Als der leuchtende Gott Baldr stirbt, richten die Asen ihm die prächtigste Bestattung des Nordens aus – auf Hringhorni, dem größten aller Schiffe.
Baldrs Leichnam wird auf das Schiff getragen, ein gewaltiger Scheiterhaufen darauf errichtet. Doch als die Götter Hringhorni ins Wasser stoßen wollen, rührt es sich nicht vom Fleck. Man ruft die Riesin Hyrrokkin aus Jötunheim. Sie kommt auf einem Wolf geritten, mit Vipern als Zügeln, und stößt das Schiff mit einem einzigen Schub so kraftvoll an, dass Feuer aus den Rollen springt und die ganze Erde bebt. Thor, erzürnt über die rohe Gewalt, will schon den Hammer heben.
Baldrs Gattin Nanna bricht vor Kummer tot zusammen und wird zu ihm auf den Holzstoß gelegt. Odin legt seinen Ring Draupnir dazu und flüstert dem toten Sohn ein Geheimnis ins Ohr. Dann entzündet Thor den Scheiterhaufen. So brennt das schönste Schiff des Nordens mit dem reinsten der Götter aufs Meer hinaus.
Snorri malt die Szene in leuchtenden Farben. Zur Bestattung kommen alle Mächte: Odin mit den Walküren und den Raben, Freyr auf dem goldenen Eber Gullinbursti, Heimdall auf seinem Ross Gulltopp, Frigg und die Asinnen, sogar Frostriesen und Bergriesen. Als Thor den Scheiterhaufen mit dem Hammer weiht, läuft ihm ein Zwerg namens Litr vor die Füße – Thor stößt ihn kurzerhand mit ins Feuer.
Solche Schiffsbestattungen sind kein bloßes Dichterbild: Die Gräber von Oseberg, Gokstad und Sutton Hoo zeigen, dass mächtige Tote tatsächlich mit ganzen Schiffen bestattet wurden. Ob man sie je brennend aufs Meer schob oder an Land verbrannte und vergrub, ist umstritten – der Mythos von Hringhorni überhöht eine reale, ehrfurchtgebietende Praxis ins Kosmische.
Baldrs Tod · Baldr · Hermods Ritt nach Hel · Draupnir.
Snorri Sturluson, Gylfaginning 49. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; zur Schiffsbestattung: Neil Price u. a.