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Sindri und Brokkr – die Zwergenbrüder, Lokis Kopfwette und die Geburt von Mjölnir

Sagen & Handwerk Sindri und Brokkr – die Zwergenbrüder, Lokis Kopfwette und die Geburt von Mjölnir

Sindri (in manchen Ausgaben Eitri) und Brokkr sind die beiden Zwergenbrüder, die nach Snorris Skáldskaparmál Thors Hammer Mjölnir schmiedeten – dazu den goldborstigen Eber Freyrs und Odins Ring Draupnir. Anlass war eine Wette, bei der Loki seinen eigenen Kopf setzte und als Fliege versuchte, die Arbeit am Blasebalg zu sabotieren. Hier liest du die Geschichte so genau, wie die Quelle sie erzählt, erfährst, warum die Namen der Brüder in den Handschriften wackeln, und siehst, was echte Schmiedefunde der Wikingerzeit dazu beitragen.

Eine Werkstatt irgendwo bei den Zwergen. Im Herd glüht die Kohle, ein Bruder legt ein Stück Schweinehaut ins Feuer und geht hinaus. Der andere steht am Blasebalg und darf nicht aufhören zu pumpen, egal was passiert. Und dann setzt sich eine Fliege auf seine Hand. Es ist keine gewöhnliche Fliege. Es ist Loki, und er kämpft um seinen Kopf.

Diese Szene erklärt, woher Thors Hammer stammt, warum er einen Makel hat und weshalb Loki eine Zeit lang mit zugenähtem Mund herumlief. Wir erzählen sie nach der Quelle – und schauen danach auf Handschriften, einen Stein aus Jütland und die Werkzeugkiste eines echten Schmieds.

Wer sind Sindri und Brokkr?

Sindri und Brokkr sind zwei Brüder aus dem Volk der Zwerge, jener kleinen, oft unterirdisch gedachten Wesen, die in den nordischen Mythen vor allem eines können: Dinge herstellen, die kein Gott selbst zustande bringt. Der eine Bruder ist der eigentliche Schmied. Der andere, Brokkr, bedient den Blasebalg, wettet mit Loki und trägt die Schätze nach Asgard.

Der Name des Schmieds ist dagegen ein kleines Problem. In vielen älteren Ausgaben und Übersetzungen heißt er Sindri, in der maßgeblichen modernen Edition von Anthony Faulkes und in vielen englischen Nacherzählungen Eitri. Es ist derselbe Zwerg – dazu unten mehr.

Kein Eddalied erzählt diese Wette, keine erhaltene Skaldenstrophe spielt darauf an. Die Erzählung steht an genau einer Stelle: in Snorri Sturlusons Skáldskaparmál, dem zweiten Teil seiner Prosa-Edda, geschrieben um 1220 auf Island. Wer also von Sindri und Brokkr spricht, spricht von Snorri.

Die Vorgeschichte: Sifs Haar und die Söhne Ivaldis

Snorri ordnet die Geschichte in ein Kapitel ein, das eine ganz nüchterne Frage beantwortet: Warum nennen Dichter das Gold „Sifs Haar“? Skáldskaparmál ist nämlich eigentlich ein Lehrbuch für Skalden, ein Handbuch der poetischen Umschreibungen (kenningar). Bei Faulkes ist es Kapitel 35; andere Ausgaben zählen anders.

Der Auslöser ist ein typischer Loki-Streich: Er schneidet Sif, Thors Frau, aus purem Übermut das ganze Haar ab. Thor droht, ihm jeden Knochen zu brechen. Loki verspricht, die Schwarzalben würden Sif Haar aus Gold machen, das wachse wie echtes.

Loki geht zu den Söhnen Ivaldis. Die schmieden ihm nicht nur das goldene Haar, sondern dazu das Schiff Skíðblaðnir und den Speer Gungnir. Diese drei Werke haben bei uns einen eigenen Artikel.

Die Wette um Lokis Kopf

Bei Snorri geht es schnell. Loki wettet mit einem Zwerg namens Brokkr – Einsatz: sein eigener Kopf –, dass dessen Bruder keine drei Kostbarkeiten schmieden könne, die so gut seien wie diese drei. Wie es zu der Begegnung kommt, verrät der Text nicht; spätere Nacherzählungen schmücken das gern aus.

Ein Kopf als Wettpfand ist kein harmloser Spaß. Das Motiv kennt die nordische Dichtung auch sonst, etwa im Wissenswettstreit der Vafþrúðnismál, wo Odin und ein Riese um ihre Köpfe streiten. Dass Loki den Einsatz so leichtfertig anbietet, sagt viel über ihn: Er vertraut darauf, sich herausreden zu können. Er wird recht behalten – halb.

