Die Walküren gelten als kühle Schlachtenlenkerinnen. Die Geschichte von Helgi und Sigrún zeigt die andere Seite: Liebe, Treue und ein Schmerz, der über den Tod hinausreicht.
Wir stellen uns Walküren gern als kühle Werkzeuge Odins vor – Schlachtenlenkerinnen, die nur ausführen, was der Allvater bestimmt. Die Geschichte von Helgi und Sigrún zeigt die andere Seite: eine Walküre, die liebt, wählt und ihrem eigenen Herzen folgt, auch gegen den Willen der Männer und gegen das, was ihr das Schicksal zugedacht hat. Genau darin liegt die Wärme und die Tragik dieser Lieder.
Sigrún, Tochter des Königs Högni, reitet mit einer Schar von neun Reiterinnen durch Sturm und über die Wogen. Sie ist einem anderen versprochen, dem ungeliebten Höðbroddr. Doch als sie den jungen Helden Helgi Hundingsbani trifft, erwählt sie ihn selbst zum Geliebten und bittet ihn, sie vor der ungewollten Ehe zu bewahren. Helgi nimmt die Herausforderung an – und damit beginnt eine Kette aus Kampf, Sieg und Verlust.
Um Sigrún zu gewinnen, muss Helgi gegen ihre Sippe und ihre Freier antreten. In einer großen Schlacht fällt Höðbroddr, und mit ihm ein Großteil von Sigrúns Verwandtschaft, darunter ihr Vater. Sigrún steht nun zwischen der Trauer um die eigene Familie und der Liebe zu dem Mann, der sie erschlug – eine Zerrissenheit, wie sie die nordische Dichtung immer wieder mit unerbittlicher Ehrlichkeit ausmalt. Sie entscheidet sich für Helgi.
Doch das Schicksal fordert seinen Preis. Sigrúns Bruder Dagr, der Helgi Frieden geschworen hatte, opfert Odin und erhält von ihm den Speer. Mit diesem ersticht er Helgi hinterrücks in einem Hain – die Rache für den erschlagenen Vater. Als Dagr ihr die Tat gesteht, spricht Sigrún einen der furchtbarsten Flüche der Edda über den eigenen Bruder aus: Kein Schiff soll ihn tragen, kein Ross ihn retten, kein Schwert ihm dienen, wenn es nicht ihn selbst trifft.
Dann folgt eine der ergreifendsten Szenen der gesamten Lieder-Edda. Eine Magd sieht am Abend Helgi mit vielen Männern zu seinem Grabhügel reiten – der tote Held ist aus Walhall zurückgekehrt. Sigrún erfährt es und geht ohne Furcht in den Hügel hinein. Dort, zwischen den Welten, hält sie noch einmal den Geliebten in den Armen. Sie bereitet ihm ein Lager im Grab und will bei ihm bleiben, obwohl sein Haar von Reif bedeckt und sein Leib totenkalt ist.
„So froh bin ich, dich zu treffen, wie Odins gierige Raben, wenn sie Erschlagene wittern." — Helgakviða Hundingsbana II, nach Simrock
Vor Tagesanbruch muss Helgi zurück nach Walhall reiten – er kann nicht bleiben, denn seine Zeit unter den Toten ist gekommen. Sigrún überlebt diese Nacht nicht lange: Sie stirbt bald darauf vor Gram und Sehnsucht. Selten hat eine Dichtung die Grenze zwischen Leben und Tod so zärtlich und so schmerzhaft überschritten wie in dieser einen Nacht im Hügel.
Ein knapper Prosaschluss der Handschrift fügt hinzu, Helgi und Sigrún seien wiedergeboren worden – er als ein späterer Helgi, sie als die Walküre Kára. Diese Notiz ist eines der wenigen Zeugnisse, die einen nordischen Glauben an Wiedergeburt andeuten. Ob dahinter echter Volksglaube steht oder eine gelehrte Erklärung der mittelalterlichen Sammler, ist bis heute umstritten. Sicher ist nur, dass die Vorstellung tröstet: Die Liebe, die der Tod trennte, findet in einem neuen Leben wieder zueinander.
Für uns ist Sigrún deshalb eine Walküre, die man nicht auf die Schlachtenlenkerin verkürzen darf. Sie trägt beides in sich – die Härte der Kriegsgöttin und die ganze Tiefe eines liebenden Menschen. Wenn wir eine Walküre in Schiefer bannen, denken wir an solche Gestalten: an Frauen, deren Treue über Schlacht, Fluch und selbst den Tod hinausreicht.
Helgi und Sigrún sind kein Einzelfall. Der Codex Regius überliefert gleich drei Helgi-Lieder, und die Handschrift selbst verknüpft ihre Helden durch das Motiv der Wiedergeburt: Helgi Hjörvarðsson, Helgi Hundingsbani und ein dritter Helgi gelten als dieselbe Seele, die immer wieder in die Welt zurückkehrt – und mit ihr die Walküre, die ihn liebt. So entsteht das Bild eines Paares, das der Tod zwar trennt, aber nie endgültig auseinanderreißen kann. Diese Verkettung ist ein seltenes und faszinierendes Zeugnis dafür, wie die alten Dichter über Seele, Schicksal und Wiederkehr nachgedacht haben.
Auffällig ist auch, wie sehr sich hier die Walküre von der reinen Kriegsgestalt löst. Sigrún reitet zwar durch die Luft und über das Meer wie ihre Schwestern, doch ihr Handeln bestimmt die Liebe, nicht der Auftrag Odins. Damit steht sie in einer Reihe mit Brynhild und anderen Walküren der Heldendichtung, die zu tragischen Liebenden werden – Frauen zwischen göttlicher Macht und menschlichem Herz. Genau diese Spannung hat die Stoffe über Jahrhunderte lebendig gehalten, bis hinein in die Oper und die moderne Fantasy.

Walküren · Darraðarljóð · Hervör & das Fluchschwert · Skarpåker – Vaterschmerz.
Helgakviða Hundingsbana I & II (Lieder-Edda); Karl Simrock, Die Edda (1851); Bellows (1923). Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.