Unter den drei Wurzeln des Weltenbaums Yggdrasil liegen nach Snorri Sturluson drei Brunnen: der Urdbrunnen bei den Asen, wo die Nornen den Baum begießen und die Götter Gericht halten, Mimirs Brunnen bei den Reifriesen, für dessen Weisheit Odin ein Auge gab, und Hvergelmir in Niflheim, der brausende Kessel, aus dem alle Flüsse kommen. So ordentlich steht es aber nur bei Snorri. Die älteren Lieder erzählen es anders – und genau dort wird es spannend.
Wer „die drei Brunnen“ sucht, landet fast immer bei einer einzigen Quelle: der Gylfaginning, dem ersten Teil der Prosa-Edda, die der isländische Gelehrte Snorri Sturluson um 1220/1230 verfasste. In den Kapiteln 15 und 16 (Zählung nach Anthony Faulkes) beschreibt die Gestalt namens „Hoch“ dem verkleideten König Gylfi die Weltesche: den größten und besten aller Bäume, dessen Zweige über allen Welten und über dem Himmel stehen. Drei Wurzeln halten ihn aufrecht.
Die Verteilung ist bei Snorri glasklar. Eine Wurzel liegt bei den Asen, eine zweite bei den Reifriesen, „wo einst Ginnungagap war“, die gähnende Urleere, und die dritte über Niflheim, der kalten Nebelwelt. Unter jeder Wurzel sitzt ein Brunnen: unter der Riesenwurzel der Brunnen des Mimir, unter der Niflheim-Wurzel Hvergelmir, an dem der Drache Nidhögg von unten an der Wurzel nagt, und unter der Asenwurzel – Snorri sagt verwirrenderweise, sie stehe „im Himmel“ – der Urdbrunnen, der heiligste von allen.
Ein schönes, symmetrisches Bild. Nur stammt es von einem Gelehrten, der zweihundert Jahre nach der Christianisierung Islands aus älteren Liedern ein Lehrgebäude baute – und dabei glättete.
Der altnordische Name lautet Urðarbrunnr, „Brunnen der Urd“. Urd (Urðr) ist die erste der drei Nornen, der Schicksalsfrauen, und ihr Name hängt am Verb verða, „werden“: Urd ist das, was geworden ist. An diesem Brunnen, erzählt Snorri, haben die Götter ihre Gerichtsstätte. Jeden Tag reiten sie über Bifröst, die Asenbrücke, dorthin. Nur Thor geht zu Fuß und watet durch die Flüsse Körmt und Örmt und die beiden Kerlaugar. Snorri übernimmt das fast wörtlich aus Grímnismál 29, wo es heißt, Thor müsse waten, weil die Asenbrücke ganz in Flammen brenne. Warum das gerade Thor betrifft, sagt das Lied nicht; die beliebte Erklärung mit seinem Gewicht ist moderne Ausschmückung.
Am Brunnen steht ein schöner Saal, aus dem drei Mädchen kommen: Urd, Verdandi und Skuld. Sie schöpfen jeden Tag Wasser aus dem Brunnen, dazu den Lehm, der um ihn herum liegt, und begießen damit die Esche, damit ihre Äste nicht verdorren oder faulen. Das Wasser ist so heilig, dass alles, was hineingerät, so weiß wird wie das Häutchen innen an der Eierschale. Auf dem Brunnen leben zwei Vögel, die Schwäne heißen; von ihnen stammt das ganze Schwanengeschlecht ab. Und der Tau, der vom Baum auf die Erde fällt, heißt hunangsfall, Honigfall: Von ihm nähren sich die Bienen.
Das klingt nach Märchen, steckt aber voller Naturbeobachtung: Bienen sammeln tatsächlich „Honigtau“, die zuckrigen Ausscheidungen von Blattläusen auf Laub und Nadeln – daraus entsteht Waldhonig. Ob Snorri daran dachte, wissen wir nicht. Wer aber einmal unter einer klebrigen Linde im Juli stand, versteht die Verbindung.
