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Sunna und Sól – die Sonnengöttin der Germanen zwischen Zauberspruch, Edda und Bronzezeit

Götter & Göttinnen Sunna und Sól – die Sonnengöttin der Germanen zwischen Zauberspruch, Edda und Bronzezeit

Sunna, im Altnordischen Sól, ist die personifizierte Sonne der germanischen Überlieferung: eine weibliche Gestalt, die nach der Edda Tag für Tag einen Pferdewagen über den Himmel lenkt, gejagt von einem Wolf. Ihr Name steht in zwei sehr verschiedenen Quellen – im althochdeutschen Zweiten Merseburger Zauberspruch, eingetragen im 10. Jahrhundert, und in den isländischen Edda-Texten des 13. Jahrhunderts. Wir zeigen dir, was dort wirklich steht, warum die Sonne im Germanischen eine Frau ist und was der viel ältere Sonnenwagen von Trundholm damit zu tun hat – und was nicht.

Im Deutschen sagst du „die Sonne“ und „der Mond“, ohne darüber nachzudenken. Ein Römer hätte die Stirn gerunzelt. Für ihn war Sol ein Mann und Luna eine Frau. Die germanischen Sprachen haben es genau andersherum gehalten – und aus dieser grammatischen Eigenheit ist eine Göttin geworden, die in der Edda einen Ehemann, einen Bruder, zwei Pferde, einen Hitzeschild und einen Wolf im Nacken hat.

Wir gehen die Zeugnisse der Reihe nach durch und sagen jedes Mal dazu, aus welcher Zeit sie stammen und wie weit sie tragen.

Die Sonne ist eine Frau – ein sprachgeschichtlicher Befund

Beginnen wir mit dem Handfesten: der Grammatik. Althochdeutsch sunna, altenglisch sunne, altnordisch sól und das dichterische sunna sind weiblich. Der Mond – althochdeutsch māno, altenglisch mōna, altnordisch máni – ist männlich. Ganz einheitlich ist das Bild allerdings nicht: Das Gotische kennt neben sunnō auch das sächliche sauil, und im Altenglischen steht neben sunne das Wort sigel.

Dass es überhaupt zwei Wortformen gibt – eine mit l (sól, sauil, lateinisch sol) und eine mit n (sunna, englisch sun) –, hat einen alten Grund. Die Sprachwissenschaft rekonstruiert für das Indogermanische ein Sonnenwort, das je nach Fall zwischen l und n wechselte. Die germanischen Sprachen haben beide Zweige behalten. Im Altnordischen stehen sie sogar nebeneinander: sól als Alltagswort, sunna als gehobenes Dichterwort.

Der Religionswissenschaftler John Lindow hält es für wahrscheinlich, dass die Geschlechter von Sól und Máni in der Mythologie schlicht der Grammatik folgen: Erst war das Wort weiblich, dann die Gestalt. Auch die litauische Sonne Saulė ist eine Göttin – eine allgemeine „indogermanische Sonnenfrau“ folgt daraus aber nicht, denn im Griechischen und Lateinischen ist die Sonne männlich.

Gesichert: Das germanische Sonnenwort ist überwiegend weiblich, das Mondwort männlich – und die Grammatik ist älter als jeder Text über Sól und Máni.
Sonnenwagen von Trundholm
Der Sonnenwagen von Trundholm, Nordische Bronzezeit, um 1400 v. Chr. Die Goldseite zeigt nach Osten. Nationalmuseet København. Foto: Nationalmuseet, CC BY-SA 3.0

Sunna auf dem Kontinent: der Zweite Merseburger Zauberspruch

Fast alles über die nordische Götterwelt stammt aus Island. Sunnas Name aber steht in einem der ganz wenigen althochdeutschen Texte mit heidnischen Gottheiten: dem Zweiten Merseburger Zauberspruch.

Die beiden Merseburger Zaubersprüche wurden im 10. Jahrhundert von einem Geistlichen auf das ursprünglich leere Vorsatzblatt eines älteren liturgischen Buchs geschrieben. Heute liegen sie in der Domstiftsbibliothek Merseburg, Codex 136, Blatt 85 recto. Entdeckt hat sie 1841 der Historiker Georg Waitz. Jacob Grimm stellte sie am 3. Februar 1842 der Berliner Akademie vor. Der Text ist gemeinfrei:

Phol ende uuodan uuorun zi holza.
du uuart demo balderes uolon sin uuoz birenkit.
thu biguol en sinthgunt, sunna era suister;
thu biguol en friia, uolla era suister;
thu biguol en uuodan, so he uuola conda:
sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki:
ben zi bena, bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sose gelimida sin.Zweiter Merseburger Zauberspruch, Merseburg, Domstiftsbibliothek, Cod. 136, fol. 85r (10. Jh.)

