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Forseti – der Gott des Rechts und die Insel im Meer

Götter & Göttinnen Forseti – der Gott des Rechts und die Insel im Meer

Wo gestritten wird, braucht es einen, der schlichtet. Der Norden gab diesem Gedanken ein Gesicht: Forseti, den Gott des Rechts. Wer mit einem Zwist zu ihm kommt, geht versöhnt wieder heim, heißt es. Und eine alte Sage führt ihn bis an die Nordsee – auf eine heilige Insel namens Fosetisland, die man seit Adam von Bremen mit Helgoland gleichsetzt. Ein Gott, der uns näher ist, als man denkt.

Der Richterstuhl der Götter

Forseti ist der Sohn des lichten Baldr und der Nanna. In der Lieder-Edda wohnt er in einem Saal namens Glitnir, dem „Glänzenden" – Snorri beschreibt ihn mit Säulen aus rotem Gold und einem Dach aus Silber.

„Glitnir heißt das zehnte, auf goldenen Säulen ruht des Saales Silberdach. Dort wohnt Forseti die meisten Tage und schlichtet jeglichen Groll." Grímnismál 15 (nach Simrock, gemeinfrei)

Snorri fasst es knapp: Alle, die mit einem Rechtsstreit zu Forseti kommen, gehen versöhnt wieder weg – er sei „der beste Gerichtshof bei Göttern und Menschen". In der Edda taucht er sonst kaum auf, und doch ist seine Rolle klar umrissen.

Recht heißt Versöhnung

Warum ist der Rechtsgott ausgerechnet Baldrs Sohn – und nicht Baldr selbst? Snorri gibt den Schlüssel: Baldr sei der klügste und mildeste der Asen, „aber die Eigenschaft haftet ihm an, dass keiner seiner Urteilssprüche Bestand hat". Baldrs Milde stellt beide Seiten zufrieden – bis sie heimkommen und merken, dass ihr Streit ungelöst ist.

Forseti ist anders. Seine Stärke ist nicht das Mitleid, sondern der Ausgleich: eine Entscheidung, die beide Parteien annehmen können und die deshalb hält. Das ist ein erstaunlich moderner Gedanke von Recht – nicht Sieg des einen über den anderen, sondern ein Vergleich, mit dem beide leben können.

Die Sage vom Friesenrecht

Die schönste Geschichte über ihn erzählt, wie das friesische Recht entstand. Karl, der Frankenkönig, fordert die Friesen auf, ihr Recht zu benennen. Zwölf Asegen – Rechtsprecher der sieben friesischen Seelande – reisen zu ihm, können das Recht aber nicht verkünden. Zur Strafe stößt Karl sie in einem ruderlosen Boot aufs Meer hinaus. Als sie beten, kommt ein Dreizehnter zu ihnen ins Boot, eine goldene Axt auf der Schulter. Er steuert eine Insel an, wirft die Axt an Land – dort, wo sie liegen bleibt, entspringt eine Quelle. An dieser Quelle lehrt der Gott die Zwölf das Recht und verschwindet. So, sagt die Sage, entstand das friesische Recht: unter Mitwirkung der Götter, und an einer Quelle.

Der Weg des Gottes heißt in der Sage bezeichnend eeswey – „Asenweg". Die Quelle als Ort der Rechtsfindung kennt der Norden auch sonst: An Urds Brunnen unter Yggdrasil kommen die Götter zu ihren Beratungen zusammen.

Fosetisland – die heilige Insel in der Nordsee

Und hier wird es greifbar. In der Lebensbeschreibung des heiligen Willibrord, verfasst von Alcuin um 790, heißt es, Willibrord sei „an die Grenze zwischen Dänen und Friesen" gekommen, zu einer Insel, die nach ihrem Gott Fosite von den Bewohnern Fositesland genannt wurde. Der Gott wurde so verehrt, dass niemand vom Vieh dort etwas zu berühren wagte und aus der heiligen Quelle nur schweigend Wasser schöpfte. Willibrord brach das Tabu, taufte und ließ Vieh schlachten – und wurde vor den Friesenkönig Radbod gebracht. Später zerstörte der heilige Ludger die Heiligtümer der Insel. Noch im 11. Jahrhundert soll sie so heilig gegolten haben, dass nicht einmal Seeräuber es wagten, dort Beute zu machen.

Adam von Bremen setzte Fosetisland mit Helgoland gleich – „Heiliges Land" –, und die Lage „an der Grenze zwischen Dänen und Friesen" passt dazu. Die Gleichsetzung des Inselgottes Fosite mit dem Edda-Gott Forseti gilt als sicher. Damit reicht dieser Gott bis in unsere Nordsee: ein Stück heidnisches Erbe direkt vor der deutschen Küste.

Was gesichert ist

Forseti steht als Rechtsgott in Grímnismál 15 und in Snorris Gylfaginning (Glitnir; „der beste Gerichtshof"). Der friesische Inselgott Fosite und die heilige Insel Fositesland sind durch Alcuins Vita des heiligen Willibrord (um 790) bezeugt; Adam von Bremen setzt die Insel mit Helgoland gleich. Die Identität Fosite = Forseti gilt in der Forschung als sicher; in Norwegen gibt es den Ortsnamen Forsetalund (Hain des Forseti) bei Onsøy.

Mythos-Check

In der Edda ist Forseti sehr dünn belegt – im Grunde nur der Saal Glitnir. Die Sage vom Friesenrecht ist mittelalterliche friesische Rechtsüberlieferung; der Rahmen mit König Karl dürfte spätere Zudichtung sein, der Kern (Recht entsteht an einer Quelle unter Mitwirkung eines Gottes) ist heidnisch. Und wo genau Fosetisland lag, lässt sich nicht sicher sagen: Helgoland ist die wahrscheinlichste, aber nicht die einzige vorgeschlagene Insel.

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