Ein Baum trägt die Welt – aber was tränkt den Baum? Unter den Wurzeln von Yggdrasil liegen drei Quellen, und jede erzählt eine andere Geschichte: eine vom Schicksal, eine von der Weisheit und eine vom Ursprung aller Wasser. Wer die drei Brunnen kennt, versteht, wie sich der Norden den Kosmos dachte: als Kreislauf, nicht als Bauwerk.
Am heiligsten Ort der Welt, unter der Wurzel, die Snorri zum Himmel führen lässt, liegt der Urdbrunnen (Urðarbrunnr). Hierher reiten die Götter Tag für Tag über die Brücke Bifröst zu Rat und Gericht – nur Thor watet zu Fuß durch die Flüsse Körmt und Örmt, denn sein Donnergang würde die brennende Brücke gefährden. Und hier wohnen die drei Nornen: Urd, Verdandi und Skuld. Sie schöpfen täglich Wasser aus dem Brunnen und begießen die Esche mit dem weißen Lehm (aurr), der um die Quelle liegt, „damit ihre Zweige nicht dorren oder faulen". Das Wasser ist so heilig, sagt Snorri, dass alles, was hineinkommt, weiß wird wie die Haut im Inneren einer Eierschale. Zwei Schwäne schwimmen auf dem Brunnen – die Ahnen aller Schwäne. Und der Tau, der vom Baum in die Täler fällt, heißt Honigfall: Von ihm, sagt Snorri, nähren sich die Bienen.
„Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil,
Den hohen Baum netzt weißer Nebel;
Davon kommt der Tau, der in die Täler fällt.
Immergrün steht er über Urds Brunnen."
— Völuspá 19, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei; Simrocks „weißer Nebel" ist frei – das Original sagt „mit weißem Lehm begossen")
Das altnordische Wort urðr ist dasselbe Wort wie das altenglische wyrd und das althochdeutsche wurt – der gemeingermanische Name des Schicksals. Der Urdbrunnen hieß also ursprünglich wohl schlicht: Schicksalsquelle. Im Hildebrandslied, aufgeschrieben um 830 im Kloster Fulda, stöhnt der alte Kämpfer: „wewurt skihit" – „Weh-Schicksal geschieht". Dieselbe wurt, die an deutschen Feuern beschworen wurde, sitzt im Norden als Norne am Brunnen. Und ein Echo lebt bis heute: Shakespeares „weird sisters" in Macbeth tragen denselben Wortstamm – erst über diese drei Schwestern bekam das englische weird seine Bedeutung „unheimlich".
Die berühmte Dreiheit ist übrigens nur die halbe Wahrheit. Im Fafnismal belehrt der sterbende Drache Sigurd: „Verschiedenen Geschlechts scheinen die Nornen mir / Und nicht eines Ursprungs. / Einige sind Asen, andere Alfen, / Die dritten Töchter Dwalins" – Nornen aus Göttern, Alben und Zwergen. Sie kommen „in Nöten" zu den Frauen und lösen die Mutter vom Kind: Schicksalsfrauen sind zugleich Geburtshelferinnen, und die Sigrdrifumal empfiehlt dazu Bergerunen und den Anruf der Disen. Auffällig auch: Nur Urd ist alt und breit bezeugt – Verdandi kommt im gesamten Quellenkorpus ein einziges Mal vor, und Skuld reitet in der Völuspá zugleich als Walküre mit Schild. Die glatte Reihe „Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft" ist wohl eine späte, gelehrte Ordnung. Und gesponnen wird am Urdbrunnen übrigens nicht: Die Nornen der Edda „schnitten Stäbe" – Runenlose. Das Spinnrad stammt von den römischen Parzen.
Unter der zweiten Wurzel, hinüber zu den Reifriesen, „wo vormals Ginnungagap war", liegt der Brunnen des Mimir. In ihm sind „Weisheit und Verstand verborgen", und sein Hüter trinkt jeden Morgen daraus – darum weiß er mehr als jedes andere Wesen. Der berühmteste Gast dieses Brunnens zahlte den höchsten Preis: Odin legte sein Auge als Pfand hinein, um einen einzigen Trunk zu erhalten. Doch die Völuspá deutet noch ein zweites Pfand an: Sie weiß „Heimdalls hljóð" unter dem heiligen Baum verborgen. Das Wort kann „Horn" bedeuten – oder „Gehör". Liegt dort das Gjallarhorn bereit, oder hat Heimdall, der das Gras wachsen hört, sein Ohr geopfert, wie Odin sein Auge? Die Frage ist bis heute offen – und gehört zu den schönsten Rätseln der Edda.
„Alles weiß ich, Odin, wo du dein Auge bargst:
In der vielbekannten Quelle Mimirs.
Met trinkt Mimir allmorgendlich
Aus Walvaters Pfand – wißt ihr, was das bedeutet?"
