Gungnir ist der Speer des Gottes Odin: Nach der Prosa-Edda schmiedeten ihn die Zwergensöhne Ívaldis, und Loki überreichte ihn Odin als Teil einer Wiedergutmachung. Der Name bedeutet wahrscheinlich „der Schwankende“. Die Lieder-Edda kennt Runen auf seiner Spitze, Odins Speerwurf über ein Heer eröffnet den ersten Krieg der Welt, und bei Ragnarök trägt er ihn gegen den Wolf Fenrir. Wir zeigen dir, was davon in den Quellen steht, was die Sagas als Brauch schildern, was der Boden hergibt und was erst später erfunden wurde.
Stell dir einen See in Ostjütland vor, irgendwann um 200 nach Christus. Am Ufer stehen Männer, die gerade eine Schlacht gewonnen haben. Vor ihnen liegt die Ausrüstung der Besiegten: Schwerter, Schilde, Gürtel, Pferdegeschirr – und Speere, Hunderte davon. Die Sieger zerbrechen die Schäfte, verbiegen die Spitzen und werfen alles ins Wasser. Niemand behält etwas. Was den Göttern versprochen wurde, gehört den Göttern.
Rund tausend Jahre später schreibt ein Isländer auf, dass der höchste Gott einen Speer besitzt, der in seinem Stoß nie innehält. Zwischen dem See von Illerup und dem Pergament des 13. Jahrhunderts liegen Welten – und doch gehören beide in eine Geschichte: die von Gungnir, dem Speer Odins.
Thor hat seinen Hammer, Freyr sein Schiff. Odin, Gott der Herrschaft, des Krieges und der Toten, hat kein Schwert, sondern den Speer. Wir gehen die Belege Schritt für Schritt durch: Snorri, Eddalieder, Sagas, Bilder, Funde – und das, was die Moderne von Wagner bis Hollywood dazugedichtet hat.
Die einzige ausführliche Entstehungsgeschichte steht in der Prosa-Edda des Isländers Snorri Sturluson, entstanden um 1220, im Teil Skáldskaparmál („Die Sprache der Dichtkunst“). Snorri erzählt sie, um zu erklären, warum Skalden Gold „Haar der Sif“ nennen.
Loki schneidet der Göttin Sif das Haar ab. Thor droht, ihm alle Knochen zu brechen, also schwört Loki Ersatz und geht zu den Zwergen, die man die Söhne Ívaldis nennt. Sie schmieden ihm drei Stücke: neues Haar aus Gold, das anwachsen soll wie echtes; das Schiff Skíðblaðnir; und den Speer, der Odins Eigentum wurde und Gungnir hieß.
Damit hätte es gut sein können. Doch Loki wettet seinen Kopf mit dem Zwerg Brokkr, dessen Bruder könne keine drei ebenso guten Kleinode schmieden. Der Bruder heißt in den meisten Handschriften und Ausgaben Eitri, in einem Teil der Überlieferung und etwa in der englischen Übersetzung von Brodeur (1916) Sindri. Loki stört als Fliege die Arbeit, und beim dritten Stück lässt Brokkr den Blasebalg kurz los. Heraus kommen Ring, goldener Eber und der Hammer Mjöllnir mit zu kurzem Stiel. Die ganze Wette erzählen wir bei Sindri und Brokkr.
Odin, Thor und Freyr sitzen zu Gericht. Loki überreicht Odin den Speer und erklärt, er halte in seinem Stoß niemals inne. Brokkr übergibt Odin den Ring Draupnir. Das Urteil: Der Hammer ist das beste Stück, weil er die Götter gegen die Riesen schützt. Loki rettet seinen verwetteten Kopf nur mit der Ausrede, der Hals gehöre nicht dazu; Brokkr näht ihm die Lippen zu.
Die Pointe gehört dem Hammer; der Speer ist eines von sechs Kleinoden der Götter, die aus einem Streich, einer Wette und einem Sabotageversuch hervorgehen. Und Snorri beschreibt Gungnir mit keinem Wort – kein Material, keine Länge, keine Verzierung.
Altnordisch Gungnir wird in der Forschung meist als „der Schwankende“ oder „der Schwingende“ gedeutet. Man stellt ihn zu einer Wortgruppe, die in skandinavischen Sprachen bis heute lebt: Schwedisch gunga heißt „schaukeln“. Gemeint ist wohl der lange Schaft, der beim Wurf federt und im Flug zittert.
Ganz sicher ist die Herleitung allerdings nicht. „Der Schwankende“ ist die übliche, gut vertretbare Deutung – mehr nicht.
