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Ullr – der Gott auf Skiern

Götter & Göttinnen Ullr – der Gott auf Skiern

Er ist einer der bekanntesten „unbekannten" Götter: Jeder, der sich mit der Mythologie befasst, kennt seinen Namen – und doch tritt Ullr in kaum einem Mythos selbst auf. Dabei war er einmal von enormer Bedeutung: der herrliche Bogenschütze auf Skiern, dem man in Skandinavien mehr Orte weihte als fast jedem anderen Gott. Ein Blick auf eine sehr alte Gestalt, die sich ins Halbdunkel zurückgezogen hat.

Der herrliche Bogenschütze

Der Name Ullr geht auf gotisch vulþus, „Herrlichkeit", zurück – Ullr ist „der Herrliche", und auch Snorri nennt ihn schön von Angesicht. Snorri fasst ihn im Gylfaginning knapp zusammen: ein Sohn der Sif und Stiefsohn Thors, ein so guter Bogenschütze und Skiläufer, dass keiner sich mit ihm messen kann, dazu ein guter Krieger, den man bei Zweikämpfen anrufen soll. Seine Wohnstatt heißt in der Edda Ydalir, „Eibental" – und die Eibe liefert das zähe Holz für die besten Bögen. Ein Bogengott, der im Eibental wohnt: Das passt zusammen wie Faust aufs Auge.

„Ullr heißt ein Ase, Sohn der Sif und Thors Stiefsohn. Er ist ein so guter Bogenschütze und Skiläufer, dass keiner sich mit ihm messen kann." Snorra-Edda, Gylfaginning 30 (nach Simrock, gemeinfrei)

Älter als die meisten Götter

Dass Ullr uralt ist, verraten die Ortsnamen. Nördlich des Oslofjords und in weiten Teilen Schwedens ist die Zahl der Orte, die seinen Namen tragen, größer als die jedes anderen Gottes – in Dänemark und Schonen fehlen sie dagegen völlig. Namen wie Ulleråker („Ulls Acker") oder Ullevi („Ulls Heiligtum") zeigen, wo man ihn verehrte; Formen wie Ullinleik („Ulls Wettspiel") deuten sogar auf Wettkämpfe zu seinen Ehren. Noch älter ist die Schwertzwinge von Torsberg aus dem 3. Jahrhundert mit der Runeninschrift owlþuþewaR – „Diener des Ullr".

Auffällig: Obwohl die Edda ihn zu den Asen zählt, steht Ullr in den Ortsnamen oft neben wanischen Göttern wie Freyr und Njörd. In alter Zeit muss es also eine besondere Verbindung zwischen ihm und den Wachstumsgöttern gegeben haben – ein Hinweis darauf, wie tief seine Wurzeln reichen.

Schild, Ski und Schwurring

Rund um Ullr liegt ein feines Wortspiel. Das altnordische skíð bedeutet sowohl „Schneeschuh/Ski" als auch „Brett" – und so heißt auch der Schild. In der Dichtersprache wird der Schild „Ulls Schiff" genannt. Ein vollständiger Mythos dazu fehlt uns; man denkt an die Kimbern, die auf ihren Schilden die verschneiten Alpenhänge hinabrutschten. Für einen Jagdgott im Winter war der Schild vielleicht ebenso Fortbewegungsmittel wie Waffe.

Und noch etwas verbindet sich mit ihm: der Ring. Auf alte Schilde malte man einen Rand, den man „Ring" nannte – und ein heiliger Ring war das Symbol für Bindung und Eid. Im Atlilied wird ausdrücklich bei „Ulls Ring" geschworen, neben Sonne und heiligem Berg. Ullr ist damit auch ein Gott des Eides – ein Zug, der ihn dem Rechtsgott Tyr nahebringt.

Ein Winterodin?

Saxo Grammaticus erzählt von „Ollerus" (Ullr), der während einer zeitweiligen Verbannung Odins herrschte und nach dessen Rückkehr vertrieben wurde. Dahinter steckt vielleicht ein Ringen zwischen einer älteren Ullr-Verehrung (Schweden) und einer erstarkenden Stellung Odins (Dänemark) – nicht umsonst fehlen Ullr-Ortsnamen gerade in Dänemark. Ob Ullr eine Art „Winterodin" war, bleibt Spekulation. Sicher ist: Er gehört zu den ganz alten Göttern, und wer ihn spüren will, sollte es im Winter versuchen.

Was gesichert ist

Ullr ist in Grímnismál 5 (Ydalir), in Snorris Gylfaginning 30 (Bogenschütze/Skiläufer, Sifs Sohn) und im Skáldskaparmál (Kenningar: Schneeschuh-Ase, Bogen-Ase, Schild-Ase) belegt; im Atlakviða 30 wird bei Ullrs Ring geschworen. Sein hohes Alter zeigen die zahlreichen theophoren Ortsnamen in Norwegen und Schweden sowie die Torsberg-Schwertzwinge (3. Jh., „owlþuþewaR"). Die Verbindung zu wanischen Göttern ist über Ortsnamenpaare belegt.

Mythos-Check

Einen Mythos, in dem Ullr selbst die Hauptrolle spielt, gibt es nicht – nur den späten, euhemerisierten Ollerus-Bericht bei Saxo. Der „Winterodin" ist eine Deutung, kein Beleg. Auch die Gleichung Schild = Ski ruht vor allem auf der Doppeldeutigkeit des Wortes skíð und der Kimbern-Anekdote. Sicher ist die große, alte Bedeutung Ullrs; vieles Weitere bleibt bewusst offen – der Gott hat sich, wie Tyr, ins Halbdunkel der Geschichte zurückgezogen.

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