Sinngemäß übertragen: Phol und Wodan ritten in den Wald. Da wurde dem Fohlen Balders der Fuß verrenkt. Da besprach ihn Sinthgunt, Sunna ihre Schwester; da besprach ihn Frija, Volla ihre Schwester; da besprach ihn Wodan, so gut wie er es konnte. Ob Knochenverrenkung, ob Blutverrenkung, ob Gliedverrenkung: Knochen zu Knochen, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, als ob sie geleimt seien.

Der Aufbau ist typisch für einen Heilzauber: erst eine kleine Göttergeschichte als Präzedenzfall, dann die Formel. Wer den Spruch über ein lahmendes Pferd sprach, übertrug den mythischen Heilerfolg auf seinen eigenen Fall.

Wer ist Sinthgunt – und wessen Schwester ist Sunna?

Sinthgunt kommt sonst nirgends vor. Sprachlich lässt er sich zerlegen in sind („Weg, Fahrt, Reise“ – dasselbe Wort steckt in Gesinde, ursprünglich die Reisebegleitung) und gund („Kampf“), ein typisches Glied in Frauennamen. Daraus ergeben sich Deutungen wie „die den Weg erkämpft“ oder „die Wanderin“. Weil Sunna als ihre Schwester genannt wird, wurde an eine Himmelserscheinung gedacht, etwa den Mond oder den Morgenstern. Belegt ist davon nichts.

Dann die Grammatik: sinthgunt, sunna era suister heißt wörtlich „Sinthgunt, Sunna ihre Schwester“. Die übliche Lesung ist: Sunna ist die Schwester der Sinthgunt. Das Muster wiederholt sich in der nächsten Zeile mit Frija und Volla – und dort wissen wir aus der nordischen Überlieferung, dass Fulla zum engsten Kreis der Frigg gehört. Wer bei Sinthgunt und Sunna die Hauptfigur ist, bleibt offen.

Und schließlich die Frage, ob hier überhaupt eine Sonnengöttin gemeint ist. Die meisten Fachleute – darunter Rudolf Simek und John Lindow in ihren Lexika – sehen in Sunna die personifizierte Sonne. Ein Kult für Sunna ist damit aber nicht belegt. Auch sonst ist vieles offen – etwa, ob Phol ein Beiname Balders ist, wie Jacob Grimm meinte.

Gesichert: Merseburg, Domstiftsbibliothek, Cod. 136, fol. 85r. Eintrag im 10. Jahrhundert (nach Angaben des Merseburger Doms im ersten oder zweiten Drittel des Jahrhunderts) auf dem Vorsatzblatt eines Sakramentars des 9. Jahrhunderts. Wie alt der Inhalt ist, lässt sich nicht bestimmen.
Sól und Máni werden von zwei Wölfen verfolgt
„The Wolves Pursuing Sol and Mani“, John Charles Dollman, 1909. gemeinfrei.

Sól in der Edda: Mundilfaris Kinder

Rund dreihundert Jahre später bekommt die Sonne in Island eine Familiengeschichte. Snorri Sturluson erzählt um 1220 in Kapitel 11 der Gylfaginning: Ein Mann namens Mundilfari hatte zwei Kinder, so schön und wohlgestalt, dass er den Sohn Máni (Mond) und die Tochter Sól (Sonne) nannte. Die Tochter verheiratete er mit einem gewissen Glenr. Die Götter empfanden das als Hochmut und setzten die Geschwister an den Himmel. Sól muss seither die Pferde lenken, die den Sonnenwagen ziehen – einen Wagen, den die Götter aus den glühenden Funken gemacht hatten, die aus Muspelheim flogen. Máni lenkt den Lauf des Mondes und bestimmt sein Zu- und Abnehmen.

Sól ist hier nicht die Sonne selbst, sondern ihre Lenkerin – kein Urwesen, sondern ein Menschenkind im Strafdienst. Ganz konsequent ist Snorri nicht: In Kapitel 35, wo er die Göttinnen aufzählt, heißt es am Ende, Sól und Bil würden zu den Asinnen gezählt.

