Er war der Schönste, der Mildeste, der Reinste – und ausgerechnet ihn traf der Tod. Die Sage von Balder ist die ergreifendste Geschichte der ganzen nordischen Mythologie: ein Licht, das erlischt, und die vergebliche Trauer einer ganzen Welt.
Balder (altnord. Baldr) ist der Sohn Odins und Friggs, Gemahl der Nanna und Vater des Forseti. Snorri beschreibt ihn als so strahlend, dass Licht von ihm ausgeht; er ist der Weiseste, Freundlichste und Beredteste der Asen – aber, fügt Snorri fast wehmütig hinzu, keines seiner Urteile hat Bestand. Seine Halle heißt Breidablik („Breitglanz“), der reinste Ort, an dem nichts Unreines geschehen kann.
Die Geschichte beginnt mit Schlaf: Balder quälen düstere Träume von seinem eigenen Tod. Die Götter beraten. Frigg nimmt daraufhin allen Dingen der Welt einen Eid ab, Balder niemals zu schaden – Feuer und Wasser, Eisen und Erz, Steine, Krankheiten, Tieren und Schlangen. Nur eine junge Pflanze übergeht sie, die Mistel, weil sie ihr zu jung und unbedeutend scheint.
Weil nun nichts mehr Balder verletzen kann, machen die Götter ein Spiel daraus: Sie werfen mit allem nach ihm, und alles prallt harmlos ab. Ein heiteres Bild von der Unverwundbarkeit des Lichts – bis Loki die eine Lücke entdeckt.
Loki fertigt aus der Mistel einen Pfeil (oder Zweig) und drückt ihn dem blinden Gott Höðr, Balders Bruder, in die Hand. Arglos wirft Höðr, von Loki geführt – und die Mistel durchbohrt Balder. Der lichte Gott fällt tot zu Boden. Es ist der größte Schmerz, der je über Götter und Menschen kam. Nanna, seine Frau, stirbt aus Kummer und wird mit ihm auf dem Schiff Hringhorni verbrannt; Odin legt ihm den Ring Draupnir auf den Scheiterhaufen.
„Ich sah dem Balder,
dem blutenden Gott,
Odins Kinde,
das Schicksal verborgen.“
— Völuspá, Str. 31 (nach Karl Simrock, 1851, gemeinfrei)
Frigg gibt nicht auf. Der Bote Hermod reitet auf Odins Ross Sleipnir hinab zu Hel, um Balder zurückzuholen. Hel stellt eine Bedingung: Weint alles in der Welt um Balder, darf er zurück. Und fast alles weint – Menschen, Tiere, Steine, Bäume. Nur eine Riesin namens Thökk (Loki in Verkleidung) bleibt hart: „Thökk weint mit trockenen Tränen.“ So bleibt Balder im Totenreich – bis nach Ragnarök.

Frigg · Hel · Loki · Sigyn & Lokis Strafe · Was kommt nach Ragnarök? · Draupnir & die Kleinode.
Lieder-Edda: Völuspá (Str. 31–33), Baldrs draumar. Snorri Sturluson, Prosa-Edda (Gylfaginning: Balders Tod, Hermods Ritt), um 1220. Saxo Grammaticus, Gesta Danorum (heroische Version), um 1200. Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Murder and Vengeance among the Gods (1997).