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Níðhöggr – der Drache an der Wurzel des Weltenbaums: Edda, Náströnd und das Rätsel der letzten Strophe

Edda-Tiere Níðhöggr – der Drache an der Wurzel des Weltenbaums: Edda, Náströnd und das Rätsel der letzten Strophe

Níðhöggr ist der Drache oder die Schlange, die in der nordischen Mythologie von unten an einer Wurzel des Weltenbaums Yggdrasil nagt – so steht es in der Lieder-Edda (Grímnismál) und bei Snorri Sturluson, der ihn in den Brunnen Hvergelmir setzt. In der Völuspá saugt er in Náströnd die Leichen der Eidbrecher und Mörder aus, und in ihrer letzten Strophe fliegt er mit Toten im Gefieder über die Ebene. Wir zeigen dir, was die Quellen wirklich sagen, was sein Name bedeutet und wo die Forschung bis heute streitet.

Ganz oben sitzt ein Adler, der vieles weiß. Ganz unten, im Dunkel unter der Erde, liegt etwas, das nicht weiß, sondern frisst. Dazwischen rennt ein Eichhörnchen den Stamm hinauf und hinunter und trägt Gehässigkeiten hin und her. So beschreiben die altnordischen Quellen den Weltenbaum – und das Wesen am unteren Ende dieser Kette heißt Níðhöggr. Kein Gott, kein Riese, keine Figur mit Familie und Vorgeschichte. Nur ein Name, ein paar Strophen und ein Bild, das hängen bleibt: ein Drache, der an den Wurzeln der Welt nagt.

Gerade weil die Quellen so knapp sind, wird Níðhöggr gern aufgeblasen oder mit Jörmungandr und Fáfnir verwechselt. Wir sortieren das: Was steht in der Lieder-Edda, was ergänzt Snorri im 13. Jahrhundert, was bedeutet der Name – und warum diskutiert die Forschung bis heute, ob in diesem Drachen nicht auch ein Stück christlicher Höllenvorstellung steckt.

Wo Níðhöggr wohnt: die Wurzel über Hvergelmir

Yggdrasil, die Weltesche, ist das Grundgerüst der nordischen Kosmologie. Wie der Baum aufgebaut ist, erklären wir ausführlich im Artikel über Yggdrasil; hier genügt das Wichtigste. Nach Snorri Sturlusons Gylfaginning (dem ersten Teil seiner Prosa-Edda, um 1220) hat die Esche drei Wurzeln. Eine reicht zu den Asen, eine zu den Reifriesen, wo einst Ginnungagap lag, und die dritte steht über Niflheim, der Welt aus Nebel und Kälte. Unter dieser dritten Wurzel liegt die Quelle Hvergelmir, und dort, so Snorri, nagt Níðhöggr die Wurzel von unten an.

Hvergelmir – der Name wird meist als „brausender Kessel“ gedeutet – ist bei Snorri die Urquelle, aus der zahlreiche Flüsse entspringen. Mehr zu diesem Ort und zu den beiden anderen Brunnen findest du in unserem Beitrag über die drei Brunnen unter Yggdrasil, mehr zur kalten Unterwelt selbst im Artikel über Niflheim. Für Níðhöggr ist entscheidend: Er gehört in die unterste, dunkelste Schicht der Welt.

Dabei ist er nicht allein. Snorri schreibt sinngemäß, in Hvergelmir seien mit Níðhöggr so viele Schlangen, dass keine Zunge sie zählen könne. Die anderen Schlangen nennt die Lieder-Edda beim Namen.

Quellenlage auf einen Blick: Níðhöggr wird in der Lieder-Edda viermal genannt – zweimal in den Grímnismál (Strophen 32 und 35 nach der üblichen Zählung) und zweimal in der Völuspá (Strophe 39 und die Schlussstrophe 66 in der Zählung der Ausgabe Neckel/Kuhn). Hinzu kommen Snorris Gylfaginning und Namenslisten (þulur) in seiner Skáldskaparmál, wo „Níðhöggr“ unter den Schlangen- und auch unter den Schwertnamen auftaucht. Archäologische Darstellungen, die sicher Níðhöggr zeigen, gibt es nicht.

