Die Einherjer (altnordisch einherjar) sind in der nordischen Mythologie die im Kampf gefallenen Krieger, die von den Walküren erwählt in Odins Halle Walhall leben. Dort kämpfen sie jeden Tag gegeneinander, essen abends vom Eber Sæhrímnir, trinken den Met der Ziege Heiðrún – und warten auf Ragnarök, die Schlacht gegen den Wolf, die sie nicht gewinnen werden. Was davon alt ist und was Snorri im 13. Jahrhundert ergänzt hat, zeigen wir hier.
Stell dir eine Halle vor, deren Dach aus Schilden besteht und deren Sparren Speerschäfte sind. Auf den Bänken liegen Kettenhemden. Vor der Westtür hängt ein Wolf, über ihr kreist ein Adler. Drinnen sitzen Männer, die heute Morgen noch aufeinander eingeschlagen haben, jetzt versöhnt beim Met. Morgen geht es wieder hinaus. Und übermorgen. Bis zum Ende der Welt.
Das seltsamste Jenseitsbild der nordischen Überlieferung: kein Ruhen, sondern Dienst über den Tod hinaus. Wir schauen uns an, was in den Liedern der Edda und in den Gedichten der Skalden wirklich steht, wo Snorri Sturluson ordnend nachgeholfen hat, was die Bildsteine Gotlands zeigen – und wo die beliebte Formel „Wer im Kampf fällt, kommt nach Walhall“ zu kurz greift.
Altnordisch heißt es einherjar, in der Einzahl einheri. Der zweite Bestandteil ist klar: herr, „Heer, Kriegsschar“. Über den ersten Teil, ein-, wird gestritten. Drei Lesarten stehen nebeneinander: „die allein Kämpfenden“ (die verbreitetste, oft mit Fragezeichen), „die zu einem einzigen Heer Gehörenden“ und „die herausragenden Krieger“, mit ein- als Verstärkung. Guðbrandur Vigfússon stellte 1874 außerdem den Männernamen Einarr und das Adjektiv einarðr („standhaft, kühn“) daneben. Rudolf Simek führt in seinem Lexikon der germanischen Mythologie mehrere Deutungen auf, ohne sich festzulegen, und auch Heinrich Becks Artikel im Reallexikon der Germanischen Altertumskunde lässt die Frage offen. Wer dir die eine „richtige“ Übersetzung verkauft, verkauft dir zu viel.
Zum Umfeld passt jede Lesart. Odin trägt in der Edda Namen wie Herjaföðr („Vater der Heere“) und Valföðr („Vater der Gefallenen“). Ein Gott mit solchen Beinamen braucht Truppen. Die Einherjer sind diese Truppen.
Die meisten alten Angaben über die Einherjer stehen in einem einzigen Lied, dem Grímnismál („Das Lied von Grímnir“). Es gehört zur Lieder-Edda, einer Sammlung von Götter- und Heldenliedern, die in einer isländischen Handschrift um 1270 erhalten ist, dem Codex Regius. Die Lieder selbst sind älter, wie viel älter, lässt sich für jedes Gedicht nur schätzen.
Die Rahmenhandlung ist hart: König Geirröðr lässt einen Gast acht Nächte lang zwischen zwei Feuern sitzen. Der Gast ist Odin, und er antwortet mit einer Flut von Götterwissen.
Mitten in dieser Aufzählung steht Walhall. Strophe 8 nennt Glaðsheimr, „die Freudenwelt“, als Ort, an dem Walhall golden und weit aufragt; dort wählt Hroptr – ein Odinsname – jeden Tag die vápndauða vera, die „waffentoten Männer“. Strophe 9 beschreibt das Gebäude: Speerschäfte als Sparren, Schilde als Dach, Brünnen auf den Bänken. Strophe 10 setzt den Wolf vor die Westtür und den Adler darüber. Und dann kommt die berühmteste Stelle:
Fimm hundruð dura ok umb fjórum tøgum, svá hygg ek at Valhǫllu vera; átta hundruð einherja ganga ór einum durum, þá er þeir fara við vitni at vega.
