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Loki – Helfer und Verderber: der rätselhafteste Gott der nordischen Mythologie

Götter Loki – Helfer und Verderber: der rätselhafteste Gott der nordischen Mythologie

Loki ist in der nordischen Mythologie ein Riesensohn, der unter den Asen lebt: Odins Blutsbruder, Gestaltwandler und Trickster, der den Göttern ihre größten Schätze verschafft und ihnen zugleich den größten Verlust zufügt – Baldrs Tod. Er ist Vater des Wolfes Fenrir, der Midgardschlange und der Totengöttin Hel, Mutter des Pferdes Sleipnir und beim Ragnarök Anführer der Feinde. Hier erfährst du, was die Quellen wirklich über ihn sagen, woher sein Name stammen könnte und warum die Forschung bis heute über ihn streitet.

Stell dir eine Göttergesellschaft vor, die einen Mann an ihrem Tisch duldet, von dem alle wissen, dass er Ärger bringt. Sie lachen über seine Einfälle, sie brauchen seine Listen, sie verfluchen ihn, wenn wieder etwas schiefgeht – und sie werfen ihn trotzdem nicht hinaus. Dieser Mann ist Loki. Keine andere Gestalt der nordischen Mythologie ist so oft dabei, wenn etwas Entscheidendes passiert, und keine ist so schwer zu greifen. Ein Gott im üblichen Sinn ist er eigentlich nicht: keine Tempel, keine Opfer, keine Anhänger, soweit wir wissen. Und doch ist er aus den Mythen nicht wegzudenken. Wir sagen dir hier auch ehrlich, wo die Überlieferung dünn wird.

Wer ist Loki? Herkunft zwischen Riesen und Asen

Die ausführlichste Vorstellung Lokis stammt von Snorri Sturluson, dem isländischen Gelehrten, der um 1220 die sogenannte Prosa-Edda schrieb. In der Gylfaginning („Gylfis Täuschung“), dem mythologischen Lehrteil, heißt es sinngemäß: Loki sei schön von Gestalt, aber böse im Wesen und wankelmütig, allen überlegen an Schlauheit. Oft habe er die Asen in Not gebracht – und ihnen mit Listen wieder herausgeholfen.

Sein Vater ist der Riese Fárbauti, seine Mutter heißt Laufey oder Nál. Snorri nennt beide Namen nebeneinander, ohne es zu erklären. „Nál“ bedeutet „Nadel“; Deutungen der übrigen Namen bleiben Vermutungen. Bemerkenswert ist etwas anderes: Loki wird in den Quellen oft nach seiner Mutter benannt, als Laufeyjarsonr, „Laufeys Sohn“. Das ist im Altnordischen ungewöhnlich, denn normalerweise trägt man den Vaternamen. Als Brüder nennt Snorri Býleistr und Helblindi.

Väterlicherseits ist Loki also ein Riese, ein jötunn – ein Angehöriger jener Wesen, die den Göttern meist feindlich gegenüberstehen. Trotzdem zählt Snorri ihn zu den Asen. Den Schlüssel liefert ein Lied der Lieder-Edda, die Lokasenna. Dort erinnert Loki den Göttervater an einen alten Bund:

„Gedenkst du, Odin, wie wir in der Vorzeit / das Blut vermischten beide? / Kein Bier, sprachst du, wolltest du kosten, / wenn man uns beiden nicht böte.“— Lokasenna 9, Übersetzung Karl Simrock (1851, gemeinfrei)

Die Blutsbruderschaft mit Odin ist der Grund, warum Loki bei Festen der Götter einen Platz beanspruchen darf. Wann und warum sie geschlossen wurde, erzählt keine Quelle. Das Motiv ist stark: Der oberste Gott hat sich an einen Außenseiter gebunden.

Name und Etymologie: Feuer, Schloss oder Spinne?

Was bedeutet der Name Loki? Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht sicher. Seit dem 19. Jahrhundert konkurrieren mehrere Deutungen.

Die älteste populäre These verbindet Loki mit logi, dem altnordischen Wort für „Flamme“. Jacob Grimm sah in Loki 1835 einen Feuergott. Die Deutung hat zwei Haken. Sprachlich passen Loki (mit k) und logi (mit g) nicht sauber zusammen. Und inhaltlich speist sich die Gleichung vor allem aus einer Verwechslung: In Snorris Erzählung von Thors Fahrt zu Utgarda-Loki tritt beim Wettessen ein gewisser Logi gegen Loki an. Logi frisst nicht nur das Fleisch, sondern auch die Knochen und den Trog – und am Ende stellt sich heraus, dass er das Wildfeuer selbst war. Loki unterliegt hier also ausgerechnet dem Feuer. Und Utgarda-Loki, der Riesenkönig, ist eine eigene Gestalt.

