Hringhorni ist das Schiff des Gottes Balder – nach Snorri „das größte aller Schiffe“ – und wird nach seinem Tod zu seinem Scheiterhaufen. Die Götter tragen den Toten ans Ufer, bekommen das Schiff aber keinen Fingerbreit bewegt. Erst die Riesin Hyrrokkin, die auf einem Wolf mit Schlangenzügeln heranreitet, stößt es ins Wasser. Hier erfährst du, was Snorri und der ältere Skalde Úlfr Uggason über diese Bestattung erzählen, was die Bildsteine zeigen – und was echte Schiffsgräber von Oseberg bis Salme dazu sagen.
Es gibt Szenen in der nordischen Mythologie, die man einmal liest und nie wieder vergisst. Balders Bestattung gehört dazu. Ein toter Gott, eine Mutter, die nichts mehr tun kann, ein Vater, der seinem Sohn etwas ins Ohr flüstert, das niemand je erfahren wird. Dazu eine Riesin, ein wütender Donnergott und ein Zwerg, der zur falschen Zeit am falschen Ort steht. Und mittendrin ein Schiff, das sich weigert, ins Wasser zu gehen.
Wir trennen wie immer sauber: Quellen nach Alter und Art, dann Bildsteine, dann Gräber – und zum Schluss die Frage, die jeder nach dem Kino stellt: War das wirklich so?
Altnordisch Hringhorni setzt sich zusammen aus hringr („Ring, Kreis“) und horn („Horn, Spitze“). Rudolf Simek erklärt den Namen als „Schiff mit einem Kreis am Steven“. Gemeint ist wohl der hoch aufragende Vordersteven, der bei vielen wikingerzeitlichen Schiffen in einer Spirale oder Schnecke ausläuft – beim Oseberg-Schiff etwa rollt er sich zu einem Schlangenkopf ein. Ob das „Ring-Horn“ diese Spirale meint oder einen tatsächlichen Ring am Steven, lässt sich nicht entscheiden. Die Deutung ist plausibel, aber nicht gesichert.
Der Name steht nicht nur in der Erzählung. Er taucht auch in den Nafnaþulur auf, den versifizierten Namenslisten, die in Handschriften der Skáldskaparmál überliefert sind. Dort, im Abschnitt über Schiffsbezeichnungen, wird „hringhornir“ in einer Reihe mit Dutzenden anderer Schiffswörter genannt – unmittelbar in der Nachbarschaft von Skíðblaðnir und Naglfari.
Die ausführlichste Fassung steht in der Gylfaginning, dem ersten erzählenden Teil der Prosa-Edda, die der isländische Gelehrte Snorri Sturluson um 1220–1225 verfasste. In Kapitel 49 erzählt er zunächst, wie Balder durch den Mistelzweig stirbt, den Loki dem blinden Höd in die Hand drückt. Die ganze Vorgeschichte findest du in unserem Artikel über Balders Tod. Hier geht es um das, was danach geschieht.
Die Götter nehmen den Leichnam und tragen ihn ans Meer. „Hringhorni hét skip Baldrs, hann var allra skipa mestr“ – Hringhorni hieß Balders Schiff, es war das größte aller Schiffe. Die Asen wollen es vom Strand stoßen und darauf Balders Scheiterhaufen errichten. Aber das Schiff rührt sich nicht.
Also schickt man nach Jötunheim, ins Land der Riesen, nach einer Riesin namens Hyrrokkin. Sie kommt auf einem Wolf geritten und hat Giftschlangen als Zügel. Kaum ist sie abgestiegen, ruft Odin vier Berserker herbei, die das Reittier bewachen sollen. Halten können sie es nicht – erst als sie es zu Boden werfen, ist es zu bändigen. Hyrrokkin geht an den Vordersteven und stößt das Schiff mit dem ersten Ruck vom Ufer, „so dass Feuer aus den Rollen sprang und alle Lande bebten“. Gemeint sind die hlunnar, Holzrollen, auf denen man Schiffe an Land bewegte.
