Eine einheitliche Wikinger-Bestattung gab es nicht: Die Menschen im Norden verbrannten ihre Toten oder legten sie unverbrannt in die Erde, in schlichte Gruben, Holzkammern, Boote oder unter gewaltige Hügel – je nach Region, Jahrhundert, Familie und Rang. Gemeinsam ist vielen Gräbern nur eines: Die Hinterbliebenen gestalteten sie bewusst, mit Beigaben, Tieropfern, Steinsetzungen und später mit Runensteinen. Hier bekommst du den Überblick über alle Formen – und erfährst, wo der Befund endet und die Deutung beginnt.
Stell dir einen Friedhof vor, auf dem ein Mann in einer zimmergroßen Holzkammer liegt, mit Schwert und Pferd, und zehn Schritte weiter ein Häufchen verbrannter Knochen in einer flachen Grube, ohne jede Beigabe. Beide gehören in dieselbe Zeit, vielleicht sogar in dieselbe Familie. Genau so sieht die Wikingerzeit im Boden aus: vielstimmig, widersprüchlich, und viel interessanter als das eine Bild vom brennenden Schiff auf dem Meer, das fast jeder im Kopf hat.
Die beiden Grundformen heißen Brandbestattung und Körperbestattung. Bei der Brandbestattung wurde der Leichnam auf einem Scheiterhaufen verbrannt, meist bekleidet und oft mit Beigaben, Tieren und Gerät. Was übrig blieb, der sogenannte Leichenbrand – verbrannte Knochenreste, Asche, verschmolzene Metallteile –, kam in eine Urne, eine Grube oder wurde unter einer Erd- oder Steinschüttung verteilt. Bei der Körperbestattung legte man den Toten unverbrannt in eine Grube, einen Sarg, eine Holzkammer oder ein Boot.
Welche Form gewählt wurde, folgte keinem skandinavienweiten Gesetz. Grob lässt sich sagen: In weiten Teilen des schwedischen Festlands und Norwegens war die Brandbestattung während der Wikingerzeit (etwa 750–1050) sehr verbreitet. In Dänemark dagegen werden im Lauf des 9. und 10. Jahrhunderts Körpergräber immer häufiger. Auf Gotland überwiegen ebenfalls Körpergräber. Und auf Island, das erst ab etwa 870 besiedelt wurde, kennt man aus heidnischer Zeit praktisch nur Körpergräber – Brandbestattungen sind dort bisher kaum nachgewiesen.
Oft liegen beide Formen am selben Ort. In Birka, der Handelsstadt im Mälarsee, liegen auf den Gräberfeldern rund um die Siedlung Brandgräber unter kleinen Hügeln neben unverbrannten Bestattungen in Särgen und Holzkammern. Wer wann welche Form wählte, hing wohl von Herkunft, Familie, Stellung und Zeitpunkt ab. Eine Regel, die das sauber erklärt, kennt die Forschung nicht.
Spannend wird es dort, wo Schriftquellen eine Erklärung anbieten. Snorri Sturluson lässt in der Ynglinga saga (um 1230) Odin selbst das Gesetz erlassen, alle Toten seien zu verbrennen und ihr Besitz mit ihnen auf den Scheiterhaufen zu legen; so komme jeder mit diesem Reichtum nach Walhall. Snorri schrieb aber als Christ, rund zweihundert Jahre nach der heidnischen Zeit, und Odin tritt bei ihm als vergöttlichter König auf. Zu den unzähligen Körpergräbern im Boden passt ein allgemeines Verbrennungsgesetz nicht.
Über der Bestattung, ob verbrannt oder nicht, konnte sehr Unterschiedliches stehen. Die wichtigsten Formen:
Grabhügel. Der aufgeschüttete Hügel aus Erde, Grassoden oder Steinen ist die sichtbarste Form und reicht bis in die Bronzezeit zurück. In der Wikingerzeit reicht die Spanne vom kniehohen Hügelchen bis zum Monument: Der Gokstad-Hügel in Vestfold misst rund 40 bis 50 Meter im Durchmesser, der Nordhügel von Jelling rund 65 Meter. Ein solcher Hügel war Grab und Machtzeichen zugleich – gut sichtbar an Wegen und auf Anhöhen.
Kammergräber. Hier wurde eine Grube mit Holz ausgekleidet, eine Art unterirdischer Raum. Der Tote lag darin, nicht selten sitzend, mit Beigaben, manchmal mit einem Pferd auf einer Stufe am Fußende. Birka hat eine ganze Gruppe solcher Kammergräber geliefert, darunter das berühmte Grab Bj 581. Das bemerkenswerteste Beispiel in Deutschland liegt bei Haithabu.
