Im Norden ist die Sonne weiblich. Sunna – bei den Nordgermanen Sól – jagt Tag für Tag über den Himmel, verfolgt von einem Wolf, der sie am Ende der Zeiten verschlingen wird. Sie ist Göttin des Lichts, des Lebens und des Sieges – und gerade jetzt, zur Sommersonnenwende, in ihrer vollen Kraft.
Sunna (althochdeutsch/altenglisch) bzw. Sól (altnordisch) ist die personifizierte Sonne. Anders als in der griechisch-römischen Welt ist das Tagesgestirn im germanischen Norden also eine Frau. Sie ist Tochter des Riesen Mundilfari – der seine Kinder so schön fand, dass er sie nach Sonne und Mond benannte; zur Strafe für diese Anmaßung, so die Edda, müssen Sól und ihr Bruder Máni seither die Himmelswagen ziehen.
Sól gilt als leuchtend-schön, „die glänzende Braut des Himmels". Sie war den Germanen Quelle von Licht, Leben und Sieg; überliefert sind sogar Siegopfer, die ihr geweiht wurden. Als Lichtbringerin ist sie die natürliche Feindin von Trollen, Hexen und Dunkelalben, die das Sonnenlicht scheuen.
Sól fährt mit dem Sonnenwagen Alfrödull („Elfenglanz") über den Himmel, gezogen von den Pferden Arvakr („der Frühe") und Alsvidr („der Schnelle"). Damit die beiden Rosse in der Sonnenglut nicht verbrennen, legten ihnen die Götter kühlende Blasebälge – ísarnkol, „Eisenkühle" – unter die Schultern. Und zwischen sich und die Erde hält Sól den Schild Svalinn, „den Kühlenden": Stünde er nicht dort, so gingen Land und Meer in Flammen auf. Dass man die Sonne schon in der Bronzezeit als Wagen über den Himmel fahren sah, zeigt der berühmte Sonnenwagen von Trundholm.
Ihr Bruder ist Máni, der Mond. Im germanischen Norden ist die Sonne weiblich und der Mond männlich – genau umgekehrt zur römisch-griechischen Welt. Auch Máni zieht in einem Wagen über den Himmel, nur bei Nacht; seine Geschichte, seine Kinder Bil und Hjúki und seinen eigenen Wolf erzählen wir im Artikel Máni – der Mond des Nordens.


Unablässig wird Sól von einem Wolf verfolgt: Sköll jagt die Sonne, sein Zwillingsbruder Hati den Mond. Am Tag des Ragnarök holt Sköll sie ein und verschlingt sie. Doch bevor das geschieht, gebiert Sól eine Tochter – eine neue Sonne, die über der grünen Welt nach dem Untergang leuchten wird. Bei einer Sonnenfinsternis glaubten die Nordmänner, der Wolf sei ihr bedrohlich nahegekommen. Die ganze Geschichte der beiden Himmelswölfe – ihre Herkunft, der Mondhund Mánagarmr und das Ende der Welt – erzählen wir im Hauptartikel Sköll & Hati – die ewige Jagd.
Im zweiten Merseburger Zauberspruch heilt eine Reihe von Gottheiten das verrenkte Pferdebein – darunter „Sunna, ihre Schwester" und die geheimnisvolle Sinthgunt. Die uralte Sonnenverehrung lebt bis heute in Bräuchen fort: die zur Sonnenwende oder Weihnacht brennenden, den Berg hinabrollenden Sonnenräder gelten als Nachhall vorchristlicher Kulthandlungen.
„Sköll heißt der Wolf, der zum Schutzwald folgt / dem glänzenden Gott; / und Hati, Hrodvitnirs Sohn, / erwartet die leuchtende Himmelsbraut.“— Grímnismál 39, Übersetzung nach Karl Simrock (gemeinfrei)
Máni – der Mond · Sköll & Hati – die ewige Jagd · Ragnarök · Die Nornen · Kolovrat oder Schwarze Sonne?.
Vafþrúðnismál, Grímnismál, Völuspá, Merseburger Zaubersprüche (Lieder-Edda / ahd.), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Snorri Sturluson, Gylfaginning. Tacitus, Germania. Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; J. de Vries, Altgermanische Religionsgeschichte.