Snorris Gewährsstrophe ist Völuspá 19, aus dem großen Seherinnenlied der Lieder-Edda (mehr dazu in unserem Beitrag zur Völuspá):
Eine Esche weiß ich, sie heißt Yggdrasil,
ein hoher Baum, benetzt mit weißem Lehm;
von dort kommt der Tau, der in die Täler fällt,
immergrün steht sie über dem Urdbrunnen.Völuspá 19, eigene Übertragung nach dem altnordischen Text
Das Wort für den Lehm ist aurr: nasser Boden, Schlamm, Kies. Dass ein heiliger Baum mit Schlamm begossen wird, irritiert. Manche Ausleger denken an mineralreiches Quellwasser, andere an Heilung, wie man Baumwunden mit Lehm verstreicht – Deutungen, kein Befund.
Auch die Hávamál, die Sprüche des Hohen, kennen den Ort. In Strophe 111 beginnt ein neuer Abschnitt mit den Worten, es sei Zeit, „auf dem Stuhl des Sprechers“ zu reden, „am Urdbrunnen“. Der Brunnen ist hier ein Ort feierlicher, autoritativer Rede. Das passt zu Snorris Gerichtsstätte: Am Urdbrunnen wird nicht geplaudert.
Urd ist kein isoliertes Wort der Isländer. Das altenglische wyrd und das altsächsische wurd gehören zur selben Wurzel; im Althochdeutschen steht wurt. Das berühmteste Beispiel bei uns ist das Hildebrandslied, aufgezeichnet im 9. Jahrhundert in Fulda. Als der alte Hildebrand begreift, dass er gegen den eigenen Sohn kämpfen muss, ruft er: welaga nu, waltant got, wewurt skihit – „Weh nun, waltender Gott, Wehgeschick geschieht“. Ein christlicher Gott und ein heidnisches Schicksalswort in einer Zeile: So sah der Übergang aus.
Im Englischen hat das Wort einen eigenen Weg genommen. Shakespeares Hexen in Macbeth heißen weird sisters, also Schicksalsschwestern. Erst über diese Bühnenfiguren bekam das Adjektiv weird seit dem 19. Jahrhundert die heute geläufige Bedeutung „seltsam, unheimlich“. Wer also etwas „weird“ findet, zitiert, ohne es zu wissen, die Herrin des Urdbrunnens.
Daneben lohnt ein nüchterner Blick auf die Dreizahl. In den Liedern ist nur Urd breit verankert. Verdandi („die Werdende“) erscheint in der Lieder-Edda nur in Völuspá 20, Skuld („das Gesollte“) reitet dort zugleich als Walküre mit dem Schild. Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft ist eine späte Deutung der Namen, keine Aussage der Quellen. Und nach Fáfnismál 12–13 gibt es viele Nornen verschiedener Herkunft, von Asen, Alben und Zwergen, die Frauen bei der Geburt beistehen.
Unter der Wurzel bei den Reifriesen liegt der Mímisbrunnr. In ihm, sagt Snorri, sind Weisheit und Verstand verborgen. Sein Hüter heißt Mimir; er ist voller Weisheit, weil er täglich aus dem Brunnen trinkt, und zwar aus dem Gjallarhorn. Dann kommt der berühmte Satz: Allvater kam und bat um einen Trunk aus dem Brunnen, bekam ihn aber erst, als er sein Auge zum Pfand gab. Die ganze Geschichte steht in Odins Auge am Mimirbrunnen; hier geht es um die Quellen.
Snorri stützt sich auf die Völuspá, wo die Seherin dem „Alten“ antwortet:
Alles weiß ich, Odin, wo du dein Auge verbargst:
im weithin berühmten Brunnen Mimirs.