Eine zweite Deutung führt den Namen auf eine germanische Wurzel *luk- zurück, die mit Schlingen, Knoten, Haken und Verschlüssen zu tun hat. Dazu gehört das altnordische Verb lúka, „schließen, beenden“. Loki wäre dann der „Schließer“ oder „Beender“ – ein Name, der zur Rolle beim Weltuntergang passen würde. Auch das ist eine Deutung, kein Beweis.

Die schwedische Forscherin Anna Birgitta Rooth ging 1961 einen dritten Weg. Gestützt auf Dialektwörter für Spinnen und darauf, dass Loki nach Snorri das Fischernetz erfand, hielt sie ihn für eine ursprüngliche Spinnengestalt. Durchgesetzt hat sich das nicht. Der Konsens der Fachlexika, etwa bei Rudolf Simek, ist nüchtern: Die Etymologie ist ungeklärt.

Lopt, Hveðrungr und andere Beinamen

Loki hat mehrere Namen. Am häufigsten ist Loptr (auch Lopt), meist von lopt „Luft“ abgeleitet – vielleicht ein Hinweis auf seine Flugfähigkeit in geliehenem Federkleid, vielleicht auf seine Flüchtigkeit. In der Hyndluljóð, einem Lied der Lieder-Edda, heißt es, Loptr sei von einem halbverbrannten Frauenherzen, das er gegessen habe, schwanger geworden; daraus seien die Trollweiber entstanden. Eine der seltsamsten Stellen der Edda.

Der zweite wichtige Beiname ist Hveðrungr, oft als „Brüller“ oder „Tosender“ gedeutet, was aber nicht sicher ist. Er taucht fast nur in Verwandtschaftsumschreibungen auf: In der Völuspá rächt Odins Sohn Víðarr seinen Vater am „Sohn Hveðrungs“ – gemeint ist Fenrir. Und in der skaldischen Ynglingatal heißt Hel „Hveðrungs Maid“. Solche Umschreibungen nennt man Kenningar: poetische Bilder, die eine Person über ihre Beziehungen bezeichnen. Snorri listet für Loki viele weitere auf, etwa „Dieb von Sifs Haar“ oder „Verleumder der Götter“ – fast eine Kurzbiografie.

Lokis Kinder: Fenrir, Jörmungandr, Hel und Sleipnir

Kaum ein Gott hat so folgenreichen Nachwuchs. Mit der Riesin Angrboða („die Leid Ankündigende“) zeugte Loki drei Wesen, die den Göttern zum Verhängnis werden. Snorri erzählt, die Götter hätten durch Weissagungen erfahren, dass ihnen von diesen Geschwistern großes Unheil drohe. Deshalb ließ Odin sie holen.

Den Wolf Fenrir zogen die Asen auf und fesselten ihn schließlich mit der Zauberfessel Gleipnir – Týr verlor dabei seine Hand. Die Schlange Jörmungandr warf Odin ins Meer, wo sie die ganze Erde umschlingt. Die Tochter Hel schickte er nach Niflheim und gab ihr Macht über alle, die an Krankheit oder Alter sterben.

Dazu kommt eine Nachkommenschaft, die Loki nicht als Vater, sondern als Mutter hervorbrachte: das achtbeinige Ross Sleipnir, das beste aller Pferde und Odins Reittier. Wie es dazu kam, erzählt der Mythos vom Bau der Asgardmauer weiter unten.

Mit seiner Frau Sigyn hat Loki einen oder zwei Söhne – hier wird die Überlieferung unübersichtlich. Snorri nennt einmal einen Sohn „Nari oder Narfi“, bei der Fesselung dann zwei: Váli und Nari oder Narfi. Die Prosa der Lokasenna sagt, Loki sei mit den Därmen seines Sohnes Nari gefesselt worden, während sein Sohn Narfi zum Wolf wurde. Ob Nari und Narfi eine Person sind oder zwei, lässt sich aus den Quellen nicht sicher entscheiden.

