Gullinbursti („Goldborste“) ist der goldene Eber des Fruchtbarkeitsgottes Freyr: Nach Snorris Edda schmiedeten ihn der Zwerg Brokkr und sein Bruder aus einer Schweinshaut, er läuft schneller als jedes Pferd über Luft und Wasser und leuchtet so hell, dass keine Nacht zu dunkel wird. Bei Balders Bestattung bringt er Freyr zum Scheiterhaufen. Das Besondere: Der Eber Freyrs ist nicht nur Dichtung. Eberfiguren sitzen auf echten Helmen des 7. Jahrhunderts, und auf einen Eber legte man zum Julfest die Hand, um zu schwören.
Ein Schwein aus einer Schweinshaut. Das klingt zuerst nach einem Witz aus der Werkstatt, und ein bisschen ist es auch einer: Ein Zwerg legt ein Stück Fell ins Feuer, sein Bruder tritt den Blasebalg, eine Fliege sticht – und heraus läuft ein Eber, dessen Borsten so hell glühen, dass die Nacht um ihn herum Tag wird. Dieser Eber heißt Gullinbursti, und er gehört Freyr.
Das Verblüffende an ihm ist nicht die Zauberei. Verblüffend ist, wie nah dieser Eber an der Wirklichkeit steht. Eberfiguren sitzen auf echten Helmen aus echten Gräbern, ein angelsächsisches Epos singt von ihnen, ein römischer Historiker beschreibt Menschen, die Eberbilder als Schutz tragen, und isländische Texte erzählen von einem Eber, auf den man zum Julfest die Hand legte und schwor. Wir gehen beides durch: die Erzählung, wie sie in den Quellen steht, und den Befund, wie er im Boden lag.
Loki hat Thors Frau Sif heimlich das Haar abgeschoren. Thor ist kurz davor, ihm jeden Knochen zu brechen, und Loki rettet sich mit einem Versprechen: Er werde Sif neues Haar besorgen, aus Gold, das wie echtes wächst. Er geht zu den Söhnen Ivaldis, kunstfertigen Zwergen, und die liefern gleich drei Kostbarkeiten: das Goldhaar, das Schiff Skíðblaðnir, das immer Fahrtwind hat und sich zusammenfalten lässt wie ein Tuch, und den Speer Gungnir.
Damit hätte Loki aufhören können. Er tut es nicht. Er wettet mit dem Zwerg Brokkr um seinen eigenen Kopf, dass dessen Bruder keine drei Dinge schmieden könne, die genauso gut sind. Der Bruder nimmt an. Er legt eine Schweinshaut in die Esse und befiehlt Brokkr, den Blasebalg zu treten und auf keinen Fall aufzuhören, bis das Stück wieder draußen ist.
Kaum ist der Bruder aus der Schmiede, setzt sich eine Fliege auf Brokkrs Hand und sticht. Jeder Leser ahnt, wer diese Fliege ist. Brokkr bläst weiter. Als der Schmied das Werkstück herausnimmt, ist es ein Eber mit Mähne und Borsten aus Gold. Beim zweiten Stück, einem Goldring, sticht die Fliege in den Hals, doppelt so fest. Brokkr bläst weiter, und heraus kommt der Ring Draupnir. Beim dritten Stück, aus Eisen, sticht die Fliege zwischen die Augen, ins Augenlid, das Blut läuft ihm in die Augen. Brokkr nimmt eine Hand vom Blasebalg, um sie zu verscheuchen. Nur einen Augenblick. Das reicht: Der Hammer Mjöllnir wird fertig, aber sein Stiel ist zu kurz.
Dann folgt die Bescherung. Odin, Thor und Freyr sitzen als Richter. Loki verteilt seine Gaben: den Speer an Odin, das Haar an Thor für Sif, das Schiff an Freyr. Brokkr verteilt seine: den Ring an Odin, den Hammer an Thor – und den Eber an Freyr. Die Götter entscheiden, dass der Hammer das beste aller Kleinode ist, weil er sie gegen die Riesen schützt. Loki hat verloren.
Er versucht zu fliehen, Thor fängt ihn ein. Dann rettet er sich mit einem Juristentrick: Der Kopf gehöre Brokkr, der Hals aber nicht, und ohne den Hals könne man den Kopf nicht nehmen. Brokkr gibt nach, nimmt sich aber seine Rache. Er will Loki den Mund zunähen. Sein Messer dringt nicht durch, also holt er sich die Ahle seines Bruders, sticht die Löcher und näht Lokis Lippen mit einem Riemen zusammen, der den Namen Vartari trägt. Loki reißt ihn heraus.