Met trinkt Mimir an jedem Morgen
aus dem Pfand des Walvaters. Wisst ihr noch mehr?Völuspá 28 (Zählung nach Neckel/Kuhn; bei Bellows 28–29), eigene Übertragung
Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Die Völuspá sagt nicht, wofür Odin sein Auge gab. Dass es ein einziger Schluck Weisheit war, steht erst bei Snorri. Plausibel ist es, aber es ist seine Erklärung. Zweitens: Mimir trinkt Met „aus dem Pfand“ – als wäre das Auge selbst das Trinkgefäß oder die Quelle, aus der etwas fließt. Die Strophe davor (Völuspá 27) macht das Bild noch dunkler: Die Seherin weiß „Heimdalls hljóð“ unter dem heiligen Baum verborgen, und darüber ergießt sich ein schlammiger Strom „aus dem Pfand des Walvaters“.
Was ist dieses hljóð? Das Wort kann „Laut, Klang“ heißen, dann denkt man an Heimdalls Gjallarhorn, das er beim Weltende bläst. Es kann aber auch „Gehör“ bedeuten. Dann hätte Heimdall, der nach Snorri das Gras wachsen hört, sein Ohr am selben Brunnen verpfändet wie Odin sein Auge – ein Sinnesorgan gegen übermenschliche Wahrnehmung. Diese Lesart wird ernsthaft vertreten, ist aber nicht beweisbar. Snorri hat beides zusammengezogen: Bei ihm trinkt Mimir aus dem Gjallarhorn.
Der Name Mimir wird meist zur selben indogermanischen Wurzel gestellt wie lateinisch memor, „eingedenk“: „der sich Erinnernde“. Gut begründet, aber nicht unumstritten – und passend, denn Weisheit im Norden ist vor allem Gedächtnis.
Hier wird es widersprüchlich, und zwar innerhalb von Snorris eigenem Werk. In der Gylfaginning ist Mimir lebendig, hütet den Brunnen und trinkt daraus. Beim Weltende, so heißt es später im selben Text, reitet Odin zu Mimirs Brunnen und holt sich Rat für sich und sein Gefolge. In der Ynglinga saga dagegen, dem ersten Teil von Snorris Königsgeschichte Heimskringla, ist Mimir tot – geköpft.
Die Geschichte steht in Kapitel 4: Nach dem Krieg zwischen Asen und Vanen tauschen die Götter Geiseln. Die Asen schicken den stattlichen Hönir und den klugen Mimir zu den Vanen. Hönir wird Häuptling, weiß aber ohne Mimir keine Antwort: „Mögen andere entscheiden.“ Die Vanen fühlen sich betrogen, schlagen Mimir den Kopf ab und schicken ihn den Asen. Odin nimmt das Haupt, bestreicht es mit Kräutern, damit es nicht verwest, und singt Zauber darüber. Fortan spricht der Kopf mit ihm und sagt ihm viele verborgene Dinge. In Kapitel 7 heißt es noch einmal, Odin habe Mimirs Haupt bei sich gehabt, das ihm Neuigkeiten aus anderen Welten berichtete.
Auch die Lieder kennen das Haupt. In der Völuspá (Str. 46 nach Neckel) spricht Odin beim Hereinbrechen von Ragnarök „mit Mims Haupt“. Und in den Sigrdrífumál, einer Runenlehre, die die Walküre Sigrdrifa dem Helden Sigurd gibt, steht eine geheimnisvolle Szene: Auf einem Felsen steht jemand mit Schwert und Helm, „da sprach Mims Haupt das erste weise Wort und sagte wahre Zeichen“ (Str. 14, eigene Übertragung). Der Zusammenhang ist die Herkunft der Runen – Mimirs Kopf als Quelle von Runenwissen.