Quellenlage: Die drei Kinder mit Angrboða nennt nicht nur Snorri. Die Hyndluljóð sagt knapp, Loki habe den Wolf mit Angrboða gezeugt und Sleipnir mit Svaðilfari. Die genaue Familienordnung mit Namen und Rollen verdanken wir aber vor allem Snorri um 1220.

Der Bau der Asgardmauer: Wie Sleipnir zur Welt kam

Ein Baumeister bot den Göttern an, eine Burg zu bauen, die gegen alle Riesen sicher sei. Sein Preis: Freyja, dazu Sonne und Mond. Die Asen schlossen einen Handel, den sie für unerfüllbar hielten: die Mauer in einem einzigen Winter, ohne fremde Hilfe. Auf Lokis Rat gestatteten sie ihm aber, sein Pferd Svaðilfari zu benutzen.

Das war der Fehler. Der Hengst schleppte nachts gewaltige Steine heran und leistete doppelt so viel wie sein Herr. Drei Tage vor Sommerbeginn stand die Mauer fast fertig da. Unter Todesdrohung versprach Loki, das Problem zu lösen. Er verwandelte sich in eine Stute, und Svaðilfari riss sich los. Der Bau stockte, der Baumeister geriet in Riesenzorn und gab sich als Bergriese zu erkennen. Thor erschlug ihn.

Einige Zeit später gebar Loki ein graues Fohlen mit acht Beinen: Sleipnir. Snorri erzählt die Geschichte ausführlich; die Völuspá spielt in zwei Strophen auf gebrochene Eide und einen Handel um Freyja an, ohne Loki oder Sleipnir zu nennen. Ob der Dichter dieselbe Geschichte meinte, ist in der Forschung umstritten. Das Muster kehrt bei Loki immer wieder: Er verursacht das Problem und löst es – mit dem eigenen Körper als Einsatz.

Sifs Haar und die Schätze der Zwerge

Die bekannteste Loki-Geschichte beginnt mit einem bösen Streich. In den Skáldskaparmál, dem zweiten Teil der Prosa-Edda, erzählt Snorri: Loki schnitt Sif, Thors Frau, aus Bosheit das ganze Haar ab. Thor packte ihn und hätte ihm jeden Knochen gebrochen, hätte Loki nicht geschworen, die Schwarzalben dazu zu bringen, Sif Haar aus Gold zu machen, das wie echtes wachsen sollte.

Loki ging zu den Söhnen Ivaldis. Sie schmiedeten das goldene Haar, dazu das Schiff Skíðblaðnir für Freyr, und den Speer Gungnir für Odin. Dann wettete Loki mit dem Zwerg Brokkr um seinen eigenen Kopf, dass Brokkrs Bruder keine drei ebenso guten Kostbarkeiten herstellen könne. Snorri nennt den Bruder hier Eitri; die in Deutschland bekanntere Namensform Sindri stammt aus anderen Zusammenhängen.

Während die Zwerge schmiedeten, stach eine Fliege Brokkr, zuletzt ins Augenlid; dass sie Loki war, legt die Erzählung nahe. Trotzdem entstanden drei Wunderdinge: der goldene Eber Gullinbursti für Freyr, der Ring Draupnir für Odin und der Hammer Mjölnir für Thor. Nur dessen Stiel geriet etwas kurz, weil Brokkr beim letzten Stich kurz den Blasebalg losgelassen hatte.

Die Götter erklärten Mjölnir zum besten Stück, Loki hatte verloren. Nun kam Lokis berühmter Juristenkniff: Den Kopf dürfe Brokkr haben, aber nicht den Hals. Brokkr gab nach, nahm eine Ahle und nähte Loki die Lippen zusammen. Merk dir diese Szene, wir kommen beim Snaptun-Stein darauf zurück.

Iðunns Äpfel: Lokis Pakt mit dem Adler

Auch die Geschichte von Idun und ihren Äpfeln der Jugend beginnt mit einer Notlage, in die Loki gerät. Odin, Loki und Hœnir wollten auf Reisen einen Ochsen braten, doch das Fleisch wurde nicht gar. Ein Adler verlangte seinen Anteil und nahm sich die besten Stücke. Loki schlug mit einer Stange nach ihm, blieb daran hängen und wurde über Stock und Stein geschleift. Der Adler war der Riese Þjazi. Loki kam erst frei, als er schwor, Iðunn samt ihren Äpfeln aus Asgard zu locken.

