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Hyrrokkin - die Riesin, die Baldrs Schiff bewegte

Sagenwelt Hyrrokkin - die Riesin, die Baldrs Schiff bewegte

In der Trauer um den lichten Gott Baldr stossen selbst die Asen an ihre Grenzen. Sein Bestattungsschiff steht fest im Sand, und aller Goetterkraft zum Trotz rührt es sich nicht. Da holen sie ausgerechnet eine Riesin aus Jotunheim - und was dann geschieht, gehoert zu den eindrucksvollsten Bildern der ganzen nordischen Ueberlieferung.

Ein Schiff, das sich nicht bewegen laesst

Die Szene spielt beim Begraebnis Baldrs, der schoensten und mildesten Gestalt unter den Goettern. Sein Leichnam soll auf seinem eigenen, gewaltigen Schiff Hringhorni verbrannt werden - dem groessten aller Schiffe, wie Snorri betont. Doch als die Asen es zum Wasser hinabschieben wollen, um das Feuer zu entzuenden, geschieht etwas Demuetigendes: Das Schiff bewegt sich keinen Fingerbreit. Die versammelte Macht der Goetter reicht nicht aus.

Das ist ein bemerkenswerter Moment. Sonst sind es die Asen, die Riesen bezwingen, Ungeheuer binden und Meere ueberqueren. Hier aber stehen sie ratlos am Strand. Und so schicken sie einen Boten nach Jotunheim, in das Land der Riesen, um Hilfe zu holen - Hilfe von genau jenen Wesen, die in den Mythen sonst ihre Widersacher sind.

Die wolfsreitende Riesin

Die Gerufene heisst Hyrrokkin, was sich sinngemaess als die vom Feuer Verschrumpelte oder Rauchgeschwaerzte deuten laesst. Und ihr Auftritt ist unvergesslich. Sie kommt nicht zu Fuss und nicht zu Pferd, sondern reitet auf einem gewaltigen Wolf heran, gezaeumt mit Vipern statt Zuegeln. Vier Berserker - Odins ausgesuchte, kampferprobte Krieger - werden abgestellt, um ihr Reittier zu halten, als sie absteigt. Und selbst diese vier bekommen den Wolf erst zur Ruhe, nachdem sie ihn zu Boden geworfen haben.

Allein dieses Bild - eine Riesin auf einem schlangengezaeumten Wolf, die vier Berserker beschaeftigt - zeigt, in welcher Machtklasse Hyrrokkin spielt. Sie ist keine Randfigur, die man um einen kleinen Gefallen bittet. Sie ist eine Naturgewalt, die man ruft, wenn selbst Goetter versagen.

Jedes Detail dieses Auftritts ist gewaehlt, um Furcht und Ehrfurcht zu wecken. Der Wolf als Reittier, die Schlangen als Zaumzeug - das sind genau jene Wesen, die in der nordischen Vorstellung Gefahr und Chaos verkoerpern. Hyrrokkin baendigt sie wie andere ein zahmes Pferd. Wer so reitet, dem begegnet man nicht auf Augenhoehe; man ruft ihn nur im aeussersten Fall und hofft, dass er kommt und wieder geht, ohne mehr Unheil zu bringen, als er loest.

Da kam die Riesin Hyrrokkin heran, reitend auf einem Wolf, und hatte gewundene Schlangen zum Zaum. Odin rief vier Berserker, das Ross zu halten; doch sie konnten es nicht baendigen, ehe sie es niederwarfen.nach der Snorra-Edda, Gylfaginning, gemeinfreie Uebersetzungstradition

Ein Schub, der die Erde beben laesst

Dann folgt der Grund, weshalb man Hyrrokkin ueberhaupt gerufen hat. Sie tritt an den Bug des Schiffes und stoesst es mit einem einzigen Schub an. Und was die vereinte Kraft der Asen nicht vermochte, gelingt ihr im Nu: Das Schiff schiesst so gewaltig los, dass Feuer aus den Rollen springt, ueber die der Kiel gleitet, und alle Laender - die ganze Welt - erbeben. Ein Ruck, ein Funkenregen, ein Erdbeben. Mehr braucht es nicht, und Hyrrokkins Werk ist getan.