Snorri beschreibt Gullinbursti knapp, aber präzise. Sinngemäß sagt Brokkr bei der Übergabe: Der Eber könne Tag und Nacht durch Luft und über das Meer laufen, schneller als jedes Pferd, und nie werde die Nacht so finster oder die Welt der Dunkelheit so schwarz, dass es dort, wo er läuft, nicht hell genug sei – so sehr leuchten Mähne und Borsten.
Der Name sagt genau das. Gullinbursti setzt sich zusammen aus gullinn („golden“) und bursti („Borste, Borstenkamm“) – also „Goldborste“. Im Norden wird mit Gold oft auch Licht und Glanz gemeint; Gold heißt in der Skaldendichtung nicht umsonst „Feuer des Meeres“ oder „Glut der Arme“.
Snorri kennt noch einen zweiten Namen: Slíðrugtanni. Er bedeutet etwa „der mit den furchtbaren Hauern“; Cleasby und Vigfússon übersetzen das Wort im 19. Jahrhundert als „fearful-tusk“. Zwei Namen für ein Tier, einer für den Glanz, einer für die Waffe im Maul. Das ist kein Zufall: Der Eber war für die Menschen des frühen Mittelalters beides – ein Bild des Reichtums und das gefährlichste Wild in ihren Wäldern.
Seinen großen Auftritt hat Gullinbursti bei einer Beerdigung. Als Balder getötet worden ist, versammeln sich die Götter an seinem Scheiterhaufen. Snorri zählt in der Gylfaginning (Kap. 49) auf, wer kommt: Odin mit Frigg, den Walküren und seinen Raben, Freyja mit ihrem Katzengespann, Heimdall auf seinem Pferd Gulltoppr – und Freyr, der in einem Wagen fährt, gezogen von dem Eber, der Gullinbursti oder Slíðrugtanni heißt.
Doch Snorri hatte für diese Szene eine ältere Quelle, und die zitiert er selbst. Um 985 ließ der isländische Häuptling Óláfr pái („der Pfau“) auf seinem Hof Hjarðarholt eine prächtige neue Halle errichten, deren Wandtäfelung mit Bildern aus der Götterwelt geschnitzt war. Bei der Hochzeitsfeier seiner Tochter trug der Skalde Úlfr Uggason ein Gedicht vor, das diese Schnitzereien beschreibt: die Húsdrápa, das „Hauslied“. So erzählt es die Laxdæla saga (Kap. 29). Das Gedicht selbst ist nur in Bruchstücken erhalten, die Snorri in seiner Edda zitiert. Eine dieser Strophen zeigt Freyr auf dem Weg zu Balders Scheiterhaufen:
The battle-bold Freyr rideth / First on the golden-bristled / Barrow-boar to the bale-fire / Of Baldr, and leads the people.Úlfr Uggason, Húsdrápa, zitiert in Snorris Skáldskaparmál; Übersetzung Arthur G. Brodeur, 1916
Im Altnordischen steht ríðr – „reitet“. Allerdings kann das Verb im Altnordischen auch ganz allgemein „fahren, sich fortbewegen“ bedeuten, und Snorri hat offenbar keinen Widerspruch gesehen, als er Freyr wenige Seiten weiter einen Wagen gab. Ob Úlfr ein Bild vor Augen hatte, auf dem Freyr rittlings auf dem Eber sitzt, oder ob die Schnitzerei einen Wagen zeigte, lässt sich nicht mehr klären. Die Halle steht seit fast tausend Jahren nicht mehr.
Gullinbursti wird gern mit einem zweiten Eber verwechselt, und der Grund dafür liegt in der Edda selbst. Im Lied Hyndluljóð („Das Lied von Hyndla“) reitet Freyja, Freyrs Schwester, in der Nacht zu einer Riesin namens Hyndla. Sie will ihr ein Wissen abpressen: die Ahnenreihe ihres Schützlings Óttar, der eine Wette um sein Erbe gewinnen muss.
Freyja kommt auf einem Eber. Hyndla durchschaut die Sache sofort und spottet: Der Eber, auf dem Freyja reite, sei in Wahrheit Óttar selbst, den sie verwandelt habe. Freyja leugnet und beschreibt ihr Tier: Es glühe mit goldenen Borsten, heiße Hildisvíni („Kampfschwein“), und zwei kunstfertige Zwerge, Dáinn und Nabbi, hätten es ihr gemacht.