Fünfhundert Türen und vier mal zehn, so mein ich, hat Walhall; achthundert Einherjer gehen aus einer Tür, wenn sie ziehen, mit dem Wolf zu kämpfen.Grímnismál 23, altnordischer Text und eigene Übertragung
Rechnet man schlicht, ergibt das 540 mal 800, also 432.000 Krieger. Rechnet man mit dem altnordischen Großhundert – im Norden meinte hundrað oft 120, nicht 100 –, sieht es anders aus: Aus „fünfhundert und vierzig“ werden 640 Türen, aus „achthundert“ werden 960 Mann. Macht 614.400. Welche Zählung der Dichter meinte, wissen wir nicht.
Wichtiger als das Ergebnis ist die Absicht. Die Strophe zählt nicht, sie staunt. Sie sagt: unvorstellbar viele. Und sie sagt, wofür – við vitni at vega, „mit dem Wolf zu kämpfen“. Vitnir ist ein poetisches Wort für den Wolf, gemeint ist Fenrir. Schon in diesem Lied, das sich mit dem Weltende sonst kaum beschäftigt, steht also der Zweck des ganzen Heeres. Eine kleine Pointe am Rand: Die unmittelbar folgende Strophe 24 gibt Thors Halle Bilskírnir dieselbe Zahl – 540 Räume. Fünfhundertvierzig war für diesen Dichter offenbar die Zahl für „gewaltig groß“.
Ein Heer dieser Größe muss essen. Die Edda löst das mit Tieren, die nie ausgehen.
Das Fleisch. Grímnismál 18 nennt den Koch Andhrímnir, der im Kessel Eldhrímnir das Tier Sæhrímnir siedet, „das beste Fleisch“. Drei Namen auf derselben Wurzel hrím, „Reif, Ruß“ – der Rußgesichtige, der Rußige im Feuer, der Ruß-am-Meer? Das Wortspiel ist offensichtlich, die genaue Bedeutung von Sæhrímnir ist es nicht. Die Strophe schließt trocken: Nur wenige wüssten, wovon die Einherjer sich nähren. Dass Sæhrímnir ein Eber ist, der jeden Tag geschlachtet und gekocht wird und abends wieder heil dasteht, ergänzt erst Snorri in der Gylfaginning. Im Lied steht kein Wort von der Auferstehung des Schweins.
Der Met. Die Ziege Heiðrún steht nach Grímnismál 25 auf der Halle des Heervaters und frisst vom Laub des Baumes Læraðr. Sie füllt ein Gefäß mit klarem Met, und dieser Trank geht nie zur Neige. Snorri präzisiert, der Met rinne aus ihren Zitzen, jeden Tag so viel, dass alle Einherjer satt werden. Hier lohnt die Genauigkeit: In beiden Quellen ist es Met. Die verbreitete Erklärung „aus ihrer Milch wird Met gebraut“ ist eine moderne Glättung.
Das Wasser. Neben ihr steht der Hirsch Eikþyrnir, „Eichendorn“, und frisst ebenfalls von Læraðr. Aus seinem Geweih tropft es in den Brunnen Hvergelmir, aus dem alle Flüsse der Welt kommen (Grímnismál 26).
Der Gastgeber. Und Odin? Er isst nichts. Sein Fleisch bekommen die Wölfe Geri und Freki, er selbst lebt allein vom Wein (Grímnismál 19). Den Met schenken laut Strophe 36 die Walküren aus.
Den Tagesablauf beschreibt das Vafþrúðnismál, ein Wissenswettstreit zwischen Odin und dem Riesen Vafþrúðnir. In Strophe 41 heißt es:
Allir einherjar Óðins túnum í hǫggvask hverjan dag; val þeir kjósa ok ríða vígi frá, sitja meirr um sáttir saman.