Snorri stützt sich auf ältere Lieder. Im Vafþrúðnismál, dem Wissenswettstreit Odins mit einem Riesen, heißt es in Strophe 23: Mundilfari heiße der Vater von Máni und ebenso von Sól; sie müssten jeden Tag den Himmel umkreisen, damit die Menschen die Jahre zählen können. Von einer Strafe der Götter ist dort keine Rede. Die Sonne ist hier vor allem eines: eine Uhr.

Árvakr, Alsviðr und der Schild Svalinn

Wer einen glühenden Wagen zieht, braucht Kühlung. Das Grímnismál, in dem Odin als gefolterter Gast sein Weltwissen ausbreitet, hat dafür eine Lösung.

In Strophe 37 heißt es, die Pferde der Sonne hießen Árvakr („Frühwach“) und Alsviðr („Allgeschwind“). Unter ihren Schultern hätten die Götter ísarnkol verborgen, wörtlich „Eisenkühle“. Was genau das sein soll, weiß niemand sicher. Snorri, der die Stelle aufgreift, erklärt es auf seine Weise: Die Götter hätten den Pferden zwei Blasebälge unter die Schultern gesetzt, um sie zu kühlen, und in manchen Überlieferungen heiße das ísarnkol. Snorri kennt also ein altes, schwer verständliches Wort und rationalisiert es mit einem Gerät aus der Schmiede.

Strophe 38 nennt einen Schild namens Svalinn, „der Kühlende“. Er steht vor der Sonne, vor dem „strahlenden Gott“. Fiele er herab, so heißt es, würden Berge und Meer in Flammen aufgehen. Svalinn taucht noch ein zweites Mal auf, im Sigrdrífumál (Strophe 15): Dort zählt die Walküre auf, wo überall Runen eingeritzt seien – auf dem Schild, der vor dem strahlenden Gott steht, auf Árvakrs Ohr und auf Alsviðrs Huf. In Snorris Prosa kommt Svalinn dagegen nicht vor.

Pferde mit Kühlung, ein Hitzeschild zwischen Sonne und Erde: Wer sich das ausdenkt, hat sich ernsthaft gefragt, warum die Welt nicht verbrennt. Wer täglich mit einem Laser arbeitet, nickt da verständnisvoll.

Gesichert: Grímnismál Str. 37–39 und Sigrdrífumál Str. 15, beide im Codex Regius der Lieder-Edda (GKS 2365 4to, um 1270); Gylfaginning Kap. 11 (Snorra-Edda, um 1220). Die Bedeutung von ísarnkol ist umstritten; Snorris „Blasebälge“ sind seine eigene Erklärung.
Sól, ihre Tochter und Fenrir
Sól, ihre Tochter und der Wolf. Zeichnung von Lorenz Frølich († 1908). gemeinfrei.

Skǫll und Hati: der Wolf hinter der Sonne

Warum hat die Sonne es so eilig? Weil ihr Verfolger dicht auf den Fersen ist, sagt Snorri in Kapitel 12. Es sind zwei Wölfe. Der hinter ihr läuft, heißt Skǫll; sie fürchtet ihn, und er wird sie fassen. Der vor ihr herspringt, heißt Hati Hróðvitnisson und will den Mond packen.

Snorri fügt hinzu, eine Riesin im Eisenwald (Járnviðr) gebäre Wölfe; der mächtigste, Mánagarmr („Mondhund“), werde den Mond verschlingen und den Himmel mit Blut bespritzen, sodass die Sonne ihren Schein verliert.

Snorri stützt sich auf zwei Lieder. Im Grímnismál (Str. 39) heißt es, Skǫll folge dem „strahlenden Gott“ bis in einen schützenden Wald, Hati, der Sohn Hróðvitnirs, laufe vor der „hellen Braut des Himmels“. Das Lied selbst sagt nicht ausdrücklich „Sonne“ und „Mond“ – die eindeutige Zuordnung stammt von Snorri. Hróðvitnir („Ruhmeswolf“) gilt dabei meist als anderer Name für Fenrir. In der Völuspá (Str. 40–41) sitzt im Osten eine Alte im Eisenwald und zieht Fenrirs Brut groß; einer davon wird zum Räuber des Himmelslichts in Trollgestalt.

Eine dritte Version: Im Vafþrúðnismál (Str. 46) ist es Fenrir selbst, der die Sonne packt. Henry Adams Bellows vermutete 1923 eine Verwechslung von Vater und Sohn – vielleicht war die Überlieferung aber nie einheitlich.

