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Ratatoskr: Das Eichhörnchen, das im Weltenbaum die Zwietracht trägt

Edda-Tiere Ratatoskr: Das Eichhörnchen, das im Weltenbaum die Zwietracht trägt

Ratatoskr ist das Eichhörnchen, das in der nordischen Mythologie am Stamm der Weltenesche Yggdrasil auf und ab läuft und Worte zwischen dem Adler im Wipfel und dem Drachen Níðhöggr an der Wurzel überbringt. Bezeugt ist es in genau zwei mittelalterlichen Quellen: in einer einzigen Strophe des Eddalieds Grímnismál und in einem Satz bei Snorri Sturluson. Wir zeigen dir, was dort wirklich steht, was der Name „Bohrzahn“ verrät, wer sonst noch im Baum wohnt und warum ein kleiner Nager zum Sinnbild für Klatsch und Streit wurde.

Ein Nager mit einem gefährlichen Beruf

Stell dir den größten Baum vor, den es je gab. Seine Wurzeln reichen bis zu den Toten, zu den Riesen und zu den Menschen, seine Krone breitet sich über den Himmel. Oben sitzt ein Adler, der viel weiß. Unten nagt ein Drache an den Wurzeln. Und dazwischen? Kein Held, kein Gott, keine Walküre. Sondern ein Eichhörnchen.

Genau das gefällt uns an Ratatoskr: Eine der seltsamsten Rollen der Mythologie bekommt das unscheinbarste Tier. Keine Waffe, keine Macht, nur flinke Pfoten und ein Auftrag: Worte transportieren. Wer je erlebt hat, wie ein weitergetragener Satz einen Familienfrieden sprengt oder eine Vereinsversammlung entgleisen lässt, ahnt, dass das kein harmloser Beruf ist.

Gleichzeitig zeigt Ratatoskr, wie aus sehr wenig Text sehr viel Bild wird. Die gesamte mittelalterliche Überlieferung zu diesem Tier passt auf eine Karteikarte. Der hinterlistige Charakter, die Rolle als Bote zwischen den Welten, das niedliche Maskottchen im Videospiel – all das ist Deutung oder moderne Erfindung. Deshalb schauen wir genau hin: erst die Quellen im Wortlaut, dann Name, Nachbarn und Deutungen.

Die älteste Quelle: Grímnismál, Strophe 32

Ratatoskr taucht zuerst in den Grímnismál auf, den „Reden des Grímnir“. Das Lied gehört zur Lieder-Edda, einer Sammlung altnordischer Götter- und Heldenlieder, die vor allem im Codex Regius erhalten ist, einer isländischen Handschrift aus der Zeit um 1270. Die Lieder selbst sind älter, aber wie viel älter, lässt sich für die Grímnismál nicht sicher sagen. Manche Forscher halten Teile für heidnisch, andere rechnen mit späteren Erweiterungen. Eine feste Jahreszahl gibt es nicht.

Die Rahmenhandlung: Odin kommt verkleidet als Grímnir („der Maskierte“) an den Hof des Königs Geirrøðr und wird acht Nächte lang zwischen zwei Feuer gesetzt. Gequält beginnt er zu sprechen und entfaltet ein Panorama der Götterwelt. Mitten in der Beschreibung der Weltenesche steht Strophe 32. Im Altnordischen lautet sie (normalisiert):

Ratatoskr heitir íkorni, er renna skal at aski Yggdrasils; arnar orð hann skal ofan bera ok segja Niðhǫggvi niðr.Grímnismál 32, altnordischer Text nach der normalisierten Ausgabe von Guðni Jónsson

Karl Simrock hat das 1851 so übertragen:

Ratatöskr heißt das Eichhorn, das auf und ab rennt / An der Esche Yggdrasils: / Des Adlers Worte oben vernimmt es / Und bringt sie Nidhöggern nieder.Grímnismál 32, Übersetzung Karl Simrock (gemeinfrei)

Hier lohnt sich Pedanterie: Im altnordischen Text steht kein „auf und ab“. Das Eichhörnchen soll nur „an der Esche rennen“ und des Adlers Wort „von oben herabtragen“ und Níðhöggr „unten“ sagen. Die Richtung ist eindeutig: von oben nach unten. Von einer Antwort des Drachen, von einem Hin und Her, von Lügen oder Bosheit ist keine Rede. Simrocks „auf und ab“ ist eine naheliegende Zutat des Übersetzers.

