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Nidhoeggr - der Drache an der Wurzel des Weltenbaums

Edda-Tiere Nidhoeggr - der Drache an der Wurzel des Weltenbaums

Ganz unten, wo die Wurzeln des Weltenbaums in Dunkelheit und Kälte reichen, liegt ein Wesen, das nie ruht. Nidhoeggr nagt - Tag für Tag, unhörbar für die Lebenden, und doch untergräbt sein Zahn langsam die Ordnung aller Dinge. Er ist kein brüllender Feind, sondern ein stiller, unaufhörlicher Verfall.

Der Name und das Wesen im Verborgenen

Der Name Niðhöggr wird gewöhnlich als „Neidschlag" oder „der hasserfüllt Schlagende" gedeutet - ein Wort, das schon im Klang etwas Bohrendes, Feindseliges trägt. Es meint nicht den offenen Kampf des Kriegers, sondern die zersetzende Kraft, die von unten und im Verborgenen wirkt. Nidhoeggr ist der Drache, oder genauer die große Schlange, die an der untersten Wurzel des Weltenbaums Yggdrasil nagt und so, langsam und beständig, das Gefüge der Welt schwächt.

Anders als viele Gestalten der nordischen Überlieferung sucht Nidhoeggr nie das Licht. Er handelt nicht, er verhandelt nicht, er tritt nicht vor die Götter. Er ist da, unten, immer - und genau darin liegt das Beunruhigende an ihm. Wo andere Ungeheuer erst am Ende der Zeiten losbrechen, ist Nidhoeggr von Anfang an am Werk, ein Teil des Weltbaus, der zugleich an ihm zehrt.

Am Quell Hvergelmir, inmitten der Schlangen

Sein Ort ist die Tiefe. In Niflheim, dem Reich der Kälte und des Nebels, liegt der Quell Hvergelmir, aus dem nach Snorris Darstellung die Urströme fließen. Dort, unter der Wurzel, sammeln sich Schlangen in solcher Zahl, dass keine Zunge sie zu nennen vermag - und in ihrer Mitte liegt Nidhoeggr. Die Grímnismál sagen, mehr Würmer seien unter der Esche, als ein Unkundiger je erahnen würde, und alle nagen sie am Stamm des Lebens.

Das Bild ist von einer stillen Wucht. Der Weltenbaum, der die neun Welten trägt, ist keine unantastbare Säule, sondern ein lebendiges Wesen, das leidet: oben zehren Hirsche am Laub, in der Rinde fault die Seite, und unten setzt der Drache seinen Zahn an. Yggdrasil trägt die Welt und erträgt zugleich die Wunden, die ihm alles Lebendige und Todbringende zufügt. Nidhoeggr ist die tiefste und beharrlichste dieser Wunden.

„Mehr Würmer liegen unter der Esche Wurzel, als ein törichter Affe wähnt: Nidhöggr nagt von nieden die Wurzel." Grímnismál 34-35, Übers. Karl Simrock (gemeinfrei)

Der Adler oben, das Eichhörnchen dazwischen

Hoch in den Wipfeln von Yggdrasil thront ein Adler, weise und fern, während Nidhoeggr unten in der Dunkelheit liegt. Zwischen beiden läuft das Eichhörnchen Ratatoskr den Stamm hinauf und hinab und trägt Schmähworte hin und her - die spöttischen Reden des Adlers hinunter zum Drachen, die feindseligen Antworten wieder hinauf. So verbindet ein kleines, rastloses Tier die höchste und die tiefste Macht des Baumes, und was es überträgt, ist nicht Weisheit, sondern Streit.

Diese Szene wirkt fast beiläufig, und doch steckt in ihr ein ganzes Weltbild. Oben und unten, Himmel und Abgrund, sind nicht getrennt - sie sind durch einen unaufhörlichen Fluss von Feindseligkeit verbunden. Der Baum steht nicht in Frieden mit sich selbst. In seinem Inneren herrscht ein leiser, dauernder Zwist, den Ratatoskr nährt und der Nidhoeggr am Grunde nie zur Ruhe kommen lässt.

Der Drache am Leichenstrand

Nidhoeggr nagt nicht nur an Holz. Die Völuspá führt ihn an einen furchtbaren Ort: an Náströnd, den „Leichenstrand", der abseits der Sonne liegt. Dort steht eine Halle, aus geflochtenen Schlangenleibern gefügt, deren Gift in Strömen durch die Fenster rinnt. In diese Halle waten die Meineidigen, die Mörder und die, welche fremde Gattinnen verführten - und dort zerfleischt Nidhoeggr ihre Leichen und saugt an den Erschlagenen.