Alle Einherjer hauen sich in Odins Gehegen Tag für Tag; sie wählen die Gefallenen und reiten vom Kampf heim und sitzen dann versöhnt beisammen.Vafþrúðnismál 41, altnordischer Text und eigene Übertragung
Das sáttir, „versöhnt“, ist die eigentliche Pointe. Die Männer, die sich morgens erschlagen haben, teilen abends den Tisch. Bemerkenswert ist auch die Wendung val þeir kjósa, „sie wählen die Gefallenen“: Dieselbe Formel steckt im Wort valkyrja, „Wählerin der Gefallenen“.
Dass jede Wunde heilt und jeder Gefallene wieder aufsteht, sagt das Lied so ausdrücklich nicht. Das ist Snorris Ausformulierung, und sie folgt ziemlich genau der Reihenfolge seiner Vorlagen. In der Gylfaginning, Snorris Lehrbuch der Mythologie um 1220, lässt er den Schwedenkönig Gylfi in mehreren aufeinanderfolgenden Kapiteln (in der verbreiteten Zählung Kap. 38–41) nach Walhall fragen: Wie viele Männer sind dort? Wovon leben sie? Was trinken sie? Wie groß ist die Halle? Was tun sie den ganzen Tag? Jeden Tag, so Snorri, legen die Einherjer ihre Rüstung an, gehen hinaus auf den Hof, kämpfen und fällen einander; zur Essenszeit reiten sie heim nach Walhall und setzen sich zum Trinken.
Eine Bemerkung verrät Snorris Weltbild: Auf die Frage, ob die Einherjer etwa Wasser trinken, antwortet er spöttisch, Odin werde kaum Könige und Jarle einladen, um ihnen Wasser vorzusetzen. Walhall ist bei ihm eine Fürstenhalle – und das Gelage nur der Feierabend nach dem täglichen Übungskampf, kein ewiges Paradies.
Wer wissen will, ob die Einherjer erst eine Erfindung gelehrter Christen des 13. Jahrhunderts sind, muss zu zwei Gedichten aus dem 10. Jahrhundert greifen. Sie sind keine Götterlieder, sondern Gedenkgedichte auf verstorbene Könige, verfasst von Skalden, also Berufsdichtern an Fürstenhöfen, deren streng gebaute Verse vergleichsweise gut datierbar sind.
Das Eiríksmál entstand nach dem Tod von Erik Blutaxt, der 954 in England fiel; nach der Überlieferung ließ es seine Witwe Gunnhild dichten. Erhalten ist es nur als Bruchstück in der Königsgeschichte Fagrskinna. Odin erwacht darin aus einem Traum: Er habe Walhall für gefallene Männer bereitet und die Einherjer geweckt. Bragi, der Dichtergott, hört ein Dröhnen – Erik kommt, mit fünf Königen im Gefolge, und die Helden Sigmund und Sinfjǫtli sollen ihn empfangen.
Dann folgt der entscheidende Wortwechsel. Sigmund fragt Odin, warum er Erik den Sieg genommen habe, obwohl er ihn für so tapfer halte. Odins Antwort, sinngemäß: Weil man nicht wissen kann, wann der graue Wolf über die Wohnstätten der Götter herfällt. Odin lässt seine besten Männer also bewusst sterben, weil er sie für das Ende braucht: keine Belohnung, sondern Rekrutierung – rund 250 Jahre vor Snorri.
Das Hákonarmál dichtete der Skalde Eyvindr skáldaspillir auf König Hákon den Guten, der um 961 nach der Schlacht bei Fitjar starb. Snorri überliefert es am Ende seiner Hákonar saga in der Heimskringla. Odin schickt die Walküren Gǫndul und Skǫgul aus, um unter den Königen zu wählen, wer nach Walhall kommen soll. Hákon, der in England christlich erzogen worden war, betritt die Halle misstrauisch und will seine Waffen behalten, weil er Odins Feindschaft fürchtet. Der Dichtergott Bragi sagt ihm den Frieden aller Einherjer zu. Das Gedicht endet mit einer Klage, sinngemäß: Eher kommt der Fenriswolf los, als dass ein so guter König wieder den Thron besteigt.