Man muss sich das bildlich vorstellen: Wo Dutzende von Goettern schoben und zerrten, genuegt der Riesin ein Handgriff. Das ist kein hoeflicher Beistand, das ist rohe, ueberwaeltigende Kraft - und die alten Erzaehler wussten genau, welche Wirkung dieses Bild hat.

Der Kontrast ist bewusst gesetzt. Kurz zuvor stehen die versammelten Asen ratlos am Strand; nun kommt eine einzelne Gestalt aus dem Land der Riesen und loest das Problem im Vorbeigehen. Damit ruecken die Erzaehler die Groesse des Verlusts noch einmal ins Licht: Selbst die machtvollste Bestattung, die der Norden kennt, braucht fremde Hilfe, um ueberhaupt in Gang zu kommen. Baldrs Tod wiegt so schwer, dass er die gewohnte Ordnung von Goettern und Riesen fuer einen Augenblick auf den Kopf stellt.

Thors Zorn - und ein besaenftigter Hammer

Doch nicht alle sind erfreut. Thor, der Donnergott, ergrimmt ueber die Wucht des Anstosses - und ueber die Riesin selbst. In seiner ersten Regung greift er zum Hammer Mjoellnir und will Hyrrokkin auf der Stelle erschlagen, wie er es mit so manchem Riesen getan hat. Nur das Einschreiten der uebrigen Goetter haelt ihn zurueck. Man bittet ihn, Frieden zu halten; Hyrrokkin ist schliesslich als Helferin gekommen, nicht als Feindin.

Dieser kleine Zug ist typisch fuer Thor: Seine erste Antwort auf Riesenkraft ist der Hammer. Dass er ihn diesmal senkt, unterstreicht das Ausserordentliche der Lage. Hyrrokkin ist eine Riesin, die selbst der Donnergott in Ruhe ziehen laesst - ein seltenes Zugestaendnis in einer Mythologie, in der Thors Hammer sonst kaum je stillhaelt.

Warum uns Hyrrokkin fesselt

Hyrrokkin taucht nur in dieser einen Episode auf, und doch bleibt sie haengen. Sie ist ein perfektes Einzelbild: die grimmige Reiterin auf dem Wolf, das Zaumzeug aus Schlangen, der Funkenregen, das bebende Land. In wenigen Saetzen entwirft die Ueberlieferung eine Gestalt von enormer Praesenz - und stellt sie ausgerechnet in den Dienst der trauernden Goetter. Die ganze Szene gehoert zum Tod Baldrs, dem traurigsten Kapitel des Mythos, und Hyrrokkin ist darin der Moment roher Naturgewalt inmitten der Klage.

Vielleicht liegt genau darin ihr Reiz: Sie zeigt, dass die Grenze zwischen Goettern und Riesen nicht immer eine Front ist. Manchmal braucht selbst Asgard die Kraft Jotunheims. Hyrrokkin kommt, tut ihr Werk und verschwindet wieder - eine Riesin, die man nicht vergisst, gerade weil sie so knapp und so machtvoll auftritt.

Was gesichert ist

Die gesamte Hyrrokkin-Episode - ihr Ritt auf dem schlangengezaeumten Wolf, die vier Berserker, der eine gewaltige Schub, der Funken schlagen und die Erde beben laesst, sowie Thors gedaempfter Zorn - ist bei Snorri in der Gylfaginning (Kap. 49) ueberliefert. Der Name Hyrrokkin erscheint zudem in Namenslisten (Thulur) der Riesinnen, und das skaldische Gedicht Husdrapa des Ulfr Uggason schildert Baldrs Bestattung mit einer wolfsreitenden Frauengestalt, was Snorris Darstellung stuetzt.

Mythos-Check

So machtvoll das Bild ist - man sollte es nicht ueberladen. Hyrrokkin ist keine belegte Kultgoettin, um die ein Verehrungswesen bestand; wir kennen sie im Wesentlichen aus dieser einen Bestattungsszene und aus knappen Namensnennungen. Deutungen, die aus ihr eine grosse Toten- oder Feuergoettin machen, gehen ueber die Quellen hinaus. Sie ist ein eindrucksvolles literarisches Bild - das genuegt, ohne es zu einer ganzen Theologie aufzublasen.

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Quellen & Literatur

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