Auf Gungnirs Spitze stehen Runen. Das steht nicht bei Snorri, sondern in der Lieder-Edda, im Sigrdrífumál. Die Walküre Sigrdrífa, von Sigurd aus einem Zauberschlaf geweckt, unterweist den Helden in Runenkunde. In einer langen Aufzählung nennt sie die Orte, an denen Runen geritzt wurden: auf den Schild vor der strahlenden Göttin, auf Sleipnirs Zähne, auf Bragis Zunge, auf Glas und Gold, in Wein und Bier – und, in Strophe 17, á Gungnis oddi, „auf Gungnirs Spitze“, gleich neben Granis Brust und den Nägeln der Nornen.
Auf Glas und auf Gold und auf gutem Zauber, / in Wein und in Bier und auf liebem Sitz, / auf Gungnirs Spitze und auf Granis Brust …Sigrdrífumál 17, eigene Übertragung nach dem altnordischen Text
Was diese Runen bewirken sollen, sagt das Lied nicht. Dass Odins Speer dazugehört, passt zu einem Gott, der die Runen selbst errungen hat.
Beschriftete Speer- und Lanzenspitzen gehören zu den ältesten Runenfunden überhaupt. Auf einer Lanzenspitze von Øvre Stabu in Norwegen, meist ins späte 2. Jahrhundert datiert, steht raunijaz, gewöhnlich als „Erprober“ gedeutet. Eine Spitze aus Dahmsdorf in Brandenburg trägt ranja, was man als „Anrenner“ oder „Angreifer“ versteht. In Illerup Ådal fanden sich zwei Lanzenspitzen mit demselben Namen, wagnijo.
Von Odin steht darauf nichts. Aber „Runen auf der Speerspitze“ war Praxis, rund tausend Jahre bevor das Sigrdrífumál aufgeschrieben wurde – und Speere konnten Namen tragen, genau wie Gungnir. Mehr zu solchen Funden findest du in unserem Beitrag über Runen auf Waffen.
Noch eindrucksvoller ist ein Fund aus dem Moor Kragehul auf Südfünen: ein Lanzenschaft aus der Völkerwanderungszeit, 1877 gefunden, heute im Dänischen Nationalmuseum. Seine Inschrift (DR 196) beginnt sinngemäß mit „Ich, der Erilaz des Āsugīsalaz, heiße Muha“ – ein Erilaz ist vermutlich ein Runenkundiger oder Würdenträger. Dann folgt das rätselhafte gagaga, das als Ritualruf, Schlachtschrei oder Weiheformel gelesen wird, und am Ende ist wohl von „Hagel“ die Rede, der dem Speer zugesprochen wird. Ob Götterweihe oder Kampfzauber, ist umstritten – sicher ist nur, dass der Text über eine Besitzanzeige hinausgeht.
Gungnirs berühmtester Auftritt – auch wenn der Name dort gar nicht fällt – steht in der Völuspá, der „Weissagung der Seherin“. Die Seherin erinnert sich an den ersten Krieg der Welt. Er beginnt mit dem Schicksal der rätselhaften Gullveig, die mit Speeren durchbohrt und dreimal verbrannt wird und dreimal wiederkehrt. Dann tagen die Götter: Sollen die Asen Buße zahlen, oder sollen alle Götter gleichen Anteil am Opfer haben? Und dann heißt es:
Fleygði Óðinn ok í folk of skaut, / þat var enn folkvíg fyrst í heimi. – Odin schleuderte und schoss in die Schar; das war der erste Krieg in der Welt.Völuspá 24 (in Bellows’ Zählung 23), eigene Übertragung
Der Krieg zwischen Asen und Wanen endet unentschieden: Die Burgmauer der Asen bricht, die Wanen stampfen über das Feld. Später einigen sich beide Seiten und tauschen Geiseln aus – die ganze Geschichte erzählen wir beim Wanenkrieg.
Für unser Thema ist entscheidend, was Odin da tut. Er stürmt nicht voran; er wirft in das gegnerische Heer, und damit beginnt der Krieg. Der Wurf ist Eröffnung, vielleicht Weihe – und die Sagas kennen genau diese Handlung als Brauch.
Die eindrucksvollste Speerweihe steht im Styrbjarnar þáttr Svíakappa, einer kurzen Erzählung, die in der isländischen Sammelhandschrift Flateyjarbók (spätes 14. Jahrhundert) überliefert ist.