Thor wird darüber zornig. Er greift nach seinem Hammer und hätte der Riesin den Schädel eingeschlagen, wenn nicht alle Götter für sie um Frieden gebeten hätten.
Dann wird Balders Leichnam auf das Schiff getragen. Als seine Frau Nanna, die Tochter des Nep, das sieht, bricht sie vor Kummer zusammen und stirbt. Sie wird zu ihm auf den Scheiterhaufen gelegt. Snorri erzählt das in einem Satz, ohne Pathos.
Thor tritt heran und weiht den Scheiterhaufen mit Mjölnir. Das Verb vígja kennt man auch von Runensteinen: „Thor weihe diese Runen“. Mehr dazu im Artikel über den Thorshammer. In diesem Moment läuft ihm ein Zwerg namens Litr vor die Füße. Thor tritt ihn mit dem Fuß ins Feuer, und der Zwerg verbrennt.
Kein Kommentar, keine Begründung. Litr ist auch sonst nur ein Name in der Zwergenliste der Völuspá. Ob hinter dem Fußtritt die Erinnerung an ein Begleitopfer steckt, wie Ibn Fadlan es beschreibt, ist Spekulation. Ebenso gut kann es eine derbe Pointe über Thors Jähzorn sein.
Danach legt Odin den goldenen Ring Draupnir auf den Scheiterhaufen. Snorri fügt hinzu, was diesen Ring auszeichnet: Jede neunte Nacht tropfen acht gleich schwere Goldringe von ihm ab. Und schließlich wird Balders Pferd mit allem Zaumzeug zum Feuer geführt.
Draupnir kommt übrigens zurück: Als Hermod nach Hel reitet, gibt Balder ihm den Ring als Andenken für Odin mit, Nanna schickt Frigg ein Leinentuch. Die Beigaben wandern aus dem Totenreich zurück.
Snorri baut eine regelrechte Prozession auf, und sie verrät, welchen Rang dieser Tote hat. Zuerst Odin, mit ihm Frigg, die Walküren und seine Raben. Freyr fährt in einem Wagen, gezogen vom Eber Gullinbursti, den Snorri auch Slíðrugtanni nennt. Heimdall reitet das Pferd Gulltoppr, Freyja fährt mit ihren Katzen. Und dann kommen, das ist der bemerkenswerte Satz, „viel Volk der Reifriesen und Bergriesen“.
Die Feinde der Götter stehen also mit am Ufer. Das zeigt die Größe des Verlusts – und dass Riesen in der nordischen Mythologie nicht einfach „die Bösen“ sind, sondern auch Verwandte, Ehepartner und Lehrmeister.
Snorri hat diese Szene nicht erfunden – und das lässt sich belegen.
Die Balder-Strophen der Húsdrápa beschreiben genau die Prozession, die Snorri nacherzählt: Freyr reitet auf dem Eber zum Scheiterhaufen, Heimdall kommt zu Pferd, Odin wird von Walküren und Raben begleitet. Und eine Strophe sagt sinngemäß: Die gewaltige „Hild der Berge“ – eine Umschreibung für eine Riesin – ließ den „Meeres-Sleipnir“ – also das Schiff – nach vorn stampfen, doch die Krieger Odins fällten ihr Reittier.
Das ist eine dichte, typisch skaldische Sprache mit Kenningar, also bildhaften Umschreibungen: Das Schiff ist ein „Pferd des Meeres“, die Riesin eine „Walküre der Berge“. Der Inhalt ist trotzdem eindeutig: Schon Ende des 10. Jahrhunderts, noch in heidnischer Zeit, kannte man in Island die Riesin, die das Totenschiff anschiebt, und die Krieger, die ihr Reittier niederwerfen.
Zwei Dinge stehen in den erhaltenen Strophen allerdings nicht: der Name Hringhorni und der Wolf. Den Wolf, die Schlangenzügel, Nanna und Litr kennen wir erst aus Snorris Prosa. Ob Snorri sie aus anderen, verlorenen Quellen hatte oder selbst ergänzte, wissen wir nicht. Der Kern ist alt, die Ausschmückung kann jünger sein.