Flachgräber. Gräber ohne Hügel, vielleicht einst mit einem Pfosten oder einer niedrigen Erhebung markiert. Diese Form ist mit Abstand die häufigste und die am wenigsten bekannte: Viele Menschen wurden so beigesetzt, mit Messer, Kamm, ein paar Perlen oder gar nichts.
Steinsetzungen und Schiffssetzungen. Aus aufgestellten Steinen legte man Kreise, Ovale, Dreiecke oder den Umriss eines Schiffes um ein Grab. Die schiffsförmigen Anlagen haben bei uns einen eigenen Artikel: Steinschiffe – Schiffe aus Stein für die letzte Fahrt.
Boots- und Schiffsgräber. Die prominenteste und seltenste Form. Oseberg, Gokstad, Ladby, Scar auf Orkney – sie prägen unser Bild, sind aber Ausnahmen einer kleinen Oberschicht. Was es mit dem Schiff im Grab auf sich hat, liest du ausführlich in unserem Beitrag zur Bootsbestattung.
Beigaben sind das, was Gräber für uns so ergiebig macht: Waffen, Schmuck, Werkzeug, Kochgeschirr, Spielsteine, Textilien, Lebensmittel. Bei einfachen Gräbern sind es oft nur Messer, Kamm, Wetzstein, bei Frauen ein Paar ovaler Fibeln, die das Trägerkleid hielten, und eine Perlenkette. In reichen Gräbern kommen Schwerter, Reitzeug, Bronzegefäße, Glas und ganze Wagen hinzu.
Und hier lauert der größte Denkfehler. Ein Grab richtet nicht der Tote ein, sondern die Hinterbliebenen. Was hineinkommt, ist eine Aussage der Lebenden: über Rang und Anspruch der Familie, über das Bild, das man vom Toten zeigen wollte, vielleicht über Erbschaften, die noch geklärt werden mussten. Ein Schwert im Grab beweist nicht, dass jemand gekämpft hat. Eine Waage nicht, dass jemand handelte. Webgewichte nicht, dass jemand gewebt hat. Der Archäologe Neil Price beschreibt wikingerzeitliche Gräber deshalb gern als inszenierte Erzählungen, als Momentaufnahmen eines Rituals, das vielleicht Tage dauerte und von dem wir nur das letzte Bild sehen.
Der bekannteste Streitfall ist Birka Bj 581, ein Kammergrab voller Waffen, dessen bestattete Person sich 2017 genetisch als weiblich erwies. Das Ergebnis gilt als belastbar, die Deutung als „Kriegerin“ bleibt umstritten – auch weil Waffen im Grab bei Männern ebenso wenig automatisch eine gelebte Rolle belegen.
Warum aber überhaupt Beigaben? Die naheliegende Antwort lautet: weil man glaubte, der Tote brauche sie im Jenseits. Das ist eine plausible Deutung, aber eben eine Deutung. Die Schriftquellen bieten mehrere Totenreiche an – Hel, Walhall, Freyjas Fólkvangr, das Weiterleben im Grabhügel selbst –, und sie stammen fast alle aus christlicher Zeit. Einen Überblick über diese Vorstellungen findest du in unserem Artikel Walhall, Hel, Folkvangr: Wohin kamen die Toten?. Nüchternere Erklärungen stehen daneben: Besitz, den nach dem Tod niemand mehr nutzen wollte, Prestige der Familie, ein Opfer an Götter oder Ahnen. Vermutlich galt mehreres zugleich.
Tiere gehören zu den auffälligsten Zutaten reicher Gräber. In Oseberg fanden die Ausgräber die Reste von mehr als einem Dutzend Pferden, dazu Hunde und Rinder. In Gokstad lagen zwölf Pferde, sechs Hunde und ein Pfau – ein exotisches Prestigetier, das von weit her gekommen sein muss. Im dänischen Ladby, um 925, waren es elf Pferde und mehrere Hunde. Und das Bootkammergrab von Haithabu hatte seine drei Pferde in einer eigenen Grube.
Auch einfachere Gräber enthalten Tiere: einen Hund, Hühner, Fleischstücke von Rind oder Schaf als Speise. Im Leichenbrand von Brandgräbern stecken oft verbrannte Tierknochen.
Was diese Tiere bedeuteten, bleibt Deutung. Pferd und Hund waren Begleiter im Leben und gehörten zum Bild eines vornehmen Haushalts. Ein Pferd im Grab kann Reittier für den Weg ins Jenseits sein, Statussymbol, Opfer oder alles zugleich.