Grímnismál: Schlangen unter der Esche und ein Eichhörnchen als Bote

Die älteste ausführliche Beschreibung des Baumes steckt in den Grímnismál, einem Lied der Lieder-Edda, in dem Odin als gefolterter Gast „Grímnir“ in Rätselform Wissen über die Welt preisgibt. Überliefert ist das Lied im Codex Regius (um 1270) und in der Handschrift AM 748 I a 4to; wie alt der Text selbst ist, lässt sich nicht genau sagen, er gilt aber als vorchristlich geprägt. Mehr zu diesen Handschriften erklären wir im Artikel über die Edda.

In Strophe 32 tritt das Eichhörnchen auf. Sein Name ist Ratatoskr, und seine Aufgabe ist es, die Worte des Adlers von oben herabzutragen und sie Níðhöggr unten zu sagen. Mehr verrät die Strophe nicht. Erst Snorri macht daraus ein regelrechtes Hetz-Geschäft: Bei ihm trägt Ratatoskr „Neidworte“ zwischen Adler und Níðhöggr hin und her. Die ganze Geschichte des kleinen Zwischenträgers erzählen wir in unserem Artikel über Ratatoskr, die des Vogels im Wipfel im Beitrag über den Adler und den Habicht Veðrfölnir.

Strophe 34 zählt die Schlangen unter der Esche auf. Es seien mehr, als ein unkluger Affe ahne, heißt es dort spöttisch, und dann folgt die Liste: Góinn und Móinn, die Söhne des Grafvitnir, dazu Grábakr („Graurücken“), Grafvǫlluðr, Ófnir und Sváfnir. Sie alle, so die Strophe, werden ewig an den Zweigen des Baumes zehren. Níðhöggr steht nicht in dieser Liste – er hat seinen eigenen Auftritt in Strophe 35, und das ist vielleicht die eindrücklichste Stelle über ihn überhaupt:

Askr Yggdrasils / drýgir erfiði / meira en menn viti: / hjörtr bítr ofan, / en á hliðu fúnar, / skerðir Niðhöggr neðan.
„Die Esche Yggdrasil erduldet Mühsal, mehr als Menschen wissen: Der Hirsch beißt von oben, an der Seite fault sie, und Níðhöggr reißt von unten.“Grímnismál 35, altnordischer Text nach der Codex-Regius-Überlieferung, eigene Übertragung

Diese Strophe ist der Schlüssel. Der Weltenbaum ist kein unverwüstliches Idyll, sondern ein leidender Organismus. Er wird von allen Seiten angegriffen: oben von Hirschen (vier von ihnen nennt Strophe 33, siehe unseren Artikel über die vier Hirsche Yggdrasils), seitlich von Fäulnis, unten von Níðhöggr. Níðhöggr ist damit nicht der große Gegenspieler der Götter, sondern ein Teil eines Bildes vom langsamen Verfall. Die Welt hält, aber sie hält unter Schmerzen.

Bemerkenswert ist das Verb. Skerða heißt so viel wie „schartig machen, beschädigen, verringern“. Níðhöggr „nagt“ also nicht gemütlich wie ein Biber; er reißt Scharten in den Baum. Die Schlangen von Strophe 34 und der Drache von Strophe 35 bilden ein ganzes Ökosystem der Zerstörung, das wir im Artikel über die Schlangen an Yggdrasils Wurzeln näher vorstellen.

Mythos-Check: „Níðhöggr will den Weltenbaum fällen, um die Welt zu vernichten.“ – So steht es in keiner Quelle. Weder die Grímnismál noch Snorri schreiben Níðhöggr ein Ziel oder einen Plan zu. Er nagt, reißt und quält, aber von einem Vorhaben, Yggdrasil zum Einsturz zu bringen, ist nirgends die Rede. Die „böse Absicht“ ist moderne Dramaturgie aus Spielen und Fantasy.

Der Name: Níð – Schmach, Hohn, Ehrlosigkeit

„Níðhöggr“ setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Der zweite ist klar: -hǫggr gehört zu hǫggva, „hauen, schlagen“, und meint den „Hauer“ oder „Schläger“, in der Praxis wohl den „Beißer“. Schwieriger ist der erste Teil. Die Handschriften schreiben keine Vokallängen zuverlässig, und so stehen zwei Lesarten im Raum.