Mythos-Check: „Skǫll jagt die Sonne, Hati den Mond“ wird in vielen modernen Nacherzählungen als festes Wissen präsentiert. Diese saubere Zuordnung ist Snorris Systematisierung. Die älteren Lieder sprechen bildhafter und widersprechen sich teilweise: Im Vafþrúðnismál verschlingt Fenrir die Sonne, im Grímnismál ist das Ziel der Wölfe nur umschrieben.

Die Tochter der Sonne – was nach Ragnarök kommt

Bei Ragnarök verfinstert sich die Sonne; die Völuspá sagt in Strophe 57 (Zählung nach dem Codex Regius), die Sonne beginne schwarz zu werden, die Erde sinke ins Meer, die hellen Sterne fielen vom Himmel.

Aber die Sonne hinterlässt eine Erbin. Im Vafþrúðnismál antwortet der Riese auf Odins Frage in Strophe 47 sinngemäß: Eine Tochter gebiert Álfrǫðull, ehe Fenrir sie packt; die wird reiten, wenn die Götter sterben, die Maid auf den Wegen der Mutter. Snorri zitiert genau diese Strophe in Kapitel 53 der Gylfaginning, wo er die neue Welt nach Ragnarök beschreibt, und ergänzt, die Tochter sei nicht weniger schön als die Mutter.

Wichtig, weil oft falsch zu lesen: Die Sonnentochter steht im Vafþrúðnismál und bei Snorri, nicht in der Völuspá.

Álfrǫðull ist übrigens selbst ein schöner Name. Er bedeutet etwa „Albenglanz“ oder „Glanz der Alben“; das zweite Glied rǫðull ist ein Dichterwort für die Sonne, wohl verwandt mit „rot“. Das Wort erscheint auch im Skírnismál (Str. 4), wo der Gott Freyr klagt, die Sonne scheine jeden Tag und doch nicht nach seinem Willen. Warum die Sonne mit den Alben verbunden wird, verrät keine Quelle.

Sechs Namen für die Sonne: Alvíssmál 16

Im Alvíssmál will der Zwerg Alvíss Thors Tochter heiraten. Thor prüft ihn: Er soll für jedes Ding sagen, wie es in den verschiedenen Welten heißt (die ganze Geschichte bei Thrud und Alvíss).

Auf die Frage nach der Sonne (Str. 15) antwortet Alvíss in Strophe 16 mit sechs Namen:

Ausgerechnet die Götter sagen sunna – wie der Name aus Merseburg. Ein reizvoller Zufall, aber kein Beweis: Sunna war im Altnordischen einfach das feierlichere Wort.

Der Zwergenname hat bitteren Witz: Zwerge vertragen kein Sonnenlicht. Genau daran scheitert Alvíss am Ende – Thor hält ihn mit Fragen hin, bis die Sonne aufgeht. Und das „schöne Rad“ der Alben zeigt, dass die Sonne auch in der Dichtung als Rad gedacht werden konnte.

Gesichert: Alvíssmál Str. 15–16 (Codex Regius). Ähnliche Sonnenbezeichnungen – darunter rǫðull, eygló, fagrahvél und álfrǫðull – stehen auch in den Namenslisten (þulur) der Snorra-Edda. Hinter den „Sprachen der Welten“ steht wohl ein dichterisches Spiel mit Synonymen.

Der Sonnenwagen von Trundholm – 2.600 Jahre älter

Im Jahr 1902 pflügte ein Mann im Trundholm-Moor in Odsherred auf Seeland ein seltsames Bronzeobjekt aus dem Boden. Nach Den Store Danske spielten zunächst die Kinder des Finders mit dem Pferd, bevor das Nationalmuseum davon erfuhr. Zusammengesetzt ergab sich einer der berühmtesten Funde Europas: ein Bronzepferd auf Rädern, das eine aufrecht stehende Scheibe zieht. Der Sonnenwagen von Trundholm ist etwa 60 Zentimeter lang, die Scheibe misst rund 25 Zentimeter. Nur eine Seite der Scheibe ist mit Goldblech belegt.

Datiert wird der Wagen in die ältere Nordische Bronzezeit, ins 14. Jahrhundert vor Christus, also um 1400 v. Chr. Nachgrabungen Ende der 1990er-Jahre brachten weitere Bruchstücke und zeigten: Der Wagen wurde absichtlich zerbrochen, bevor man ihn im Moor niederlegte.