Die Schriftquelle. Der einzige ausführliche Augenzeugenbericht stammt von Ibn Fadlan (dazu gleich mehr): Bei der Bestattung eines Rūs-Anführers an der Wolga 922 wird eine Sklavin getötet und mit ihrem Herrn verbrannt. Das ist eine zeitgenössische Quelle, aber eben eine Momentaufnahme fernab von Skandinavien.
Ballateare, Isle of Man. 1946 grub Gerhard Bersu dort einen Hügel aus. Unten lag ein Mann in einem Sarg mit Schwert, Speeren und Schild; das Schwert war zerbrochen. Höher im Hügel lag das Skelett einer jungen Frau, die Arme erhoben, der Schädel durch einen schweren Hieb geöffnet. Darüber folgte eine Schicht mit verbrannten Tierknochen. Die Ausgräber deuteten die Frau als Opfer, das dem Mann ins Grab folgte. Das ist eine naheliegende, aber nicht die einzige mögliche Lesart.
Flakstad, Lofoten. In Doppel- und Dreifachgräbern fand man mindestens drei Menschen ohne Kopf, beigesetzt neben vollständigen Toten. Isotopenanalysen von Elise Naumann und Kollegen (2014) zeigten, dass die Kopflosen sich überwiegend von Fisch ernährt hatten, die anderen deutlich mehr von Fleisch und Landtieren; DNA-Analysen sprachen gegen eine Verwandtschaft in mütterlicher Linie. Die Forscher deuten die Kopflosen als Unfreie, die mit ihren Herren getötet und bestattet wurden – ausdrücklich als Hypothese.
Gerdrup, Seeland. Um 800 wurden hier ein Mann und eine Frau zusammen beigesetzt. Die Frau trug ein Messer, neben ihrem Bein lag eine eiserne Lanzenspitze. Der Mann lag mit gekreuzten Füßen, die wohl gefesselt waren, und vermutlich gebrochenem Genick – vielleicht wurde er gehängt. Das Wikingerschiffsmuseum Roskilde erwägt, dass er ein Unfreier war, der beim Begräbnis der Frau getötet wurde.
Mehr zu den Menschen, die hier offenbar ihr Leben verloren, liest du im Artikel über Sklaverei bei den Wikingern.
Ahmad ibn Fadlan reiste 921/922 als Gesandter des Kalifen von Bagdad zu den Wolgabulgaren. Dort sah er, wie die Rūs einen ihrer Anführer bestatteten. Den Hintergrund liest du in unserem Artikel über Ibn Fadlan und die Rus an der Wolga.
Der Tote lag zehn Tage in einem vorläufigen Grab, während man seine Kleidung nähte. Sein Besitz wurde gedrittelt: für die Familie, für die Kleidung, für das Getränk der Feier. Ein Schiff wurde an Land gezogen und aufgebockt, der Tote auf eine Lagerstatt darin gesetzt. Man tötete einen Hund, zwei Pferde, zwei Rinder, einen Hahn und eine Henne. Eine Sklavin, die sich bereit erklärt hatte, mit ihrem Herrn zu sterben, wurde von einer alten Frau getötet, die Ibn Fadlan den „Todesengel“ nennt. Der nächste männliche Verwandte entzündete das Holz; über der Brandstelle entstand ein Hügel mit einem beschrifteten Pfosten.
Die Grenzen der Quelle: Ibn Fadlan verstand die Sprache nicht, er schrieb als muslimischer Diplomat für ein Publikum daheim, und er beschreibt eine einzige Bestattung an der Wolga, in einem Milieu mit skandinavischen, slawischen und turksprachigen Einflüssen.
Und doch passt erstaunlich viel zum Grabungsbefund in Skandinavien: Schiff, Brand, Tieropfer, Hügel, Holzpfosten.
Wer verstehen will, was über den Tod hinaus zählte, findet eine der klarsten Antworten in der Edda. Die Hávamál, die „Sprüche des Hohen“, enthalten zwei berühmte Strophen, die in der üblichen Zählung als 76 und 77 geführt werden:
Deyr fé, deyja frændr, deyr sjálfr it sama; en orðstírr deyr aldregi, hveim er sér góðan getr.
Es stirbt das Vieh, es sterben die Verwandten, du selbst stirbst ebenso; doch der Nachruhm stirbt niemals dem, der sich guten erwirbt.Hávamál 76, altnordisch und eigene Übertragung
Die zweite Strophe beginnt gleich und endet mit der Gewissheit, dass eines nie stirbt: dómr um dauðan hvern – das Urteil über jeden Toten. Gemeint ist das, was die Lebenden über einen sagen, wenn er nicht mehr da ist.