Siehst du die Ähnlichkeit? Goldene Borsten, von Zwergen geschmiedet – das klingt fast wörtlich wie Gullinbursti. Im Altnordischen steht sogar das Adjektiv gullinbursti in der Strophe, als Beschreibung. Trotzdem handelt es sich um zwei verschiedene Tiere: andere Besitzerin, andere Schmiede, anderer Name. Und Freyja reitet Hildisvíni ausdrücklich, auch wenn die Riesin unterstellt, dass hier ein verzauberter Mensch unter dem Sattel steckt.
Woher die Parallele kommt, ist offen. Vielleicht kannte der Dichter der Hyndluljóð die Vorstellung vom goldenen Eber Freyrs und übertrug sie auf die Schwester. Vielleicht gehörte das goldborstige Schwein einfach zum Bild der beiden Wanen-Geschwister. Sicher ist nur: Es ist im Codex Regius nicht enthalten, sondern in der Flateyjarbók aus dem späten 14. Jahrhundert überliefert.
Ein spannendes Detail am Rand: Hildisvín ist auch der Name eines Helms. Snorri erzählt, der schwedische König Aðils habe nach der Schlacht auf dem Eis des Vänern-Sees dem toten König Áli den Helm Hildisvín abgenommen. Ein „Kampfschwein“ als Helmname – das ist eine Brücke vom Mythos zur Bewaffnung, und zu der kommen wir gleich.
Freyr und Freyja gehören zu den Wanen, dem zweiten Göttergeschlecht neben den Asen. Die Wanen stehen in den Quellen für Fruchtbarkeit, Wachstum, Wohlstand, gutes Wetter und Frieden. Freyr gebietet nach Snorri über Regen und Sonnenschein und damit über die Früchte der Erde, und man solle ihn um gute Jahre und Frieden anrufen.
Das Schwein passt dazu wie kaum ein anderes Tier. Es ist fruchtbar, wirft viele Junge, wird schnell fett und war für die bäuerliche Wirtschaft des Nordens eine wichtige Fleischquelle. Wer viele Schweine hatte, hatte einen guten Winter vor sich. Und das Tier ist zugleich wehrhaft: Ein Keiler, der sich stellt, kann einen Jäger töten.
Wie eng das Schwein mit diesem Götterpaar verbunden war, zeigt ein Beiname. Unter den Namen, die Snorri für Freyja aufzählt (Gylfaginning Kap. 35), steht Sýr – das heißt schlicht „Sau“. Ein Göttinnenname, der heute wie eine Beleidigung klingt, damals aber offensichtlich etwas anderes bedeutete. Freyr hat seinen Eber, Freyja ist die Sau. Der Religionshistoriker Gabriel Turville-Petre hat daraus geschlossen, dass Eber und Sau für die beiden Gottheiten selbst stehen konnten. Das ist eine Deutung, kein Quellenzitat – aber eine gut begründete.
Spannend ist der Kontrast zu Odins Welt. Auch in Walhall gibt es einen Eber: Sæhrimnir, der jeden Tag geschlachtet, gekocht und von den gefallenen Kriegern verspeist wird und am Abend wieder ganz ist. Dort ist der Eber Nahrung, unerschöpflicher Reichtum für die Krieger. Bei Freyr ist er Gefährte, Licht und Fahrzeug. Zwei Seiten desselben Tieres: Das Schwein ernährt, und das Schwein trägt.
Der berühmteste Fund ist der Helm von Benty Grange in Derbyshire. Der Altertumsforscher Thomas Bateman öffnete den Grabhügel am 3. Mai 1848 und fand die Reste eines Helms aus der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts. Auf dem Scheitel steht eine kleine Eberfigur: ein Kern aus Bronze, außen Eisenplatten, die Augen aus Granat in goldener Fassung, auf den Hüften Plättchen aus vergoldetem Silber, dazu kleine vergoldete Silberstifte – vielleicht die goldenen Borsten. Auf dem Nasenschutz desselben Helms sitzt ein silbernes Kreuz. Ein heidnisches Schutztier und ein christliches Zeichen auf ein und demselben Kopf: Das zeigt sehr schön, wie fließend die Übergänge in dieser Zeit waren. Der Helm liegt heute im Weston Park Museum in Sheffield.
Der zweite Eberhelm kam erst 1997 ans Licht. In Wollaston (Northamptonshire) wurde vor dem Kiesabbau ein Grab untersucht; nach der Abbaufirma heißt der Fund heute Pioneer-Helm. Er stammt aus dem späten 7. Jahrhundert, gehörte einem jungen Mann, der mit einem damaszierten Schwert bestattet wurde, und trägt auf dem Kamm einen schlichten Eber, geschmiedet aus einem einzigen Eisenstab. Kein Gold, kein Granat – ein Gebrauchsstück. Zu sehen ist er in den Royal Armouries in Leeds.