Drei Stiche, drei Schätze: die Szene in der Schmiede

Jetzt kommt der Teil, für den diese Geschichte berühmt ist. Wir geben ihn so genau wieder, wie Snorri ihn erzählt (eigene Übertragung nach dem altnordischen Text, nicht wörtlich).

Erstes Werk: der Eber. Der Schmied legt eine Schweinehaut in die Esse und befiehlt Brokkr zu blasen, und er solle nicht aufhören, bis er selbst das Werk wieder aus dem Feuer nehme. Kaum ist der Schmied hinaus, setzt sich eine Fliege auf Brokkrs Hand und sticht zu. Brokkr bläst weiter. Der Schmied kommt zurück und zieht einen Eber aus dem Feuer, dessen Borsten aus Gold sind. Es ist der Eber, den Snorri an anderer Stelle Gullinbursti nennt, „Goldborste“.

Zweites Werk: der Ring. Nun legt der Schmied Gold ins Feuer, wieder mit dem Befehl, ohne Pause zu blasen. Die Fliege kommt zurück, setzt sich diesmal an Brokkrs Hals und sticht doppelt so heftig. Brokkr hält durch. Heraus kommt ein goldener Ring, der Draupnir heißt, „der Tropfende“.

Drittes Werk: der Hammer. Zuletzt legt der Schmied Eisen in die Esse und schärft Brokkr ein, jetzt komme alles darauf an, sonst sei das Werk verdorben. Die Fliege setzt sich Brokkr zwischen die Augen und sticht ihn in die Lider, so dass ihm Blut in die Augen läuft und er nichts mehr sieht. Da lässt er den Blasebalg für einen Augenblick los und wischt die Fliege weg. Der Schmied kommt herein und sagt, es habe nicht viel gefehlt, und alles im Feuer wäre misslungen. Dann nimmt er einen Hammer aus der Esse.

Diese Dreistufigkeit ist erzählerisch sauber gebaut: Hand, Hals, Augenlider. Jeder Stich kommt näher an den Kopf heran, um den es geht – und erst beim wichtigsten Stück bricht Brokkr ein. Snorri sagt nicht ausdrücklich, wer die Fliege ist, aber der Zusammenhang ist eindeutig: Loki in Tiergestalt, wie er auch sonst als Lachs, Stute oder Robbe auftritt.

„Und das war ein Makel am Hammer, dass der Vorderschaft etwas zu kurz war.“— Snorri, Skáldskaparmál, eigene Übertragung (Brodeur 1916: „it was a flaw in the hammer that the fore-haft was somewhat short“)

Das Urteil von Odin, Thor und Freyr

Mit den drei Schätzen ziehen Brokkr und Loki nach Asgard. Die Götter setzen sich auf ihre Richterstühle; gelten soll, was Odin, Thor und Freyr sagen. Jeder der drei Richter bekommt je zwei Geschenke – eines von Loki, eines von Brokkr –, und jeder Geber muss erklären, was sein Stück kann.

Loki beginnt. Odin erhält den Speer Gungnir, der nie im Stoß innehält. Thor bekommt das Haar für Sif, das festwachsen soll, sobald es ihren Kopf berührt. Freyr erhält Skíðblaðnir, das Schiff, das immer günstigen Wind hat, sobald das Segel gesetzt ist, und das man zusammenfalten und in der Tasche tragen kann.

Dann tritt Brokkr vor. Odin gibt er den Ring und sagt, in jeder neunten Nacht tropften acht gleich schwere Ringe von ihm ab. Freyr bekommt den Eber: Er laufe durch Luft und über Wasser, bei Nacht und bei Tag, schneller als jedes Pferd, und keine Nacht sei so finster, dass es nicht hell genug sei, wo er läuft, so leuchten seine Borsten. Thor schließlich erhält den Hammer. Mit ihm könne er so hart zuschlagen, wie er wolle, und er werde nie versagen; werfe er ihn, treffe er immer und fliege nie so weit, dass er nicht zu seiner Hand zurückkehre; und wenn er wolle, könne er ihn so klein machen, dass er ihn im Hemd trage. Nur eben: Der Schaft war etwas kurz.

Das Urteil fällt eindeutig. Der Hammer ist das beste aller Kleinode, weil er die stärkste Wehr gegen die Reifriesen sei. Der Zwerg hat gewonnen. Bemerkenswert ist die Begründung: Nicht Schönheit, nicht Goldwert, nicht Zauberkraft an sich entscheiden, sondern Nutzen für die Verteidigung der Götterwelt. Wie es mit dem Hammer weitergeht, liest du in unserem großen Artikel über den Thorshammer Mjölnir; die Gesamtschau aller Göttergaben findest du unter Die Schätze der Götter.

