Loki passt in keine Schublade. Mal rettet er die Götter mit einer List, mal stürzt er sie ins Unglück. Gerade diese Zwiespältigkeit macht ihn zur vielleicht modernsten Figur der Edda – und zum Motor fast jeder guten Geschichte.
Kaum eine Gestalt der nordischen Mythologie ist so schwer zu fassen wie Loki. Sohn des Riesen Farbauti und der Laufey, lebt er unter den Asen, gehört aber eigentlich zu den Riesen – und ist Odins Blutsbruder: Kein Bier, so hatte Odin geschworen, wolle er trinken, das man nicht auch Loki reiche. Mal ist Loki der findige Helfer, der die Götter aus selbstverschuldeter Not befreit, mal genau der, der die Not erst heraufbeschwört.

Loki wechselt die Gestalt wie andere den Mantel: Er erscheint als Lachs, als Fliege, als Robbe, als altes Weib. Als Stute lockte er den Hengst des Riesenbaumeisters fort – und gebar Monate später Odins achtbeiniges Ross Sleipnir. Loki ist also zugleich Vater und Mutter berühmter Wesen. Diese Wandelbarkeit macht ihn unberechenbar: Niemand weiß je sicher, auf wessen Seite er steht.
Erstaunlich viele Schätze der Götter verdanken sich Lokis Ärger-und-Wiedergutmachung. Er schneidet der Göttin Sif aus Bosheit das goldene Haar ab – und muss, um Thors Zorn zu entgehen, bei den Zwergen Ersatz beschaffen: So entstehen im Schmiedewettstreit Sifs neues Goldhaar, Odins Speer, Freyrs Eber und Thors Hammer. Er lässt die Riesin Idun mit ihren Verjüngungsäpfeln rauben – und holt sie zurück. Und er ersinnt den Plan, mit dem Thor seinen gestohlenen Hammer wiedergewinnt. Ohne Loki stünde die halbe Mythologie still.
Seine dunkle Seite trägt Namen. Mit der Riesin Angrboda zeugte Loki drei Kinder, in denen schon der Keim des Untergangs liegt: den Wolf Fenrir, die Midgardschlange und Hel, die Herrin des Totenreichs. Mit seiner treuen Frau Sigyn hat er außerdem die Söhne Narfi und Vali – die in seiner Bestrafung eine grausame Rolle spielen werden.

Beim Bierfest des Meerriesen Ägir dreht Loki durch: In der Lokasenna stellt er einen Gott nach dem anderen bloß, deckt Affären, Feigheiten und Peinlichkeiten auf – bis Thor mit erhobenem Hammer die Halle betritt und dem Spott ein Ende setzt. Es ist der Moment, in dem aus dem Störenfried endgültig der Feind wird.
„Gedenkst du, Odin, wie wir in der Vorzeit / das Blut vermischten beide? / Kein Bier, sprachst du, wolltest du kosten, / wenn man uns beiden nicht böte.“— Lokasenna 9, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)
Lokis folgenschwerste Tat ist sein Anteil am Tod des lichten Gottes Baldr: Er lenkte den blinden Hödr, sodass dessen Mistelgeschoss den Unverwundbaren tötete – und verhinderte, so die Überlieferung in Gestalt der Riesin Thökk („Dank“), dass alle Wesen um Baldr weinten und ihn so aus der Totenwelt freibekamen. (Dass diese weinunwillige Riesin Loki war, sagt Snorri selbst nur als Vermutung – „die Leute glauben“ es.) Dafür ereilt ihn eine der grausamsten Strafen der Mythologie: Gefesselt mit den Gedärmen des eigenen Sohnes, liegt er unter einer Schlange, deren Gift Sigyn in einer Schale auffängt – und wenn sie die volle Schale leert, zuckt sein Beben durch die Erde.
Beim Ragnarök aber reißt Loki sich los. Er steuert das Totenschiff Naglfar und führt die Feinde gegen die Götter; am Ende töten er und der Wächter Heimdall einander. So ist Loki Ausdruck einer tiefen Einsicht der Nordmythen: dass Ordnung und Chaos, Schöpfung und Zerstörung untrennbar verbunden sind.


Lokasenna – das Götterschelten · Lokis Bestrafung · Balders Tod · Fenrir · Hel · Sigyn · Das Götter-Pantheon.
Völuspá, Lokasenna, Thrymskvida, Hyndluljod (Lieder-Edda), deutsch gemeinfrei: Karl Simrock (1851). Snorri Sturluson, Gylfaginning, Skaldskaparmal. Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (3. Aufl. 2006); Anna Birgitta Rooth, Loki in Scandinavian Mythology (1961); John Lindow, Norse Mythology (2001).