Sie spielt vor der Schlacht auf den Fýrisvellir bei Uppsala, die man um 985 ansetzt. Der Schwedenkönig Erik steht gegen seinen Neffen Styrbjörn, der mit dänischer Unterstützung und Jomswikingern anrückt. Erik geht in Odins Heiligtum und gelobt sich dem Gott – nach zehn Jahren solle Odin ihn haben. In der Nacht erscheint ihm ein großer Mann mit tief ins Gesicht gezogenem Hut. Er gibt Erik einen Rohrstängel und sagt ihm, er solle ihn über Styrbjörns Heer schießen und dabei sprechen: Óðinn á yðr alla – „Odin hat euch alle“.
Erik tut es. Im Flug, so die Erzählung, wird aus dem Rohr ein Speer. Styrbjörns Männer erblinden, ein Bergsturz begräbt sie, Styrbjörn fällt. Andere Berichte über die Schlacht wissen von Odin nichts; der þáttr ist eine späte Erzählung, aber seine Formel passt genau zur Völuspá.
Ganz ähnlich funktioniert eine Szene in der Gautreks saga. Dort soll König Víkarr zum Schein geopfert werden. Starkaðr, der Ziehsohn des als „Hrosshársgrani“ verkleideten Odin, berührt den König mit einem Rohrstängel und spricht: „Nun gebe ich dich Odin.“ Aus dem Rohr wird ein Speer, der den König durchbohrt.
Und dann ist da die Eyrbyggja saga. In Kapitel 44, vor einem Gefecht gegen Snorri goði, wirft Steinþórr von Eyrr einen Speer über die gegnerische Schar, wie es heißt, nach altem Brauch und sich zum Heil. Wichtig: Von einer Weihe der Gegner an Odin sagt die Saga nichts – sie spricht vom eigenen Glück. Eine frühere Fassung dieses Artikels war hier ungenau.
Der unheimlichste Auftritt des Speers ist der, in dem er sich gegen seinen eigenen Besitzer richtet. Im Hávamál, der Spruchdichtung der Lieder-Edda, spricht Odin in der ersten Person:
Veit ek, at ek hekk vindga meiði á nætr allar níu, / geiri undaðr ok gefinn Óðni, sjalfr sjalfum mér. – Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum neun Nächte lang, vom Speer verwundet und Odin gegeben, selbst mir selbst.Hávamál 138 (bei Bellows 139), eigene Übertragung
Niemand reicht ihm Brot, niemand ein Horn. Er späht hinab, nimmt schreiend die Runen auf und fällt zurück. Diese Passage, das sogenannte Rúnatal, ist einer der rätselhaftesten Texte der ganzen Edda. Ob Opferpraxis, Initiation oder christlicher Einfluss dahinterstehen, ist seit dem 19. Jahrhundert umstritten.
Der Speer ist hier kein Kampfmittel, sondern Werkzeug der Weihe. Odin vollzieht an sich selbst, was die Sagas als Handlung an anderen schildern – „gegeben dem Odin“. Und in der Ynglinga saga, dem ersten Teil von Snorris Königsgeschichte Heimskringla, lässt Snorri den als menschlichen König gedachten Odin sterbend „sich mit der Speerspitze zeichnen“ und alle im Kampf Gefallenen für sich beanspruchen (Kap. 9, je nach Ausgabe 10). Der Speer markiert, wer Odin gehört.
In der Völsunga saga (13. Jahrhundert) kämpft Sigmund, der Vater Sigurds, in seiner letzten Schlacht. Da tritt ein Mann mit tief herabhängendem Hut und nur einem Auge auf ihn zu und hält ihm einen Speer entgegen. Sigmunds Schwert – dasselbe, das Odin einst selbst in den Stamm des Baumes Barnstokkr gestoßen hatte – zerspringt an diesem Speer. Sigmund fällt.
Odin gibt also das Schwert, und Odin nimmt den Sieg. Der Speer ist das Instrument dieser Entscheidung. Er tötet nicht selbst; er beendet das Glück eines Helden, dessen Zeit abgelaufen ist. Genau diese Szene greift später Richard Wagner auf.
Die Texte stammen aus dem 13. und 14. Jahrhundert, Bilder sind viel älter. Findet sich Odins Speer auch dort? Mit Vorsicht: wahrscheinlich ja.
Die bekanntesten Kandidaten sind die vier bronzenen Pressmodel von Torslunda, 1870 auf Öland gefunden und heute im Historischen Museum in Stockholm. Mit ihnen wurden in der Vendelzeit (6.–7. Jahrhundert) dünne Bleche für Prunkhelme geprägt. Eines zeigt einen tanzenden Mann mit gehörntem, in Vogelköpfen endendem Kopfschmuck, der Speere hält, neben einem Krieger im Wolfsfell. Dem Tänzer fehlt ein Auge, offenbar absichtlich entfernt – viele Forscher sehen in ihm Odin. Mehr dazu in unserem Beitrag über die Torslunda-Bleche.