Zwei Dinge sind daran wichtig. Erstens: Walhall, Walküren, Einherjer und der Wolf am Ende stehen schon im 10. Jahrhundert fest beieinander. Zweitens: Diese Gedichte sind Herrscherlob. Sie setzen Könige nach Walhall, nicht jeden Mann mit Axt. Auch das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man fragt, wer in diese Halle kam.
Die Einherjer kommen nicht von allein. Sie werden geholt. Schon das Wort valkyrja sagt es: valr, „die Gefallenen“, und kjósa, „wählen“. Die Walküren entscheiden, wer fällt, und geleiten die Erwählten in die Halle; bei Snorri schickt Odin sie in jede Schlacht. Dasselbe valr steckt in Walhall (Valhǫll, „Halle der Gefallenen“) und in Valgrind, dem Gitter vor der Halle. Snorri nennt die Einherjer Odins óskasynir, seine „Wunschsöhne“ – das klingt nach Familie, meint aber Gefolgschaft.
Hier räumen wir mit einem populären Missverständnis auf. Nicht alle Gefallenen gehören Odin. Grímnismál 14 sagt klar: Freyja herrscht in Fólkvangr, dem „Volksfeld“ oder „Heerfeld“, sie verteilt dort die Sitze, und sie wählt jeden Tag die Hälfte der Gefallenen; die andere Hälfte gehört Odin. Snorri übernimmt das und nennt ihre Halle Sessrúmnir.
Was diese Halbierung bedeutet, ist offen. Die Quellen schweigen dazu. Die Stelle steht ziemlich allein, und die Forschung deutet sie seit gut hundert Jahren unterschiedlich – als Hinweis auf eine ältere Kriegsrolle Freyjas, auf eine Konkurrenz von Kulten oder schlicht als poetische Ehrung der Göttin. Gesichert ist nur: Die Vorstellung „alle tapferen Gefallenen sitzen bei Odin“ widerspricht schon dem Lied, aus dem wir überhaupt erst von Walhall wissen.
Die bekannte Faustregel lautet: Waffentod führt nach Walhall, Strohtod – also Tod im Bett, an Krankheit oder Alter – nach Hel. Sie stammt im Kern von Snorri. In der Gylfaginning heißt es, zu Hel kämen die sóttdauðir menn ok ellidauðir, die an Krankheit und Alter Gestorbenen. Das Grímnismál spricht von den „waffentoten Männern“, die Odin wählt. So weit, so klar.
Dann aber wird es interessant. In der Ynglinga saga, dem ersten Teil der Heimskringla, erzählt Snorri Odin als zauberkundigen König der Vorzeit, der in Schweden an einer Krankheit stirbt. Kurz vor dem Tod lässt er sich mit einer Speerspitze ritzen – lét marka sik geirsoddi – und erklärt alle Waffentoten zu den Seinen (Kap. 9, in manchen Ausgaben Kap. 10). Wenig später tut sein Nachfolger Njǫrðr dasselbe. Der Waffentod wird hier symbolisch nachgeholt.
Dass es ein solches Ritual in der Wikingerzeit tatsächlich gab, ist nicht belegt. Wir haben nur Snorris Erzählung, geschrieben um 1230 von einem christlichen Gelehrten. Für die Frage nach Walhall ist die Stelle trotzdem aufschlussreich: Sie zeigt, dass selbst Snorri die Grenze zwischen Kampftod und anderem Tod als durchlässig dachte. In derselben Saga lässt er Odin außerdem verkünden, jeder werde mit dem nach Walhall kommen, was mit ihm verbrannt oder vergraben wurde – eine Erklärung für reiche Grabbeigaben, wie sie die Bestattungen der Wikingerzeit tatsächlich zeigen.
Hel ist in der Popkultur oft die Hölle der Feiglinge. In den Quellen ist sie das nicht. Hel ist zugleich Name einer Göttin, Tochter Lokis, und ihres Reiches Helheim, des allgemeinen Totenreichs, das man nicht verdient, sondern einfach betritt. Das Wort ist verwandt mit „hehlen“, „verbergen“: Hel ist der verborgene Ort. Snorri malt es düster aus; in den älteren Baldrs draumar dagegen steht dort Met für den erwarteten Baldr bereit.