Die gängige Deutung: Die vergoldete Seite zeigt die Tagsonne, die blanke Bronzeseite die Sonne auf ihrem nächtlichen Rückweg – oder, eine Alternative, den Mond. Der dänische Archäologe Flemming Kaul hat daraus mit vielen weiteren Funden das Modell einer bronzezeitlichen „Sonnenreise“ entwickelt: Tagsüber zieht ein Pferd die Sonne, nachts trägt ein Schiff sie zurück. Es bleibt eine gut begründete Rekonstruktion ohne Text.

Jetzt die entscheidende Einordnung: Zwischen Trundholm und Snorri liegen rund 2.600 Jahre. Die Menschen, die den Wagen gossen, sprachen noch kein Germanisch; wir wissen nicht, ob sie die Sonne als Frau, Mann oder gar nicht als Person dachten. Rudolf Simek sieht in solchen Funden ein Zeugnis dafür, wie alt die Vorstellung einer von Pferden gezogenen Sonne ist, bezweifelt aber, dass sie einen germanischen Sonnenkult belegen.

Mythos-Check: „Der Sonnenwagen von Trundholm zeigt Sunna.“ Nein. Er zeigt eine Sonnenvorstellung der Bronzezeit, weit über ein Jahrtausend, bevor man überhaupt von Germanen sprechen kann. Dass auch Sóls Wagen von Pferden gezogen wird, ist eine auffällige Parallele, keine Gleichung. Dasselbe gilt für die Himmelsscheibe von Nebra (um 1600 v. Chr.).

Radkreuz und Wirbelscheibe auf Bildsteinen

Ein Symbol fällt bei der Sonne immer wieder: das Rad. Kreise mit eingeschriebenem Kreuz – Radkreuze oder Sonnenkreuze genannt – gehören zu den häufigsten Motiven auf den bronzezeitlichen Felsritzungen Skandinaviens, etwa im Gebiet von Tanum in Bohuslän. Ob jedes Radkreuz eine Sonne meint oder schlicht ein Rad, lässt sich im Einzelfall kaum entscheiden; zudem kommen Radkreuze in ganz Europa vor.

Im 5. und 6. Jahrhundert n. Chr. tauchen auf Gotland andere Scheiben auf. Die frühesten Bildsteine der Insel, nach der Forschung als Typ A bezeichnet und in die Zeit von etwa 400 bis 600 datiert, tragen im oberen Feld oft eine große, sorgfältig gemeißelte Scheibe mit Wirbel- oder Rosettenmuster, darunter häufig zwei kleinere Scheiben.

Nach Angaben des Gotlandmuseums werden diese Scheiben verbreitet als Himmelskörper gedeutet, und der schwedische Archäologe Anders Andrén hat sie als Hinweis auf eine Sonnenverehrung gelesen. Das Museum stellt aber auch eine andere Spur zur Diskussion: Ganz ähnliche Spiral- und Rosettenmotive finden sich auf römischen Grabsteinen in den nördlichen und westlichen Provinzen, oft zusammen mit einer liegenden Mondsichel – die nordische Steinmetze möglicherweise in ein Ruderboot umgedeutet haben.

Gesichert: Wirbel- und Rosettenscheiben auf gotländischen Bildsteinen vom Typ A (ca. 400–600 n. Chr.). Die Deutung als Sonne ist verbreitet und gut begründet, aber nicht die einzige; ein Bezug zur namentlich überlieferten Sól der Edda ist nicht belegt.

Die Sonnenrune und die Runengedichte

Die s-Rune heißt im älteren Futhark rekonstruiert *sōwilō, im jüngeren sól, im angelsächsischen sigel (mehr bei den Runen). Die mittelalterlichen Runengedichte umschreiben sie: Das altisländische nennt die Sonne „Schild der Wolken“, das altnorwegische „Licht der Länder“, das altenglische eine Hoffnung der Seeleute. Alle drei entstanden in christlicher Zeit – von einer Göttin ist dort nicht die Rede.

Sólarljóð: das christliche Sonnenlied

Wer nach „Sól“ und „Edda“ sucht, landet beim Sólarljóð, dem „Sonnenlied“ – und sollte keine heidnische Sonnenhymne erwarten.

Das Sólarljóð ist ein isländisches Gedicht aus christlicher Zeit, entstanden wohl um 1200 oder im 13. Jahrhundert; die Datierung schwankt in der Forschung. Es umfasst 82 Strophen (in manchen Handschriften 83) im Eddaversmaß ljóðaháttr. Ein verstorbener Vater spricht aus dem Jenseits zu seinem Sohn. Er gibt Ratschläge im Stil der Hávamál, schildert sein Sterben und Visionen von Hölle und Himmel – ganz in der Tradition der mittelalterlichen Visionsliteratur.

