Wikinger Blog / Kleinode
Aus dem Wissensarchiv

Brisingamen – Freyjas Halsband zwischen Edda, Skaldenvers und Wikingergrab

Kleinode Brisingamen – Freyjas Halsband zwischen Edda, Skaldenvers und Wikingergrab

Brísingamen ist das Halsband der Göttin Freyja – das berühmteste Schmuckstück der nordischen Mythologie. Der Name bedeutet „Halsschmuck der Brísinge“, und wer diese Brísinge waren, weiß bis heute niemand sicher. In der Edda springt das Kleinod von Freyjas Hals, als sie vor Wut schnaubt, und schmückt später ausgerechnet Thor als falsche Braut. Skalden erzählen vom Robbenkampf zwischen Loki und Heimdall, eine späte Saga von vier Zwergen und vier Nächten. Wir sortieren, was alt ist, was jung ist – und was im Boden lag.

Ein Halsband, bei dem die Götterhalle wackelt. Ein Halsband, für das zwei Götter sich als Robben in die Brandung werfen. Ein Halsband, das einem bärtigen Donnergott umgelegt wird, damit ein Riese ihn für die schönste Frau der Welt hält. Kaum ein Gegenstand der nordischen Überlieferung taucht in so verschiedenen Geschichten auf wie Brísingamen – und kaum einer ist dabei so schwer zu fassen. Wir wissen nicht, wie es aussah. Wir wissen nicht sicher, was sein Name bedeutet. Aber wir wissen ziemlich genau, wer wann darüber geschrieben hat – und genau dort setzen wir an. Kein Wunder, dass es zu den großen Kleinoden der Götter zählt.

Was der Name verrät – und was nicht

Das Wort ist zusammengesetzt. Der zweite Teil, men, ist klar: Altnordisch men bezeichnet einen Halsschmuck, oft einen Halsring aus Edelmetall. Das Wort ist alt und gemeingermanisch – im Altenglischen heißt es mene, im Altsächsischen meni, im Althochdeutschen menni; das lateinische monile („Halsband“) ist ein entfernter Verwandter.

Schwieriger ist der erste Teil. In der Þrymskviða steht nicht ein einziges zusammengesetztes Wort, sondern die Fügung men Brísinga – „das Halsband der Brísinge“, mit einem Genitiv Plural. Das klingt nach einer Gruppe. Wer diese Brísinge sein sollen, sagt keine Quelle. Moderne Nacherzählungen machen gern eine „Zwergensippe der Brísinge“ daraus, aber das ist eine Schlussfolgerung, kein Beleg.

Eine zweite Spur führt zum Feuer. In den þulur – mittelalterlichen Merkversen mit dichterischen Synonymen, die vielen Handschriften der Snorra-Edda angehängt sind – erscheint brísingr unter den Wörtern für „Feuer“. Das große altisländische Wörterbuch von Cleasby und Vigfusson (1874) vermerkt dazu, dass brising in Norwegen ein Leucht- oder Freudenfeuer bezeichnete, etwa das Mittsommerfeuer. Dann wäre Brísingamen das „Feuer-“ oder „Glutgeschmeide“ – ein Halsband, das funkelt wie Glut. Das passt wunderbar zu einem Goldschmuck, beweist aber nicht, dass die Dichter es so gemeint haben.

Beide Deutungen schließen sich nicht einmal aus: Ein Volksname kann von einem Wort für „Feuer“ abgeleitet sein, und ein Dichter kann mit beidem spielen. Die Forschung (etwa Rudolf Simek und John Lindow) lässt die Frage deshalb offen. Jan de Vries erwog sogar, das Kleinod sei ursprünglich ein Amulett an der Hüfte gewesen – eine Hypothese, mehr nicht.

Gesichert: men heißt Halsschmuck. In der Þrymskviða lautet die Form men Brísinga, im altenglischen Beowulf Brosinga mene. Ob die Brísinge ein Volk, eine Zwergensippe oder ein dichterisches „Feuer“ sind, ist ungeklärt.