Die verbreitetste ist níð mit langem i. Das ist ein Kernbegriff altnordischer Rechts- und Ehrenkultur: Níð bezeichnet Schmähung, Hohn, ehrabschneidende Beleidigung, oft mit sexuellem Unterton. Die Schmähung war in den altisländischen Rechtsbüchern ausdrücklich strafbar, und ein níðingr war ein ehrloser Mensch, schlimmer als ein bloßer Feind. Auch die berüchtigte níðstǫng, die Neidstange, mit der man in den Sagas einen Gegner öffentlich verfluchte, gehört in diesen Wortkreis. Gelesen als „der Schmach-Hauer“ oder „der hasserfüllt Zuschlagende“ wäre Níðhöggr ein Wesen der Ehrlosigkeit – und es ist schwer, das nicht mit der Völuspá zusammenzudenken, in der er gerade die Ehrlosen quält.

Die zweite Lesart ist nið- mit kurzem i, verwandt mit niðr, „hinab, unten“. Dann wäre er schlicht „der von unten Zuschlagende“ – passend zu seinem Platz an der Wurzel und zum Wort neðan („von unten“) in Grímnismál 35. Manche bringen auch die Niðafjǫll ins Spiel, die „Nida-Berge“, aus denen der Drache in der letzten Völuspá-Strophe kommt; deren Name ist allerdings selbst ungeklärt, eine Deutung als „dunkle Berge“ ist Spekulation.

Unser Fazit: Die Deutung „Schmach“ ist die häufigste und inhaltlich stimmig, sicher ist sie nicht. Die heute verbreitete Schreibung „Nidhögg“ oder „Nidhöggr“ ist eine vereinfachte Form; korrekt altnordisch ist Níðhǫggr (oder Niðhǫggr), wobei ǫ im modernen Isländisch als ö geschrieben wird.

Völuspá 39: Náströnd und die Toten

Die Völuspá, die „Weissagung der Seherin“, ist das große kosmische Gedicht der Edda: Eine Völva (Seherin) erzählt Odin von der Entstehung der Welt, ihrem Niedergang und ihrem Neubeginn. Das Lied ist im Codex Regius und, in abweichender Strophenfolge, in der Hauksbók (frühes 14. Jahrhundert) überliefert; Snorri zitiert große Teile davon. Den Text kannst du bei uns auch im Zusammenhang lesen. Datiert wird die Dichtung meist um das Jahr 1000, also in die Zeit der Christianisierung Islands – ein Punkt, der für Níðhöggr wichtig wird.

In Strophe 38 sieht die Seherin einen Saal stehen, „fern der Sonne“, an der Náströnd, dem „Leichenstrand“. Seine Türen weisen nach Norden, durch die Dachluken tropft Gift herein, und die Wände sind aus Schlangenrücken geflochten. Strophe 39 sagt, wer dort landet: Menschen, die durch schwere Ströme waten, Meineidige und Mordwölfe (also heimtückische Mörder) und der, der einem anderen die Vertraute verführt, also ein Ehebrecher. Und dann:

þar saug Niðhǫggr / nái framgengna, / sleit vargr vera.
„Dort sog Níðhöggr die Leichen der Verstorbenen, ein Wolf zerriss die Männer.“Völuspá 39, eigene Übertragung

Das ist ein ganz anderes Níðhöggr-Bild als in den Grímnismál. Dort war er ein Schädling am Baum, hier ist er ein Vollstrecker an den Toten. Er „saugt“ die Leichen – das Verb sjúga ist dasselbe wie im Deutschen „saugen“. Ob er Blut saugt, Mark oder etwas Unbestimmtes, sagt der Text nicht; er bleibt bewusst dunkel. Der Wolf, der „die Männer zerreißt“, wird nicht benannt.

Auffällig ist die Auswahl der Bestraften. Es sind nicht Feiglinge oder Menschen, die den „falschen“ Tod starben, sondern Eidbrecher, Mörder und Ehebrecher. Das sind Vergehen, die das Zusammenleben zerstören – Bruch von Treue, Bruch von Frieden, Bruch von Vertrauen. Und genau hier kommt wieder der Name ins Spiel: Wer Níð auf sich lädt, wird von Níðhöggr verschlungen. Ob das ein bewusstes Wortspiel war, wissen wir nicht.

