Sie tut nichts Großes, keine Heldentat, keinen Zauber – und ist doch eine der ergreifendsten Gestalten der ganzen Mythologie. Sigyn, die Frau des Loki, steht Nacht für Nacht neben ihrem gefesselten Mann und hält ihm eine Schale über das Gesicht, damit das Gift der Schlange ihn nicht trifft. Treue in Reinform.
Sigyn (altnord. Sigyn, wohl „Siegesfreundin“) ist eine Asin und Lokis treue Gemahlin. Mit ihm hat sie die Söhne Narfi und Vali. Während Loki der Unruhestifter des Götterhimmels ist, bleibt Sigyn ganz im Hintergrund – bis zu jenem einen Moment, der sie unsterblich macht.
Nachdem Loki mit seinen Ränken den Tod des lichten Baldr verschuldet und die Götter beim großen Gelage verhöhnt hat, fangen ihn die Asen. Zur Strafe wird er in einer Höhle über drei Steinen gefesselt – mit den Gedärmen seines eigenen Sohnes, die zu Eisen wurden. Über sein Gesicht hängt die Riesin Skadi eine Giftschlange, deren Geifer ihm unablässig ins Gesicht tropfen soll.
Und hier tritt Sigyn ins Bild: Sie stellt sich neben ihn und hält eine Schale auf, die das Gift auffängt. Nur wenn die Schale voll ist und sie sich abwenden muss, um sie zu leeren, trifft ein Tropfen Loki. Dann zuckt er in so wilden Krämpfen, dass die ganze Erde bebt – so, erzählt der Mythos, entstehen die Erdbeben.
„Da bindet Sigyn, nicht froh
ihres Gemahls, bei ihm –
und fängt in der Schale das Gift.“
— nach Völuspá / Gylfaginning (Sinn nach Karl Simrock, 1851, gemeinfrei)
Sigyn ist das Sinnbild der bedingungslosen Treue. Sie steht neben dem meistgehassten Wesen der Götterwelt – nicht, weil er unschuldig wäre, sondern weil er ihr Mann ist. Sie kann sein Schicksal nicht abwenden, nur lindern; sie kann den letzten Tropfen nicht verhindern, aber jeden davor auffangen. Genau darin liegt die stille Größe dieser Gestalt: Treue, die nichts gewinnt und doch nicht weicht.

Loki · Hel · Ragnarök · Das Götter-Pantheon · Frigg.
Lieder-Edda: Völuspá, Lokasenna (Prosa-Rahmen). Snorri Sturluson, Prosa-Edda (Gylfaginning: Lokis Fesselung, Sigyns Schale), um 1220. Bildstein: Gosforth-Kreuz (England, 10. Jh.). Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001).