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Gungnir – Odins Speer

Kleinode Odin mit dem Speer Gungnir

Thor hat seinen Hammer, Freyr sein Schiff – und Odin hat den Speer. Gungnir ist die Waffe des Allvaters: von Zwergen geschmiedet, mit heiligen Runen versehen und so beschaffen, dass er sein Ziel nie verfehlt. Er ist zugleich Waffe und Zeichen der Herrschaft – und steht am Anfang des ersten Krieges der Welt.

Der Name Gungnir bedeutet etwa „der Schwankende“ oder „der Schwingende“ – vielleicht nach dem Zittern des Speerschafts im Flug. In der nordischen Überlieferung ist er untrennbar mit Odin verbunden: Wo der Gott als Kriegsherr, Richter über Sieg und Fall oder als geheimnisvoller Wanderer auftritt, ist der Speer sein Erkennungszeichen.

Herkunft: geschmiedet von den Söhnen Ivaldis

Gungnir entstand bei derselben Gelegenheit wie die anderen großen Götterschätze. Nachdem Loki der Göttin Sif aus Bosheit das goldene Haar abgeschnitten hatte, musste er Ersatz beschaffen. Er ging zu den Söhnen Ivaldis, kunstreichen Zwergen in der Unterwelt Svartalfheim/Niðavellir. Diese schmiedeten drei Wunderwerke: neues, echtes Goldhaar für Sif, das Schiff Skidbladnir – und den Speer Gungnir. Aus einem Racheakt Lokis kam so die mächtigste Waffe des Götterhimmels in die Welt.

Quelle. Die Schmiedung Gungnirs durch die Söhne Ivaldis steht in Snorris Skáldskaparmál (Prosa-Edda, um 1220). Dort werden die sechs großen Kleinode in einem Zug erzählt. Standardwerk: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.

Seine Kräfte

Gungnir ist perfekt ausbalanciert und trifft, einmal geworfen, jedes Ziel – unabhängig von Kraft oder Geschick des Werfers. In manchen Überlieferungen kehrt er wie Thors Hammer in die Hand zurück. Auf seine Spitze sind Runen geritzt, die ihn heiligen und seine Macht binden. Damit ist Gungnir nicht bloß eine Waffe, sondern ein Zeichen von Recht und geweihtem Eid: Schwüre, die auf der Speerspitze geleistet wurden, galten als besonders bindend.

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Der erste Speerwurf – der Krieg beginnt

Der berühmteste Auftritt Gungnirs steht in der Völuspá, dem großen Weltgedicht der Lieder-Edda. Beim ersten Krieg der Welt – dem Streit zwischen Asen und Wanen – schleudert Odin seinen Speer über das feindliche Heer. Damit weihte er die Feinde dem Tod und eröffnete den Kampf. Aus diesem mythischen Bild wurde ein realer Brauch: Germanische Krieger warfen zu Beginn einer Schlacht einen Speer über das Heer der Gegner und weihten sie so Odin.

„Den Speer warf Odin ins Heer hinein:
Das war der Krieg noch der erste der Welt.“
— Völuspá, Str. 24 (nach Karl Simrock, 1851, gemeinfrei)
Mythos & Deutung. Der Speerwurf über das Heer ist mehr als Kriegsmagie: Er macht Odin zum Herrn über Sieg und Niederlage. Als Gott der Gefallenen entscheidet er, wer fällt – und Gungnir ist das Werkzeug dieses Urteils. Auch beim Ende der Welt greift Odin zum Speer: In Ragnarök reitet er mit Gungnir gegen den Wolf Fenrir.

Odin und der Speer am eigenen Leib

Es gibt eine zweite, dunklere Verbindung. In den Hávamál berichtet Odin selbst, wie er neun Nächte am Weltenbaum Yggdrasil hing, sich selbst geopfert – „mit dem Speer verwundet“. Der Speer, mit dem er sich weiht, ist Gungnir. So ist die Waffe zugleich Werkzeug der Herrschaft und Instrument des tiefsten Opfers, durch das Odin die Runen und die Weisheit gewann.

„Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum
neun lange Nächte,
vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
ich selber mir selbst.“
— Hávamál, Str. 138 (nach Simrock, gemeinfrei)
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Weiterlesen bei uns

Alle Kleinode der Edda im Überblick · Mjöllnir – Thors Hammer · Odin (Wotan) · Asen & Wanen · Yggdrasil.

Quellen & Literatur

Lieder-Edda: Völuspá (Str. 24), Hávamál (Str. 138). Snorri Sturluson, Prosa-Edda (Skáldskaparmál: Schmiedung durch die Söhne Ivaldis; Gylfaginning), um 1220. Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001).

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