Wikinger Blog / Götter
Aus dem Wissensarchiv

Balder – der helle Gott, der sterben musste

Götter & Göttinnen Balder – der helle Gott, der sterben musste

Balder (altnordisch Baldr) ist in der nordischen Mythologie der Sohn Odins und Friggs, Gemahl der Nanna und Vater des Forseti – ein Ase, so schön und hell, dass nach Snorri Licht von ihm ausgeht. Berühmt ist er durch seinen Tod: Frigg lässt alle Dinge schwören, ihn zu schonen, nur die Mistel nicht. Loki legt sie dem blinden Höðr in die Hand, Balder stirbt und bleibt bei Hel – bis er nach Ragnarök wiederkehrt. Wir zeigen, was die Quellen wirklich erzählen und wo sie sich widersprechen.

Es gibt Götter, die man wegen ihrer Taten kennt. Thor zerschlägt Riesen, Odin opfert sein Auge, Loki stiftet Chaos. Balder dagegen tut in den Quellen erstaunlich wenig. Er kämpft nicht, er reist nicht, er gewinnt keinen Schatz. Er ist einfach da – hell, freundlich, geliebt. Und dann ist er tot. Gerade diese Leerstelle macht ihn zur vielleicht rätselhaftesten Gestalt des Nordens: ein Gott, dessen wichtigste Tat sein eigenes Sterben ist.

Wer ist Balder? Familie, Halle und Name

Balder ist ein Ase, also ein Mitglied des Göttergeschlechts um Odin. Seine Mutter ist Frigg, die höchste Göttin, die um sein Leben kämpfen wird wie keine andere Gestalt der Mythologie. Seine Frau ist Nanna, nach Snorri eine Tochter des Nep. Ihr gemeinsamer Sohn ist Forseti, der Gott des Rechts, der in der Halle Glitnir Streit schlichtet. Zu den Brüdern zählen der blinde Höðr, der spätere Rächer Váli und – je nach Lesart – Hermóðr, den Snorri sveinn Óðins nennt, was „Odins Sohn“ oder „Odins Gefolgsmann“ bedeuten kann.

Balder wohnt in Breiðablik, „Breitglanz“. Das Eddalied Grímnismál (Str. 12), in dem Odin die Götterhallen aufzählt, beschreibt es als Land, in dem es am wenigsten Unheilvolles gibt. Snorri übernimmt das: An diesem Ort könne nichts Unreines sein. Dazu gehört ein Schiff, Hringhorni, „das größte aller Schiffe“ – es wird später sein Scheiterhaufen.

Der Name ist nicht sicher gedeutet. Altnordisch baldr steht in der Dichtung für „Herr, Fürst“, ähnlich altenglisch bealdor. Andere denken an „kühn“ (englisch bold) oder an bál, „Feuer“, und damit an „der Leuchtende“. Bewiesen ist nichts davon.

Snorris Porträt: hell, weise – und folgenlos

Die ausführlichste Beschreibung stammt von Snorri Sturluson, dem isländischen Gelehrten, der um 1220 die Prosa-Edda verfasste. In deren erstem Teil, der Gylfaginning („Gylfis Betörung“), stellt er die Götter in einem Frage-Antwort-Spiel vor. In Kapitel 22 heißt es sinngemäß: Balder ist der beste der Götter, alle loben ihn. Er ist so schön anzusehen und so hell, dass Licht von ihm ausgeht. Eine Pflanze ist so weiß, dass man sie mit Balders Braue vergleicht – Snorri nennt sie Baldrs brá, „Balders Braue“, und meint damit eine weiß blühende Kamillen-Art. Er ist der weiseste, beredteste und mildeste der Asen.