Kopf ja, Hals nein: der Riemen Vartari

Nun wird es juristisch. Loki bietet an, seinen Kopf auszulösen, also gegen etwas anderes einzutauschen. Der Zwerg lehnt ab: Darauf brauche er nicht zu hoffen. „Dann fang mich doch“, sagt Loki sinngemäß – und ist schon weg. Er hat Schuhe, mit denen er durch die Luft und über das Wasser laufen kann. Da bittet der Zwerg Thor, Loki zu fangen, und Thor tut es. Thor hat gerade den Hammer bekommen – und packt Loki mit sichtlichem Vergnügen am Kragen.

Brokkr will Loki den Kopf abschlagen. Doch Loki hält ihm entgegen: Der Kopf gehöre ihm, der Hals aber nicht. Wer den Kopf nehmen will, ohne den Hals zu verletzen, hat ein Problem. Ein klassischer Advokatentrick, entfernt verwandt mit Shakespeares Pfund Fleisch ohne einen Tropfen Blut.

Brokkr gibt sich nicht ganz geschlagen. Er nimmt einen Riemen und ein Messer und will Löcher in Lokis Lippen stechen, um ihm den Mund zuzunähen. Aber das Messer greift nicht. Da sagt er, besser wäre jetzt die Ahle seines Bruders. Kaum hat er sie genannt, ist die Ahle da und durchsticht die Lippen. Brokkr näht Lokis Mund zusammen. Loki reißt den Riemen später aus den Rändern heraus. Und Snorri schließt mit einer echten Lexikonnotiz: Der Riemen, mit dem Lokis Mund zusammengenäht wurde, heißt Vartari.

Was Vartari genau bedeutet, ist nicht sicher geklärt. Man hat an einen Zusammenhang mit altnordisch vörr („Lippe“) gedacht, aber das bleibt eine Vermutung. Dass Snorri dem Riemen einen Namen gibt, passt zu seinem Handbuch für Dichter, die Namen brauchen.

Hier endet Lokis Demütigung noch mit einer Narbe. Seine endgültige Fesselung kommt viel später und ist bitterernst. Davon erzählt unser Beitrag zu Lokis Strafe.

Eitri oder Sindri? Was die Handschriften sagen

Die Prosa-Edda ist nicht in Snorris eigener Hand erhalten, sondern in mehreren Abschriften, die Jahrzehnte nach seinem Tod (1241) entstanden. Die vier wichtigsten Textzeugen sind der Codex Regius (GKS 2367 4to, erste Hälfte 14. Jahrhundert), der Codex Wormianus (AM 242 fol, Mitte 14. Jahrhundert), der Codex Upsaliensis (DG 11, frühes 14. Jahrhundert) und der jüngere Codex Trajectinus, eine Abschrift um 1600 nach einer verlorenen Vorlage.

Und genau bei unseren Zwergen sind sich diese Zeugen nicht einig. Nach den Angaben in der Edition von Faulkes stehen die Namen der Brüder in der Haupthandschrift nicht von Anfang an im Text, sondern wurden dort später nachgetragen; in anderen Hauptzeugen fehlen sie an dieser Stelle. Die französische Fachseite fafnir.fr gibt die Verteilung wieder anders an: Die Namen „Brokkr und Eitri“ seien allein durch den Codex Wormianus überliefert, im Codex Regius seien „Brokkr und Sindri“ nachträglich eingetragen. Welche Darstellung im Detail zutrifft, können wir ohne Blick in die Handschriften nicht entscheiden.

Fest steht: Beide Namen haben eine Überlieferungsgrundlage, und keiner von beiden ist sicher Snorris ursprüngliche Wahl. Ältere Druckausgaben und die gemeinfreie englische Übersetzung von Brodeur (1916) haben Sindri. Faulkes, dessen Ausgabe heute der Standard ist, schreibt Eitri; ihm folgen viele englischsprachige Handbücher. Darum liest du heute beides. Brokkr dagegen ist in beiden Varianten Brokkr.

Gesichert: Die Erzählung von Lokis Wette steht nur in Snorris Skáldskaparmál (Kap. 35 nach Faulkes). Faulkes hält in seiner Einleitung fest, dass die Geschichte von Sifs Haar und der Entstehung der Göttergaben keine Parallele in den erhaltenen Quellen hat.

Sindri bei Völuspá 37: ein Zwerg oder eine Halle?