Berühmt ist die Strophengruppe 39 bis 45: Jede beginnt mit Sól ek sá, „Die Sonne sah ich“. Der Sterbende blickt ein letztes Mal in die Sonne, und das irdische Licht verwandelt sich unter seinem Blick in ein göttliches. Die Sonne ist hier Bild für Gott, keine Göttin; einzelne alte Namen und Bilder ändern nichts an der klar christlichen Weltsicht.

Sunnentag: wie die Sonne in unsere Woche kam

Jede Woche erinnert dich ein Tag an Sunna – zumindest an ihr Wort. Unser Sonntag heißt althochdeutsch sunnūntag, „Tag der Sonne“. Altenglisch heißt er sunnandæg (daraus Sunday), altnordisch sunnudagr, dänisch heute søndag.

Der Name ist allerdings keine germanische Erfindung. Er ist eine Lehnübersetzung des lateinischen dies Solis, des „Tages des Sol“ in der römischen Planetenwoche. Die Germanen übernahmen die Siebentagewoche von den Römern und übersetzten die Tagesnamen – beim Dienstag, Donnerstag und Freitag mit eigenen Götternamen. Wann genau, ist umstritten. Die ganze Geschichte erzählen wir bei den germanischen Wochentagen.

Geehrt wurde damit nicht Sunna; das lateinische Wort wurde schlicht ersetzt. Im Isländischen heißt er übrigens bis heute sunnudagur – obwohl die Kirche dort im 12. Jahrhundert die Götternamen anderer Tage, etwa des Donnerstags, durch neutrale Bezeichnungen ersetzte. Die Sonne durfte bleiben.

Auch für Sonnwendfeuer als germanischen Sonnenkult fehlen vorchristliche Belege; was die Quellen zu Mittwinter und Mittsommer wirklich hergeben, steht in unseren Beiträgen zum Julfest und zur Sonnenwende.

Mythos-Check: „Die Germanen verehrten Sunna als höchste Göttin.“ Dafür gibt es keine Quelle. Im Merseburger Spruch steht Sunna neben anderen, nicht über ihnen; in der Edda ist Sól eine dienende Himmelsfahrerin, die Snorri nebenbei zu den Asinnen zählt. Tempel, Opfer oder Priester für Sunna sind nicht überliefert. Das Bild einer germanischen Sonnenkönigin an der Spitze des Pantheons stammt aus der Romantik, nicht aus den Quellen.

Warum uns Sunna nicht loslässt

Sunna ist keine Kriegerin. Sie erobert nichts, sie rächt nichts. Sie fährt jeden Tag dieselbe Bahn, mit einem Wolf im Rücken, und hört nicht auf. Und wenn sie am Ende doch gefasst wird, hat sie längst vorgesorgt: Eine Tochter übernimmt ihren Weg.

Für ein Motiv in Schiefer oder Glas ist sie ein Glücksfall, weil wir nichts erfinden müssen: eine Strophe mit sechs Namen, ein heilender Spruch aus dem 10. Jahrhundert – und eine Bronzescheibe, die viel älter ist als alle Worte. Eine Verwandte im Bild, keine Schwester im Glauben.

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Häufige Fragen

Wer ist Sunna in der germanischen Mythologie? Sunna ist die personifizierte Sonne. Der Name steht im althochdeutschen Zweiten Merseburger Zauberspruch (10. Jh.), wo Sunna ein verletztes Pferd bespricht; die altnordische Entsprechung ist Sól.

Ist Sól eine Göttin oder nur die Sonne? Beides. Nach Snorri ist Sól die Tochter des Mundilfari, die den Sonnenwagen lenkt, und in Kapitel 35 der Gylfaginning zählt er sie zu den Asinnen. Einen Kult für sie überliefert keine Quelle.

Welcher Wolf jagt die Sonne? Nach Snorri Skǫll, während Hati den Mond verfolgt. Im Vafþrúðnismál ist es dagegen Fenrir, der die Sonne verschlingt.

Warum ist die Sonne im Deutschen weiblich? Weil das germanische Sonnenwort schon in den alten Sprachstufen überwiegend weiblich war und der Mond männlich – anders als im Lateinischen und Griechischen.

Zeigt der Sonnenwagen von Trundholm die Göttin Sunna? Nein. Er stammt aus der Bronzezeit um 1400 v. Chr., lange bevor es germanische Sprachen und die Gestalt Sunna gab; er belegt nur, wie alt die Idee einer von Pferden gezogenen Sonne ist.

Quellen

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