Hier zeigt sich der Drache in seiner düstersten Rolle: als Vollstrecker an denen, die Eid und Treue gebrochen haben. Man sollte darin keine ausgefeilte Höllenlehre suchen - das Nordische kennt keinen fein gegliederten Jenseitsapparat. Aber der Gedanke ist unmissverständlich. Wer die Bande zerreißt, die Menschen aneinander binden, den erwartet am Ende ein Ort ohne Wärme, ohne Licht, ohne Ruhe, wo das nagende Wesen dieselbe Arbeit an ihm verrichtet wie am Weltenbaum selbst.

Das dunkle Bild am Ende der Voeluspa

Am rätselhaftesten wird Nidhoeggr ganz zuletzt. Die Völuspá, das große Lied vom Werden und Vergehen der Welt, hat den Weltbrand schon geschildert, das Versinken und das Wiederauftauchen einer neuen, grünenden Erde. Die überlebenden Götter finden sich wieder, die Felder tragen ungesät. Und dann, im allerletzten Bild, kommt der dunkle Drache geflogen, schimmernd von unten herauf, und trägt Tote in seinem Gefieder über die Ebene - ehe er verschwindet.

Es ist eine Strophe, über die seit Langem gestritten wird. Warum erscheint der Drache in der erneuerten Welt? Ist er ein letzter Schatten der alten Ordnung, der noch einmal über das Neue streicht, bevor er dahinsinkt? Ist er ein Mahnmal, das daran erinnert, dass auch die neue Welt den Tod in sich trägt? Oder ist die Strophe schlicht ein offenes, düster hallendes Ende, das die Frage bewusst nicht beantwortet? Das Lied sagt es nicht. Es zeigt nur den Drachen, die Toten und dann Stille.

Drache oder Schlange - und was das bedeutet

Schon die Frage, ob Nidhoeggr ein Drache oder eine Schlange sei, führt in die Tiefe der Überlieferung. Das altnordische Wort ormr meint beides zugleich: die kriechende Schlange wie den geflügelten Drachen. Zwischen den Bildern muss man gar nicht scharf trennen; im Norden ist der Drache oft nur die größte, älteste, gefährlichste aller Schlangen. So gehört Nidhoeggr in dieselbe Vorstellungswelt wie die Weltenschlange und die Horte hütenden Würmer der Heldensage.

Wer Nidhoeggr allein als „Bösewicht" liest, verfehlt ihn. Er ist keine personifizierte Bosheit, die man besiegen könnte, kein Feind mit Plan und Willen. Er ist die bildhafte Gestalt des Verfalls selbst - der Kraft, die alles Bestehende von unten unterhöhlt, während es noch trägt und grünt. In dieser stillen Unerbittlichkeit liegt seine eigentliche Größe. Der Weltenbaum lebt, und der Drache nagt, und beides geschieht zur selben Zeit, ohne Ende, so lange die Welt besteht.

Was gesichert ist

Nidhoeggr ist mehrfach in den ältesten Quellen belegt. Die Grímnismál (Strophe 32 und 35) nennen ihn, das Eichhörnchen Ratatoskr und die zahllosen Schlangen unter der Wurzel Yggdrasils. Die Völuspá schildert ihn am Leichenstrand Náströnd (Strophe 39) und lässt ihn in ihrer berühmten Schlussstrophe (66) als dunklen Drachen mit Toten im Gefieder auftreten. Snorri Sturluson fasst in der Gylfaginning (Kapitel 15-16) zusammen, dass Nidhoeggr am Quell Hvergelmir liegt und die Wurzel von unten zernagt. Dass er an Yggdrasils Wurzel nagt, die Toten am Náströnd zerfleischt und am Ende der Völuspá erscheint, ist damit durch die Dichtung selbst gedeckt.

Mythos-Check

Deutung beginnt dort, wo die Quellen schweigen. Ob Nidhoeggrs Erscheinen am Schluss der Völuspá Unheil verkündet oder nur die Vergänglichkeit auch der neuen Welt, sagt das Lied nicht - Strophe 66 ist berühmt mehrdeutig und wird bis heute unterschiedlich gelesen. Auch die Trennung von „Drache" und „Schlange" ist modern; das altnordische ormr umfasst beides. Und der geläufige Rahmen vom Drachen als „Erzbösewicht" ist zu eng: Nidhoeggr steht weniger für personifiziertes Böses als für den unaufhörlichen Verfall und den Kreislauf, der auch das Höchste von unten aushöhlt. Wer ihn liest, sollte diese Offenheit stehen lassen, statt sie mit einer eindeutigen Moral zu füllen.

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