Auf dem Dach der Totenhalle steht eine Ziege, und aus ihrem Euter fließt kein Milchtropfen, sondern klarer Met. Daneben senkt ein Hirsch das Geweih, von dem so viel Feuchtigkeit rinnt, dass daraus alle Flüsse der Welt entspringen. Heidrun und Eikthyrnir sind zwei der stillsten und zugleich großartigsten Bilder der nordischen Überlieferung. Sie erzählen von einer Fülle, die niemals endet, und von einem einzigen Baum, der die Halle der Gefallenen mit dem Wasserkreislauf der ganzen Welt verbindet.
Wer sich Walhall vorstellt, denkt zuerst an die Halle selbst: an das Dach aus Schilden, an die Speere als Sparren, an die vielen Türen, durch die die Einherjar zur letzten Schlacht ausziehen. Doch die Lieder-Edda richtet den Blick auch nach oben, auf das Dach, und dort stehen zwei Geschöpfe, die man leicht übersieht. Es sind kein Schmuck und keine Laune der Dichter, sondern zwei sorgfältig gesetzte Bilder: die Geiß Heidrun und der Hirsch Eikthyrnir. Beide nähren sich vom Laub desselben Baumes, den die Quelle Laeradr nennt, und beide verwandeln dieses Laub in etwas, das weit über die Halle hinausreicht.
Der Baum Laeradr wächst der Überlieferung nach über oder an der Halle empor, so nah, dass die Tiere auf dem Dach seine Zweige erreichen. Von seinem Laub leben sie, und aus dem, was sie fressen, entsteht auf der einen Seite der Trank der Toten und auf der anderen das Wasser der Welt. Es ist ein Bild von großer Ruhe: kein Kampf, kein Donner, nur zwei weidende Tiere und ein Baum, aus dem beständig Fülle quillt.
Heidrun ist die berühmtere der beiden. Sie steht auf dem Dach der Halle Heervaters, also Odins, und benagt die Zweige des Baumes. Doch statt gewöhnlicher Ziegenmilch gibt sie aus ihrem Euter klaren Met. Tag für Tag füllt sie damit eine Kufe, und diese Kufe ist so groß, dass alle Einherjar sich daraus betrinken können. Man muss sich die Zahl dieser gefallenen Krieger vor Augen halten, um die Wucht des Bildes zu spüren: Es sind unzählige, in jeder Nacht am Festmahl versammelt, und dennoch geht der Met niemals aus. Was Heidrun gibt, versiegt nicht.
Darin liegt der eigentliche Zauber. In einer Welt, in der Vorräte knapp waren, in der ein guter Winter über Leben und Tod entschied, ist die Vorstellung eines Getränks, das sich von selbst erneuert, ein Traum von paradiesischer Fülle. Heidrun ist die Speisekammer, die sich nie leert, die gastfreundliche Halle in Tiergestalt. Der Met, kostbarster Trank der Wikingerzeit, fließt hier nicht aus einem Fass, das man mühsam gebraut hat, sondern unmittelbar aus dem Leben des Baumes selbst.
„Heidrun heißt die Geiß, die an Heervaters Halle steht und Lärads Laub benagt; die Kufe füllt sie mit klarem Met: nicht versiegt das selige Naß." Grímnismál 25, Übers. Karl Simrock (gemeinfrei)
Man darf hier ruhig schmunzeln: Der ehrwürdigste Ort der nordischen Jenseitsvorstellung, die Halle der ruhmreichen Toten, hängt in seiner Versorgung an einer Ziege. Doch das Augenzwinkern nimmt dem Bild nichts von seiner Würde. Es zeigt, wie geerdet das nordische Denken war. Selbst das Paradies der Krieger braucht ein Tier, das Nahrung gibt, nur eben eines, das die Grenzen des Möglichen sprengt. Wer je nach einem langen Tag den ersten Schluck genoss, versteht, warum die Fülle des Mets zum Sinnbild des seligen Lebens wurde.
Neben Heidrun steht der Hirsch Eikthyrnir, dessen Name „Eichdorn" bedeutet, ein Anklang an das dornige, geweihartige Geäst. Auch er nagt am Laub des Baumes Laeradr, doch was von ihm ausgeht, nimmt einen noch weiteren Weg. Von seinem Geweih tropft unablässig Feuchtigkeit herab, so viel, dass sie sich sammelt und in den Brunnen Hvergelmir fällt. Dieser Brunnen liegt tief unten, unter einer der Wurzeln des Weltenbaums, im kalten Niflheim, dem Reich des Nebels und der Urkälte.