Wie passt das zusammen? Gar nicht glatt. Wahrscheinlich liefen mehrere Mimir-Erzählungen nebeneinander – der Weise am Wasser, das orakelnde Haupt, der Rat beim Weltende –, und Snorri hat sie nicht harmonisiert. Dazu kommen Hoddmímis holt, der Wald, in dem nach den Vafþrúðnismál (Str. 45) zwei Menschen Ragnarök überleben, und der Mímameiðr, „Mimirs Baum“, der späten Fjölsvinnsmál. Dass beide Yggdrasil meinen, ist Deutung, keine Quellenaussage. Mehr im Porträt Mimir – der Kopf, der weiterrät.
Hvergelmir setzt sich wohl aus hverr, „Kessel, heiße oder sprudelnde Quelle“, und einem Wort für „brüllen, tosen“ zusammen: der brausende Kessel.
Bei Snorri liegt Hvergelmir mitten in Niflheim, und zwar schon vor der Erschaffung der Welt. In Gylfaginning 4 heißt es, in Niflheim sei ein Brunnen namens Hvergelmir, aus dem die Flüsse Svöl, Gunnthra, Fjörm, Fimbulthul, Slid, Hrid, Sylg, Ylg, Vid, Leiptr und Gjöll strömen; die Gjöll fließt nahe am Tor zur Totenwelt. Diese Ströme heißen zusammen Élivágar, „Sturm-“ oder „Eiswogen“. Ihr Gift erstarrte in Ginnungagap zu Eis, und wo Reif und warme Luft aus dem Süden aufeinandertrafen, entstand der Urriese Ymir. Hvergelmir ist bei Snorri also der Ursprungsort aller Wasser und indirekt der Ausgangspunkt der Schöpfung. In Hvergelmir leben neben Nidhögg zahllose Schlangen (Kap. 16).
Die Lieder-Edda nennt Hvergelmir genau einmal, in Grímnismál 26 – und dort an einem ganz anderen Ort:
Eikthyrnir heißt der Hirsch, der auf der Halle des Heervaters steht
und an Lærads Zweigen zehrt;
von seinem Geweih tropft es nach Hvergelmir,
von dort nehmen alle Wasser ihren Weg.Grímnismál 26, eigene Übertragung
Der Hirsch Eikthyrnir („Eichendorn“, wohl nach dem verästelten Geweih) steht auf dem Dach von Walhall. Das Wasser läuft also von oben, vom Götterbaum über das Geweih, hinab in den Kessel – und von dort in die Welt. Die Strophen 27 und 28 zählen dann einen ganzen Katalog von Flüssen auf, fast vierzig Namen. Einige fließen bei den Göttern, andere bei den Menschen, und am Ende „fallen sie zu Hel hinab“. Mitten in der Liste steht eine Überraschung für uns im Rheinland: Rín, derselbe Name, den die Heldenlieder für den Rhein verwenden. Ob der Dichter den echten Rhein meinte, ist offen; Henry Adams Bellows hielt es für Zufall.
Aus Lied und Snorri zusammen ergibt sich ein Kreislauf: Laub nährt den Hirsch, vom Geweih tropft Wasser in den Kessel, von dort strömen die Flüsse durch die Welten und fallen zurück in die Tiefe. Ob die Dichter das so systematisch dachten, wissen wir nicht – für Menschen, die von Wetter und Wasser lebten, lag es nahe.
Jetzt zum Knackpunkt, den viele Darstellungen übergehen. Grímnismál 31 nennt ebenfalls drei Wurzeln, aber anders verteilt:
Drei Wurzeln stehen nach drei Seiten
unter der Esche Yggdrasil:
Hel wohnt unter der einen, unter der zweiten Reifriesen,
unter der dritten Menschen.Grímnismál 31, eigene Übertragung
Bei den Reifriesen stimmen Lied und Snorri überein. Sonst nicht: Das Lied kennt eine Wurzel bei den Toten und eine bei den Menschen, Snorri dagegen eine bei Niflheim und eine bei den Asen „im Himmel“. Von Brunnen ist in der Strophe gar keine Rede. Die Zuordnung „ein Brunnen pro Wurzel“ ist also Snorris eigene Konstruktion.