Er hielt Wort. Ohne die Äpfel wurden die Götter alt und grau, und wieder drohte man Loki mit dem Tod. In Freyjas Falkengewand flog er nach Riesenheim, verwandelte Iðunn in eine Nuss und trug sie zurück. Þjazi verfolgte ihn als Adler, flog über die Mauer von Asgard und verbrannte im Feuer, das die Götter dort entzündet hatten.

Diese Episode ist wichtig, weil sie nicht nur bei Snorri steht. Der norwegische Skalde Þjóðólfr ór Hvini beschrieb sie um 900 in der Haustlöng, einem Gedicht über Schildbilder – einer der ältesten Belege für Loki überhaupt, entstanden vor der Christianisierung Norwegens. Die Folgegeschichte hat eine derbe Pointe: Als Þjazis Tochter Skaði Buße forderte, brachte Loki sie mit einem Ziegenbock und einer Schnur zum Lachen. Die Details ersparen wir dir.

Þrymskviða und Geirröðr: Loki als Thors Begleiter

Auffällig oft reist Loki mit Thor, und hier zeigt er sich von seiner nützlichen Seite. Im Eddalied Þrymskviða hat der Riese Þrymr Thors Hammer gestohlen und verlangt Freyja als Braut. Loki leiht sich Freyjas Federkleid, fliegt nach Riesenheim und erfährt die Bedingungen. Dann reist Thor, als Braut verkleidet, zur Hochzeit, und Loki begleitet ihn als Magd. Als die „Braut“ einen ganzen Ochsen, acht Lachse und drei Fässer Met verschlingt, erklärt Loki, Freyja habe acht Nächte vor Sehnsucht nichts gegessen. Sein Alter ist umstritten; manche Forscher halten es für eine Dichtung erst des 13. Jahrhunderts.

Weniger schmeichelhaft ist die Geschichte von Geirröðr, die schon der Skalde Eilífr Goðrúnarson um das Jahr 1000 in der Þórsdrápa behandelt: Von dem Riesen gefangen, kauft Loki sich frei, indem er verspricht, Thor ohne Hammer zu ihm zu bringen. Wieder rettet er seine Haut auf Kosten anderer.

Balders Tod: die Tat ohne Rückweg

Bis hierher waren Lokis Streiche reparabel. Mit dem Tod Balders ändert sich das. Snorri erzählt: Nach Balders bösen Träumen ließ Frigg alle Dinge schwören, ihn zu verschonen – nur einen Mistelzweig hielt sie für zu jung. Die Götter machten sich ein Spiel daraus, auf den Unverwundbaren zu schießen.

Loki gefiel das nicht. In Gestalt einer Frau besuchte er Frigg und entlockte ihr das Geheimnis der Mistel. Er riss den Zweig aus, ging zum blinden Höðr, der abseits stand, und bot an, ihm die Richtung zu weisen. Höðr schoss, und Balder fiel tot um.

Hel versprach, Balder freizugeben, wenn alle Dinge um ihn weinten. Alle weinten – bis auf die Riesin Þökk („Dank“), die sinngemäß sagte, sie weine trockene Tränen; Hel solle behalten, was sie habe. Snorri fügt hinzu, die Leute meinten, diese Riesin sei Loki gewesen – eine Vermutung, keine sichere Überlieferung.

Interessant ist, wie dünn Lokis Rolle außerhalb Snorris belegt ist. Die Völuspá erzählt von Balders Tod durch die Mistel und von Höðrs Schuss, nennt Loki dabei aber nicht. Erst in der Lokasenna rühmt sich Loki gegenüber Frigg, er sei schuld daran, dass sie Balder nicht mehr zu den Hallen reiten sehe. Ob Lokis Beteiligung ein alter Kern des Mythos ist oder eine spätere Zuspitzung, wird bis heute diskutiert. Mehr zum Hergang findest du in unserem Artikel über Balders Tod.

Lokasenna: das große Schelten und die Strafe

Die Lokasenna, „Lokis Zankrede“, spielt beim Gelage des Meerriesen Ægir. Loki erschlägt dort einen Diener, wird hinausgeworfen, kommt zurück und verlangt unter Berufung auf die Blutsbruderschaft einen Platz. Dann nimmt er sich einen Gott nach dem anderen vor: Bragi wirft er Feigheit vor, Göttinnen Affären, Odin unmännliche Zauberei, Týr die verlorene Hand – oft mit Anspielungen auf Geschichten, die wir sonst nicht kennen. Erst als Thor zurückkehrt und mit dem Hammer droht, weicht Loki – nicht ohne einen letzten Fluch gegen Ægir.