Neil Price und Paul Mortimer haben 2014 eine verwandte Beobachtung am Helm von Sutton Hoo gemacht: Unter einer der beiden Augenbrauen fehlt die Goldfolie hinter den Granaten. Im Licht einer Halle hätte der Helm einäugig gewirkt. Ihre These: Träger solcher Helme inszenierten sich in Odins Rolle – anregend, aber nicht bewiesen.
Auf den Helmblechen aus den Bootgräbern von Vendel und Valsgärde in Uppland sieht man zudem einen Reiter mit Speer und Schild, über dem zwei Vögel fliegen. Die verbreitete Deutung, etwa bei Rudolf Simek und John Lindow: Odin mit seinen Raben Hugin und Munin. Auch hier gilt – keine Beischrift sagt, wer gemeint ist.
Die goldenen Brakteaten der Völkerwanderungszeit (5.–6. Jahrhundert) zeigen oft einen Kopf über einem Pferd, häufig mit Vögeln. Viele Forscher deuten die Figur als Odin; der Speer spielt dort aber keine prominente Rolle. Später, im 11. Jahrhundert, zeigt der Runenstein von Böksta in Uppland einen Reiter mit Speer bei einer Elchjagd, den manche als Odin deuten – auch das bleibt eine Möglichkeit.
In Dänemark und Norddeutschland liegen große Heeresausrüstungsopfer der Römischen Kaiserzeit und Völkerwanderungszeit: Illerup Ådal, Nydam, Vimose, Thorsberg, Ejsbøl, Kragehul. Es sind Opferplätze in damaligen Seen, keine Schlachtfelder.
In Illerup Ådal bei Skanderborg wurden zwischen 1950 und 1985 mehr als 15.000 Gegenstände geborgen, aus mehreren Niederlegungen zwischen etwa 200 und 500 n. Chr. Die älteste und größte allein umfasst rund 12.000 Objekte, darunter an die 200 Schwerter und Hunderte Lanzen- und Speerspitzen. Sie gehörte nach heutiger Deutung einem Heer von der Skandinavischen Halbinsel, das die Einheimischen besiegten.
Das ist die stärkste archäologische Parallele zu Odins Speerwurf. Ein ganzes Heer samt Waffen wird nach dem Sieg „hingegeben“, vollständig und unwiderruflich. Wem die Opfer galten, sagt allerdings kein Fund; ein Bezug zu Odin ist begründete Annahme, keine gesicherte Tatsache.
Warum ausgerechnet ein Speer? Weil er die Waffe schlechthin war. In Gräbern der Wikingerzeit ist der Speer neben Axt und Schild die häufigste Waffe; Schwerter sind dagegen teuer und deutlich seltener. Ein Speer braucht wenig Eisen und einen Schaft, meist aus Esche; er gibt Reichweite und lässt sich werfen. Alles Weitere zu Spitzentypen, Tüllen und Tauschierung findest du in unserem Beitrag über den Speer der Wikinger.
Das Schwert ist die Waffe des einzelnen Helden, der Speer die Waffe der Schar. Wer ein Heer weihen will, wirft, was ein Heer trägt.
Der Speer war außerdem ein Rechtszeichen. Im langobardischen Recht, dem Edikt des Königs Rothari von 643, heißt ein förmlicher Rechtsakt zur Vergabe von Gut gairethinx, was meist als „Speer-Thing“ gedeutet wird. Und aus altnordisch vápnatak, dem Waffengriff, mit dem eine Versammlung ihre Zustimmung gab, wurde im englischen Danelag wapentake, die Bezeichnung für einen Verwaltungsbezirk. Am Thing waren Waffen also nicht nur zum Kämpfen da.
Am Ende hilft auch ein Speer nichts, der im Stoß nie innehält. Die Völuspá erzählt knapp, dass Odin gegen den Wolf zieht und dass Frigg ein zweiter Schmerz trifft. Das Vafþrúðnismál fügt hinzu, dass der Wolf den Allvater verschlingt und Víðarr ihn rächt.
Gungnir erwähnt keines dieser Lieder. Erst Snorri malt das Bild aus: In der Gylfaginning reitet Odin bei Ragnarök den Einherjern voran, mit goldenem Helm, schöner Brünne und seinem Speer, der Gungnir heißt. Er zieht gegen Fenrir – und der Wolf verschlingt ihn.