Beim Prunkhelm aus Hügel 1 von Sutton Hoo (um 625) sitzt kein Eber auf dem Kamm. Aber die Augenbrauenbögen enden außen jeweils in einem kleinen vergoldeten Eberkopf.
Und in Schweden? Auf Öland wurden 1870 bei Torslunda vier bronzene Pressmodel gefunden, Formen, mit denen man dünne Bleche für Helmverzierungen prägte. Sie stammen aus der Vendelzeit (6./7. Jahrhundert). Auf einer dieser Platten stehen zwei Krieger nebeneinander, Speere und Schwerter in den Händen – und auf ihren Helmen sitzen Eber. Die Model liegen heute im Statens historiska museum in Stockholm.
Wichtig für die Einordnung: Alle diese Helme sind älter als die Wikingerzeit. Der einzige weitgehend vollständige Helm der Wikingerzeit selbst, der aus Gjermundbu in Norwegen, trägt keinen Eber. Der Eberhelm ist ein Bild der Vendel- und angelsächsischen Zeit, also der Generationen, aus denen die Wikinger hervorgingen.
Was die Helme zeigen, bestätigt die Dichtung. Das altenglische Epos Beowulf, dessen einzige Handschrift um das Jahr 1000 geschrieben wurde, nennt Eberhelme an fünf Stellen. Als Beowulf mit seinen Männern an der dänischen Küste landet, heißt es:
Eoforlic scionon / ofer hleorbergan gehroden golde, / fah ond fyrheard; ferhwearde heoldBeowulf, V. 303–305; sinngemäß: „Ebergestalten glänzten über den Wangenschützern, mit Gold geschmückt, bunt und feuerhart; sie hielten Lebenswacht.“ (eigene Übertragung)
Eoforlic heißt wörtlich „Ebergestalt“. Und das Entscheidende steht am Ende: Der Eber hält ferhwearde, die Wache über das Leben. Der Eber auf dem Helm ist nicht Schmuck, er ist ein Schutzzauber. Später im Gedicht liegen auf dem Scheiterhaufen des Kriegers Hnæf Helme mit einem „ganz goldenen Schwein, eisenhartem Eber“, und von Beowulfs eigenem Helm heißt es, er sei mit Schweinebildern besetzt, damit kein Schwert ihn durchdringe.
Das Epos spielt übrigens nicht in England, sondern in Skandinavien: bei den Dänen und bei den Gauten im heutigen Südschweden. Das passt gut zu den Modeln aus Torslunda.
Noch viel älter ist eine Notiz des römischen Historikers Tacitus. In seiner Germania (98 n. Chr., Kap. 45) beschreibt er die Aestier an der Ostseeküste, ein Volk, das Bernstein sammelt. Sie verehren, schreibt er, die Mutter der Götter, und als Zeichen dieses Kults tragen sie Ebergestalten (formas aprorum). Die schützten den Verehrer der Göttin anstelle von Waffen selbst mitten unter Feinden.
Zwischen Tacitus und dem Helm von Benty Grange liegen mehr als fünfhundert Jahre. Wir sollten also nicht so tun, als sei das alles ein einziger Glaube gewesen. Die Aestier waren nach heutiger Ansicht wohl keine Germanen, sondern Vorfahren der baltischen Völker. Aber die Idee ist erstaunlich beständig: Ein Eberbild schützt den, der es trägt, und es steht in Verbindung mit einer Fruchtbarkeitsgottheit. Genau diese beiden Seiten vereint später Freyr.
Vom Helm geht es in die Festhalle. Zwei altnordische Texte erzählen von einem Brauch, der den Eber mitten ins Julfest stellt.
Die erste Stelle steht in der Lieder-Edda, in einem Prosastück der Helgakviða Hjǫrvarðssonar. Heðinn, ein Königssohn, begegnet am Julabend im Wald einer Trollfrau, die auf einem Wolf reitet und Schlangen als Zügel hat. Er weist sie ab, und sie droht ihm: Das werde er beim Becher des Königs büßen. Am Abend werden die Gelübde abgelegt. Der sónargǫltr wird hereingeführt, die Männer legen die Hände auf ihn und sprechen ihre Schwüre beim bragarfull, dem feierlichen Becher. Heðinn schwört, er werde Sváva gewinnen, die Braut seines eigenen Bruders – ein Schwur, den er sofort bereut, aber nicht mehr zurücknehmen kann.
