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Ratatoskr: Der Botengaenger der Zwietracht im Weltenbaum

Edda-Tiere Ratatoskr: Der Botengaenger der Zwietracht im Weltenbaum

Zwischen Wipfel und Wurzel der Weltenesche Yggdrasil huscht ein kleines, unruhiges Wesen: Ratatoskr, das Eichhoernchen. Es traegt keine Kraft und keine Waffe, nur Worte, und genau die sind gefaehrlich. Denn Ratatoskr befoerdert Schmaehungen zwischen einem Adler ganz oben und dem Drachen Nidhoeggr ganz unten und haelt so einen Streit in Gang, der niemals zur Ruhe kommt.

Ein Eichhoernchen mit Auftrag

In der nordischen Ueberlieferung ist Yggdrasil, die Weltenesche, das Geruest, das die neun Welten traegt. An ihr leben unzaehlige Wesen, und eines von ihnen ist Ratatoskr. Das Bild ist so einfach wie eindraeglich: ein Eichhoernchen, das den ganzen langen Stamm hinauf- und hinunterrast, unermuedlich, flink, nie wirklich am Ziel. Man koennte es fuer eine niedliche Nebenfigur halten. Doch der Auftrag, den ihm die Quellen geben, ist alles andere als harmlos.

Denn Ratatoskr laeuft nicht zum Vergnuegen. Er ist Botengaenger, und zwar ein sehr spezieller. Oben in der Krone der Esche thront ein namenloser, weiser Adler. Ganz unten, an der Wurzel, nagt Nidhoeggr, Drache und Schlange zugleich. Zwischen diesen beiden, die nichts weiter verbindet als die Hoehe des Baumes und ihre gegenseitige Abneigung, pendelt das Eichhoernchen hin und her und traegt Worte. Keine freundlichen.

Der Baum, der Adler und der Drache

Um Ratatoskrs Rolle zu verstehen, muss man sich das Personal des Baumes ansehen. In der Krone sitzt der Adler, ein Wesen von grosser Weisheit, ueber das die Edda erstaunlich wenig verraet, nicht einmal einen Namen. Zwischen seinen Augen wiederum hockt ein Falke namens Vedrfoelnir, gleichsam als Wetterspaeher, der von der hoechsten Warte aus die Welt ueberblickt. Es ist ein Bild von Wachheit und Ueberschau, ganz oben, wo die Aeste den Himmel beruehren.

Ganz unten dagegen herrscht das Gegenteil. Dort, im Dunkel bei der Wurzel, liegt Nidhoeggr und nagt an den Wurzelstraengen der Esche. Er ist der Zersetzer, das Wesen des Verfalls, verbunden mit den Toten und dem Uferstrand der Leichen. Zwischen Wachheit und Verfall, zwischen Wipfelhoehe und Wurzelgrund, spannt sich der ganze Baum. Und mittendrin, als lebendige Verbindungslinie, saust Ratatoskr.

Was Grimnismal wirklich sagt

Der aelteste Beleg steht im Grimnismal, einem der Goetterlieder der Lieder-Edda. Dort wird das Eichhoernchen in einer knappen Strophe eingefuehrt, und diese Strophe ist zugleich fast alles, was wir mit Sicherheit ueber Ratatoskr wissen:

„Ratatöskr heißt das Eichhorn, das rennen soll an der Esche Yggdrasil; des Adlers Wort trägt es hinab und sagt es Nidhöggr an." Grímnismál 32, Übers. Karl Simrock (gemeinfrei)

Man beachte, was hier tatsaechlich steht und was nicht. Das Eichhoernchen rennt. Es traegt des Adlers Wort hinab und richtet es Nidhoeggr aus. Von Luege ist keine Rede, von boeswilliger Aufhetzung ebenso wenig. Die Strophe ist ein Momentbild: ein Bote, der eine Botschaft von oben nach unten bringt. Der Rest, der spaeter zum festen Charakterbild wurde, ist Ausmalung.

Snorri baut das Bild aus

Rund zwei Jahrhunderte spaeter greift Snorri Sturluson in der Gylfaginning, dem mythologischen Teil seiner Prosa-Edda, das Motiv auf. Er versammelt das gesamte Ensemble des Baumes: den Adler in den Zweigen, den Falken Vedrfoelnir zwischen dessen Augen, die vier Hirsche, die an den Trieben aesen, und Nidhoeggr an der Wurzel. Und er gibt Ratatoskr seine bekannteste Aufgabe: das Eichhoernchen laufe auf und nieder und trage neidische, gehaessige Worte zwischen Adler und Drache hin und her.