Mythos-Check: „Níðhöggr frisst alle Toten, die nicht nach Walhall kommen.“ – Nein. Die Völuspá nennt ausdrücklich bestimmte Gruppen: Meineidige, Mörder, Verführer fremder Frauen. Der Aufenthalt der „normalen“ Toten ist in den Quellen Hel, und die ist kein Strafort im christlichen Sinn. Mehr dazu im Artikel über Helheim.

Snorris Gylfaginning: Ordnung im Durcheinander

Snorri Sturluson schrieb seine Prosa-Edda um 1220 als Handbuch für Dichter, und er war ein Systematiker. Für Níðhöggr tut er drei Dinge.

Erstens verortet er ihn genau: unter der Niflheim-Wurzel, in Hvergelmir. Die Grímnismál sagten nur „von unten“. Zweitens verknüpft er ihn mit dem Eichhörnchen zu einer Streitachse zwischen Wipfel und Wurzel und zitiert dabei die Grímnismál-Strophen über die Schlangen und die Leiden der Esche – seine Kenntnis dieser Strophen ist hier also direkt greifbar. Drittens, und das ist der interessanteste Punkt, verschiebt er die Náströnd-Szene in die Zeit nach Ragnarök.

Bei Snorri erzählt Hárr („der Hohe“), welche Wohnstätten es nach dem Weltende geben wird. Es gibt gute Orte – Gimlé, den Saal Brimir und den goldenen Saal Sindri auf den Niðafjǫll – und schlechte. An der Náströnd steht der Saal aus Schlangenleibern, in dem Gift rinnt und Eidbrecher und Mörder durch Giftströme waten. Am schlimmsten aber, so Snorri sinngemäß, sei es in Hvergelmir: Dort quäle Níðhöggr die Leiber der Verstorbenen. Dazu zitiert er Völuspá-Strophen.

Damit ist bei Snorri eine Art endzeitliches Gericht entstanden: Belohnung für die Guten, Strafe für die Bösen, ein Ort ewiger Qual. Ob das schon in der Völuspá so gemeint war, ist umstritten. Im Gedicht stehen die Náströnd-Strophen nämlich nicht nach, sondern vor der Schilderung des Weltuntergangs; ihre zeitliche Einordnung bleibt offen. Snorri hat also wahrscheinlich geordnet, was im Lied noch offen nebeneinanderstand. Wer verstehen will, was nach dem Weltende folgt, findet mehr in unserem Artikel Was kommt nach Ragnarök?

Die Schlussstrophe: Der dunkle Drache fliegt

Und dann kommt die vielleicht rätselhafteste Strophe der ganzen Edda. Die Völuspá hat gerade das Weltende beschrieben – den Kampf der Götter, das Feuer Surts, das Versinken der Erde im Meer. Danach steigt eine neue, grüne Erde auf, Äcker tragen ungesät, Balder kehrt zurück, die Götter finden goldene Spielsteine im Gras. Ein Saal steht, schöner als die Sonne, in dem treue Scharen ewig Freude genießen. Ein Happy End, so scheint es. Und dann:

Þar kemr inn dimmi / dreki fljúgandi, / naðr fránn, neðan / frá Niðafjǫllum; / berr sér í fjǫðrum / – flýgr vǫll yfir – / Niðhǫggr nái. / Nú mun hon søkkvask.
„Da kommt der dunkle Drache geflogen, die glänzende Natter, von unten, von den Niðafjöll; er trägt in seinen Federn – er fliegt über das Feld – Níðhöggr, Leichen. Nun wird sie versinken.“Völuspá 66 (Schlussstrophe), eigene Übertragung

Hier tauchen gleich mehrere Begriffe für Drachenwesen auf: dreki (ein Lehnwort, das letztlich auf lateinisch draco zurückgeht), naðr (Natter, Schlange) und Níðhöggrs Name. Und er hat Federn – ein geflügelter Drache. In den Grímnismál war von Flügeln keine Rede.

Was bedeutet diese Strophe? Darüber wird seit über hundert Jahren gestritten, und es gibt keine Einigkeit. Die wichtigsten Positionen:

„Hon“ oder „hann“: Wer versinkt?

Der letzte Halbvers ist der Schlüssel zum Streit. Die Handschriften lesen Nú mun hon søkkvask – „nun wird sie versinken“. „Sie“ (hon) ist weiblich. Níðhöggr aber ist grammatisch männlich. Die naheliegende Deutung: Gemeint ist die Seherin selbst. Sie hat ihre Vision vollendet und sinkt zurück in die Erde, aus der Odin sie gerufen hat, oder in den Zustand, aus dem sie geweckt wurde. Diese Lesart wird heute von vielen bevorzugt.