Dann folgt ein Satz, der Übersetzer bis heute beschäftigt. Im Altnordischen heißt es, zu Balders Natur gehöre, dass engi má haldask dómr hans – wörtlich etwa „keines seiner Urteile kann Bestand haben“. Ältere englische Übersetzungen machten daraus das Gegenteil, nämlich dass niemand seine Urteile anfechten könne. Die wörtliche Lesart ist die wahrscheinlichere, und sie ist bemerkenswert: Der weiseste Gott spricht Urteile, die nichts bewirken. Balder ist vollkommen, aber machtlos. Erst sein Tod verändert die Welt.

Gesichert: Dass Licht von Balder ausgeht, sagt Snorri ausdrücklich (Gylfaginning 22). Dass Balder ein „Gott des Lichts“ sei, also für Licht oder Sonne zuständig, sagt keine mittelalterliche Quelle.

Die Träume und der Eid aller Dinge

Die eigentliche Geschichte erzählt Snorri in Kapitel 49, und sie beginnt mit Schlaf. Balder träumt schwere Träume, die sein Leben bedrohen. Er erzählt sie den Asen, und die beraten. Frigg fasst einen Entschluss, der so groß ist wie ihre Angst: Sie nimmt allen Dingen einen Eid ab, Balder nicht zu schaden. Snorri zählt auf – Feuer und Wasser, Eisen und alle Metalle, Steine, Erde, Bäume, Krankheiten, Tiere, Vögel, Gift und Schlangen.

Was dann geschieht, gehört zu den seltsamsten Szenen der Mythologie. Weil Balder nun unverwundbar ist, machen die Götter ein Spiel daraus. Sie stellen ihn auf den Thingplatz, die Versammlungsstätte, und werfen, schießen und schlagen nach ihm. Nichts verletzt ihn, und alle halten das für eine große Ehre. Ein Fest – oder ein unheimliches Ritual, bei dem so lange auf einen Gott gezielt wird, bis doch etwas trifft.

Ein Gast findet das Spiel gar nicht lustig: Loki. Er verwandelt sich in eine alte Frau, geht zu Frigg nach Fensalir und fragt beiläufig, ob wirklich alle Dinge geschworen hätten. Frigg verrät die Lücke. Westlich von Walhall wachse ein junger Trieb, der Mistel heißt – den habe sie für zu jung gehalten, um ihm einen Eid abzunehmen.

Höðr, die Mistel und der Wurf

Loki reißt die Mistel aus und geht zum Thing. Am Rand steht Höðr, Balders Bruder, der blind ist und deshalb nicht mitwirft. Loki fragt, warum er Balder nicht ehre. Höðr antwortet, er sehe ja nicht, wo Balder stehe, und habe auch keine Waffe. Loki drückt ihm den Zweig in die Hand und lenkt seinen Arm. Der Zweig durchbohrt Balder, und er fällt tot zu Boden. Snorri nennt es das größte Unglück unter Göttern und Menschen; Rache ist unmöglich, denn der Platz ist ein Friedensort.

Beachte das Detail: Bei Snorri ist es ein Zweig, ein teinn, den Höðr „schießt“ oder wirft. Der berühmte Mistelpfeil auf Gemälden des 19. Jahrhunderts ist eine naheliegende, aber spätere Ausschmückung.

Mythos-Check: Die Mistel ist eine Halbschmarotzer-Pflanze, sie wächst auf Bäumen und nie als eigener Trieb aus dem Boden – und ein Zweig von ihr taugt kaum als Geschoss. In Island wuchs sie gar nicht. Daraus hat die Forschung zwei Schlüsse gezogen: Entweder kannten die isländischen Dichter die Pflanze nur vom Hörensagen, oder mistilteinn bedeutete ursprünglich etwas anderes. Tatsächlich heißt in der Hervarar saga ein Schwert Mistilteinn. Ob hinter dem Mythos einmal ein Schwert stand – wie bei Saxo, siehe unten –, ist eine Hypothese, kein Befund.

