine Spur führt auch nach Bremen. Adam von Bremen beschrieb um 1075 im vierten Buch seiner Hamburger Kirchengeschichte als erster Autor überhaupt Vinland (Buch IV, Kapitel 39) und erzählte im Anschluss von friesischen Seefahrern, die nach Norden in ein finsteres Meer segelten und dort beinahe in einen Abgrund gerissen wurden. Den Namen Ginnungagap verwendet Adam selbst nicht. In einer späteren Handschrift seines Werks soll jedoch ein Randvermerk, ein sogenanntes Scholion, das nordische Wort „Ghimmendegop“ für diesen nördlichen Abgrund nennen. Diese Angabe stützt sich auf die Sekundärliteratur, wir konnten die Handschrift nicht selbst einsehen.
Noch um 1600 taucht der Name auf Karten auf. Der isländische Bischof Guðbrandur Þorláksson, berühmt für seine Bibelübersetzung und seine Islandkarte, verwendete „Ginnungegap“ für eine schmale Meerenge zwischen Südgrönland und dem Land im Westen, nach Ansicht der Historikerin Kirsten Seaver vermutlich die heutige Davisstraße. Aus der Leere vor der Schöpfung war eine befahrbare Meerenge geworden.
Wer heute nach Ginnungagap sucht, landet schnell bei Vergleichen mit dem Urknall. Der Reiz ist offensichtlich: erst nichts, dann Energie, Abkühlung, Materie.
Näher liegt ein anderer Gedanke: Die Prosa-Edda wurde auf einer Insel aufgeschrieben, auf der Gletscher und Vulkane nebeneinander liegen. Ob diese Landschaft Snorris Bild von Feuer und Eis geprägt hat, lässt sich nicht beweisen – Teile der Kernbilder sind womöglich älter als die Besiedlung Islands. Stimmig ist der Gedanke trotzdem.
Für uns in der Werkstatt hat Ginnungagap eine fast handwerkliche Seite. Jede Gravur beginnt mit einer leeren Fläche – Schiefer, Glas oder Holz –, die auf die erste Linie wartet. Wenn du ein Motiv rund um Ymir, die neun Welten oder die Völuspá-Strophe selbst auf Schiefer haben möchtest, sprich uns über die Wunschgravur an.
Ginnungagap ist kein Ort, an den man reisen kann, auch wenn mittelalterliche Gelehrte das eine Zeit lang glaubten. Es ist die Vorstellung, dass vor allem Werden ein offener Raum steht, und dass Gegensätze, wenn sie sich berühren, Neues hervorbringen.

Was bedeutet Ginnungagap? Wörtlich etwa „Kluft der Ginnungen“. Meist wird es als „gähnende Kluft“ oder „gähnende Leere“ übersetzt; eine andere Deutung liest den ersten Teil als Hinweis auf eine heilige oder magisch aufgeladene Leere.
Wo liegt Ginnungagap in der nordischen Mythologie? Nach Snorri zwischen dem eisigen Niflheim im Norden und dem glühenden Muspelheim im Süden. In der Mitte war es mild wie windstille Luft, und dort entstand aus schmelzendem Reif der Urriese Ymir.
Wie entstand die Welt nach der nordischen Mythologie? Odin, Vili und Vé töteten den Urriesen Ymir, trugen ihn in die Mitte von Ginnungagap und bauten aus seinem Fleisch die Erde, aus seinem Blut das Meer, aus seinen Knochen die Felsen und aus seinem Schädel den Himmel.
In welcher Quelle steht Ginnungagap? Ausdrücklich in Strophe 3 der Völuspá („gap var ginnunga“) und ausführlich in Snorris Gylfaginning, Kapitel 4 bis 8. Das Vafþrúðnismál liefert weitere Details zu Ymir und den Élivágar.
Gab es Ginnungagap als echten Ort? Nicht als Mythos-Ort, aber spätmittelalterliche isländische Texte und Karten um 1600 benutzten den Namen für das Meer zwischen Grönland und Nordamerika.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
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