Einige Herausgeber haben den Text jedoch zu hann („er“) geändert, damit der Drache versinkt – was dem Schluss eine tröstliche Note gäbe: Das Böse geht unter, die neue Welt ist sicher. Das ist aber ein Eingriff in die Überlieferung, und Eingriffe dieser Art brauchen gute Gründe. Ursula Dronke hat in ihrer kommentierten Ausgabe (1997) ausführlich zur Stelle Stellung genommen; die Diskussion ist bis heute lebendig.

Christlicher Einfluss? Eine echte Forschungsfrage

Wenn ein Gedicht um das Jahr 1000 entsteht und einen Strafort für Meineidige und Ehebrecher beschreibt, an dem ein Drache die Toten quält, dann liegt eine Frage nahe: Wie viel davon ist altnordisch, wie viel christlich? Diese Frage wird in der Forschung ernsthaft gestellt, und sie lässt sich nicht pauschal beantworten.

Für christlichen Einfluss spricht einiges. Die Idee eines jenseitigen Strafortes nach moralischen Kriterien passt schlecht zu dem, was wir sonst über vorchristliche Jenseitsvorstellungen im Norden wissen. Hel ist in den älteren Quellen ein Totenreich für viele, kein Ort der Vergeltung. Mittelalterliche christliche Visionsliteratur dagegen kennt Höllenschilderungen mit Schlangen, Giftströmen und Drachen, die Sünder peinigen, in großer Zahl. Auch das Wort dreki und das Bild des geflügelten Drachen verweisen auf die europäische, letztlich lateinische Tradition, in der der Drache oft für den Teufel steht. Und Snorris Ordnung in Gute und Böse nach dem Weltende wirkt wie ein christliches Endgericht im altnordischen Gewand.

Dagegen steht ebenfalls einiges. Die Sünden der Náströnd – Eidbruch, Mord, Verführung – sind keine spezifisch christlichen Sünden, sondern genau die Vergehen, die auch altnordisches Recht und die Ehrenkultur hart verurteilten. Schlangen an den Wurzeln des Weltenbaums stehen in den Grímnismál, die gemeinhin als heidnisch geprägt gelten. Und Níðhöggrs Name ist gut altnordisch und mit dem Rechtsbegriff níð verbunden.

Die vorsichtigste Antwort lautet daher: Die Völuspá ist ein Gedicht aus einer Zeit des Übergangs. Es ist gut möglich, dass ein Dichter heimische Bilder – die Schlangen unter dem Baum, den „Schmach-Hauer“ – mit Vorstellungen verband, die er aus christlicher Predigt und Kunst kannte. Snorri wiederum, ein gebildeter Christ des 13. Jahrhunderts, hat das Ganze weiter in Richtung Jüngstes Gericht systematisiert. Wo genau die Grenze verläuft, ist offen.

Zur Einordnung: Die Lieder-Edda wurde erst um 1270 im Codex Regius aufgeschrieben, Snorris Prosa-Edda um 1220 verfasst – beides in einem seit mehr als 200 Jahren christlichen Island. Alles, was wir über Níðhöggr wissen, stammt aus christlich überlieferten Texten. Das macht die Inhalte nicht wertlos, aber es heißt, dass wir jede Strophe auf mögliche Überlagerungen prüfen müssen.

Níðhöggr, Jörmungandr, Fáfnir – drei Schlangen, drei Rollen

In Foren, Spielen und auf T-Shirts werden die großen Schlangenwesen des Nordens gern verwechselt. Dabei haben sie in den Quellen klar getrennte Rollen. Einen Überblick über alle Drachen und Schlangen gibt unser Artikel Drachen & Schlangen in der nordischen Welt; hier die Kurzfassung für die drei bekanntesten.

Níðhöggr ist ein kosmologisches Wesen. Er hat keine Eltern, keine Geschwister, keine Vorgeschichte. Er liegt an der Wurzel des Weltenbaums, er quält die Toten in Náströnd bzw. Hvergelmir, und er taucht am Ende der Völuspá als fliegender Drache auf. Er kämpft gegen keinen Gott und wird von keinem Helden getötet.