Hringhorni, Hel und die eine Träne

Was folgt, ist die ausführlichste Bestattung der nordischen Mythologie. Balders Schiff Hringhorni lässt sich nicht bewegen, bis die Riesin Hyrrokkin auf einem Wolf mit Schlangenzügeln heranreitet und es mit einem Stoß ins Wasser schiebt, dass Funken aus den Rollen sprühen. Nanna bricht beim Anblick des Toten das Herz; sie wird mit ihm verbrannt. Thor weiht den Scheiterhaufen mit seinem Hammer und tritt den Zwerg Litr, der ihm vor die Füße läuft, ins Feuer. Odin legt den Ring Draupnir dazu. Es kommen Freyr mit dem Eber Gullinborsti, Heimdall zu Pferd, Freyja mit ihren Katzen, sogar Reif- und Bergriesen.

Frigg aber gibt nicht auf. Sie fragt, wer sich ihre Gunst verdienen und zu Hel reiten wolle, um Lösegeld für Balder zu bieten. Hermóðr der Kühne meldet sich und nimmt Odins Ross Sleipnir. Neun Nächte reitet er durch dunkle Täler bis zur goldgedeckten Brücke über die Gjöll, wo die Wächterin Móðguðr ihm den Weg „abwärts und nach Norden“ weist. Am Totentor setzt Hermóðr mit Sleipnir über das Gitter und findet Balder auf dem Ehrensitz.

Hel stellt eine Bedingung: Wenn alle Dinge in der Welt, lebend und tot, um Balder weinen, soll er zurückkehren. Weigert sich auch nur eines, bleibt er. Balder gibt Hermóðr den Ring Draupnir für Odin mit. Die Asen senden Boten in alle Welt, und alles weint: Menschen, Tiere, Erde, Steine, Bäume und alle Metalle – Snorri vergleicht es damit, wie Dinge weinen, wenn sie aus dem Frost in die Wärme kommen.

Nur in einer Höhle sitzt eine Riesin, die sich Þökk nennt („Dank“). Sie spricht einen Vers, hier in eigener Übertragung:

„Þökk wird weinen mit trockenen Tränen
über Balders Leichenbrand.
Weder lebend noch tot hatte ich Freude an des Alten Sohn.
Behalte Hel, was sie hat.“
— Gylfaginning 49, eigene Übertragung

Man vermutet, fügt Snorri hinzu, dass es Loki selbst war. Damit ist Balders Schicksal besiegelt – und bald auch Lokis, den die Götter nun jagen und fesseln. Die ganze Abfolge vom Mord bis zur Bestattung haben wir in unserem Artikel über Balders Tod noch genauer nachgezeichnet.

Die Eddalieder: Baldrs draumar und die Völuspá

Das kurze Lied Baldrs draumar („Balders Träume“, 14 Strophen, Entstehungszeit unbekannt) erzählt die Vorgeschichte aus Odins Sicht. Die Götter beraten über Balders böse Träume. Odin sattelt Sleipnir, reitet nach Niflhel und weckt mit Totenzauber eine längst begrabene Seherin. Als „Vegtamr“ getarnt fragt er sie aus. Sie antwortet widerwillig: Für Balder stehe in Hels Halle schon der Met gebraut. Höðr werde ihn töten. Und Rind werde einen Sohn gebären, Váli, der eine Nacht alt den Bruder räche. Am Ende stellt Odin eine Frage, die keiner beantworten kann, und verrät sich damit. Die Seherin erkennt ihn; er nennt sie dafür die Mutter dreier Riesen. Wer diese Frau ist, bleibt offen.

Die Völuspá, die „Weissagung der Seherin“, widmet Balder nur wenige, aber zentrale Strophen (31–33 in der heute üblichen Zählung, bei Simrock 36–37). Die Seherin sieht sein Schicksal voraus und – wichtig für die Mistel-Frage – eine Pflanze, die hoch über die Ebene gewachsen ist:

„Ich sah dem Baldur, dem blühenden Opfer,
Odhins Sohne, Unheil drohen.
Gewachsen war über die Wiesen hoch
Der zarte, zierliche Zweig der Mistel.“
— Völuspá, Übersetzung Karl Simrock (gemeinfrei)

Es folgen Höðrs Schuss, die Geburt des einnächtigen Rächers und ein Bild von großer Stille: Frigg weint in Fensalir um das Leid Walhalls. Von Eid, Götterspiel, Hermóðrs Ritt und Þökk sagt die Völuspá nichts. Ob Snorri diese Details aus verlorenen Liedern kannte oder sie selbst ausgestaltet hat, lässt sich nicht entscheiden.

