Am Anfang stand kein Wort und kein Knall, sondern eine Leere: Ginnungagap, die „gähnende Kluft“. Zwischen dem Feuer im Süden und dem Eis im Norden lag ein ungeheurer, stiller Abgrund – und aus ihm wurde alles. Der nordische Schöpfungsmythos beginnt nicht mit Fülle, sondern mit dem Nichts, das dazwischen liegt.
Die großen Schöpfungserzählungen der Welt beginnen oft mit einem schöpferischen Akt: ein Gott spricht, ein Ei zerbricht, ein Same keimt. Der Norden erzählt es anders und, wenn man so will, physikalischer. Vor allem anderen war da eine Leere – und an ihren Rändern zwei Urkräfte, die nichts miteinander zu tun hatten, bis sie sich in der Mitte berührten. Was dieser Text tut: Er erklärt, was Ginnungagap ist, woher der Name kommt, was die Quellen sagen – und wo die Forschung vorsichtig wird.
„Urzeit war es, da Ymir hauste: / nicht war Sand noch See noch salzige Wogen, / nicht Erde unten noch oben Himmel, / Gähnung des Abgrunds und Gras nirgend.“Völuspá 3, nach Karl Simrock (gemeinfrei)
„Gähnung des Abgrunds“ – das ist Simrocks Übersetzung von Ginnungagap. In diesem einen Vers steckt der ganze Anfang: keine Erde, kein Himmel, kein Meer, kein Gras. Nur die Kluft.
Snorri Sturluson ordnet den Anfang in seiner Prosa-Edda (um 1220) zu drei Bereichen. In der Mitte: Ginnungagap, die gähnende Leere. Im Norden: Niflheim („Nebelheim“), das Reich des Ureises, der Kälte und des Nebels; in seiner Mitte quillt der Brunnen Hvergelmir, aus dem elf giftige Urströme fließen, die Élivágar („Eiswogen“). Im Süden: Muspelheim (auch Múspell), das Reich des Urfeuers, so heiß und licht, dass nur seine Bewohner es ertragen; an seiner Grenze wacht der Feuerriese Surt mit dem flammenden Schwert.
Als das Gift der Élivágar weit von seiner Quelle floss, erstarrte es zu Schicht auf Schicht Reif und Eis und füllte die nördliche Hälfte der Leere. Vom Süden her wehte die Hitze Muspelheims heran. Und dort, wo die Funken und die warme Luft auf das Eis trafen, begann es zu tropfen. Aus diesen ersten Schmelztropfen formte sich das erste Wesen: der Urriese Ymir. So wurde die leere Kluft zur Wiege des Lebens – nicht durch Schöpferwort, sondern durch das Aufeinandertreffen von Feuer und Eis. Wie es weiterging – Ymir, die Urkuh Audhumla, der Bau der Welt aus einem Riesenleib –, erzählen wir ausführlich im Beitrag „Ymir & die Entstehung der Welt“.

Der zweite Teil des Wortes ist klar: gap heißt „Kluft, Schlund, Öffnung“ (dasselbe Wort steckt im englischen gap). Der erste Teil, ginnunga-, ist umstrittener. Traditionell übersetzt man es mit „gähnend“ – die „gähnende Kluft“, ein leeres, offenes Maul. Ein Teil der Forschung liest ginn- jedoch als ein verstärkendes, sakral aufgeladenes Element (vgl. ginn-heilagr, „hochheilig“, ein Wort, das die Edda für die Götter verwendet). Dann wäre Ginnungagap nicht bloß eine leere, sondern eine „magisch geladene“ oder „mit schöpferischer Kraft erfüllte“ Leere – kein totes Nichts, sondern ein Raum voller Möglichkeit. Rudolf Simek etwa neigt dieser Deutung zu.
Kurios: Für einige mittelalterliche isländische Geografen war Ginnungagap nicht nur ein Urzeit-Mythos, sondern ein realer Ort. In gelehrten Handschriften des 14. Jahrhunderts erscheint der Name als Bezeichnung für das weite, nebelverhangene Meer im äußersten Nordwesten – irgendwo zwischen Grönland und den neu entdeckten Küsten im Westen (dem sagenhaften Vinland). Aus der kosmischen Leere am Anfang der Zeit war so ein Fleck am Rand der bekannten Welt geworden: dort, wo die Karte aufhört und der Nebel beginnt.
Es liegt eine eigentümliche Würde in diesem Anfang. Kein allmächtiger Wille formt die Welt aus dem Nichts; sie entsteht aus Spannung – aus dem Aufeinandertreffen von Gegensätzen, aus Kälte und Glut, aus Stillstand und Bewegung. Wer im rauen Norden lebte, zwischen Gletschern und Vulkanen (man denke an Island, wo diese Mythen aufgeschrieben wurden), kannte dieses Bild aus eigener Anschauung: Feuer und Eis, Seite an Seite, und dazwischen das Leben. Ginnungagap ist der nordische Weg zu sagen: Aus der Leere und dem Widerstreit kommt das Werden.
Ymir & die Entstehung der Welt · Yggdrasil, der Weltenbaum · Das Götter-Pantheon · Ragnarök · Was kommt danach? · Die Edda als Quelle.
Lieder-Edda (Codex Regius): Völuspá (Str. 3), Vafþrúðnismál, Grímnismál. Snorri Sturluson, Prosa-Edda / Gylfaginning (Kap. 4–5), um 1220. Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (s. v. Ginnungagap, Niflheim, Muspell, Élivágar); John Lindow, Norse Mythology (2001). Zur mittelalterlichen Verortung Ginnungagaps: isländische geografische Handschriften des 14. Jh. Beleg und Deutung sind im Text getrennt gehalten.