— Völuspá 28 (Simrock 21–22), Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)
Zwischen den Brunnen steht kein unversehrter Säulenbaum, sondern ein Organismus unter Dauerbelastung. Vier Hirsche – Dain, Dwalin, Duneyr, Durathror – weiden „mit krummem Halse" die frischen Triebe ab. Das Eichhorn Ratatöskr rennt den Stamm auf und ab und trägt die Schmähworte des Adlers im Wipfel hinunter zum Drachen Nidhögg – der Kosmos hat einen eingebauten Zwischenträger, der den Streit am Laufen hält. Und unten liegen „mehr Würme, als Einer meint der unklugen Affen": Das Grimnismal zählt sie auf, und zwei der Schlangennamen – Ofnir und Swafnir – sind zugleich Odinsnamen. Am Baum, an dem der Gott einst hing, nagen Schlangen, die seinen Namen tragen. Die Kernstrophe fasst es hart zusammen:
„Die Esche Yggdrasils duldet Unbill,
Mehr als Menschen wissen:
Der Hirsch weidet oben, hohl wird die Seite,
Unten nagt Nidhöggr."
— Grimnismal 35, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)
Der Name des Baums selbst gehört in dieses dunkle Bild: Yggdrasil heißt wörtlich „Ross des Ygg" – des „Schrecklichen", also Odins. Ein „Pferd", das man reitet, indem man daran hängt: der Galgen. Neun Nächte hing Odin „am windigen Baum, vom Speer verwundet, dem Odin geweiht, ich selber mir selbst" – so gewann er die Runen. Baum und Brunnen bilden zusammen den großen Opferort der Mythologie: am Stamm das Selbstopfer für die Runen, an der Wurzel das Augenopfer für die Weisheit.
Die dritte Quelle ist die älteste und wildeste: Hvergelmir, der „brausende Kessel", mitten in Niflheim. Aus ihm entspringen die Elivagar, die Urströme der Schöpfung – aus deren gefrierender Gischt wurde im Ginnungagap der Urriese Ymir. Unten nagt Nidhögg an der Wurzel, und oben, auf dem Dach Walhalls, steht der Hirsch Eikthyrnir und äst vom Laub des Baumes: „Von seinem Horngeweih tropft es nach Hwergelmir: / Davon stammen alle Ströme." Neben ihm zehrt die Ziege Heidrun am selben Laub – aus ihrem Euter fließt der Met der Einherjer. Dasselbe Blattwerk speist also Rausch und Leben: Vom Brunnen in den Baum, vom Baum ins Geweih, vom Geweih zurück in die Tiefe und von dort in alle Flüsse der Welt – der Kosmos der Nordleute ist ein einziger Wasserkreislauf, dem Tau und Regen ihrer eigenen Landschaft abgelauscht.
Das Erstaunlichste: Dieses Ensemble stand tatsächlich in der Landschaft. Adam von Bremen beschreibt um 1075 das große Heiligtum von Uppsala – und eine Randnotiz seiner Chronik hält fest: Nahe dem Tempel stehe ein gewaltiger Baum, „immer grün, im Winter wie im Sommer; welcher Art er ist, weiß niemand" – und daneben eine Quelle, an der die Heiden opfern und in die ein lebender Mensch versenkt wird; kehrt er nicht wieder, erfüllt sich der Wunsch des Volkes. Ein immergrüner Baum über einem Opferbrunnen: Das ist Völuspá 19, mit den Augen eines Chronisten gesehen. Die Archäologie liefert das Gegenstück: In Trelleborg auf Seeland fanden sich unter der Wikingerburg fünf tiefe Opferbrunnen, darin Tierknochen, Schmuck – und die Skelette von vier Kindern. So schwer solche Funde wiegen: Sie zeigen, dass die heiligen Gewässer der Edda kein Dichtertraum waren. Auch der heilige Baum hatte Verwandte auf festem Boden – von der Donareiche bei Geismar und der Irminsul der Sachsen bis zum „Wächterbaum" am Hof, den Skandinavien bis in die Neuzeit kannte.

Yggdrasil – der Weltenbaum · Die Nornen · Odins Auge am Mimirbrunnen · Niflheim · Die neun Welten · Die Walküren.
Völuspá 19–20/27–28/30, Grimnismal 25–35, Havamal 111/138–139, Fafnismal 12–13, Sigrdrifumal 9, Vafthrudnismal 31 (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Snorri Sturluson, Gylfaginning 4, 15–16, 36, 39; Ynglinga saga Kap. 4/7 (Mimirs Haupt). Adam von Bremen, Gesta Hammaburgensis IV 26–27 mit Scholion 138; Hildebrandslied V. 49; Willibald, Vita Bonifatii 6. Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (3. Aufl. 2006); Gerd Wolfgang Weber, Wyrd (1969); François-Xavier Dillmann, Art. „Mimir", RGA 20 (2001); René Derolez, Götter und Mythen der Germanen (1974); Anders Andrén, Tracing Old Norse Cosmology (2014); „A ritual site with sacrificial wells from the Viking Age at Trelleborg", Danish Journal of Archaeology 3 (2015); Jan de Vries, Altgermanische Religionsgeschichte (1956/57); Arnulf Krause, Die Götter- und Heldenlieder der Älteren Edda (2004).