Zwei weitere Lieder setzen die Geschichte als bekannt voraus. In der Lokasenna (Str. 28) wirft Frigg Loki vor, er käme nicht lebend aus der Halle, säße hier ein Sohn wie Balder. Loki antwortet höhnisch, er sei schuld daran, dass sie Balder nie mehr heimreiten sehe. Und in den Vafþrúðnismál (Str. 54) stellt Odin dem Riesen die Siegerfrage: Was sagte Odin selbst seinem Sohn ins Ohr, bevor man ihn auf den Scheiterhaufen hob? Niemand außer Odin kann das wissen. Die Frage gehört bis heute zu den schönsten offenen Stellen der Edda.

Húsdrápa: Balders Bestattung als Bilderzyklus

Die Eddalieder sind erst im 13. Jahrhundert aufgeschrieben. Älter datierbar ist ein Skaldengedicht – ein Preislied eines namentlich bekannten Dichters. Der Isländer Úlfr Uggason trug die Húsdrápa („Haus-Gedicht“) nach der Laxdæla saga bei einer Hochzeitsfeier in der neu gebauten Halle des Óláfr pá in Hjarðarholt vor; meist wird sie um 985 angesetzt. Das Gedicht beschreibt Bilder, die an den Wänden der Halle geschnitzt waren, darunter Thors Fischzug und eben Balders Bestattung.

Erhalten sind nur Strophen, die Snorri in seiner Lehre von der Dichtersprache zitiert. Darin reitet Freyr auf einem Eber zum Scheiterhaufen, Heimdall kommt zu Pferd, Odin mit Walküren und Raben, und die Riesin – Hyrrokkin – stößt das Schiff ins Meer, während Odins Krieger ihr Reittier fällen. Das ist ein starker Befund: Schon vor der Christianisierung Islands um 1000 schnitzte man Balders Leichenbrand in eine Halle. Snorris Bestattungsszene ruht also auf alter Grundlage.

Saxo Grammaticus: eine ganz andere Geschichte

Um 1200, also eine Generation vor Snorri, schrieb der dänische Geistliche Saxo Grammaticus seine lateinische Dänengeschichte, die Gesta Danorum. Im dritten Buch kommt auch Balder vor – als Balderus, und kaum wiederzuerkennen.

Bei Saxo ist der Held Hotherus (Höðr), ein menschlicher Königssohn, kräftig, ein guter Schwimmer, Bogenschütze und Harfenspieler, keineswegs blind. Er liebt Nanna, die Tochter seines Ziehvaters Gevarus, und sie liebt ihn. Balderus, ein Halbgott und Sohn Odins, sieht Nanna beim Baden und begehrt sie. Waldjungfrauen warnen Hotherus und verraten ihm, dass nur ein Schwert Balderus verwunden kann: das Schwert des Waldwesens Mimingus. Hotherus erbeutet es.

Es folgt Krieg. Selbst Odin und Thor kämpfen für Balderus, doch Hotherus schlägt Thors Keule den Griff ab. Hotherus heiratet Nanna. Balderus aber wird von unerfüllter Liebe so geschwächt, dass er sich im Wagen fahren lassen muss. Drei Jungfrauen bereiten ihm eine Kraftspeise, mit Schlangengift vermengt. Hotherus begegnet den Jungfrauen, erhält einen Siegesgürtel, trifft Balderus und verwundet ihn mit dem Schwert. In der folgenden Nacht erscheint dem Verwundeten Proserpina, also die Totengöttin, im Traum und verheißt ihm ihre Umarmung; am dritten Tag stirbt er. Er wird in einem Hügel bestattet. Saxo erzählt sogar, dass Grabräuber später versuchten, den Hügel zu öffnen, und von hervorbrechendem Wasser vertrieben wurden.