Das Lied zeigt eine Götterwelt, deren Würde schon brüchig ist. Die Strafe folgt, ausführlich bei Snorri: Loki versteckt sich als Lachs im Wasserfall Fránangr, und die Götter fangen ihn mit einem Netz – seiner eigenen Erfindung. Gefesselt wird er mit den Därmen seines Sohnes, über ihm hängt eine Giftschlange, und Sigyn fängt das Gift in einer Schale auf. Wenn sie die Schale leert, trifft ihn das Gift, und sein Zucken lässt die Erde beben. Die ganze Geschichte, mit allen Quellenvarianten, erzählen wir in Lokis Bestrafung.

Ragnarök: Loki führt die Feinde an

Gefesselt bleibt Loki bis zum Weltende. In der Völuspá heißt es, eine Seherin sehe einen Gefesselten unter dem Hain der heißen Quellen liegen, „dem Loki ähnlich“, und Sigyn sitze bei ihm, wenig froh über ihren Mann. Beim Ragnarök kommt er frei.

Hier lohnt sich der genaue Blick, denn die beiden Hauptquellen erzählen das Ende unterschiedlich. Die Völuspá sagt: Naglfar wird losgerissen, Hrymr kommt gefahren – und in der nächsten Strophe fährt ein Schiff übers Meer mit den Leuten Muspells, „und Loki steuert“. Bei Snorri dagegen steuert der Riese Hrymr das Schiff Naglfar, das aus den Nägeln der Toten gebaut ist, während Loki mit dem ganzen Gefolge Hels kommt. Die verbreitete Kurzfassung „Loki steuert Naglfar“ vermischt also beide Quellen. Sicher ist nur: Loki führt in beiden Fassungen Feinde der Götter heran.

Seine Kinder spielen dabei die tödlichen Rollen. Fenrir verschlingt Odin, die Midgardschlange und Thor töten einander. Lokis eigenes Ende kennen wir nur von Snorri: Er kämpft gegen Heimdall, und beide fallen durch einander. Die Völuspá kennt diesen Zweikampf nicht. Älter ist ihre Rivalität: Schon die Húsdrápa des Úlfr Uggason (um 985) lässt Heimdall mit „Laufeys Sohn“ ringen, nach Snorri um Freyjas Halsschmuck Brísingamen.

Loki als Trickster: was die Forschung streitet

Wer ist dieser Loki eigentlich? Die Forschung streitet seit fast 200 Jahren darüber.

Der niederländische Religionswissenschaftler Jan de Vries widmete Loki 1933 die Studie The Problem of Loki und sah in ihm später vor allem einen Trickster: eine Figur, wie sie aus vielen Kulturen bekannt ist, die Regeln bricht, betrügt, Geschlecht und Gestalt wechselt und dabei oft Kulturgüter in die Welt bringt. Das passt – erklärt aber nicht seine finstere Rolle am Weltende.

Der französische Mythenforscher Georges Dumézil verglich Loki 1948 mit Syrdon, einer Figur aus den Sagen der Osseten im Kaukasus, einem boshaften Außenseiter, der den Tod eines Helden herbeiführt. Dumézil sah darin ein indogermanisches Erbe. Der Schwede Folke Ström deutete Loki 1956 als Abspaltung, als „Hypostase“ Odins: eine dunkle Seite des Göttervaters, ausgelagert in eine eigene Figur.

Wichtig ist eine nüchterne Feststellung, die in vielen populären Darstellungen fehlt: Für einen Kult Lokis gibt es keinen Nachweis. Keine Ortsnamen, keine Opferstellen, keine Weiheinschriften, keine Berichte über Rituale. Der dänische Religionshistoriker Jens Peter Schjødt kam zu dem Schluss, Loki sei kein viel verehrter Gott gewesen, wenn überhaupt einer. Loki ist eine Gestalt der Erzählung, nicht des Opferplatzes – deshalb aber nicht jung: Die Skalden kennen ihn um 900.