Auffällig ist noch etwas anderes: Strophe 32 spricht von „dem Adler“, als würden wir ihn schon kennen. In den Grímnismál wird aber vorher kein Adler im Baum eingeführt. Deshalb haben mehrere Forscher vermutet, dass eine Strophe über den Adler verloren gegangen sein könnte. Das ist eine plausible Vermutung, mehr nicht.

Gesicherter Befund: Ratatoskr wird in der Lieder-Edda nur ein einziges Mal genannt, in Grímnismál 32. Die Strophe sagt: Es heißt Ratatoskr, ist ein Eichhörnchen (íkorni), läuft an Yggdrasil und trägt die Worte des Adlers hinunter zu Níðhöggr. Mehr nicht.

Snorri baut das Bild aus: Gylfaginning, Kapitel 16

Rund ein halbes Jahrhundert vor der Niederschrift des Codex Regius, um 1220, verfasste der isländische Gelehrte und Politiker Snorri Sturluson seine Prosa-Edda. Ihr erster großer Teil, die Gylfaginning („Gylfis Täuschung“), ist ein Lehrgespräch: Der schwedische König Gylfi fragt in der Gestalt des Wanderers Gangleri drei geheimnisvolle Gestalten nach der Ordnung der Welt aus. Snorri kannte die Grímnismál offensichtlich gut und zitiert sie mehrfach. Im Kapitel 16, das mit „Enn frá askinum“ („Weiter von der Esche“) überschrieben ist, versammelt er das ganze Ensemble des Baumes. Zwei Sätze sind für uns entscheidend:

Örn einn sitr í limum asksins, ok er hann margs vitandi, en í milli augna honum sitr haukr, sá er heitir Veðrfölnir. Íkorni sá, er heitir Ratatoskr, renn upp ok niðr eftir askinum ok berr öfundarorð milli arnarins ok Níðhöggs.Snorri Sturluson, Gylfaginning 16, altnordischer Text

Sinngemäß in eigener Übertragung: „Ein Adler sitzt in den Ästen der Esche, und er weiß vieles; und zwischen seinen Augen sitzt ein Habicht, der Veðrfölnir heißt. Das Eichhörnchen, das Ratatoskr heißt, rennt an der Esche auf und nieder und trägt Worte des Neides zwischen dem Adler und Níðhöggr hin und her.“

Jetzt erst haben wir das Bild, das heute jeder kennt. Snorri macht drei Dinge. Erstens gibt er dem Eichhörnchen ausdrücklich beide Richtungen: upp ok niðr, hinauf und hinunter, und die Worte gehen milli, zwischen den beiden. Zweitens bestimmt er den Inhalt der Botschaften: öfundarorð, wörtlich „Neidworte“, also Worte der Missgunst und Feindseligkeit. Drittens ergänzt er den Adler um einen zweiten Vogel, den Habicht Veðrfölnir, der zwischen den Augen des Adlers hockt.

Woher Snorri das wusste, sagt er nicht. Vielleicht kannte er eine verlorene Strophe oder mündliche Überlieferung, vielleicht zog er nur die logische Konsequenz: Wer Worte nach unten trägt, bringt wohl auch Antworten mit. Snorri füllte Lücken gern so, dass ein stimmiges Ganzes entstand. Das macht ihn unverzichtbar – aber nicht jedes seiner Details ist uralt.

Mythos-Check: „Ratatoskr lügt und hetzt Adler und Drache absichtlich gegeneinander auf.“ – So steht es in keiner Quelle. Die Edda-Strophe kennt nur einen Boten nach unten. Snorri spricht von Neidworten, die das Eichhörnchen trägt, sagt aber nicht, ob es sie selbst erfindet, verdreht oder nur weitergibt. Der listige Intrigant ist eine moderne Zuspitzung, wenn auch eine naheliegende.

Bohrzahn, Nagezahn, Wanderzahn: Was der Name bedeutet

Der Name Ratatoskr (in normalisierter Schreibung auch Ratatǫskr, eingedeutscht oft Ratatöskr oder Ratatosk) besteht aus zwei Teilen: rata- und -toskr. Beide sind schwieriger, als es Fantasy-Lexika vermuten lassen.