Für die Rache gewinnt Odin nach einer Weissagung des Finnen Rostiophus die Königstochter Rinda – erst nach mehreren vergeblichen Werbungen in Verkleidung und schließlich mit Gewalt und List. Der Sohn heißt bei Saxo Bous; er tötet Hotherus und stirbt selbst an seinen Wunden – anders als der Váli der Edda.

Im Vergleich: Gemeinsam haben Saxo und die Edda die Namen Balder, Höðr und Nanna, die Tötung, Odins Verbindung mit Rind(a) und den Rächersohn. Alles andere – Mistel, Eid, Loki, Hermóðr, Hel – fehlt bei Saxo. Dafür hat Saxo die Rivalität um eine Frau und das Zauberschwert.

Welche Fassung ist älter? Saxo hat die Götter bewusst vermenschlicht und ist kein neutraler Zeuge. Doch seine Waffe ist ein Schwert – passend zur Vermutung, mistilteinn sei einmal ein Schwertname gewesen. Wahrscheinlich ist keine der beiden Versionen „das Original“. Es gab offenbar verschiedene Erzählungen über Balders Tod, in Dänemark andere als in Island.

Merseburg: hieß Balder auch auf dem Festland Balder?

In einer Handschrift der Domstiftsbibliothek Merseburg steht, eingetragen im 10. Jahrhundert, ein althochdeutscher Heilspruch für ein verletztes Pferd. Georg Waitz fand ihn 1841, Jacob Grimm veröffentlichte ihn 1842. Der Zweite Merseburger Zauberspruch beginnt: Phol ende Uuodan uuorun zi holza. du uuart demo balderes uolon sin uuoz birenkit – „Phol und Wodan ritten in den Wald. Da wurde dem Fohlen des balder der Fuß verrenkt.“ Danach besprechen Göttinnen den Fuß, zuletzt Wodan selbst, und renkt ihn ein.

Wer ist dieser balder? Hier gibt es zwei Lager. Die einen lesen einen Eigennamen: Balder, also derselbe Gott wie im Norden, und Phol wäre dann ein anderer Name für ihn. Das war schon Grimms Idee. Die anderen lesen ein gewöhnliches Wort für „Herr“, wie altenglisch bealdor – dann wäre schlicht das Fohlen „des Herrn“, also Phols, gemeint. Und wer Phol ist, weiß ohnehin niemand. Vorgeschlagen wurden ein männliches Gegenstück zur Göttin Volla, Apollo und sogar der Apostel Paulus.

Mythos-Check: Häufig liest man, der Merseburger Spruch beweise einen Balder-Kult in Deutschland. Das stimmt so nicht. Er beweist nur, dass im 10. Jahrhundert das Wort balder in einem Pferdesegen stand. Ob es ein Gott ist, bleibt offen. Als westgermanischer Göttername ist Balder sonst nicht belegt.

Das Gold von Fakse: Balders Tod um 500?

Die spannendste Spur ist zugleich die unsicherste. Aus der Völkerwanderungszeit kennt man Hunderte Brakteaten: dünne, einseitig geprägte Goldanhänger, die nach dem Vorbild römischer Kaisermedaillons entstanden und als Amulette getragen wurden. Eine kleine Gruppe zeigt drei Figuren und wird deshalb „Drei-Götter-Brakteaten“ genannt.