Aus Hvergelmir aber entspringen alle Flüsse der Welt. Das Wasser, das oben vom Geweih des Hirschen fällt, wird unten zur Quelle jedes Stroms, der über die Erde zieht. Damit spannt sich ein gewaltiger Bogen: vom höchsten Punkt der Totenhalle bis in die tiefste Wurzelkammer, vom Dach über den Kriegern bis zu den Bächen und Strömen, an denen die Lebenden ihre Höfe bauen. Ein einziger Baum speist beides.
Hier liegt der Kern, weshalb Heidrun und Eikthyrnir zusammengehören und nicht getrennt erzählt werden sollten. Beide leben vom selben Laub, und beide geben es in verwandelter Gestalt zurück: die eine als Met für die Gefallenen, der andere als Wasser für die ganze Welt. Es ist dasselbe Prinzip, zweimal ausgesprochen. Aus einer einzigen Quelle strömt genug für alle, und diese Quelle erschöpft sich nicht.
So verbindet dieses Bild die Totenhalle mit dem kosmischen Wasserkreislauf. Der Met der Krieger und die Ströme der Erde kommen aus demselben Ursprung. Wer in Walhall trinkt, und wer am Fluss unten schöpft, trinkt letztlich aus derselben Fülle. Diese Vorstellung eines gemeinsamen, unerschöpflichen Quells ist es, die den beiden Tieren ihre stille Größe verleiht. Sie sind keine Wundertiere um des Wunders willen, sondern das ruhige Herz einer Weltordnung, in der aus einem Punkt heraus alles genährt wird.
Heidrun und Eikthyrnir sind in der Lieder-Edda klar bezeugt: Grímnismál Strophe 25 nennt die Geiß, die auf dem Dach der Halle Heervaters an Laeradrs Laub nagt und die Kufe mit klarem Met füllt, aus der sich alle Einherjar betrinken. Strophe 26 nennt den Hirsch Eikthyrnir, von dessen Geweih die Feuchtigkeit in den Brunnen Hvergelmir tropft, aus dem die Flüsse entspringen. Snorri Sturluson übernimmt beide Bilder in seiner Gylfaginning und ordnet sie in sein Weltbild ein. Der Grímnismál-Text ist im Codex Regius überliefert. Dass der Met niemals versiegt und dass Hvergelmir als Ursprung der Ströme gilt, gehört damit zum festen Bestand der eddischen Überlieferung.
Nicht alles, was oft dazugesagt wird, steht so in den Quellen. Der Baum Laeradr wird gern ohne Weiteres mit Yggdrasil gleichgesetzt; das ist eine naheliegende, aber nicht gesicherte Deutung, denn die Edda nennt ihn eigenständig, und ob es wirklich derselbe Baum ist, bleibt offen. Der ewig fließende Met dagegen ist eddisch belegt. Ein realer Hintergrund lässt sich behutsam denken: Ziegenmilch und Met waren kostbare Güter der Wikingerzeit, und das Bild der nie endenden Kufe spiegelt den sehr menschlichen Wunsch nach Fülle in der Halle, nach einem Winter, in dem der Krug nicht leer wird. Man sollte die Tiere also nicht als naturkundliche Beschreibung lesen, sondern als Sinnbild, das eine Sehnsucht in Gestalt bringt.
Heidrun und Eikthyrnir sind vielleicht deshalb so anziehend, weil sie ohne Pathos auskommen. Kein Gott ringt hier, kein Wolf verschlingt die Sonne. Es sind zwei weidende Tiere, und doch tragen sie eine der schönsten Ideen der nordischen Welt: dass Fülle möglich ist, dass aus einem Ursprung genug für alle kommen kann, für die Toten in ihrer Halle wie für die Lebenden an ihren Flüssen. Wer heute einen Becher hebt und „Skål" sagt, ruft, ohne es zu wissen, ein sehr altes Versprechen auf, das Versprechen der nie versiegenden Kufe. In diesem Sinne stehen die beiden Tiere auf dem Dach nicht nur über Walhall, sondern über jeder Tafel, an der Menschen zusammenkommen und darauf vertrauen, dass es reicht.

Walhall · Sæhrimnir – der Eber Walhalls · Thors Ziegenböcke · Die Hähne des Ragnarök · Yggdrasil – der Weltenbaum.