Beim zweiten Glied -toskr denkt fast jeder an „Zahn“ oder „Hauer“, verwandt mit englisch tusk. Das Problem: Das Wort kommt im Altnordischen sonst nirgends vor. Es ist ein sogenanntes Hapax, ein Wort mit nur einem Beleg. Der norwegische Philologe Sophus Bugge schloss daraus, der ganze Name könne aus dem Altenglischen entlehnt sein und eigentlich „Rattenzahn“ bedeuten. Der amerikanische Skandinavist Albert Morey Sturtevant widersprach 1956 in einem Aufsatz in der Zeitschrift Scandinavian Studies: Ein einmaliger Beleg beweise keine Entlehnung, und es gebe nordische Namen wie Tunne, die ebenfalls eine Person nach einer besonderen Zahnform bezeichneten.

Spannender ist das erste Glied. Für rata- gibt es zwei Hauptlinien:

Wir finden die „Bohrzahn“-Lesung überzeugender, weil das Wortpaar Rata und gnaga („nagen“) in den Hávamál so verblüffend zu einem Eichhörnchen passt. Aber ehrlich gesagt: Entschieden ist die Debatte nicht. Und noch ein Detail: Der Name sagt nichts über Klatsch, Lüge oder Botengänge. Er beschreibt, wenn überhaupt, ein Tier mit kräftigen Zähnen.

Übrigens: Auch „Eichhörnchen“ hat mit Eiche und Horn wohl nur über Umdeutung zu tun. Althochdeutsch hieß das Tier eihhurno, altnordisch íkorni; Pfeifers Etymologisches Wörterbuch erwägt eine Wurzel für „sich heftig bewegen“.

Wer sonst noch im Baum wohnt

Ratatoskr ist kein Einzelgänger. Yggdrasil ist in den Quellen ein regelrechtes Ökosystem, und erst im Zusammenspiel versteht man, warum ein Bote gebraucht wird. Die Grímnismál beschreiben den Baum in den Strophen 31 bis 35, Snorri im Kapitel 16. Hier das Personal:

Der Adler im Wipfel. Namenlos, aber margs vitandi, „vieles wissend“. Mehr verrät keine Quelle. Manche Deutungen verbinden ihn mit Hræsvelgr, dem Riesen in Adlergestalt, der nach den Vafþrúðnismál am Ende des Himmels sitzt und mit seinen Flügeln den Wind erzeugt. Das ist allerdings eine moderne Kombination, keine Aussage der Texte.

Veðrfölnir. Der Habicht zwischen den Augen des Adlers kommt nur bei Snorri vor. Der Name wird meist als „der vom Wetter Gebleichte“ gedeutet, doch auch hier ist die Übersetzung nicht ganz sicher. Was ein Vogel zwischen den Augen eines anderen soll, erklärt keine Quelle.

Níðhöggr an der Wurzel. Der Drache oder die große Schlange nagt laut Grímnismál 35 von unten am Baum. In der Völuspá saugt er an den Leichen der Toten. Das erste Namensglied wird meist mit níð verbunden, einem Wort für Schmähung, Ehrabschneidung und Hass. Ausgerechnet ihm also bringt Ratatoskr die Worte des Adlers – einem Wesen, in dessen Namen die üble Nachrede schon drinsteckt. Ausführlich: Níðhöggr, der Drache an der Wurzel.

Die Schlangen. Strophe 34 nennt Schlangen wie Góinn, Móinn, Grábakr, Ófnir und Sváfnir, die unter der Esche liegen. Snorri setzt sie zu Níðhöggr in den Brunnen Hvergelmir. Dazu unser Artikel über die Schlangen an Yggdrasils Wurzeln.

Die vier Hirsche. Dáinn, Dvalinn, Duneyrr und Duraþrór knabbern laut Strophe 33 an den Trieben, bei Snorri laufen sie durch die Äste und beißen das Laub ab. Henry Adams Bellows hielt sie in seiner Ausgabe von 1923 für eine späte Vervielfachung des einen Hirsches aus Strophe 26. Mehr in Die vier Hirsche Yggdrasils.

Heiðrún und Eikþyrnir. Ziege und Hirsch stehen laut Strophe 25 und 26 auf Walhalls Dach und fressen am Baum Læraðr; Heiðrún gibt Met, aus Eikþyrnirs Geweih tropft Wasser in Hvergelmir. Ob Læraðr mit Yggdrasil identisch ist, ist umstritten. Siehe Heiðrún und Eikþyrnir.

