Wenn ein Wikinger vor der Seefahrt um Wind, sichere Rückkehr und einen vollen Fischzug bat, dann betete er zu Njörðr. Der Gott des Meeres, der Winde und des Wohlstands ist eine der ältesten und bodenständigsten Gestalten des Nordens – und Vater der beiden strahlendsten Götter.
Njörðr (deutsch oft Njörd) gehört zur Götterfamilie der Wanen. Nach dem Asen-Wanen-Krieg kam er als Geisel zu den Asen – zusammen mit seinen Kindern Freyr und Freyja. Erst zum Ragnarök, heißt es, kehrt er zu den Wanen zurück. Er ist Herr über Meer und Wind, Schenker von Reichtum und Fruchtbarkeit.
Njörðr verkörpert das nutzbare Meer: Handel, Seefahrt, Fischerei. Wer ihn anrief, bat um Gedeihen und sicheres Geleit über die Wellen. Sein Reichtum ist sprichwörtlich – „so reich wie Njörðr" sagte man von einem wohlhabenden Mann.
„Noatun ist das elfte, / da hat sich Njörðr / die Wohnung wohl gerichtet; / der Menschen Herr, / der harmlose Gott, / gebietet dem hochgezimmerten Heiligtum.“— Grímnismál 16, Übersetzung nach Karl Simrock (gemeinfrei)
Berühmt ist seine Ehe mit der Riesin und Jagdgöttin Skadi. Als Buße für den Tod ihres Vaters durfte sie sich unter den Göttern einen Mann aussuchen – aber nur an den Füßen erkennen. Sie wählte die schönsten Füße, in der Hoffnung, es sei Baldr – und bekam Njörðr. Die Ehe scheiterte an der Geografie: Skadi liebte die Berge, Njörðr das Meer. Sie einigten sich auf je neun Nächte hier, neun dort – doch Skadi ertrug das Kreischen der Möwen nicht, Njörðr nicht das Heulen der Wölfe. So trennten sie sich. (Die Aufteilung spiegelt schön das nordische Jahr: neun Wintermonate, drei Sommermonate.)

Njörðrs Name führt weit zurück: Er ist sprachlich verwandt mit Nerthus, jener „Mutter Erde"-Göttin, deren Kult der römische Autor Tacitus schon im 1. Jahrhundert bei den Germanen beschreibt. Manche Forscher vermuten, Njörðr sei aus einer solchen älteren Erd-/Fruchtbarkeitsgottheit hervorgegangen. Snorri berichtet, bei den Wanen seien Ehen unter Geschwistern üblich gewesen – ein Detail, das gut zu einem uralten Fruchtbarkeitskult passt.
Njörðr wohnt in Noatun („Schiffsplatz") am Meer. Sein Verehrungszentrum lag in Westnorwegen, wo zahlreiche Ortsnamen auf ihn zurückgehen. Christliche Chronisten berichten, bei den heidnischen Dänen habe man viele Standbilder „Neptuns" gefunden – gemeint war wohl Njörðr. In Skandinavien deutet man manche uralten, in den Fels gehauenen Fußabdrücke seinem Kult zu.
Freyr · Freyja · Die Wanen · Vanaheim · Das Götter-Pantheon.
Grímnismál, Vafþrúðnismál, Lokasenna (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Snorri Sturluson, Gylfaginning, Skáldskaparmál. Tacitus, Germania. Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; H. Ellis Davidson, Roles of the Northern Goddess.