Das bekannteste Stück wurde 1844 bei Fakse auf Seeland gefunden, misst 27 Millimeter und stammt aus der Zeit um 500. In der Mitte steht eine Gestalt, an deren Brust ein zweigartiges Gebilde ragt; rechts eine Figur mit Speer, links eine weitere mit einem Gegenstand in der Hand. Der Münsteraner Mittelalterforscher Karl Hauck deutete die Szene als Balders Tod: in der Mitte Balder, getroffen vom Zweig, hinter ihm Odin, links Loki. Andere Forscher sind skeptischer und verweisen darauf, dass die Bildsprache römische Vorlagen umformt und keine Inschrift die Figuren benennt.

Wenn Hauck recht hat, wäre der Mythos vom getroffenen Gott gut 700 Jahre älter als Snorri. Das wäre ein Paukenschlag – aber es bleibt eine Deutung.

Rückkehr nach Ragnarök

Balders Tod ist der Wendepunkt der Mythologie. Von hier an läuft alles auf Ragnarök zu: Loki wird gefesselt, reißt sich los, die Welt brennt. Doch Balder ist nicht für immer verloren. Weil er bei Hel ist, überlebt er das Weltende gewissermaßen im Totenreich.

Die Völuspá (Str. 62, bei Simrock 60) schildert die neue Welt, die aus dem Meer auftaucht. Unbesät tragen die Äcker, und dann:

„Alles Böse beßert sich, Baldur kehrt wieder.
In Heervaters Himmel wohnen Hödur und Baldur.“
— Völuspá, Übersetzung Karl Simrock (gemeinfrei), Auszug

Das ist eine der rührendsten Zeilen der Edda: Täter und Opfer, die beiden Brüder, wohnen gemeinsam in Odins alten Siegesstätten. Snorri übernimmt das am Ende der Gylfaginning: Balder und Höðr kommen aus Hel, setzen sich zu den überlebenden Göttern und sprechen über alte Zeiten. Was nach dem Weltenbrand geschieht, erzählen wir ausführlich in Was kommt nach Ragnarök?

Sterbender Gott, Sonnenmythos, Christus? Die Deutungen

Kaum eine Figur des Nordens wurde so oft gedeutet. Die wichtigsten Linien:

Der sterbende Gott. James George Frazer stellte Balder in The Golden Bough (Band „Balder the Beautiful“, 1913) neben Adonis, Attis und Osiris: Götter, die sterben und wiederkehren wie die Vegetation. Frazer verband das mit Mittsommerfeuern und der Mistel als heiliger Pflanze. Die Idee ist einflussreich, doch die Kategorie „sterbender und auferstehender Gott“ wird heute stark kritisiert, und Balder kehrt eben nicht jährlich zurück, sondern einmal, nach dem Weltende.

Die Christus-Parallele. Der norwegische Philologe Sophus Bugge vertrat ab 1881, der Balder-Mythos sei unter christlichem Einfluss entstanden: der unschuldige, geliebte Sohn des höchsten Gottes, getötet durch Verrat, betrauert von der ganzen Schöpfung, wiederkehrend in einer neuen Welt. Für den blinden Höðr verwies er auf die Legende des blinden Longinus, der Christus die Lanze in die Seite stieß. Gegner halten dagegen, dass Húsdrápa und – falls Hauck recht hat – der Fakse-Brakteat eine vorchristliche Grundlage zeigen. Wahrscheinlich ist beides wahr: ein alter heidnischer Mythos, der im christlichen Island neu erzählt und gefärbt wurde.

Rache und Fehde. Der Skandinavist John Lindow liest Balders Tod vor allem als Geschichte von Totschlag und Blutrache, wie sie die isländischen Sagas prägt: Ein Mord innerhalb der Familie, für den es keinen Ausgleich gibt, weil der Täter selbst ein Bruder ist. Darum braucht es einen eigens gezeugten Rächer, Váli.

War Balder der „Gott des Lichts“?