Bei Snorri wird aus dem schlichten Boten also ein Stoerenfried mit Methode. Jetzt geht es nicht mehr nur um eine Botschaft von oben nach unten, sondern um ein staendiges Hin und Her, ein Anfachen von Feindschaft, ein Weitertragen von Kraenkungen in beide Richtungen. Ratatoskr wird zur Verkoerperung dessen, was jeder aus dem eigenen Umfeld kennt: Klatsch, Gerede, aufgehetzter Streit, das genuessliche Weitertragen der boesen Rede, damit die Fehde ja nicht einschlaeft.

Was gesichert ist

Ratatoskr ist eddisch gut bezeugt. Das Grimnismal (Strophe 32) nennt das Eichhoernchen namentlich und beschreibt seinen Lauf an Yggdrasil sowie das Ueberbringen von des Adlers Wort an Nidhoeggr. Snorri Sturluson uebernimmt und erweitert das Bild in der Gylfaginning (Kapitel 16), wo er den Adler, den Falken Vedrfoelnir, die Hirsche und Nidhoeggr im selben Zusammenhang aufzaehlt und dem Eichhoernchen das Hin- und Hertragen feindseliger Worte zuschreibt. Beide Quellen sichern die Grundszene: ein kleines Wesen als Verbindung zwischen Wipfel und Wurzel des Weltenbaums. Die Forschung (Rudolf Simek, John Lindow) behandelt Ratatoskr als festen Bestandteil des Yggdrasil-Kosmos.

Der Name: Nagezahn, Bohrzahn oder Kletterer?

Selbst der Name gibt Raetsel auf. Der zweite Teil, toskr, wird meist mit „Zahn" verbunden, was zum nagenden Eichhoernchen passt. Der erste Teil, rata, ist der Knackpunkt. Man hat ihn als „Nage-" oder „Bohr-" gedeutet, sodass Ratatoskr etwa „Nagezahn" oder „Bohrzahn" hiesse, ein sprechender Name fuer ein Tier, das sich durch alles durcharbeitet. Andere Vorschlaege denken an eine Bedeutung im Umfeld von „Reise" oder gar „Klettern", was ebenfalls gut zu einem rastlosen Baumbewohner passte. Eine sichere Antwort gibt es nicht. Wer behauptet, die Uebersetzung stehe fest, geht ueber eine echte Unsicherheit hinweg.

Vom Stoerenfried zum niedlichen Wappentier

Heute begegnet uns Ratatoskr gern als putziges Maskottchen, als flauschiges Eichhoernchen mit Knopfaugen, das man sich als Sympathietraeger vorstellt. Das ist verstaendlich, aber es verkennt seine eigentliche Rolle. Ratatoskr ist im Mythos kein sonniger Waldbewohner, sondern der Motor eines Konflikts. Seine Bedeutung liegt gerade darin, dass er Feindschaft am Laufen haelt, statt sie zu schlichten. Er verbindet die beiden Enden des Baumes nicht, um Frieden zu stiften, sondern um den Zwist nie verstummen zu lassen.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Weisheit dieser kleinen Figur. Der Weltenbaum steht fuer Ordnung und Zusammenhang, und trotzdem huscht durch ihn ein Wesen, dessen einziger Beruf es ist, Worte zu tragen, die entzweien. Wer je erlebt hat, wie ein einziger weitergetragener Satz eine Gemeinschaft vergiftet, versteht Ratatoskr sofort. Das Eichhoernchen ist nicht boese im grossen Stil. Es ist einfach nie still, und manchmal ist genau das gefaehrlich genug.

Mythos-Check

Dass Ratatoskr „luegt" oder Adler und Nidhoeggr gezielt gegeneinander aufwiegelt, steht so nicht im aeltesten Text. Das Grimnismal sagt nur, dass er des Adlers Wort hinabtraegt. Der Charakter des hinterlistigen Zwietrachtstifters, der in beide Richtungen boese Reden traegt, ist Snorris Ausdeutung und spaetere Tradition. Sie ist stimmig und einleuchtend, aber eben ausgemalt und nicht wortwoertlich eddisch. Auch die Uebersetzung des Namens „Rata-toskr" ist umstritten: „Nagezahn", „Bohrzahn" und Deutungen um „Klettern" oder „Reisen" konkurrieren, ohne dass eine gesichert waere. Und das moderne Bild vom niedlichen Wappentier verharmlost die eigentliche Aufgabe des Eichhoernchens, naemlich Feindschaft zwischen Wipfel und Wurzel dauerhaft in Gang zu halten.

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