Und noch etwas: Úlfr beschreibt Bilder, die er sah. Die älteste ausführliche Spur dieser Szene ist ein Bildprogramm in Holz – für Holzgraveure wie uns ein schöner Gedanke.
Snorri lässt Hyrrokkin am Leben, weil die Götter für sie bitten. Ein anderer Skalde des späten 10. Jahrhunderts, Þorbjörn dísarskáld, sah das offenbar anders. In einer Strophe, die Snorri in der Skáldskaparmál zitiert, zählt er die Riesinnen und Riesen auf, die Thor erschlagen hat – und darunter heißt es knapp: „Hyrrokkin dó fyrri“, Hyrrokkin starb schon früher.
Die Überlieferung war beweglich: Es gab Varianten nebeneinander, Snorri wählte eine aus und glättete sie.
Auch der Name Hyrrokkin ist nicht eindeutig. Der erste Teil gehört wohl zu hyrr, „Feuer“, der zweite wird meist als „verrunzelt“ oder „verraucht“ gedeutet. „Die vom Feuer Verschrumpelte“ ist eine verbreitete Übersetzung – sicher ist sie nicht. Ihr Name steht auch in den þulur-Listen der Trollfrauen, dort aber ohne jede Geschichte.
Ein Detail wird oft der Hringhorni-Szene zugeschrieben, steht aber gar nicht bei Snorri: das Flüstern. In der Gylfaginning beugt sich Odin nicht zu Balder hinab. Die berühmte Frage stammt aus einem Lied der Lieder-Edda, dem Vafþrúðnismál. Dort wettet Odin, verkleidet, mit dem weisen Riesen Vafþrúðnir um den Kopf. Zum Schluss stellt er eine Frage, die nur einer beantworten kann: Was sagte Odin seinem Sohn ins Ohr, bevor er auf den Scheiterhaufen gehoben wurde?
Der Riese erkennt daran, dass er verloren hat. Dieselbe Frage taucht als letztes Rätsel in der Hervarar saga auf, wo Gestumblindi, hinter dem sich Odin verbirgt, König Heidrek damit besiegt. Was Odin flüsterte, verrät keine Quelle. Moderne Deutungen – etwa ein Versprechen der Wiederkehr nach Ragnarök – sind Spekulation. Das Schweigen ist die Pointe.
Unabhängig von Snorri bestätigt das Lied also den Scheiterhaufen – von einem Schiff sagt es nichts.
Wer neben Snorri den dänischen Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus liest, staunt. In seinen Gesta Danorum (um 1200) ist Balderus kein strahlender Gott, sondern ein Halbgott und Kriegsherr, der im Kampf mit Hotherus um die Königstochter Nanna verwundet wird und stirbt. Sein Heer bestattet ihn mit königlichen Ehren – in einem Grabhügel. Kein Schiff, keine Riesin, kein Feuer auf dem Meer.
Hringhorni ist also nicht „die“ Balder-Bestattung, sondern die isländische Fassung – die allerdings durch die Húsdrápa gut verankert ist.
Skíðblaðnir gehört dem Gott Freyr. Die Söhne des Zwergs Ivaldi haben es gebaut. Es ist groß genug für alle Asen samt Waffen und Rüstung, hat stets günstigen Wind, sobald das Segel gesetzt ist, und lässt sich zusammenfalten wie ein Tuch, so dass Freyr es in der Tasche tragen kann. Das Grímnismál nennt es „das beste der Schiffe“.
Naglfar ist das Gegenteil. Es wird aus den unbeschnittenen Nägeln der Toten gebaut und trägt beim Weltuntergang die Riesen gegen die Götter. Snorri rät deshalb, niemanden mit ungeschnittenen Nägeln sterben zu lassen.
Dazwischen steht Hringhorni: das größte Schiff, gebaut für die Fahrt eines einzigen Toten. Drei Schiffe, drei Funktionen – Leben, Tod, Untergang. Ob diese Ordnung schon heidnisch gedacht war, ist offen.