Weitere Reibungen kommen hinzu:
Das ist kein Grund, Snorri zu verachten: Er zitiert seine Vorlagen oft so genau, dass wir sie gegen ihn lesen können. Für die drei Brunnen heißt das: Die Einzelbilder sind alt, das System ist gelehrte Ordnung des 13. Jahrhunderts.
Von hier an verlassen wir den Boden der Quellen und betreten den der Deutung. Die verbreitetste Lesart ist so eingängig, dass sie fast selbstverständlich wirkt: Der Urdbrunnen steht für das Schicksal und das Recht, Mimirs Brunnen für Weisheit und Erinnerung, Hvergelmir für den Ursprung und zugleich das Ende, aus dem alle Wasser kommen und in das sie zurückfallen. Diese Dreiteilung ist eine moderne Interpretation, aber eine gut begründete: Sie folgt den Namen und den Handlungen, die die Quellen mit jedem Brunnen verbinden.
Eine zweite These geht weiter: Ursprünglich habe es vielleicht nur eine heilige Quelle am Weltenbaum gegeben. Dafür spricht, dass sich die Funktionen überschneiden – am Urdbrunnen wird auch Wissen verkündet (Hávamál 111), Mimirs Brunnen liegt ebenfalls „unter dem heiligen Baum“, und Adam von Bremen sah in Uppsala einen Baum an einer Quelle. Dagegen sprechen die ganz verschiedenen Namen und Erzählungen. Anregend, aber nicht beweisbar.
Und noch etwas fällt auf: Am Brunnen gibt Odin sein Auge, am Stamm darüber hängt er nach Hávamál 138 neun Nächte, sich selbst geopfert, um die Runen zu gewinnen. Wissen gibt es hier nur gegen Verlust – unsere Lesart, aber nah an den Strophen.
Sind die drei Brunnen reine Dichtung? Nicht ganz. Dass Quellen und Brunnen im germanischen und nordischen Raum heilige Orte waren, belegen Funde und – meist christliche – Schriftquellen. Einen größeren Überblick bietet unser Beitrag zu heiligen Quellen und dem Brunnenkult des Nordens; hier die wichtigsten Stationen.
Bad Pyrmont, Brodelbrunnen. 1863 wurden die Mineralquellen von Pyrmont im heutigen Niedersachsen neu gefasst. In rund vier Metern Tiefe stieß man auf ältere Quellfassungen und im Schlamm des sogenannten Brodelbrunnens auf einen der bedeutendsten Quellfunde Mitteleuropas: rund 250 bis 300 Fibeln, also Gewandspangen, je nach Zählung, dazu römische Münzen und eine emaillierte Schöpfkelle. Die meisten Fibeln stammen aus germanischen Werkstätten, ein kleinerer Teil aus den römischen Provinzen; sie verteilen sich über mehrere Jahrhunderte der Kaiserzeit. Die Funde wurden nach der Bergung weit verstreut; erst Wolf-Rüdiger Teegen hat sie 1999 umfassend aufgearbeitet und als Quellopfer gedeutet. Welcher Gottheit hier geopfert wurde, sagt kein Fundstück. Belegt ist: Über Generationen gaben Menschen Wertvolles in eine sprudelnde Quelle.
Trelleborg auf Seeland. Unter und neben der berühmten Ringburg, die Harald Blauzahn um 980/981 errichten ließ, lagen ältere brunnenartige Gruben. Das Dänische Nationalmuseum spricht von fünf rund drei Meter tiefen Brunnen mit Tier- und Menschenknochen, Schmuck und Werkzeugen. Eine Studie im Danish Journal of Archaeology (2014) untersuchte drei davon genauer: In zwei Brunnen lagen die Skelette von vier Kindern, nach den Isotopenwerten Einheimische, dazu ein junger Ziegenbock, Teile eines Pferdes, einer Kuh und ein großer Hund. Die Forscher deuten das als Opfer für Fruchtbarkeit und Wohlergehen. Mit Mimir hat das nichts direkt zu tun – aber es zeigt, wie ernst Brunnen genommen wurden.