Kein Paradies, keine Halle, kein Scheiterhaufen, der ins Jenseits trägt – sondern der Ruf, der in der Gemeinschaft bleibt. Die Hávamál sind in einer Handschrift des 13. Jahrhunderts überliefert; ihre Spruchweisheit dürfte älter sein. Sie erklären gut, warum so viel Aufwand über dem Grab betrieben wurde: Hügel, Steine, Inschriften, Feiern halten den Namen lebendig.
Mit der Beisetzung war es nicht getan. Die Sagas und Gesetze kennen das erfi oder erfiöl, wörtlich das „Erbbier“: ein Gelage zu Ehren des Toten, bei dem zugleich das Erbe angetreten wurde. Snorri erzählt in der Ynglinga saga, dass der Erbe eines Königs oder Jarls bei diesem Fest zunächst auf einer Stufe vor dem Hochsitz saß, bis ein Becher – der Bragafull – gereicht wurde. Dann leistete er ein Gelübde, leerte das Horn und nahm erst danach den Platz seines Vaters ein. Das Fest war also nicht nur Trauerfeier, sondern ein Rechtsakt vor Zeugen.
Sehr wohl Spuren hinterlassen hat die zweite Form des Gedenkens: der Runenstein. In der späten Wikingerzeit, vor allem im 10. und 11. Jahrhundert, wurden in Skandinavien einige tausend solcher Steine errichtet, die meisten in Schweden, besonders in Uppland. Die Inschriften folgen fast immer demselben Muster: „X ließ diesen Stein errichten nach Y, seinem Vater / Sohn / Mann / Bruder.“ Oft folgt ein Wunsch für die Seele – viele Steine sind schon christlich.
Ein Runenstein stand häufig nicht am Grab, sondern an Wegen, Brücken und Thingplätzen, wo viele vorbeikamen. Die Historikerin Birgit Sawyer hat gezeigt, wie oft diese Inschriften nebenbei festhalten, wer wen beerbte: Wer den Stein setzte, dokumentierte öffentlich seine Beziehung zum Toten. Der berühmteste Fall ist Jelling, wo Gorm einen Stein für Thyra setzte und Harald Blauzahn einen für seine Eltern – und für sich selbst gleich mit.
Die isländischen Sagas sind voll von Wiedergängern, dem Draugr. Der berühmteste ist wohl Þórólfr Lahmfuß aus der Eyrbyggja saga: ein streitsüchtiger Mann, der nach seinem Tod so viel Unheil anrichtet, dass man ihn ausgräbt und an einen anderen Ort bringt. Als auch das nicht hilft, wird sein Leichnam verbrannt – und eine Kuh, die an der Asche leckt, bringt später einen unheimlichen Stier zur Welt. In der Grettis saga ringt Grettir mit dem toten Glámr, schlägt ihm den Kopf ab und legt ihn ihm ans Gesäß, damit er nicht wiederkehrt.
Diese Geschichten stammen aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Sie zeigen aber Maßnahmen, die man im Boden wiederfindet. Archäologen sprechen von Sonderbestattungen oder englisch deviant burials: Tote in Bauchlage, mit schweren Steinen beschwert, mit gefesselten Gliedern, abgetrenntem Kopf oder abseits des üblichen Friedhofs. Solche Gräber gibt es in der Wikingerzeit, wenn auch nicht häufig.
Dahinter steht ein Gedanke: Der Tote galt nicht als fort, sondern als anwesend – im Hügel, auf dem Hof. Mehr zu diesen Vorstellungen findest du in unserem Beitrag über die Todesvorstellungen der Wikinger.
Mit der Christianisierung ändert sich das Bild im Boden – allerdings nicht über Nacht. In Dänemark nach der Taufe Harald Blauzahns um 965, in Norwegen um 1000 und in Teilen Schwedens erst im Lauf des 11. Jahrhunderts setzt sich durch, was christliche Gräber kennzeichnet: unverbrannte Körper, Ost-West-Ausrichtung mit dem Kopf im Westen, Bestattung auf dem Kirchhof, kaum oder keine Beigaben. Die Verbrennung verschwindet.
Dazwischen liegen Jahrzehnte der Mischung. Es gibt beigabenlose, west-östlich ausgerichtete Gräber neben reich ausgestatteten, Kreuzanhänger in Gräbern mit alten Formen, und eine Gussform aus Trendgården in Jütland, in der derselbe Handwerker Thorshämmer und Kreuze goss. In Jelling wurde unter der Kirche ein Grab mit den umgebetteten Knochen eines Mannes gefunden, das vielfach mit Gorm dem Alten in Verbindung gebracht wird – ein heidnischer König, nachträglich in christlicher Erde? Das ist eine verbreitete, aber nicht gesicherte Deutung.