Ein Bild der Szene, älter als Snorri? Es gibt einen Kandidaten. In Hunnestad bei Marsvinsholm, nordwestlich von Ystad in Schonen, stand einst das größte Bildstein-Monument der Wikingerzeit in dieser Region. Schonen gehörte damals zu Dänemark. Der dänische Gelehrte Ole Worm verzeichnete dort acht Steine und veröffentlichte eine Zeichnung des Monuments 1643 in seinen Danicorum Monumentorum.
Im späten 18. Jahrhundert ließ der Gutsherr das Monument im Zuge einer Modernisierung des Guts zerstören, vermutlich zwischen 1782 und 1786. Drei Steine wurden im 19. Jahrhundert wiedergefunden und stehen heute in Lund, ein weiterer, DR 285, kam im Dezember 2020 bei Kanalarbeiten zum Vorschein. Er war als Brückenstein über einen Bach verbaut worden.
Auf dem Stein DR 284 sieht man eine Gestalt, die auf einem großen Tier mit Mähne und spitzen Ohren reitet und in den Händen Schlangen hält. Die verbreitete Deutung lautet: Das ist Hyrrokkin auf ihrem Wolf, mit den Schlangen als Zügel. Die Parallele zu Snorri ist frappierend.
Schiffsbestattungen sind im Norden über Jahrhunderte belegt, in ganz verschiedenen Formen:
Sutton Hoo (England, um 625): Im Hügel 1 von Sutton Hoo lag ein rund 27 Meter langes Ruderschiff, vollständig eingegraben, mit einer Grabkammer mittschiffs. Vom Holz blieben nur Nieten und der Abdruck im Sand. Angelsächsisch, nicht wikingisch – aber ein Beleg, wie alt der Brauch ist.
Salme (Saaremaa, Estland, um 700–750): Zwei Schiffe, gefunden 2008 und 2010, mit insgesamt mindestens 41 Toten – sieben im kleineren, mindestens 34 im größeren Schiff, in mehreren Lagen. Isotopenanalysen und Funde deuten auf eine Herkunft aus Mittelschweden. Diese Männer starben offenbar bei einem Kriegszug und wurden am Strand in ihren Schiffen beigesetzt, ohne Hügel darüber. Es ist die älteste bekannte Schiffsbestattung dieser Art im Ostseeraum. Mehr bei den Salme-Kriegern.
Oseberg (Vestfold, Norwegen, 834): Das Holz der Grabkammer wurde dendrochronologisch auf das Jahr 834 datiert. Im Schiff lagen zwei Frauen, dazu ein Wagen, Schlitten, Betten, Webgerät, Pferde, Hunde und Rinder. Ein Detail, das gut zu Hringhorni passt: Das Schiff war im Grab mit einem Tau an einem großen Stein festgemacht. Ob man damit symbolisch verhindern wollte, dass es „ausläuft“, oder ob es schlicht zur Ausstattung gehörte, ist Deutung. Mehr im Artikel über das Oseberg-Schiff.
Gokstad (Vestfold, um 900–905): Ein seetüchtiges Schiff von gut 23 Metern Länge, in dem ein Mann bestattet war, dazu Pferde, Hunde und sogar Pfauen. Das Gokstad-Schiff gilt bis heute als Musterbeispiel wikingerzeitlicher Schiffbaukunst.
Ladby (Fünen, Dänemark, frühes 10. Jahrhundert): Das bislang einzige bekannte Schiffsgrab Dänemarks aus der Wikingerzeit, 1935 entdeckt. Vom gut 21 Meter langen Schiff blieben Abdruck und Nieten. Dazu kamen die Reste von elf Pferden und mehreren Hunden sowie ein Anker mit Kette. Das Grab wurde schon bald nach der Bestattung geplündert, der Tote fehlte.