Þrymskviða: Freyja schnaubt, das Halsband springt

Die bekannteste Szene steht in der Þrymskviða, dem Lied von Thrym, das wir in der Lieder-Edda lesen. Die Ausgangslage ist eine Katastrophe: Thor wacht auf, und sein Hammer ist weg. Der Riese Thrym hat ihn gestohlen und tief unter der Erde versteckt. Herausgeben will er ihn nur gegen einen Preis – Freyja als Ehefrau. Loki, der im Federhemd der Göttin zu Thrym geflogen ist, überbringt die Nachricht. Thor und Loki gehen zu Freyja und sagen ihr, sie solle das Brautlinnen anlegen.

Was dann geschieht, ist einer der eindrucksvollsten Momente der ganzen Edda. Strophe 13 lautet im Altnordischen:

Reið varð þá Freyja ok fnasaði,
allr ása salr undir bifðisk,
stökk þat it mikla men Brísinga.Þrymskviða 13 (altnordisch, nach der Ausgabe von Neckel); eigene Übertragung: „Zornig wurde Freyja und schnaubte, / der ganze Saal der Asen erbebte, / es sprang das große Halsband der Brísinge.“

Drei Zeilen, und alles ist gesagt. Freyja ist keine Ware, die man gegen einen Hammer tauscht. Sie wirft den beiden an den Kopf, man würde sie für die mannstollste aller Frauen halten, wenn sie mit nach Riesenheim führe. Ihr Zorn ist so gewaltig, dass die Halle bebt und das Halsband zerspringt – oder abspringt, das altnordische stökk lässt beides zu. Ob die Kette reißt oder vom Hals fliegt: Das Bild zeigt, dass Brísingamen untrennbar zu Freyjas Körper und Würde gehört. Wenn sie in Wallung gerät, reagiert ihr Schmuck mit.

Wie alt diese Szene ist, wissen wir nicht genau. Manche halten die Þrymskviða für ein Lied aus heidnischer Zeit, andere für eine geistreiche Dichtung des 12. oder 13. Jahrhunderts, die mit alten Motiven spielt.

Thor als Braut – mit Freyjas Halsband

Da Freyja sich weigert, treten die Götter zum Thing zusammen. Ausgerechnet Heimdall, „der weißeste der Asen“, hat die rettende und zugleich peinlichste Idee: Man solle Thor selbst als Braut verkleiden. In Strophe 15 heißt es: Bindum vér Þór þá brúðar líni, / hafi hann it mikla men Brísinga – „Binden wir Thor das Brautlinnen um, / er soll das große Halsband der Brísinge tragen“ (eigene Übertragung). Dazu klirrende Schlüssel am Gürtel, ein Frauenkleid bis über die Knie, breite Steine auf der Brust und ein kunstvoller Kopfputz.

Thor protestiert erwartungsgemäß: Die Asen würden ihn „unmännlich“ schimpfen. Loki erinnert ihn trocken daran, dass die Riesen bald in Asgard wohnen, wenn der Hammer nicht zurückkommt. In Strophe 19 wird der Plan ausgeführt: Bundu þeir Þór þá brúðar líni / ok inu mikla meni Brísinga – „Sie banden Thor das Brautlinnen um / und das große Halsband der Brísinge.“

Ein kleines Detail verdient Aufmerksamkeit. Der isländische Philologe Finnur Jónsson wies darauf hin, dass Brísingamen in der Þrymskviða am Hals sitzt, die „breiten Steine“ dagegen auf der Brust. Snorri erwähnt in den Skáldskaparmál, dass in heidnischer Zeit ein sogenanntes steinasörvi, eine „Steinkette“, zur Frauentracht gehörte und um den Hals getragen wurde. Das ist eine bemerkenswerte Stelle: Ein Gelehrter des 13. Jahrhunderts erinnert sich an Perlenketten aus vorchristlicher Zeit – und die Archäologie gibt ihm recht, wie wir weiter unten sehen.