Und dann die Strophe, die alles zusammenfasst. Grímnismál 35 beginnt: Askr Yggdrasils drýgir erfiði meira en menn um viti – „Die Esche Yggdrasil erduldet mehr Mühsal, als Menschen wissen“. Der Hirsch beißt oben, an der Seite fault sie, Níðhöggr nagt unten. Der Weltenbaum ist kein makelloses Symbol der Harmonie. Er wird angefressen, verletzt, bedrängt – und trotzdem steht er. Snorri ergänzt, dass die Nornen ihn täglich mit Wasser und Lehm aus dem Urðarbrunnr begießen, damit seine Äste nicht verdorren. Mehr dazu in Die drei Brunnen unter Yggdrasil.

Warum ausgerechnet ein Eichhörnchen? Was die Forschung deutet

Jetzt verlassen wir den sicheren Boden der Quellen. Alles Folgende ist Deutung – teils gut begründet, teils kühn. Wir sagen dir jeweils, wer was vertritt.

Ein schmückendes Detail. Rudolf Simek hält das Eichhörnchen für einen wahrscheinlich späteren, ausschmückenden Zug im Bild der Weltenesche. Der Weltenbaum als Idee könne sehr alt sein, die einzelnen Tiere darin müssten es nicht. Diese nüchterne Sicht hat viel für sich: Gerade die Tierstrophen der Grímnismál wirken wie eine Liste, an die im Laufe der Überlieferung Glieder angehängt worden sein könnten.

Der Kreislauf von Zerstörung und Erneuerung. Hilda Ellis Davidson betont, dass im Baum ständig genagt und gefressen wird – auch vom Eichhörnchen, das schon im Namen ein „Bohrzahn“ ist –, während die Nornen ihn pflegen. Daraus entsteht ein Bild von Welt, die immer bedroht ist und sich immer erneuert.

Der niedrige Bote der Fehde. John Lindow macht eine Beobachtung aus den Sagas: Wer dort zwischen verfeindeten Parteien böse Worte hin- und herträgt, ist selten eine hochgestellte Person. Dass in der Mythologie ausgerechnet ein kleines Tier diese Rolle übernimmt, passt in dieses Muster.

Das schimpfende Eichhörnchen. Die Zoologen Richard W. Thorington Jr. und Katie Ferrell schlagen in ihrem Buch Squirrels: The Animal Answer Guide (2006) eine bodenständige Erklärung vor: Eichhörnchen keckern und schimpfen laut, wenn sie Feinde entdecken – auch Greifvögel. Beweisbar ist das nicht, aber sympathisch.

Götter gegen Riesen? Ältere Deutungen sahen im Streit von Adler und Drache den Kampf der Götter gegen die Riesen. Schon Bellows fand das 1923 weit hergeholt, und die heutige Forschung folgt ihm darin überwiegend.

Verbindung der Welten. In moderner Literatur liest man oft, Ratatoskr sei der „Bote zwischen den neun Welten“. Das ist eine freie Erweiterung; die Quellen kennen nur Wipfel und Wurzel. Richtig ist: Ratatoskr ist das einzige Wesen, das oben und unten verbindet – nur transportiert es nichts Gutes. Mehr zur kosmischen Ordnung in Die neun Welten.

Eine Katze in der Eiche: der verblüffende Vergleich mit Phaedrus

Hat sich das jemand im Norden ausgedacht, oder ist die Geschichte älter? Der Religionshistoriker Jan de Vries hat 1937 in seiner Altgermanischen Religionsgeschichte auf eine erstaunliche Parallele hingewiesen, die du selbst nachlesen kannst: eine Fabel des römischen Dichters Phaedrus aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. (Buch II, Fabel 4).

Darin nistet ein Adler im Wipfel einer Eiche, eine Katze hat in einem Loch in der Mitte des Stammes ihre Jungen, und ganz unten an der Wurzel wirft eine Wildsau ihre Ferkel. Die Katze klettert zum Adler und erzählt ihm, die Sau wühle Tag für Tag an den Wurzeln, um den Baum zu fällen und dann seine Jungen zu fressen. Dann läuft sie hinunter und warnt die Sau, der Adler warte nur darauf, ihre Ferkel zu rauben. Beide trauen sich nicht mehr aus ihrem Nest, verhungern samt Nachwuchs – und die Katze frisst sich mit ihren Jungen satt. Die Moral des Phaedrus: Wie viel Unheil ein doppelzüngiger Mensch anrichten kann.