Mythos-Check: Loki ist nicht „der nordische Teufel“. Die Gleichsetzung mit Satan ist eine christliche und neuzeitliche Deutung. Spätere Skandinavier haben Loki in Volkssagen und Redensarten mal als Schelm, mal als Unglücksbringer erinnert. In einer färöischen Ballade aus dem späten Mittelalter, dem Lokka táttur, rettet Loki sogar gemeinsam mit Odin und Hœnir einen Bauernjungen vor einem Riesen – und ist dabei der Erfolgreichste der drei.

Loki auf Stein: Snaptun und Gosforth

Der Snaptun-Stein wurde 1950 am Strand bei Snaptun am Horsens Fjord in Jütland gefunden. Es ist ein flacher Speckstein, um das Jahr 1000 bearbeitet; das Material stammt aus Norwegen oder Schweden. Der Stein diente als Schutzstein vor dem Blasebalg einer Schmiedeesse – durch das Loch in der Mitte blies die Luft ins Feuer. Eingeritzt ist ein Gesicht mit geschwungenem Schnurrbart, und über den Mund laufen Linien, die wie Nähte aussehen. Schon 1961 deutete Gísli Gestsson ihn in der dänischen Zeitschrift Kuml als Loki mit den vernähten Lippen aus der Zwergenwette. Die Deutung ist verlockend – ein Schmiedestein für den Gott der Schmiedewette –, aber unbeweisbar: Der Stein trägt keinen Namen. Heute ist er im Moesgaard Museum bei Aarhus ausgestellt.

Das zweite Beispiel steht in Nordengland. Das Gosforth-Kreuz in Cumbria, ein 4,4 Meter hohes Sandsteinkreuz aus der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts, zeigt neben der Kreuzigung Christi auch Szenen, die an das Ragnarök erinnern. Auf der Westseite liegt eine gefesselte Gestalt, über der eine Frau mit einer Schale kniet. Seit dem späten 19. Jahrhundert wird das als Loki und Sigyn gedeutet. Diese Lesung ist weit verbreitet, aber auch sie bleibt eine Deutung. Mehr zu diesen Steinen findest du in unserem Artikel Gosforth & Thorwalds Kreuz.

Loki heute: von Marvel bis zur Gravur

Den meisten Menschen begegnet Loki heute nicht in der Edda, sondern im Kino. 1962 führten Stan Lee, Larry Lieber und Jack Kirby ihn in den Marvel-Comics ein, in Journey into Mystery Nr. 85, als Gegenspieler ihres Thor. Seit 2011 spielt Tom Hiddleston ihn in den Marvel-Filmen, seit 2021 auch in einer eigenen Serie. Dieser Adoptivsohn Odins und tragische Antiheld ist eine moderne Neuschöpfung; mit dem Loki der Quellen teilt er Wandelbarkeit und Witz, kaum mehr.

Uns reizt an Loki genau diese Spannung: Wer ein Loki-Motiv in Schiefer gravieren lässt, will meist keinen Bösewicht an der Wand, sondern den klugen Kopf, der die Regeln biegt. Ohne Loki kein Mjölnir, kein Sleipnir, keine Rückkehr Iðunns, keine Þrymskviða. Und, zugegeben, auch kein Ragnarök.

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Häufige Fragen

Ist Loki ein Gott oder ein Riese? Beides. Sein Vater Fárbauti ist ein Riese, aber Loki lebt unter den Asen und wird von Snorri zu ihnen gezählt. Seinen Platz verdankt er der Blutsbruderschaft mit Odin.

Welche Kinder hat Loki? Mit der Riesin Angrboða den Wolf Fenrir, die Midgardschlange Jörmungandr und die Totengöttin Hel. Als Stute gebar er Sleipnir. Mit Sigyn hat er die Söhne Váli und Nari bzw. Narfi.

Ist Loki Thors Bruder? Nein, das stammt von Marvel. In den Quellen ist Loki Odins Blutsbruder und Thors Reisebegleiter.

Ist Loki der Gott des Feuers? Wahrscheinlich nicht. Die Deutung beruht auf dem ähnlich klingenden Wort logi „Flamme“ und auf der Verwechslung mit dem Feuerwesen Logi bei Utgarda-Loki. Sprachlich ist sie schwach begründet.

Warum wird Loki bestraft? Nach Snorri wegen Balders Tod, nach der Lokasenna im Anschluss an seine Schmähreden. Er wird mit den Därmen seines Sohnes gefesselt, und eine Schlange tropft Gift auf ihn.

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