Myklebust (Nordfjordeid, Norwegen, spätes 9. Jahrhundert): Hier wurde das Schiff nicht vergraben, sondern verbrannt. Aus Nieten, Nägeln und der Ascheschicht schätzt man eine Länge von etwa 30 Metern. Dazu kommen mehr als 40 Schildbuckel. Damit gehört Myklebust zu den größten bekannten Schiffsbrandgräbern Skandinaviens. Die Verbindung zu einem König Audbjørn, die vor Ort gern erzählt wird, ist Tradition, kein Beleg.
Daneben steht eine ganz andere Form: die Steinschiffe oder Schiffssetzungen, also aufgestellte Steine im Umriss eines Schiffs, oft über einer Brandbestattung. In Lindholm Høje bei Aalborg liegen Hunderte Gräber, viele davon in solchen Steinsetzungen. Dort lag nie ein echtes Schiff im Boden. Das Schiff war Zeichen, nicht Fahrzeug.
Für die Verbrennung eines Schiffs haben wir sogar einen Augenzeugen. Der arabische Gesandte Ibn Fadlan reiste 921/922 im Auftrag des Kalifen von Bagdad zu den Wolgabulgaren und beobachtete dort die Bestattung eines Häuptlings der Rus, also skandinavischer Händler und Krieger.
Das Schiff des Toten wird an Land gezogen und auf ein Gerüst aus Holz gestellt. Der Tote liegt in Prachtgewändern in einem Zelt an Bord, mit Speisen, Waffen und geopferten Tieren, darunter Pferde und ein Hund. Eine Sklavin, die sich bereit erklärt hat, „mit ihm zu gehen“, wird nach Ritualen, die Ibn Fadlan ausführlich schildert, getötet und zu ihm gelegt. Dann entzündet der nächste Verwandte des Toten, nackt und rückwärts gehend, das Holz. Nach Ibn Fadlan ist binnen einer Stunde alles zu Asche verbrannt. Darüber wird ein runder Hügel aufgeschüttet, mit einem Pfahl aus Birkenholz darauf.
Nanna, die mit Balder auf den Scheiterhaufen kommt, und das Pferd im vollen Zaumzeug: Das alles hat eine reale Entsprechung. Ibn Fadlan beschreibt zwar Rus an der Wolga, Snorri schreibt 300 Jahre später als Christ – aber die Grundelemente – Schiff, Feuer, Pferd, Begleitperson, Beigaben – kehren wieder.
Jetzt zur Szene, die jeder im Kopf hat: Ein Langschiff treibt hinaus aufs dunkle Wasser, ein Bogenschütze am Ufer spannt, der Brandpfeil fliegt, das Schiff geht in Flammen auf. Oder?
Ganz aus der Luft gegriffen ist das Bild nicht. In der Ynglinga saga, ebenfalls von Snorri, lässt sich der tödlich verwundete Seekönig Haki ein Schiff mit seinen gefallenen Männern und ihren Waffen beladen, den Scheiterhaufen darauf anzünden und das Schiff brennend aufs Meer hinaustreiben. Das brachte ihm, so Snorri, großen Ruhm. Und im altenglischen Beowulf wird der König Scyld Scefing auf einem Schiff voller Schätze dem Meer übergeben – allerdings ohne Feuer.
Auch Hringhorni selbst trägt zum Bild bei: Hyrrokkin stößt das Schiff ins Wasser, danach brennt der Scheiterhaufen an Bord. Ob das Schiff dabei schwimmt oder brennend hinaustreibt, sagt Snorri nicht. Als reale Praxis fehlt dem Motiv jeder Beleg.
Drei Antworten sind verbreitet. Die erste: das Schiff als Fahrzeug ins Jenseits. Der Tote geht auf eine Reise, also bekommt er ein Transportmittel – so wie Wagen, Schlitten und Pferde in Oseberg. Die zweite: das Schiff als Statussymbol. Ein seetüchtiges Schiff zu bauen kostete enorme Mengen an Holz, Eisen, Wolle und Arbeit. Es zu opfern war die lauteste Aussage über Rang und Macht, die eine Familie machen konnte – ein Gedanke, den Neil Price in seinen Arbeiten über Bestattungen als Inszenierung stark gemacht hat. Die dritte verweist auf die Wanen, besonders auf Freyr und seinen Vater Njörd, zu denen Schiff, Meer und Fruchtbarkeit gehören. Dass Freyr mit Skíðblaðnir selbst das beste Schiff besitzt, passt dazu.