Snorri: Freyjas Besitz, Lokis Beute, Heimdalls Suche

Bei Snorri Sturluson wird Brísingamen fast beiläufig behandelt. In der Gylfaginning, seiner Göttergeschichte in Dialogform, stellt er die Göttinnen vor und hält fest, dass Freyja das Halsband Brísingamen besitzt. Mehr erzählt er dort nicht. Spannender sind die Skáldskaparmál, sein Lehrbuch der Dichtersprache. Hier listet Snorri Umschreibungen auf, mit denen Skalden Götter benennen konnten – und diese Listen verraten, welche Geschichten man um 1220 noch kannte.

Freyja kann man nach Snorri unter anderem „Besitzerin von Brísingamen“ nennen, in einem Atemzug mit den Gefallenen, ihrem Saal Sessrúmnir und ihren Katzen. Loki heißt unter anderem „Dieb von Brísingamen“ – in einer Reihe mit dem Dieb einer Ziege und der Äpfel der Iðunn. Und Heimdall ist der „Sucher von Freyjas Halsband“ und der „Besucher von Vágasker und Singasteinn“, wo er mit Loki um Brísingamen stritt.

Wie alt dieses Wissen ist, zeigt ein Skaldenvers, den Snorri zitiert. Þjóðólfr ór Hvini, ein norwegischer Hofdichter um 900, beschreibt in seiner Haustlǫng (dem „Herbstlangen“) einen bemalten Schild. Darin nennt er Loki einen „Dieb des Gürtels des Brísingr“ – eine Kenning, die nur funktioniert, wenn die Zuhörer den Diebstahl des Halsbands kannten. Damit ist die Geschichte vom gestohlenen Kleinod sicher schon um das Jahr 900 bekannt gewesen, mehr als dreihundert Jahre vor Snorri.

Gesichert: Die Kenningar „Besitzerin von Brísingamen“ (Freyja), „Dieb von Brísingamen“ (Loki) und „Sucher von Freyjas Halsband“ (Heimdall) stehen in Snorris Skáldskaparmál; die Haustlǫng-Kenning für Loki stammt aus der Zeit um 900.

Der Robbenkampf bei Singasteinn

Die merkwürdigste Episode verdanken wir einem Fest auf Island. Die Laxdæla saga erzählt, dass der reiche Bauer Óláfr pái („der Pfau“) in Hjarðarholt eine prachtvolle Halle bauen ließ, deren Holzwände mit Szenen aus der Göttersage beschnitzt waren. Bei einer Hochzeitsfeier in dieser Halle trug der Skalde Úlfr Uggason ein Preisgedicht vor, die Húsdrápa, das „Hausgedicht“. Es beschrieb die Bilder an den Wänden: Baldrs Bestattung, Thors Fischzug – und einen Kampf zwischen Heimdall und Loki. Die Datierung schwankt je nach Forscher zwischen etwa 978 und den frühen 990er-Jahren.

Von der Húsdrápa sind nur Bruchstücke erhalten, und zwar in Snorris Skáldskaparmál. Eine Strophe schildert, wie der „ratkundige Verteidiger des Götterwegs“ (gemeint ist Heimdall als Wächter der Regenbogenbrücke) bei Singasteinn mit Loki ringt. Heimdall wird dabei als „Sohn von acht Müttern und einer“ bezeichnet – eine Anspielung auf seine neun Mütter. Er ist zuerst am Ziel, und es geht um ein schönes „Meeresnierchen“, das hafnýra. Snorri ergänzt in seiner Prosa, die beiden hätten dabei Robbengestalt gehabt.

Was aber ist Singasteinn? Hier gehen die Meinungen weit auseinander:

Keine dieser Deutungen ist bewiesen. Fest steht nur: Um das Jahr 1000 erzählte man auf Island von einem Streit zwischen Heimdall und Loki im Meer, und Snorri verband ihn ausdrücklich mit Freyjas Halsband. Auffällig ist, dass Heimdall und Loki auch beim Weltende aufeinandertreffen und sich gegenseitig töten. Die Robbenszene wirkt wie ein frühes Kapitel dieser Feindschaft.