Jörmungandr, die Midgardschlange, ist dagegen ein Kind Lokis und der Riesin Angrboða. Odin warf sie ins Meer, wo sie so groß wurde, dass sie die ganze Menschenwelt umschlingt und sich in den eigenen Schwanz beißt. Sie ist Thors große Gegnerin: beim Fischzug mit Hymir und in Ragnarök, wo sie einander gegenseitig töten. Sie lebt im Meer, nicht an der Wurzel des Baumes, und sie hat eine Familie – Loki ist ihr Vater, Fenrir und Hel sind ihre Geschwister.

Fáfnir schließlich gehört nicht in die Götter-, sondern in die Heldensage. Er war ursprünglich ein Sohn des Hreiðmarr, tötete für einen Goldschatz seinen Vater und wurde zu einem Wurm (ormr), der auf dem Gold lag. Sigurd erschlug ihn, wie es die Fáfnismál und die Völsunga saga erzählen; mehr dazu im Artikel über Sigurd und die Völsungen. Fáfnir ist der typische Hortdrache, ein verwandelter Mensch, der seiner Gier zum Opfer fällt.

Níðhöggr in Bild und Gravur

Es gibt keinen Runenstein und keine Schnitzerei aus der Wikingerzeit, die mit Sicherheit Níðhöggr zeigt. Schlangen und schlangenartige Tiere sind in der Kunst der Zeit allerdings allgegenwärtig, vom Urnes-Stil bis zu den Runenschlangen, in denen auf schwedischen Steinen die Inschriften laufen. Das berühmte Urnes-Portal in Norwegen zeigt ein Geflecht aus Schlangen und einem vierbeinigen Tier. Ob dahinter Yggdrasil mit Hirsch und Níðhöggr steht oder ein christliches Bild vom Kampf zwischen Gut und Böse, ist reine Deutung und umstritten.

Für uns in der Werkstatt ist Níðhöggr ein dankbares Motiv – gerade weil die Quellen so wenig vorgeben. Wir halten uns an das, was die Strophen tragen: eine sich windende Schlangengestalt an den Wurzeln eines Baumes, gern im Flechtwerk nordischer Tierstile, auf dunklem Schiefer, der das „Unten“ fast von selbst mitbringt.

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Häufige Fragen

Was ist Níðhöggr in der nordischen Mythologie? Níðhöggr ist ein Drache oder eine Schlange, die nach der Edda von unten an einer Wurzel des Weltenbaums Yggdrasil nagt. In der Völuspá saugt er außerdem in Náströnd die Leichen von Meineidigen und Mördern aus.

Was bedeutet der Name Níðhöggr? Der zweite Teil bedeutet „Hauer, Schläger“. Der erste wird meist als níð („Schmach, Hohn“) gedeutet, also „der hasserfüllt Zuschlagende“; möglich ist auch nið- „unten“, dann „der von unten Zuschlagende“.

Wo lebt Níðhöggr? Nach Snorri in der Quelle Hvergelmir unter der Wurzel Yggdrasils, die über Niflheim steht. Die Völuspá bringt ihn mit Náströnd, dem „Leichenstrand“, und den Niðafjöll in Verbindung.

Was hat Ratatoskr mit Níðhöggr zu tun? Das Eichhörnchen Ratatoskr trägt laut Grímnismál die Worte des Adlers im Wipfel hinunter zu Níðhöggr; Snorri macht daraus ein Hin und Her von Neidworten zwischen den beiden.

Ist Níðhöggr dasselbe wie die Midgardschlange? Nein. Jörmungandr ist Lokis Kind, lebt im Weltmeer und kämpft in Ragnarök gegen Thor. Níðhöggr liegt an der Wurzel des Weltenbaums und hat in den Quellen weder Familie noch Gegner.

Überlebt Níðhöggr Ragnarök? Die letzte Strophe der Völuspá zeigt ihn nach dem Weltende über die neue Erde fliegen. Ob er danach versinkt oder die Seherin, ist umstritten – die Handschriften lesen „sie“, was eher auf die Seherin weist.

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Weiterlesen bei uns

Yggdrasil – der Weltenbaum · Ratatoskr – das Eichhörnchen · Die neun Welten · Was nach Ragnarök kommt · Fenrir – der Wolf.

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