Oben ein Adler, unten ein Wühler, dazwischen ein kleines Tier, das Lügen trägt: Die Ähnlichkeit mit Snorri ist frappierend. Ob gelehrte Isländer die Fabel kannten oder beide auf ein älteres Erzählmuster zurückgehen, lässt sich nicht entscheiden. Klar ist: Der Zwietracht-Aspekt hat ein sehr altes Vorbild. In der Forschung wird außerdem auf die weit verbreitete Feindschaft von Adler und Schlange verwiesen, etwa in Indien zwischen dem Vogel Garuḍa und den Schlangenwesen. Solche Parallelen erlauben aber, wie Simek und de Vries betonen, keine sichere Datierung des nordischen Motivs.

Das echte Eichhörnchen: Pelz für die halbe Welt

Für die Menschen der Wikingerzeit war das Eichhörnchen kein Fabelwesen, sondern ein vertrautes Tier – und eine Ware. In Skandinavien lebt das Eurasische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris). Im Norden trägt es im Winter oft ein dichtes, grau getöntes Fell. Genau dieses Winterfell war über Jahrhunderte begehrt.

Schon um 551 berichtet Jordanes in seiner Getica, die Suehans im Norden lieferten über viele Zwischenhändler kostbare dunkle Felle für den römischen Markt. Welches Tier gemeint ist, bleibt offen, Eichhörnchen eher nicht. Aber Pelz aus dem Norden war offensichtlich lange vor den Wikingern ein Exportgut.

In der Wikingerzeit wurde daraus ein Großgeschäft. Arabische Geographen beschreiben die Rus, also die skandinavisch geprägten Händler im Osten, als Pelzhändler. Ibn Rusta schreibt im frühen 10. Jahrhundert, ihr einziges Geschäft sei der Handel mit Zobel-, Eichhörnchen- und anderen Fellen. Bezahlt wurde mit arabischem Silber, den Dirham, die zu Zehntausenden in schwedischen und gotländischen Schatzfunden liegen. Pelze gehörten neben Sklaven zu den wichtigsten Waren, die nach Süden gingen. Mehr dazu in unseren Artikeln über den Handel der Wikinger und die Rus im Osten.

Archäologisch ist Pelz schwer zu fassen, weil er im Boden meist vergeht. Wie viel moderne Methoden trotzdem herausholen, zeigte 2022 eine Studie in der Zeitschrift PLOS ONE: Ein Team um Luise Ørsted Brandt bestimmte per Proteinanalyse die Tierarten von Pelzresten aus dänischen Prunkgräbern, darunter Hvilehøj und Bjerringhøj bei Mammen, und fand unter anderem Biberfell – ein Tier, das damals in Dänemark nicht heimisch war. Eichhörnchen wurde dort nicht nachgewiesen. Das heißt nicht, dass es fehlte; es zeigt nur, wie dünn die direkte Beleglage ist.

Im Hoch- und Spätmittelalter wurde Eichhörnchenfell dann zum Massenartikel: Das „Grauwerk“, die grauen Winterbälge, ging in riesigen Stückzahlen aus Russland und dem Ostseeraum über die Hanse nach Westeuropa. Aus dem Wechsel von grauem Rücken- und weißem Bauchfell entstand sogar ein heraldisches Muster, der Feh (englisch vair). Wenn du also auf einem mittelalterlichen Wappen blau-weiße Glockenformen siehst: Das sind stilisierte Eichhörnchenfelle.

Die Menschen kannten das Tier also aus nächster Nähe, als Waldbewohner, Jagdbeute und Handelsware. Dass sie ihm ausgerechnet das Geschwätz zutrauten, verrät eine genaue Beobachtung seines lauten, empörten Wesens.

Ratatoskr heute: vom Weltenbaum ins Videospiel

Kaum eine Figur der nordischen Mythologie hat in den letzten Jahren einen so steilen Karrieresprung hingelegt. Ratatoskr ist in der Popkultur angekommen – meist deutlich freundlicher als im Original.