Sörla þáttr: vier Zwerge, vier Nächte

Die meisten modernen Nacherzählungen beginnen mit der Geschichte, wie Freyja zu ihrem Halsband kam. Diese Geschichte steht aber nur in einer einzigen Quelle, und die ist jung: im Sörla þáttr (auch Heðins saga ok Högna genannt), einer kurzen Erzählung in der Flateyjarbók. Diese Prachthandschrift schrieben die Priester Jón Þórðarson und Magnús Þórhallsson zwischen etwa 1387 und 1394 – rund 400 Jahre nach der Christianisierung Islands.

Der þáttr beginnt wie eine Chronik. Odin ist hier ein König in Asien, Freyja eine Menschenfrau und seine Geliebte. Eines Tages kommt sie an einen Stein, in dem vier Zwerge wohnen – Alfrigg, Dvalinn, Berlingr und Grérr. Sie sieht ihnen beim Schmieden zu und erblickt ein goldenes Halsband, das schönste, das sie je gesehen hat. Sie bietet Gold und Silber. Die Zwerge lehnen ab: Sie wollen, dass Freyja je eine Nacht mit jedem von ihnen verbringt. Freyja willigt ein, und nach vier Nächten gehört das Halsband ihr.

Loki verrät es Odin, und Odin befiehlt ihm den Diebstahl. Als Fliege schlüpft Loki durch ein winziges Loch in Freyjas verschlossenes Gemach. Freyja schläft so, dass der Verschluss der Kette unter ihr liegt. Loki wird zum Floh, beißt sie in die Wange, sie dreht sich um – und er öffnet den Verschluss und verschwindet mit dem Halsband. Odin gibt es nur unter einer Bedingung zurück: Freyja muss zwei Könige, die jeweils zwanzig Könige unter sich haben, in einen ewigen Krieg treiben. Die Gefallenen stehen jeden Tag wieder auf – bis ein Gefolgsmann des christlichen Königs Óláfr Tryggvason sie erlöst.

Man muss kein Theologe sein, um die Absicht zu erkennen. Die heidnische Liebesgöttin wird zur käuflichen Geliebten, Odin zum intriganten Fürsten, der Kreislauf des Kampfes zum dämonischen Fluch, den erst ein christlicher König bricht. Der Sörla þáttr ist eine kunstvolle Erzählung, aber er ist keine Quelle für heidnischen Glauben. Er zeigt, wie isländische Geistliche im späten 14. Jahrhundert die alten Götter einordneten.

Mythos-Check: „Freyja schlief mit vier Zwergen, um Brísingamen zu bekommen“ – das steht so in keiner Quelle aus heidnischer Zeit. Die Episode kennt nur der Sörla þáttr aus dem späten 14. Jahrhundert. Weder Eddalieder noch Skalden noch Snorri erzählen, woher das Halsband stammt. Dass Zwerge die Meisterschmiede der Götterwelt sind, ist dagegen gut belegt – der Verfasser griff also ein bekanntes Motiv auf.

Interessant ist ein weiterer Vorwurf, der älter ist. In der Lokasenna, dem Zankgespräch der Lieder-Edda, wirft Loki der Göttin Gefjon vor, ein „weißer Jüngling“ habe ihr ein Schmuckstück geschenkt, und sie habe dafür ihren Schenkel über ihn gelegt. Bellows vermutete in einer Anmerkung, dass hier eine verlorene Brísingamen-Geschichte nachklingt. Belegen lässt sich das nicht, aber das Motiv „Schmuck gegen Liebesnacht“ war offenbar schon in der Eddadichtung als Spottvorwurf im Umlauf.

