Zwei Wölfe rasen über das Firmament – der eine hinter der Sonne her, der andere hinter dem Mond. Es ist die älteste Verfolgungsjagd der Welt, und sie endet erst, wenn die Zeit selbst zerbricht: am Tag des Ragnarök. Das sind Sköll und Hati.
Warum jagen Sonne und Mond eigentlich so hastig über den Himmel? Der Norden gab darauf eine düstere, großartige Antwort: Sie fliehen. Immer. Vor zwei Wölfen, die niemals müde werden.
Nach der Lieder-Edda folgt Sköll – der Name bedeutet „Spott" oder „Hohn" – dem strahlenden Sonnenwagen, während sein Bruder Hati – „Hass" – vor dem Mond herläuft und ihn treibt. Tag und Nacht, Sommer wie Winter: Die Himmelslichter haben keine Ruhe, weil ihnen der Rachen im Nacken sitzt. Diese Jagd erklärt zugleich, warum Sól und Máni nicht stehenbleiben – und warum ihre Rosse so schnell laufen müssen.
„Sköll heißt der Wolf, der dem glänzenden Gott / bis zum Schutzwald folgt; / und Hati, der Sohn Hrodvitnirs, / jagt der leuchtenden Himmelsbraut voraus.“— Grímnismál 39, nach Karl Simrock (gemeinfrei)
Jetzt wird es kompliziert – und ehrlich gesagt ist sich selbst die Wissenschaft nicht ganz einig. Denn die beiden großen Quellen sagen Verschiedenes. In der jüngeren Prosa-Edda Snorris (um 1220) ist alles sauber aufgeteilt: Sköll jagt die Sonne, Hati den Mond. Das ist die Fassung, die man heute fast überall liest.
Das ältere Lied Grímnismál aber – Snorris eigene Vorlage – sagt es bei genauem Hinsehen genau umgekehrt. Dort folgt Sköll dem „glänzenden Gott" und Hati der „leuchtenden Himmelsbraut". Der Haken steckt im grammatischen Geschlecht: „Gott" ist männlich, „Braut" weiblich. Da im Norden die Sonne weiblich (Sól) und der Mond männlich (Máni) ist, jagt in der Grímnismál also Sköll den männlichen Mond und Hati die weibliche Sonne – die Rollen sind vertauscht.
Woher kommt die Verwirrung? Vermutlich hat Snorri, der als Christ rund zwei Jahrhunderte nach der Bekehrung schrieb, die alten, uneinheitlichen Verse für seine geordnete Nacherzählung „glattgezogen", die Zuordnung festgeklopft – und mit Mánagarmr noch einen dritten Namen hinzugefügt. Kurz: Die frühere Quelle ist die Grímnismál (und legt Sköll = Mond nahe); die häufiger zitierte ist Snorris Fassung „Sköll = Sonne, Hati = Mond". Der Widerspruch selbst ist typisch für einen Mythos, der Jahrhunderte mündlich lebte, bevor ihn jemand aufschrieb.
Hati trägt den Vaternamen Hróðvitnisson – „Sohn des Hróðvitnir". Hróðvitnir („Ruhm-Wolf") ist ein Beiname des Fenriswolfs. Die beiden Himmelsjäger gehören also zur großen, unheilvollen Wolfssippe des Nordens. Snorri Sturluson erzählt in seiner Edda, dass eine uralte Riesin im Járnviðr, dem „Eisenwald" östlich von Midgard, ein ganzes Rudel wolfsgestaltiger Riesen gebar – und aus dieser Brut stammen die Wölfe, die Sonne und Mond verschlingen werden.
Hróðvitnir – „der berühmte Wolf" oder „Ruhm-Wolf" – ist kein anderer als der Fenriswolf selbst, das gewaltigste Ungeheuer des Nordens, das die Götter nur mit dem Zauberband Gleipnir bändigen konnten. Wenn Hati also den Namen „Hróðvitnisson", Sohn des Hróðvitnir, trägt, dann sind die beiden Himmelswölfe Kinder des gefesselten Fenrir. Niemand ist diesem Wolf näher gekommen als der einhändige Kriegsgott Týr: Er allein wagte es, dem Fenrir zum Pfand die Hand ins Maul zu legen, als die Götter ihn banden – und verlor sie, als der Betrug aufflog. Von diesem Verlust und der Sehnsucht auf beiden Seiten erzählt der Spruch auf unserem Týr-Windlicht.


An einer Stelle wird Snorri noch konkreter: Der mächtigste dieser Wölfe heiße Mánagarmr, der „Mondhund". Er wird sich am Fleisch aller Sterbenden mästen, den Mond verschlingen und den Himmel mit Blut bespritzen. Viele Forscher setzen Mánagarmr mit Hati gleich – die Quellen sind hier nicht ganz einig, und genau das macht den Stoff so lebendig. Für die Nordmänner war die Sache jedenfalls handfest: Bei einer Sonnen- oder Mondfinsternis, so der Volksglaube, hatte der Wolf sein Opfer beinahe erwischt. Man machte Lärm, schrie und schlug auf Töpfe, um die Bestie zu verscheuchen.
Die ewige Jagd ist zugleich eine tickende Uhr. Wenn Ragnarök hereinbricht, holen die Wölfe endlich ein, was sie so lange trieben: Sköll verschlingt die Sonne, Hati den Mond. Die Völuspá nennt diese Endzeit die Wolfszeit – „Windzeit, Wolfszeit, eh die Welt zerstürzt". Der Himmel verdunkelt sich, die Sterne verschwinden. Und doch ist nicht alles verloren: Bevor sie stirbt, gebiert die Sonne eine Tochter, die über der neuen, grünen Welt aufgehen wird. Die Wölfe fressen das alte Licht – aber ein neues wird geboren.
„Wind-Zeit, Wolf-Zeit, eh die Welt zerstürzt; / kein Mann wird des andern schonen.“— Völuspá 45, nach Karl Simrock (gemeinfrei)

Sköll und Hati sind mehr als Monster. Sie sind der Norden selbst, der die kurzen Wintertage und die lange Dunkelheit erlebte und daraus einen Mythos formte: Das Licht ist kostbar, weil es verfolgt wird. Es rennt um sein Leben – und wir mit ihm. Zugleich steckt Trost darin: Selbst wenn die Wölfe siegen, geht das Licht nicht für immer unter. Es kehrt wieder, jünger und heller. Kaum ein Bild fasst das nordische Lebensgefühl schöner als diese zwei Wölfe unter einem brennenden Himmel.
Sunna / Sól – die Sonne · Máni – der Mond · Der Fenriswolf · Ragnarök · Was nach Ragnarök kommt.
Grímnismál, Völuspá, Vafþrúðnismál (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851); Snorri Sturluson, Gylfaginning. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; J. de Vries, Altgermanische Religionsgeschichte.