Das mächtigste Gerät des höchsten Gottes rettet seinen Träger nicht. Es geht nicht darum, dass die Guten gewinnen, sondern dass sie antreten, obwohl sie wissen, wie es ausgeht.
Viele kennen Odins Speer aus Richard Wagners Ring des Nibelungen (als Zyklus 1876 uraufgeführt). Dort ist er das Zentrum von Wotans Macht – mit Eigenschaften, die keine altnordische Quelle kennt.
Bei Wagner hat Wotan einen Ast von der Weltesche gebrochen und daraus den Schaft geschnitten; die Esche siecht daraufhin dahin. In den Schaft sind die Runen der Verträge geschnitten, auf denen Wotans Herrschaft beruht. Der Speer ist Rechtsinstrument und Fessel zugleich. In der Walküre zerbricht Siegmunds Schwert an Wotans Speer, ganz wie in der Völsunga saga. Im Siegfried zerschlägt Siegfried mit dem neu geschmiedeten Schwert den Speer, und Wotans Zeit ist abgelaufen.
Eine kluge Verdichtung: Runen aus dem Sigrdrífumál, das zerbrechende Schwert aus der Völsunga saga, der Speer als Rechtszeichen. Aber der Speer aus dem Holz der Weltesche und die eingeschnittenen Verträge sind Wagners Erfindung. In Comics, Filmen und Spielen ist Gungnir seither oft Zepter, Energiewaffe oder Bumerang – auch das hat mit den Quellen wenig zu tun.
In den Quellen belegt: Herkunft von den Söhnen Ívaldis und Übergabe durch Loki (Snorri, Skáldskaparmál). Der Speer hält im Stoß nie inne (ebd.). Runen auf Gungnirs Spitze (Sigrdrífumál 17). Odin mit Gungnir bei Ragnarök gegen Fenrir (Snorri, Gylfaginning).
Odins Speer, aber ohne Namen: der Wurf, der den ersten Krieg eröffnet (Völuspá), die Selbstweihe am Baum (Hávamál), der Speer, an dem Sigmunds Schwert zerbricht (Völsunga saga), das Zeichnen mit der Speerspitze (Ynglinga saga).
Als Brauch geschildert, in späten Texten: der Speerwurf über die Feinde (Eyrbyggja saga, Styrbjarnar þáttr), die Formel „Odin hat euch alle“.
Archäologisch greifbar, aber ohne Götternamen: Runen auf Speer- und Lanzenspitzen und auf dem Kragehul-Schaft, geopferte Waffen in Illerup Ådal und anderen Mooren, Speerträger auf Pressblechen und Helmen.
Nicht belegt: dass Gungnir in die Hand zurückkehrt; dass er immer trifft; jede Angabe zu Material, Länge oder Aussehen; der Schaft aus der Weltesche und die Verträge (Wagner).

Was ist Gungnir? Gungnir ist der Speer des Gottes Odin in der nordischen Mythologie. Nach Snorris Prosa-Edda schmiedeten ihn die Söhne des Zwergs Ívaldi, und Loki übergab ihn Odin.
Was bedeutet der Name Gungnir? Meist wird er als „der Schwankende“ oder „der Schwingende“ gedeutet, verwandt mit Wörtern für schaukeln und schwanken. Die Herleitung gilt als wahrscheinlich, aber nicht völlig gesichert.
Trifft Gungnir immer sein Ziel? So steht es nicht in den Quellen. Snorri schreibt, der Speer halte in seinem Stoß nie inne; „trifft immer“ und „kehrt zurück“ sind moderne Ausschmückungen.
Wo kommt Gungnir in der Edda vor? Namentlich im Sigrdrífumál (Runen auf seiner Spitze) und bei Snorri in Skáldskaparmál und Gylfaginning. In Völuspá und Hávamál geht es um Odins Speer, ohne dass der Name fällt.
Warum wirft Odin den Speer über das Heer? Der Wurf eröffnet in der Völuspá den ersten Krieg der Welt. Spätere Sagas schildern einen ähnlichen Wurf als alten Brauch, im Styrbjarnar þáttr mit der Formel „Odin hat euch alle“.
Was passiert mit Gungnir bei Ragnarök? Nach Snorri reitet Odin mit Gungnir gegen den Wolf Fenrir und wird verschlungen. Was danach aus dem Speer wird, erzählt keine Quelle.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Odin · Die Schätze der Götter · Ivaldi & seine Söhne · Sindri & Brokkr · Mjöllnir · Der Wanenkrieg · Ragnarök · Das Thing.
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