Hildes Halsband und die ewige Schlacht

Der zweite Teil des Sörla þáttr, die endlose Schlacht zwischen Heðinn und Högni, ist viel älter als die Erzählung selbst. Der Skalde Bragi Boddason beschrieb sie schon im 9. Jahrhundert in der Ragnarsdrápa, Snorri erzählt sie in den Skáldskaparmál, und Saxo Grammaticus kennt sie ebenfalls. In diesen älteren Fassungen spielt Freyja keine Rolle. Heðinn entführt Hildr, die Tochter Högnis; der Vater setzt nach. Nach Snorri bietet Hildr ihrem Vater im Namen Heðins ein Halsband als Versöhnungsgabe an – doch Högni lehnt ab, und Hildr erweckt die Gefallenen jede Nacht zu neuem Kampf, bis zum Weltende. Der Verfasser des Sörla þáttr hat also zwei Stoffe verknüpft, die beide um ein Halsband kreisen – die Verbindung mit Freyja ist erst im 14. Jahrhundert belegt.

Beowulf: die „Brosinga mene“ und Hama

Der überraschendste Beleg steht nicht in einer nordischen Handschrift, sondern im altenglischen Beowulf. Nachdem Beowulf das Ungeheuer Grendel getötet hat, beschenkt ihn Königin Wealhtheow mit einem prächtigen Halsring. Der Dichter nennt ihn das größte Halsband, von dem er je gehört habe, und vergleicht es mit einem berühmten Vorbild (Verse 1197–1201):

… syþðan Hama ætwæg
to þære byrhtan byrig Brosinga mene,
sigle ond sincfæt; searoniðas fleah
Eormenrices, geceas ecne ræd.Beowulf 1197–1201 (altenglisch); eigene Übertragung: „… seit Hama zur glänzenden Burg das Halsband der Brosinge trug, Schmuck und Schatzgefäß; er floh die Ränke Eormenrics und wählte ewigen Rat.“

Eormenric ist der historische Gotenkönig Ermanarich aus dem 4. Jahrhundert, der in der germanischen Heldensage als Tyrann weiterlebt. Hama entspricht dem Heime der Dietrichsage. In der altnordischen Þiðreks saga (13. Jahrhundert, nach deutschen Vorlagen) überwirft sich Heime mit König Erminrikr, raubt ihn aus und tritt am Ende mit seinem Schatz in ein Kloster ein.; das Halsband nennt die Saga nicht. Die Formulierung „er wählte ewigen Rat“ im Beowulf könnte genau auf einen solchen Klostereintritt anspielen – das ist eine verbreitete Deutung, keine Gewissheit.

Was heißt das für Brísingamen? Zunächst nur, dass auch die Angelsachsen ein berühmtes Halsband „der Brosinge“ kannten. Ob es dasselbe Kleinod ist wie Freyjas Halsband, ist umstritten. Die Namen entsprechen sich lautlich gut, und beide Male steht der Name im Genitiv Plural – das spricht eher für ein Volk oder Geschlecht als für das Wort „Feuer“. Der Beowulf-Dichter verbindet sein Halsband aber mit Heldensage, nicht mit einer Göttin. Möglich ist, dass ein altes, berühmtes Schmuckstück in verschiedenen Sagenkreisen umlief und mal einer Göttin, mal einem Helden zugeschrieben wurde.

Beowulf schenkt den Halsring später seinem König Hygelac, der ihn auf seinem letzten Raubzug ins Friesenland trägt und dort fällt – ein Zug, den auch Gregor von Tours kennt. Mehr über Beowulfs Volk erzählen wir bei den Gauten.

Was die Gräber zeigen: Halsschmuck der Wikingerzeit

Perlenketten zwischen den Schalenfibeln. Viele Frauen der Wikingerzeit trugen ein Trägerkleid, das an den Schultern von zwei ovalen Schalenfibeln gehalten wurde. Zwischen diesen Fibeln hingen in zahlreichen Gräbern Perlenstränge, manchmal mit einer dritten Fibel in der Mitte. Die Perlen waren aus Glas, Bernstein, Bergkristall oder rotem Karneol, teils weit gereist über die Handelswege nach Osten. Viele Glasperlen entstanden aber in skandinavischen Werkstätten – wie, erzählen wir beim Perlenmacher.