Kein Bild steht so sehr für die Wikinger-Bestattung wie dieses: Ein Langschiff gleitet auf das dunkle Wasser hinaus, Bogenschützen schießen brennende Pfeile, das Schiff lodert am Horizont.
Woher kommt das Bild dann? Es hat literarische Wurzeln, und die sind ehrlicherweise zu nennen. In der Edda bei Snorri wird Baldrs Leiche auf sein Schiff Hringhorni gelegt, der Scheiterhaufen entzündet und das Schiff ins Wasser gestoßen – eine Götterbestattung im Mythos. In der Ynglinga saga lässt der sagenhafte König Haki, tödlich verwundet, ein Kriegsschiff mit Gefallenen und Waffen beladen, einen Scheiterhaufen darauf anzünden und das Schiff brennend aufs Meer treiben. Und im altenglischen Beowulf wird König Scyld in einem Schiff dem Meer übergeben, allerdings ohne Feuer.
Das sind Erzählungen über Götter und Sagenkönige, aufgeschrieben von Christen Jahrhunderte nach der heidnischen Zeit – kein belegter Bestattungsbrauch. Praktisch spricht ebenfalls einiges dagegen: Ein brennendes Holzschiff dürfte sinken, lange bevor ein Körper vollständig verbrennt. Im 19. Jahrhundert griffen Maler die Szenen auf, etwa Frank Dicksee mit The Funeral of a Viking (1893) – von dort führt der Weg direkt ins Kino.
Sicher wissen wir: Brand- und Körperbestattungen liefen nebeneinander, mit starken regionalen und zeitlichen Unterschieden. Es gab Hügel, Kammern, Flachgräber, Steinsetzungen und Schiffe; nur wenige Gräber sind prunkvoll. Mit der Christianisierung setzen sich beigabenlose Körpergräber durch.
Gut begründet, aber gedeutet sind: Menschenopfer in Einzelfällen, Beigaben als Ausstattung fürs Jenseits, Sonderbestattungen gegen Wiedergänger.
Nicht wissen wir, nach welchen Regeln eine Familie zwischen Feuer und Erde wählte, was die Menschen genau über das Jenseits glaubten und welche Worte am Grab gesprochen wurden. Nicht belegt ist das brennende Schiff auf See.
Ein Grab ist der Versuch, einen Menschen festzuhalten – mit Dingen, Steinen, Worten. Genau das tun Gedenkplatten und Inschriften bis heute, und genau deshalb halten wir uns in der Werkstatt an belegte Formen.
Wie wurden Wikinger bestattet? Sehr unterschiedlich: verbrannt oder unverbrannt, in schlichten Gruben, Holzkammern, unter Grabhügeln oder Steinsetzungen, in seltenen Fällen in Booten und Schiffen. Region, Zeit und Rang der Familie entschieden über die Form.
Wurden Wikinger auf brennenden Schiffen aufs Meer geschickt? Dafür gibt es keinen archäologischen Beleg. Schiffsbestattungen fanden an Land statt; das Bild vom brennenden Schiff auf See stammt aus Mythos und Sage (Baldr, König Haki) und wurde im 19. Jahrhundert populär.
Was legten die Wikinger ihren Toten ins Grab? Je nach Stand Messer, Kamm, Schmuck, Fibeln, Werkzeug, Waffen, Gefäße, Spielsteine, Lebensmittel und Tiere wie Pferde und Hunde. Viele Gräber enthalten nur wenige Gegenstände oder gar keine.
Gab es bei Wikinger-Bestattungen Menschenopfer? In seltenen Fällen ja: Ibn Fadlan beschreibt die Tötung einer Sklavin, und Funde wie Ballateare, Flakstad oder Gerdrup werden als Opfer gedeutet. Ein allgemeiner Brauch war es nicht.
Was ist ein Erbbier? Das altnordische erfi war ein Gelage zu Ehren eines Verstorbenen, bei dem der Erbe zugleich sein Erbe antrat – Trauerfeier und Rechtsakt in einem.
Wann hörten die heidnischen Bestattungen auf? Mit der Christianisierung im 10. und 11. Jahrhundert, regional verschieden. Danach setzten sich beigabenlose Körpergräber auf Kirchhöfen durch, oft nach Jahrzehnten der Mischformen.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
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