Gerade Baldr passt nicht in Snorris Schema: Er stirbt durch eine Waffe, den Mistelzweig, und landet trotzdem bei Hel. Wer auf See blieb, kam nach Vorstellung der Sagas zur Meeresgöttin Rán; die Eyrbyggja saga berichtet von dem Glauben, Ertrunkene seien bei Rán gut aufgenommen, wenn sie bei ihrem eigenen Totenmahl erschienen. In mehreren Isländersagas stirbt man in einen heiligen Berg hinein, zu den Verwandten.
Dass die Grenzen fließen, zeigt die Helgakviða Hundingsbana II besonders schön. Der Held Helgi fällt und kommt nach Walhall, wo Odin ihm nach der Prosa des Liedes anbietet, alles mit ihm zu teilen. Aber eines Abends reitet er mit Gefolge zurück zu seinem Grabhügel, und seine Frau Sigrún verbringt dort eine Nacht mit dem Toten, bevor er im Morgengrauen wieder fort muss. Walhall und Grabhügel sind in diesem Lied keine Gegensätze, sondern zwei Orte desselben Toten.
Walhall ist also kein Himmel zu Hels Hölle, sondern eine Sonderhalle für eine Kriegerelite neben einem allgemeinen Totenreich. Mehr dazu in Walhall oder Helheim?.
Gibt es Spuren der Einherjer jenseits der Texte? Am häufigsten genannt werden die Bildsteine Gotlands: hohe Kalksteinplatten mit eingemeißelten, ursprünglich bemalten Szenen, die auf der Ostseeinsel vom 5. bis ins 11. Jahrhundert aufgestellt wurden. Auf Steinen des 8. bis 9. Jahrhunderts kehrt ein Motiv wieder: ein Reiter, empfangen von einer Frau, die ihm ein Trinkhorn reicht.
Auf dem Stein von Tjängvide I (Kirchspiel Alskog, heute im Historischen Museum Stockholm) hat das Pferd des Reiters acht Beine. Ähnliches zeigt Ardre VIII, dessen Bildfeld noch eine ganze Reihe weiterer Szenen trägt. Die verbreitete Deutung: Odin auf Sleipnir oder ein toter Krieger, der von einer Walküre am Tor von Walhall begrüßt wird. Darunter oder daneben sind oft Kampfszenen und Schiffe zu sehen.
Dazu kommt die vergoldete Silberfigur von Hårby auf Fünen, 2012 entdeckt, gut drei Zentimeter hoch, mit Schwert und Schild – meist als Walküre angesprochen. Nur: Keiner dieser Gegenstände trägt eine Beschriftung. Kein Stein sagt „Einherjer“. Die Zuordnung beruht darauf, dass wir die Jahrhunderte jüngeren Handschriften über die Bilder legen. Das achtbeinige Pferd ist kein Zufall – sicher belegt ist die Deutung trotzdem nicht. Die Frau mit dem Horn kann auch eine Hausherrin sein, die einen Gast empfängt.
Das Ende ist der Grund für alles. Im Vafþrúðnismál (Str. 18) erfahren wir, wo die letzte Schlacht stattfindet: auf dem Feld Vígríðr, das hundert Rasten (Tagesmärsche) in jede Richtung misst. Snorri beschreibt in der Gylfaginning, wie zu Beginn von Ragnarök Heimdall ins Gjallarhorn bläst, die Asen und alle Einherjer sich rüsten und hinaus aufs Feld ziehen; Odin reitet voran, mit goldenem Helm und seinem Speer Gungnir, gegen den Fenriswolf.
Was dann mit den Einherjern geschieht, erzählt keine Quelle. Sie ziehen aus, und dann richtet sich der Blick auf die Zweikämpfe der Götter: Odin gegen Fenrir, Thor gegen die Midgardschlange, Freyr gegen Surtr. Von den Hunderttausenden aus Walhall ist keine Rede mehr. Die Vǫluspá, das große Weltuntergangslied, nennt sie gar nicht.