Keine Deutung lässt sich allein belegen, sie schließen einander auch nicht aus. Hringhorni zeigt nur, dass man die Götter in derselben Logik dachte: Für den Besten das größte aller Schiffe.
Wer heute ein Wikingerschiff brennen sehen will, fährt nach Lerwick auf den Shetlandinseln. Dort wird beim Feuerfest Up Helly Aa am letzten Dienstag im Januar eine nachgebaute Galeere durch die Stadt gezogen und von Hunderten Fackelträgern in Brand gesetzt.
Aber es ist kein wikingerzeitlicher Brauch. Das Fest entstand im 19. Jahrhundert aus dem Teerfass-Rollen zur Julzeit, das die Behörden als zu gefährlich unterbanden. Fackelzüge sind ab 1876 belegt, die erste Galeere wurde 1889 verbrannt. Das Wikinger-Thema kam erst mit der romantischen Begeisterung für das nordische Erbe der Inseln. Up Helly Aa ist eine viktorianische Inszenierung mit Wikingerkostüm – eine sehr gelungene, aber eben eine moderne.
Hringhorni ist das Schiff, das nicht fahren will, bis die Falsche kommt. Die Götter, die Wölfe fesseln, scheitern an einem Boot am Strand, und ausgerechnet eine Riesin muss helfen. Ein Zwerg stirbt nebenbei, eine Frau aus Liebe.
Die Szene ist nicht feierlich-steif, sondern menschlich, mit Wut, Trauer und schiefem Witz. Und sie ruht auf einem soliden Fundament: einer Halle in Island um 985, deren Schnitzwerk ein Skalde besang, einem Bildstein in Schonen, Schiffsgräbern von Estland bis England und einem arabischen Reisenden, der an der Wolga ein Schiff brennen sah.
Für uns in der Werkstatt in Alsdorf ist Hringhorni ein Motiv, das wir gern gravieren: auf Schiefer, in Holz, auf Glas. Nicht als Kinobild mit Brandpfeil, sondern so, wie die Quellen es erzählen.

Was ist Hringhorni? Hringhorni ist in der nordischen Mythologie das Schiff des Gottes Balder, nach Snorri das größte aller Schiffe. Nach Balders Tod dient es als sein Scheiterhaufen.
Wer schob Balders Schiff ins Wasser? Die Riesin Hyrrokkin. Die Götter konnten Hringhorni nicht bewegen, also holten sie sie aus Jötunheim. Sie kam auf einem Wolf mit Schlangenzügeln und stieß das Schiff mit einem Ruck vom Ufer.
Wo steht die Geschichte von Balders Bestattung? Ausführlich in der Gylfaginning (Kapitel 49) der Prosa-Edda von Snorri Sturluson, um 1220. Älter ist die Húsdrápa des Skalden Úlfr Uggason von etwa 985, die Teile der Szene in Versen beschreibt.
Was flüsterte Odin Balder ins Ohr? Das verrät keine Quelle. Die Frage stammt aus dem Vafþrúðnismál, wo Odin sie als unlösbares Rätsel stellt. Bei Snorri kommt das Flüstern gar nicht vor.
Wurden Wikinger auf brennenden Schiffen aufs Meer geschickt? Dafür gibt es keinen archäologischen Beleg. Belegt sind Schiffe in Grabhügeln, an Land verbrannte Schiffe und Steinschiffe. Das brennende Schiff auf dem Meer kennt nur die Sagaliteratur, der Brandpfeil stammt aus dem Kino.
Was bedeutet der Name Hringhorni? Wörtlich etwa „Ring-Horn“, nach Simek „Schiff mit einem Kreis am Steven“ – plausibel, aber nicht sicher.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
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