Ein Beispiel aus Norwegen: Privatleute übergaben dem Archäologischen Museum in Stavanger Schmuck, der wohl aus einem Frauengrab bei Frafjord in Rogaland stammt. Dazu gehören zwei ovale Bronzefibeln mit Resten von Silberauflage, eine gleicharmige Fibel und eine Kette aus über 50 Perlen, darunter silber- und goldfolierte Perlen und eine Mosaikperle, nach der die Forschenden den Fund um 850 datieren. Genau so eine Kette meint Snorri, wenn er vom steinasörvi der heidnischen Frauen spricht.

Halsringe aus Gold und Silber. Massive Halsringe kennen wir vor allem aus Schatzfunden. Der berühmteste in unserer Nähe ist der Goldschmuck von Hiddensee, gefunden 1872/73: sechzehn Teile aus fast reinem Gold, zusammen rund 600 Gramm – eine Fibel, vierzehn Anhänger und ein Halsring. Er wird ins 10. Jahrhundert datiert und heute im Stralsund Museum aufbewahrt; die Zuschreibung an das Umfeld Harald Blauzahns ist eine Vermutung. Silberne Halsringe tauchen häufig in den großen Silberhorten auf, oft zerhackt – Schmuck war in der Wikingerzeit zugleich Vermögen. Mehr dazu in unserem Artikel über Wikinger-Schmuck.

Frauenfiguren mit Halsschmuck. Hier wird es für unser Thema richtig spannend. In einem reich ausgestatteten Frauengrab bei Hagebyhöga (Aska, Östergötland) lag um das Jahr 1000 eine Frau, die mit einem Stab, Pferden, einem Wagen und orientalischen Bronzegefäßen bestattet wurde – das Nationalmuseum Kopenhagen zählt sie zu den Seherinnen. Zu den Beigaben gehört ein kleiner Silberanhänger: eine Frauenfigur mit einem auffällig breiten Halsschmuck. Der Anhänger liegt heute im Historischen Museum in Stockholm und wird häufig als Freyja mit Brísingamen gedeutet. Die Verbindung zur Seiðr-Magie, die Freyja zugeschrieben wird, macht die Deutung reizvoll. Aber: Die Figur trägt keine Inschrift.

Ähnlich vorsichtig muss man mit der kleinen vergoldeten Silberfigur von Revninge auf Fünen umgehen, die ein Sondengänger 2014 fand. Sie ist nur 4,6 Zentimeter hoch, wird um 800 datiert und trägt eine schwere Kette mit einer kugeligen Zier am Hals. Zunächst sprach man von Freyja; inzwischen wird sogar diskutiert, ob die Figur eine Frau oder einen Mann zeigt.

Gesichert: Perlenketten zwischen Schalenfibeln sind in Frauengräbern der Wikingerzeit vielfach belegt, goldene und silberne Halsringe in Schatzfunden. Die Silberfiguren von Hagebyhöga und Revninge zeigen Halsschmuck – ob sie Freyja und Brísingamen darstellen, ist eine Deutung, kein Befund.

Mythos-Check: Bernstein und Sonne

Mythos-Check: „Brísingamen war aus Bernstein.“ – In den Quellen steht kein Material. Der Sörla þáttr spricht von Gold. Die Bernstein-Idee stammt aus der Deutung von brísingr als „Glut“ und aus modernen Schmuckvorstellungen.
Mythos-Check: „Brísingamen ist ein Sonnensymbol.“ – Diese Deutung wurde im 19. und frühen 20. Jahrhundert gern vertreten, gestützt auf das „flammende“ Halsband. Eine Quelle, die das Kleinod mit der Sonne verbindet, gibt es nicht. Als moderne Interpretation darf man sie erwähnen, als Tatsache nicht.