Damit zur Frage, die so viele Leser zu uns führt. Die kurze Antwort: Er war hell – aber nicht im Sinne einer Zuständigkeit. Snorri beschreibt ihn als so strahlend, dass Licht von ihm ausgeht, als weise, beredt und mild. Ein Amt wie Thor das Gewitter hat Balder in keiner Quelle, und kein Kult um Licht oder Sonne ist überliefert. Auch sichere Ortsnamen nach Balder gibt es kaum; der Ort Baldersbrønd bei Roskilde knüpft an Saxos Erzählung an, nach der Balder dort für sein durstiges Heer eine Quelle aufbrechen ließ – eine gelehrte Legende, kein Kultbeleg.

Der Titel „Gott des Lichts“ ist also eine moderne Zuschreibung. Die naturmythologische Forschung des 19. Jahrhunderts machte Balder zur Sommersonne und den blinden Höðr zur Dunkelheit, Dichter und Maler folgten. Als Bild ist das nicht falsch, aber es sagt mehr, als die Quellen hergeben. Wer Balder gerecht werden will, sollte ihn eher den hellen Gott nennen: den, dessen Schönheit niemand braucht, bis sie fehlt.

Uns berührt an Balder etwas anderes: die Mutter, die alle Dinge der Welt um Schonung bittet, und die eine kleine Pflanze, die sie übersieht. Die Steine, die weinen, und die eine Stimme, die es nicht tut. Deshalb gravieren wir Balder-Motive nicht als Kampfszene, sondern als Erinnerung.

Graviertes Windlicht von Glanz & Gravur
Ein Licht, das bleibt – zur Erinnerung: unsere gravierten Windlichter aus Kristallglas. Windlichter im Shop →

Häufige Fragen

Wer ist Balder in der nordischen Mythologie? Balder ist ein Ase, Sohn von Odin und Frigg, Gemahl der Nanna und Vater des Forseti. Er gilt als der schönste und mildeste Gott; sein Tod durch den Mistelzweig leitet den Weg zu Ragnarök ein.

Wie ist Balder gestorben? Nach Snorri warf der blinde Höðr, von Loki gelenkt, einen Mistelzweig auf ihn – das einzige Ding, das Frigg keinen Eid abgenommen hatte. Bei Saxo Grammaticus tötet Hotherus ihn dagegen mit einem Zauberschwert.

Ist Balder der Gott des Lichts? Keine mittelalterliche Quelle nennt ihn so. Snorri sagt, Licht gehe von ihm aus; der Titel „Lichtgott“ stammt aus der Forschung des 19. Jahrhunderts.

Kommt Balder nach Ragnarök zurück? Ja. Laut Völuspá und Snorri kehren Balder und Höðr aus Hel zurück und leben in der erneuerten Welt mit den überlebenden Göttern.

Warum weinte Þökk nicht um Balder? Die Riesin Þökk sagte, sie habe von Balder weder lebend noch tot etwas gehabt. Snorri vermutet, dass sich Loki hinter ihr verbarg.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Weiterlesen bei uns

Frigg · Hel · Loki · Sigyn & Lokis Strafe · Was kommt nach Ragnarök? · Draupnir & die Kleinode.

Quellen & Literatur

Zum Shop Mehr Beiträge

Mehr aus dem Gebiet Götterkunde

Alle Götterkunde-Artikel →

Bragi – der Gott der Dichtkunst

In den Hallen der Götter sitzt einer, der lieber ein gutes Wort dreht als eine Axt schwingt: Bragi, der langbärtige …

Weiterlesen →

Fensalir – die Halle der Frigg

Jede große Gottheit des Nordens hat ihren Wohnsitz. Der von Frigg, der höchsten der Asinnen, heißt Fensalir – „die …

Weiterlesen →

Forseti – der Gott des Rechts und die Insel im Meer

Wo gestritten wird, braucht es einen, der schlichtet. Der Norden gab diesem Gedanken ein Gesicht: Forseti, den Gott des …

Weiterlesen →

Freyja – weit mehr als Liebe

Freyja ist weit mehr als die „nordische Liebesgöttin", zu der sie oft verkürzt wird. Sie ist Kriegsherrin, Meisterin …

Weiterlesen →