Die zweite Stelle steht in der Hervarar saga ok Heiðreks. König Heiðrekr lässt einen großen Eber aufziehen, der einem Gott geweiht ist – in der Fassung, die das Wort sónargǫltr enthält, ist es Freyr. Am Julabend wird der Eber vor den König geführt, man legt die Hand auf seine Borsten und leistet Gelübde. Danach wird er geopfert.
Was das Wort genau bedeutet, ist umstritten. Ältere Forscher lasen darin einen „Sühne-Eber“. Seit dem Germanisten Eduard Sievers wird es meist anders erklärt: als „Herdeneber“ oder „Leiteber“, also das stärkste männliche Tier der Herde. Gestützt wird das durch ein verwandtes langobardisches Rechtswort im Edikt des Königs Rothari (643), das einen Eber bezeichnet, der alle anderen in der Herde schlägt.
Ob es einen Kult um Gullinbursti als eigenes Wesen gab, wissen wir nicht; belegt sind ein Freyr-Kult, Eberbilder und Eberopfer. Die Schmiedegeschichte ist vermutlich Snorris eigene Komposition oder die Zusammenfassung einer Tradition, die wir sonst nicht kennen. Snorri, Isländer, Gesetzessprecher, Politiker und Christ, wollte jungen Dichtern erklären, warum man Gold „Sifs Haar“ nennen kann. Dazu brauchte er eine Erzählung, die viele Kleinode zusammenführt. Mehr über ihn und seine Arbeitsweise findest du in unserem Porträt von Snorri Sturluson.
Und Forscher des 19. Jahrhunderts, die in vielen Mythen Natur- und Himmelserscheinungen sahen, deuteten den leuchtenden Eber gern als Bild der Sonne oder des goldenen Getreidefelds. Das ist eine Deutung ihrer Zeit. Eine Quelle, die das sagt, gibt es nicht. Wir finden die schlichtere Lesart überzeugender: Gold steht für Wert, Licht für den Gott, der gute Jahre bringt.
Für uns in der Werkstatt ist Gullinbursti ein Motiv, das sich fast von selbst gestaltet, weil es so starke historische Vorlagen gibt. Wer einen Eber im Stil der Zeit möchte, schaut auf den Kamm von Benty Grange: ein kompaktes Tier, kurze Beine, ein Kamm aus Borsten über dem Rücken. Oder auf die Model von Torslunda, deren Linien klar genug sind, um auf Schiefer zu funktionieren.
Auf Schiefer erscheint die Gravur hell auf dunklem Grund – das ist im Grunde genau das, was Snorri beschreibt: ein leuchtendes Tier in der Nacht. Auf Holz wirkt ein Eber warm und erdig, passend zu einem Gott der Felder. Und auf Glas, etwa auf einem Windlicht, macht eine Kerze die Borsten tatsächlich zum Leuchten. Dazu eine kurze Zeile, etwa der Name in Runen oder ein Satz über gute Jahre und Frieden, und das Stück erzählt seine Geschichte von allein.

Wer ist Gullinbursti? Gullinbursti („Goldborste“) ist der goldene Eber des Gottes Freyr. Nach Snorris Edda schmiedeten ihn die Zwerge Brokkr und sein Bruder (Eitri bzw. Sindri) aus einer Schweinshaut; er läuft schneller als jedes Pferd durch Luft und Wasser und leuchtet in der Nacht.
Reitet Freyr auf Gullinbursti oder fährt er mit ihm? Beides ist überliefert. In Snorris Gylfaginning zieht der Eber Freyrs Wagen zu Balders Bestattung, in der älteren Skaldenstrophe der Húsdrápa heißt es, Freyr „reite“ auf dem goldborstigen Eber.
Ist Hildisvíni dasselbe wie Gullinbursti? Nein. Hildisvíni ist Freyjas Eber im Lied Hyndluljóð, geschmiedet von den Zwergen Dáinn und Nabbi; laut der Riesin Hyndla steckt darin Freyjas verwandelter Schützling Óttar.
Gab es echte Eberhelme? Ja. Der Helm von Benty Grange (7. Jh.) und der Pioneer-Helm aus Wollaston (spätes 7. Jh.) tragen Eberfiguren auf dem Kamm, beim Sutton-Hoo-Helm enden die Brauen in Eberköpfen, und die Model von Torslunda zeigen Krieger mit Eberhelmen.
Warum ist der Eber Freyrs Tier? Freyr ist ein Gott der Fruchtbarkeit und des Wohlstands, und das Schwein galt als fruchtbar, nahrhaft und wehrhaft zugleich. Auch seine Schwester Freyja trägt den Beinamen Sýr, „Sau“.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.
Freyr – Sindri & Brokkr – Ívaldis Söhne – Die Schätze der Götter – Draupnir – Die Wanen.
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