Brísingamen als Gravur

Bei uns in der Werkstatt in Alsdorf taucht Brísingamen immer wieder in Wünschen auf – meist als Geschenk für Frauen, die Freyja als Vorbild sehen: stark, selbstbestimmt, nicht verhandelbar. Ein paar Ideen, die historisch sauber bleiben:

Ein Spruchschild mit der Edda-Zeile stökk þat it mikla men Brísinga und darunter der deutschen Übertragung – auf Schiefer wirkt die helle Gravur fast wie Glut auf dunklem Stein. Oder eine Freyja-Figur in Anlehnung an den Silberanhänger von Hagebyhöga, mit dem breiten Halsschmuck als einzigem Zierelement. Wie das echte Brísingamen aussah, weiß niemand – wir tun auch nicht so. Schau gern bei unseren Schieferplatten vorbei oder schick uns deine Idee über die Wunschgravur.

Schieferplatte: Freyja
Freyja, Trägerin des Brísingamen – auf Naturschiefer, lasergraviert. Im Shop →

Häufige Fragen

Was ist Brisingamen? Brísingamen ist das berühmte Halsband der Göttin Freyja. Es erscheint in der Edda, in Skaldenversen, bei Snorri und im späten Sörla þáttr.

Was bedeutet der Name Brísingamen? Men heißt Halsschmuck, Brísinga „der Brísinge“. Wer die Brísinge waren, ist unklar; das Wort brísingr bedeutet in der Dichtersprache auch „Feuer“, daher die Deutung „Glut-“ oder „Feuerhalsband“.

Wer hat Brisingamen geschmiedet? Nach dem Sörla þáttr aus dem späten 14. Jahrhundert die vier Zwerge Alfrigg, Dvalinn, Berlingr und Grérr. Ältere Quellen nennen keinen Hersteller.

Wer hat Freyjas Halsband gestohlen? Loki. Schon um 900 nennt ihn ein Skalde „Dieb“ des Schmucks; nach der Húsdrápa holte Heimdall es in einem Kampf in Robbengestalt bei Singasteinn zurück. Im Sörla þáttr stiehlt Loki es im Auftrag Odins.

Kommt Brisingamen im Beowulf vor? Der Beowulf nennt die Brosinga mene, die der Held Hama dem Gotenkönig Eormenric entführt. Ob das dasselbe Halsband wie Freyjas ist, ist in der Forschung umstritten.

Gibt es archäologische Funde von Brisingamen? Nein. Es gibt aber Halsschmuck der Wikingerzeit, etwa Perlenketten aus Frauengräbern und Goldhalsringe wie in Hiddensee, sowie kleine Frauenfiguren mit breitem Halsschmuck, die manche als Freyja deuten.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Weiterlesen bei uns

Alle Kleinode der Edda im Überblick · Freyja · Heimdall · Loki · Draupnir.

Quellen & Literatur

Zum Shop Alle Kleinode

Mehr aus dem Gebiet Mythen & Sagen

Alle Mythen & Sagen-Artikel →

Darraðarljóð – die Walküren weben die Schlacht

Wir stellen uns Walküren gern als edle Reiterinnen vor, die Gefallene nach Walhall geleiten. Das Darraðarljóð zeigt sie …

Weiterlesen →

Deor – „Das ging vorüber, so kann auch dies vergehen"

Manche Sprüche sind älter, als man denkt. Der wohl schönste Trostsatz der germanischen Welt steht in einem gut tausend …

Weiterlesen →

Draupnir – Odins Ring

Ein Ring, aus dem immer neue Ringe entstehen: Draupnir ist Odins goldenes Kleinod und eines der eindringlichsten Bilder …

Weiterlesen →

Die drei Brunnen unter Yggdrasil

Ein Baum trägt die Welt – aber was tränkt den Baum? Unter den Wurzeln von Yggdrasil liegen drei Quellen, und jede …

Weiterlesen →