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Widar und Vali – die stillen Rächer

Götter & Göttinnen Widar und Vali – die stillen Rächer

Die Rache war im germanischen Denken kein Makel, sondern eine Pflicht – und der Norden gab ihr zwei Götter. Widar, den schweigsamen Asen, der am Ende der Welt den Wolf tötet, der Odin verschlang. Und Vali, den Einnächtigen, der schon am Tag seiner Geburt losgeht, um Baldrs Tod zu sühnen. Zwei stille Gestalten, deren Stunde erst spät schlägt – und die den Weltuntergang überdauern.

Widar, der schweigsame Ase

Widars Name bedeutet „der weithin Herrschende". Er ist, so Snorri, „nach Thor der stärkste, und alle Götter verlassen sich auf ihn in allen Schwierigkeiten". Seine große Tat kommt am Ende: Als der Fenriswolf beim Ragnarök Odin verschlingt, eilt Widar herbei und rächt den Vater.

„Da kommt der mächtige Sohn Siegvaters, Widar, wider den Wolf zu kämpfen; er stößt dem Sohne Lokis das Schwert ins Herz – und gerächt ist der Vater." Völuspá 55 (nach Simrock, gemeinfrei)

Snorri erzählt es etwas anders: Widar setzt dem Wolf den Fuß in den Unterkiefer und reißt ihm den Rachen entzwei. An diesem Fuß trägt er einen Schuh aus all den Lederstreifen, die die Menschen seit jeher von ihren Schuhen abschneiden – deshalb solle jeder diese Reste wegwerfen, der den Göttern helfen will. Genau diese Szene – ein Mann, der seinen Fuß in einen Wolfsrachen stellt – zeigt das Steinkreuz von Gosforth in Nordwestengland um 900.

Das Schweigen als Rüstung

Widars Wohnstatt ist keine goldene Halle, sondern ein von Buschwerk und hohem Gras überwuchertes Waldland (Grímnismál 17). Das ist kein Zufall: In der Hávamál heißt es, auf dem Weg, den niemand geht, wachse Buschwerk und hohes Gras – ein Bild vernachlässigter Freundschaft. Widar hat alles andere vernachlässigt und sich ganz der einen Aufgabe verschrieben. Sein Schweigen ist wie ein Gelübde, eine Sammlung vor der Tat. Dasselbe Motiv kennen die Sagas: In der Droplaugarsona saga lacht Grímr nicht mehr, seit sein Bruder fiel – bis er ihn gerächt hat, dann lacht er plötzlich wieder.

Vali, der Einnächtige

Auch Vali ist ein Sohn Odins, seine Mutter ist die Riesin Rindr. Er gehört zum Baldr-Mythos: Er rächt Baldr, den der blinde Höðr mit dem Mistelzweig erschoss.

„Die Rind gebiert den Vali im Westhaus; der, erst eine Nacht alt, tötet den Mörder. Nicht wäscht er die Hände, nicht kämmt er das Haar, bis er den Höðr hebt auf den Holzstoß." Baldrs draumar 11 (nach Simrock, gemeinfrei)

Der ungewaschene, ungekämmte Rächer, der schon als eintägiges Kind losschlägt, gehört zu einem uralten Mythos vom göttlichen Kind: Auch der Grieche Herakles erwürgte als Baby zwei Schlangen, und Thors Sohn Magni hebt mit drei Tagen ein Riesenbein. Das Ungewaschensein hat dabei etwas von einem Gelübde, wie es Harald Schönhaar kannte, der sich das Haar nicht schneiden ließ, bis er ganz Norwegen unterworfen hatte.

Was nach dem Ende bleibt

Und hier liegt das Schönste: Widar und Vali gehören zu den wenigen, die den Weltuntergang überleben. Wenn Surts Feuer erlischt, wohnen die beiden Halbbrüder wieder am Sitz der Götter, so berichtet es das Vafthrudnismal. Die stillen Rächer sind zugleich die, die das Alte in die neue Welt hinübertragen. Ihre Geduld, ihr langes Schweigen war kein Zaudern – es war das Warten auf die Stunde, in der es auf sie ankommt.

Was gesichert ist

Widars Tötung des Fenriswolfs steht in Völuspá 55, Vafþrúðnismál 53 und Gylfaginning 50; der Schuh aus Lederresten und der zugehörige Volksbrauch sind bei Snorri belegt, die Szene zeigt das Gosforth-Kreuz (um 900). Widars überwuchertes Land nennt Grímnismál 17. Valis Rache als Einnächtiger steht in Baldrs draumar 11 und Völuspá 32/33. Dass beide Ragnarök überleben, sagt Vafþrúðnismál. Theophore Ortsnamen (Viðarshof, Valaskjálf-nah) deuten auf lokalen Kult in Südostnorwegen (de Vries).

Mythos-Check

Beide Götter sind dünn belegt; manche Forscher sehen in ihnen vor allem dichterische Personifikationen der Racheidee. Saxos ausführliche Werbung Odins um Rindr ist späte, euhemerisierte Überlieferung. Ob Widar und Vali einen eigenen Kult hatten, ist umstritten – die wenigen Ortsnamen sprechen dafür, beweisen es aber nicht. Sicher ist der mythische Kern: Widar rächt Odin am Wolf, Vali rächt Baldr, und beide überdauern das Ende.

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Quellen & Literatur

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Späte Spuren: Veitstag, Schuhe und Walhall

Über die Snorra-Edda hinaus ist zu Vidar wenig überliefert – vieles, was heute erzählt wird, stammt aus späterer Deutung. Drei Stränge sind bekannt:

Wegen der Namensähnlichkeit zwischen Vidar und dem christlichen Märtyrer Vitus (†um 304) widmete ihm das germanische Neuheidentum den Veitstag am 15. Juni, nahe der Sommersonnenwende. Ein wikingerzeitlicher Beleg dafür fehlt – es ist eine moderne Zuordnung.

Snorri erklärt Vidars starken Schuh aus den Lederresten, die Menschen beim Zuschneiden ihrer Schuhe abschneiden – wer den Asen wohlwollen wolle, solle solche Reste wegwerfen. Das erinnert an das Schiff Naglfar, das aus den Nägeln der Toten wächst: beide Male entsteht aus achtlos Weggeworfenem etwas Schicksalhaftes.

In manchen Nacherzählungen füllt der schweigsame Vidar in Walhall die Trinkhörner der Götter – sogar Loki, den er verachtet. Diese Szene ist erzählerische Ausschmückung, kein Kernbestand der alten Quellen.

Mythos-Check: Der Veitstag, die Schenken-Rolle und die „innere-Stärke"-Deutung sind neuzeitlich bzw. neuheidnisch. Gesichert überliefert sind vor allem Vidars Abstammung (Odin und die Riesin Gríðr), sein Wohnort Landvidi und seine Rache an Fenrir bei Ragnarök.

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