Ein König lässt sich Gold und Frieden mahlen – und gönnt den Mägden, die die Mühle drehen, keine Ruhe. Der Grottasöngr ist eine der schärfsten Geschichten des Nordens über Macht und ihre Grenzen.
Der Grottasöngr, das „Mühlenlied", gehört zu den unheimlichsten und modernsten Geschichten des Nordens – eine Erzählung über Reichtum, Gier und die Grenzen der Macht, die man auch heute noch mit einem Frösteln liest. Im Zentrum steht der dänische König Fróði, ein Nachfahre Odins, und eine Mühle, die kein gewöhnliches Korn mahlt. Sie heißt Grótti und mahlt alles, was der wünscht, der sie dreht: Gold, Glück, Frieden – oder das Gegenteil.
Doch die Steine dieser Mühle sind so ungeheuer schwer, dass kein Mensch sie bewegen kann. Fróði kauft daher auf einem Markt in Schweden zwei Mägde von riesischer Kraft, Fenja und Menja. Was er nicht weiß oder nicht wissen will: Die beiden sind keine gewöhnlichen Sklavinnen, sondern Wesen aus dem Geschlecht der Riesen, älter und mächtiger, als es dem König lieb sein kann. Sie ahnen ihre eigene Herkunft und ihre Kraft – und sie merken sich, wie man mit ihnen umgeht.
Zunächst lässt Fróði die beiden Gold, Frieden und Glück für sein Reich mahlen. Es beginnt der sagenhafte Fróði-Frieden: eine goldene Zeit, in der niemand dem anderen ein Leid tut, in der Gold offen am Weg liegen kann, ohne dass es ein Dieb nimmt. Für einen Moment scheint der König alles zu haben, was ein Herrscher sich wünscht.
„Mahlen wir dem Fróði Gut und Frieden, Glück und Fülle auf glückbringender Mühle." — Grottalied, nach Simrock 1851
Doch Fróði kennt kein Maß. Er treibt die Mägde immer härter an und gönnt ihnen keine Ruhe – nur so viel Pause, wie ein Kuckucksruf dauert oder wie man braucht, um eine Strophe zu singen. Tag und Nacht müssen sie die schweren Steine drehen. Genau hier kippt die Geschichte: Der Reichtum, den die Mühle schafft, ist untrennbar an die Erschöpfung derer gebunden, die sie treiben. Fróði sieht nur das Gold, nicht die Hände, die es mahlen.
Erschöpft, gedemütigt und zornig beginnen Fenja und Menja schließlich ein anderes Lied zu singen. In ihrem Arbeitsgesang erinnern sie sich an ihre riesische Abkunft und ihre eigene Stärke – und sie mahlen nicht länger Frieden, sondern ein Heer und das Verderben für Fróði herbei. Ihr Gesang wird zur Prophezeiung, die sich noch in derselben Nacht erfüllt: Der Seekönig Mýsingr fällt über Fróðis Halle her, tötet den König und beendet den goldenen Frieden mit einem Schlag.
Mýsingr nimmt die Wundermühle als Beute mit auf sein Schiff und lässt sie – ebenso maßlos wie sein Vorgänger – nun Salz mahlen. Auch ihm gönnt niemand ein Ende: Die Mägde mahlen und mahlen, bis das Schiff unter der Last des Salzes sinkt. Dort, wo die Steine im Meer versinken, entsteht ein Strudel, und weil die Mühle unter Wasser weitermahlt, wurde das Meer für immer salzig. So erklärt die Sage nebenbei eine große Frage der Natur.
Der Grottasöngr ist mehr als eine Ursprungssage des salzigen Meeres. Er ist eine der schärfsten Herrschaftskritiken der ganzen nordischen Überlieferung. Fróði geht nicht an einem Feind zugrunde, sondern an der eigenen Maßlosigkeit: Er beutet die Kräfte, von denen sein Glück lebt, bis zum Zerreißen aus – und genau diese Kräfte werden zu seinem Untergang. Fenja und Menja sind keine bösen Mächte; sie werden erst gefährlich, weil man sie über jedes Maß hinaus schindet.
Diese Deutung als Warnung vor Gier und Hybris ist modern, aber sie liegt im Text selbst begründet. Snorri verknüpft den Fróði-Frieden später mit der Friedenszeit um Christi Geburt – das ist mittelalterliche Ausdeutung. Der harte Kern aber ist zeitlos: Wer die, die für ihn arbeiten, nur als Werkzeug seines Reichtums sieht, mahlt am Ende sein eigenes Verderben. Solche Geschichten graben wir gern aus dem alten Norden hervor – sie sind kernig, ehrlich und heute so aktuell wie vor tausend Jahren.

Hervör & das Fluchschwert · Ragnarök · Handmühlen & Alltag · Loki.
Snorri Sturluson, Skáldskaparmál; Karl Simrock, Die Edda (1851). Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.