Manche Gestalten der nordischen Mythologie stehen im hellen Rampenlicht, andere im Schatten der Großen. Nanna gehört zu den Stillen - und doch ist ihre Geschichte eine der ergreifendsten, die uns die Edda überliefert. Sie ist die Frau des Gottes Baldr, und als sein Licht erlischt, will auch sie nicht mehr im Diesseits bleiben.
Nanna Nepsdottir - Tochter des Nep - ist in der nordischen Überlieferung die Gemahlin Baldrs, des schönsten und mildesten unter den Asen. Aus dieser Ehe geht ein Sohn hervor: Forseti, der Gott des Rechts und des Ausgleichs, der später in seiner glänzenden Halle Glitnir Streitfälle schlichtet. Damit ist Nanna Stammmutter einer kleinen, aber würdevollen Linie im Götterhimmel.
Über Nannas Taten, ihre Worte oder ihren Charakter erfahren wir kaum etwas. Sie tritt nicht als handelnde Figur auf, sie führt keine Waffe, spricht keine Prophezeiung, mischt sich in keinen Götterstreit ein. Ihre ganze Bedeutung liegt in einem einzigen Augenblick - dem Tod ihres Mannes. Gerade darin liegt ihre besondere Kraft: Nanna ist die Verkörperung einer Liebe, die den Tod nicht überlebt, weil sie ihn nicht überleben will.
Die Geschichte, in der Nanna aufleuchtet, ist zugleich die traurigste des ganzen nordischen Mythos: der Tod Baldrs. Der lichte Gott fällt durch einen Mistelzweig, geschleudert von der Hand seines blinden Bruders Hödr, gelenkt von der Tücke Lokis. Mit Baldr stirbt nicht nur ein Gott, sondern die Unschuld selbst - und die Asen stehen fassungslos vor einer Trauer, gegen die keine Macht der Welt hilft.
Die Götter richten Baldr eine Bestattung aus, wie sie eines Fürsten würdig ist. Sein großes Schiff Hringhorni soll sein Scheiterhaufen werden. Und als der Leichnam an Bord getragen wird, geschieht das, was Nanna unsterblich macht: Snorri berichtet in der Gylfaginning, dass ihr beim Anblick des toten Gemahls das Herz vor Kummer bricht. Sie stirbt auf der Stelle, an gebrochenem Herzen, und wird mit Baldr gemeinsam auf den Scheiterhaufen gelegt.
Da ward Baldrs Leib hinausgetragen auf das Schiff; und als das Weib Nanna, Neps Tochter, das sah, zersprang ihr das Herz vor Leid, und sie starb; sie ward auf den Scheiterhaufen getragen und Feuer daran gelegt.nach der Snorra-Edda, Gylfaginning, gemeinfreie Übersetzungstradition
So ziehen die beiden vereint durch das Feuer und weiter in die Tiefe - Baldr voran, Nanna an seiner Seite. Wo der eine hingeht, geht auch die andere. Es ist ein Bild, das mit wenigen Worten mehr über Treue sagt als jede lange Rede.
Baldr und Nanna gelangen nach dem Tod nicht nach Walhall, sondern in das Reich der Totengöttin Hel, tief unter den Wurzeln der Welt. Der Bote Hermod reitet auf Odins Ross Sleipnir hinab, um den lichten Gott zurückzuholen. In der düsteren, aber keineswegs freudlosen Halle findet er Baldr auf dem Ehrensitz - und an seiner Seite Nanna.
Nun geschieht etwas Schönes: Nanna, die Tote, denkt an die Lebenden. Als Hermod die Rückreise antritt, gibt sie ihm Geschenke mit nach oben. Der Göttin Frigg, Baldrs Mutter, sendet sie ein feines Leinengewand; Fulla, Friggs Vertrauter und Dienerin, schickt sie einen goldenen Fingerring. Aus dem Reich der Toten reicht Nanna also eine Brücke zurück ins Leben - kleine Gaben, aber große Gesten. Sie zeigen, dass die Bande der Zuneigung selbst durch die Tore der Hel hindurchreichen.
Wer mehr über dieses stille Totenreich und seine Herrin wissen möchte, findet in unserem Beitrag über die Göttin Hel und ihr Reich weitere Zusammenhänge. Nannas Botschaft aus der Tiefe fügt sich in ein Weltbild, in dem der Tod kein völliges Ende ist, sondern ein Übergang - und in dem man die Verstorbenen ehrt, indem man ihre Zeichen aufbewahrt.
Bemerkenswert ist, wen Nanna bedenkt: nicht sich selbst, nicht Baldr, sondern die Zurückbleibenden. Ihr Leinengewand geht an die trauernde Schwiegermutter, ihr Ring an deren treue Dienerin - kleine, persönliche Zeichen für die, die weiterleben müssen. Wo Hermods Bitte, Baldr zurückzuholen, am Ende scheitert, gelingt Nanna wenigstens dies: ein Gruß, der die Grenze überschreitet. Es ist eine leise Umkehr der üblichen Richtung - sonst bringen die Lebenden den Toten Gaben ins Grab, hier reicht die Tote den Lebenden etwas herauf.
Warum berührt uns diese kurze Erzählung nach tausend Jahren noch? Vielleicht, weil sie so wenig ausschmückt und so viel sagt. Nanna kämpft nicht gegen den Tod, sie klagt ihn nicht laut an - sie folgt einfach. In einer Mythologie voller Schlachten, List und lauter Helden ist ihre Geste beinahe leise. Und doch bleibt sie hängen.
Für eine Kultur, die den Nachruhm hoch schätzte und die Erinnerung an die Toten pflegte, war Nannas Handeln ein Ideal in Reinform: Verbundenheit, die nicht am Grab endet. Sie steht damit in einer Reihe mit den vielen Zeichen der germanischen Totenehrung, in denen die Lebenden und die Gegangenen einander nicht ganz verlieren. Nanna ist kein Kriegsbild und kein Donnergott - sie ist ein Sinnbild dafür, dass Liebe und Gedenken stärker sein können als der letzte Weg.
Gerade weil über Nanna so wenig überliefert ist, lässt sie viel Raum. Ihr Name, verbunden mit Baldrs, steht für eine Zuneigung, die verbindet, was der Tod trennt. In stillen Gedenkstuecken, in Gravuren zur Erinnerung an einen geliebten Menschen, klingt genau dieser Gedanke nach - nicht laut, aber tief. Nanna erinnert daran, dass es in den alten Mythen nicht nur um Kampf und Ehre ging, sondern auch um die leisen, unverbruechlichen Bindungen zwischen zwei Menschen.
Nanna als Baldrs Gemahlin, Mutter Forsetis, ihr Tod aus Kummer und die Verbrennung mit Baldr auf Hringhorni sowie die Gaben (Leinengewand an Frigg, Ring an Fulla) sind bei Snorri in der Gylfaginning (Kap. 49) überliefert; Baldr und Nanna werden auch im skaldischen Gedicht Husdrapa im Bestattungszusammenhang genannt. Die Snorra-Edda entstand um 1220 auf Island, also lange nach der heidnischen Zeit.
Vorsicht bei der Gleichsetzung zweier ganz verschiedener Nanna-Figuren: Snorris treue Gattin, die aus Trauer stirbt, ist nicht dieselbe wie die Nanna bei Saxo Grammaticus (Gesta Danorum, um 1200). Dort ist Nanna eine sterbliche Frau und Objekt einer Liebesrivalität zwischen Balderus und Hoetherus - eine ganz andere, stärker vermenschlichte Überlieferung. Beide Fassungen stehen nebeneinander; keine ist ein bloßes Abbild der anderen.

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