Das Bild hat eine bittere Logik, und man muss sie nicht wegerklären. Odin weiß – so stellt es die Überlieferung dar –, dass er verlieren wird. Er sammelt trotzdem. Die Ragnarök-Erzählung ist keine Geschichte vom Sieg, sondern davon, wie man einer Niederlage begegnet. Bemerkenswert ist eine Parallele: Snorri erzählt in der Skáldskaparmál vom ewigen Kampf der Hjaðningar, deren Gefallene jede Nacht von Hildr wieder erweckt werden und weiterkämpfen bis zum Weltende. Die Vorstellung vom endlosen Kampf der Toten war also nicht auf Walhall beschränkt.
Immer wieder wird eine Stelle aus der Germania des römischen Historikers Tacitus (Kap. 43, um 98 n. Chr.) hierher gezogen: die Harier, lateinisch Harii, die ihre Schilde schwärzten, die Körper färbten und finstere Nächte für den Angriff wählten. Tacitus nennt sie ein Schattenheer, ein exercitus feralis, bei dessen Anblick kein Gegner standhalte.
Der Name gehört wohl zur Wurzel von herr. Die Forschung des frühen 20. Jahrhunderts zog daraus eine Linie über kultische Kriegerbünde bis zu den Einherjern und zur Wilden Jagd. Lindow und Simek referieren das, betonen aber die Unsicherheit: Zwischen Tacitus und der Edda liegen über tausend Jahre. Ebenso wenig sind die Berserker mit den Einherjern gleichzusetzen – jene sind lebende Kämpfer, diese Tote.
Walhall ist kein Ruhestand. Es ist ein Lager, in dem für einen Kampf geübt wird, dessen Ausgang feststeht. Die Götter verlieren. Die Einherjer reiten trotzdem mit. Darin steckt, was viele nordische Texte tragen: Man kämpft nicht, weil man gewinnt. Man kämpft, weil es recht ist – und weil jemand auf einen zählt.
Vielleicht fragen deshalb Kunden bei uns in Alsdorf nach Walhall-Motiven, wenn sie an einen Menschen erinnern wollen, der gekämpft hat. Die Skalden, die Könige mit Worten nach Walhall setzten, hätten das verstanden.

Was bedeutet Einherjer? Das altnordische einherjar setzt sich aus ein- und herr („Heer“) zusammen. Gedeutet wird es meist als „die allein Kämpfenden“ oder „die zu einem Heer Gehörenden“; die genaue Bedeutung ist nicht gesichert.
Wie viele Einherjer gibt es in Walhall? Nach Grímnismál 23 gehen aus jeder der 540 Türen 800 Krieger – also 432.000. Mit dem altnordischen Großhundert (120) gerechnet wären es 614.400.
Was essen und trinken die Einherjer? Fleisch vom Tier Sæhrímnir, das der Koch Andhrímnir im Kessel Eldhrímnir kocht, und Met von der Ziege Heiðrún.
Kommt jeder gefallene Krieger nach Walhall? Nein. Schon das Grímnismál gibt Freyja die Hälfte der Gefallenen für ihre Halle Fólkvangr. Daneben kennt die Überlieferung Hel, Rán und den Grabhügel.
Was ist der Unterschied zwischen Walhall und Hel? Walhall ist Odins Halle für eine erwählte Kriegerelite, die sich auf Ragnarök vorbereitet. Hel ist das allgemeine Totenreich, in das nach Snorri die an Krankheit und Alter Gestorbenen kommen – keine Strafhölle.
Was passiert mit den Einherjern bei Ragnarök? Sie ziehen mit Odin auf das Feld Vígríðr gegen die Mächte des Chaos. Ihr Schicksal in der Schlacht beschreibt keine Quelle.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Walhall – Die Walküren – Odin – Ragnarök – Helheim – Sæhrímnir.
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