Uppsala. Der Bremer Domherr Adam von Bremen beschreibt um 1075 den Tempel von Uppsala. In einer Randnotiz (Scholion 138 der Ausgabe Schmeidler) heißt es: Nahe dem Tempel stehe ein gewaltiger Baum mit weit ausgebreiteten Ästen, immergrün im Winter wie im Sommer, von unbekannter Art. Dort sei auch eine Quelle, an der die Heiden zu opfern pflegten und einen lebenden Menschen versenkten; werde er nicht wiedergefunden, gehe der Wunsch des Volkes in Erfüllung. Adam war selbst nie in Uppsala und schrieb nach Berichten. Trotzdem ist die Parallele zu Völuspá 19 auffällig: ein immergrüner Baum über einer heiligen Quelle.
Weitere Zeugnisse. Alkuin erzählt in seiner Lebensbeschreibung des Missionars Willibrord (Kap. 10) von einer Insel des Gottes Fosite zwischen Friesen und Dänen, wo man aus der Quelle nur schweigend schöpfen durfte; Willibrord taufte darin zur Empörung der Einheimischen drei Menschen. Und das Indiculus superstitionum, eine fränkische Liste heidnischer Bräuche aus dem 8. Jahrhundert, führt einen eigenen Punkt De fontibus sacrificiorum, „von Opfern an Quellen“. Niemand listet auf, was keiner tut.
Für uns in der Werkstatt in Alsdorf sind die drei Brunnen ein Motiv mit Tiefe. Auf dunklem Schiefer wirkt das klassische Bild am stärksten: oben die Esche, unten drei Wurzeln, unter jeder ein runder Brunnen. Gravierter Schiefer wird hell – helle Linien auf Schwarz, wie Snorris Wasser, das alles weiß macht.
Wer es quellennäher mag, lässt die Brunnen beschriften – Urðarbrunnr, Mímisbrunnr, Hvergelmir – in Runen oder lateinischer Schrift. Auf Glas leuchtet Mimirs Brunnen im Kerzenschein. Und für eine Familie passt der Urdbrunnen mit den Namen der Kinder an den Wurzeln: als Bild für Herkunft, nicht als Orakel. Solche Entwürfe setzen wir gern als Wunschgravur um.

Wie heißen die drei Brunnen unter Yggdrasil? Urðarbrunnr (Urdbrunnen), Mímisbrunnr (Mimirs Brunnen) und Hvergelmir. In dieser Dreierordnung beschreibt sie nur Snorri Sturluson in der Gylfaginning, Kapitel 15–16.
Was ist der Urdbrunnen? Der heiligste Brunnen unter dem Weltenbaum. Dort halten die Götter täglich Gericht, und die Nornen begießen die Esche mit Wasser und weißem Lehm, damit sie nicht verdorrt.
Warum gab Odin sein Auge in Mimirs Brunnen? Nach Snorri für einen Trunk aus dem Brunnen, in dem Weisheit und Verstand verborgen sind. Die Völuspá nennt nur das Pfand, nicht den Grund.
Wo liegt Hvergelmir? Bei Snorri in Niflheim unter der dritten Wurzel, wo Nidhögg nagt. Im Lied Grímnismál 26 wird Hvergelmir vom Geweih des Hirsches Eikthyrnir auf Walhalls Dach gespeist, und alle Flüsse entspringen dort.
Gab es echte heilige Brunnen bei Germanen und Wikingern? Ja. Der Quellfund aus dem Brodelbrunnen von Bad Pyrmont, die Opferbrunnen von Trelleborg und Adams Bericht über Uppsala belegen Brunnenopfer – einem der drei mythischen Brunnen lässt sich aber keiner zuordnen.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Yggdrasil – der Weltenbaum · Die Nornen · Odins Auge am Mimirbrunnen · Niflheim · Die neun Welten · Die Walküren.
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