Am bekanntesten ist wohl der Auftritt in God of War Ragnarök (2022), wo Ratatoskr als wichtige Nebenfigur auftritt; eine geisterhafte Variante gab es schon im Vorgänger von 2018. Wie viel Mythologie in dieser Reihe steckt, prüfen wir in God of War im Faktencheck. Im Online-Spiel Smite ist Ratatoskr spielbar, in Fire Emblem Heroes gibt es eine eigene Figur dieses Namens. Bei Marvel taucht in Ryan Norths Comicreihe The Unbeatable Squirrel Girl eine Ratatoskr als gestaltwandelnde Unruhestifterin auf – eine Rolle, die immerhin den Zwietracht-Aspekt aufgreift.

Fast immer überwiegt dabei das niedliche Tier. Im Mythos aber ist Ratatoskr kein Maskottchen, sondern Teil der Mühsal, die der Weltenbaum erleidet.

Mythos-Check: „Ratatoskr ist der Bote der Götter.“ – Nein. Die Botenrolle für die Götter haben in den Quellen andere, etwa Odins Raben Huginn und Muninn oder Hermóðr. Ratatoskr überbringt nur zwischen Adler und Níðhöggr. Mit den Göttern hat er in keiner Quelle direkt zu tun.

Ratatoskr als Gravur: unsere Werkstatt-Idee

Bei uns in Alsdorf ist Ratatoskr ein Liebling, weil er etwas kann, was viele nordische Motive nicht können: Er erzählt eine Geschichte mit einem Augenzwinkern. Ein Adler oben, ein Drache unten, dazwischen ein Eichhörnchen mitten im Lauf – das ist ein Motiv, das man nicht erklären muss, um es zu mögen, und das trotzdem Tiefe hat, wenn man die Edda kennt.

Auf einer Birken-Baumscheibe passt das besonders gut, weil die Jahresringe den Stamm schon mitbringen. Auf Naturschiefer wirkt die Szene dunkler und ernster, eher wie ein Blick in die Mythenwelt. Wichtig ist uns dabei Ehrlichkeit beim Stil: Eine sicher als Eichhörnchen gedeutete Darstellung aus der Wikingerzeit ist uns nicht bekannt. Wer Ratatoskr im Wikingerstil haben möchte, bekommt deshalb eine Neuschöpfung in Anlehnung an echte Tierornamentik, etwa im verschlungenen Urnes-Stil, nicht die Kopie eines historischen Vorbilds. Wie diese Stile aufgebaut sind, zeigen wir in Nordische Tierornamente zeichnen.

Unsere Lieblingsidee: Ratatoskr mit einem augenzwinkernden Spruch auf einer Holzscheibe für den Flur – als Erinnerung daran, dass nicht jedes Wort weitergetragen werden muss.

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Häufige Fragen

Was bedeutet der Name Ratatoskr? Die gängigste Deutung ist „Bohrzahn“ oder „Nagezahn“, abgeleitet von Rati, dem Bohrer aus den Hávamál, und -toskr, wohl „Zahn“. Eine andere Lesart verbindet rata mit „umherziehen“ und ergibt etwa „Wanderzahn“. Gesichert ist keine der beiden.

Was macht das Eichhörnchen in Yggdrasil? Laut Grímnismál 32 läuft es an der Weltenesche und trägt die Worte des Adlers hinunter zu Níðhöggr. Snorri ergänzt, dass es auf und nieder rennt und Neidworte zwischen beiden hin- und herträgt.

Ist Ratatoskr böse? Die Quellen bewerten das Eichhörnchen nicht moralisch. Snorri sagt nur, dass es feindselige Worte trägt; dass es lügt oder absichtlich aufhetzt, ist eine moderne Zuspitzung.

Wo wird Ratatoskr erwähnt? Nur an zwei Stellen: in Strophe 32 der Grímnismál in der Lieder-Edda und im Kapitel 16 der Gylfaginning in Snorris Prosa-Edda.

Wie heißt der Adler in Yggdrasil? Der Adler bleibt in den Quellen namenlos. Benannt ist nur der Habicht Veðrfölnir, der laut Snorri zwischen den Augen des Adlers sitzt.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

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Yggdrasil – der Weltenbaum · Niðhöggr – der Nager an der Wurzel · Die neun Welten · Die Nornen · Heiðrún – die Met-Ziege.

Quellen & Literatur

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