Der Name Sindri taucht noch an einer zweiten, viel älteren Stelle auf – und dort ist gar nicht klar, ob er überhaupt einen Zwerg meint. In der Völuspá, dem großen Seherinnenlied der Lieder-Edda, heißt es in Strophe 37 (Zählung des Codex Regius), im Norden auf den Niðavellir habe ein Saal aus Gold gestanden, „Sindris Geschlecht“ gehörend. In Bellows' gemeinfreier Übersetzung von 1923: „Northward a hall in Nithavellir / Of gold there rose for Sindri's race“.

„Sindris Geschlecht“ – das klingt nach Zwergen, zumal Niðavellir gern als „dunkle Felder“ gedeutet wird und gut in eine Zwergenlandschaft passt. Bellows erklärt Sindri in seiner Anmerkung als großen Goldschmied der Zwerge. Snorri aber versteht die Stelle anders. In der Gylfaginning beschreibt er die Welt nach Ragnarök und nennt dort einen guten Wohnort aus rotem Gold namens Sindri, in dem gute und rechtschaffene Menschen leben werden. Bei ihm ist Sindri also eine Halle, kein Schmied.

Die Forschung sieht das unterschiedlich. John Lindow lässt offen, ob eine goldene Halle oder die Halle einer Person namens Sindri gemeint ist. Andy Orchard hält es für möglich, dass Snorris Halle aus einem Missverständnis der Völuspá-Strophe entstanden ist. Zwerg und Halle teilen einen Namen – ob sie mehr verbindet, ist offen. Wer den Zwergen-Kosmos und seine Orte erkunden möchte, findet mehr unter Svartalfheim.

Was die Namen bedeuten: Funkenschlag, Gift und Metallbrocken

Sindri gehört zu altnordisch sindr, das die Schlacke und den Funkenregen beim Schmieden bezeichnet, also das, was vom glühenden Eisen abspritzt, wenn der Hammer fällt. Das Wort ist mit unserem deutschen „Sinter“ verwandt. Für einen Schmied ein fast zu passender Name.

Eitri erinnert an altnordisch eitr, „Gift“. Ob der Name tatsächlich „der Giftige“ bedeuten soll – vielleicht wegen der giftigen Dämpfe der Esse, vielleicht ganz anders –, ist nicht gesichert. Eine überzeugende, allgemein akzeptierte Deutung gibt es nicht.

Brokkr wird in Lexika gern mit „Schmied“ wiedergegeben. Dahinter steht die Vermutung, der Name gehöre zu einem Wortfeld um „Brocken“, „Stück“ – also jemand, der mit Metallbrocken arbeitet; man vergleicht althochdeutsch broccho. Jan de Vries hat in seinem altnordischen etymologischen Wörterbuch zusätzlich erwogen, ob der Name auf eine holprige, stampfende Gangart anspielen könnte. Kurz: „Schmied“ ist eine plausible Deutung, kein gesichertes Wörterbuchergebnis. Pikant: Ausgerechnet Brokkr schmiedet in der Geschichte nicht, er zieht den Blasebalg.

Der Snaptun-Stein: Loki mit vernähten Lippen?

Im Jahr 1950 wurde am Strand von Snaptun am Horsens Fjord in Ostjütland ein flacher, halbrunder Stein gefunden, geschnitten aus Speckstein, der aus Norwegen stammt. Er zeigt ein Männergesicht mit eingerollten Schnurrbartenden – und über dem Mund verlaufen Linien, die aussehen wie Narben oder Nähte. Datiert wird er in die Wikingerzeit, meist um 1000.

Wofür war dieser Stein da? Darauf gab 1959 der dänische Archäologe P. V. Glob in der Zeitschrift Kuml die Antwort: Es ist ein Esse- oder Blasebalgstein (dänisch avlsten). Solche Steine standen zwischen Blasebalg und Feuer. Durch ein Loch im Stein führte die Düse des Blasebalgs in die Glut, und der Stein schützte das Leder und Holz des Blasebalgs vor der Hitze. Glob nannte den Snaptun-Stein den am schönsten gestalteten Essestein, den man kennt.

Zwei Jahre später, 1961, deutete der isländische Archäologe Gísli Gestsson im selben Organ das Gesicht als Loki – mit den Lippen, die ihm Brokkr zugenäht hat. Gestsson verwies auch auf spätere Volksüberlieferung, in der Loki als Geist des Herdfeuers erscheint.

Die Deutung ist reizvoll: Der Stein stammt aus einer Schmiede, die Geschichte spielt in einer Schmiede, der Mund ist vernäht – das passt verblüffend gut. Aber der Stein trägt keine Inschrift, keinen Namen. Und er ist rund zweihundert Jahre älter als Snorris Text. Wenn die Deutung stimmt, wäre er ein Hinweis, dass die Episode mit den zugenähten Lippen schon um das Jahr 1000 bekannt war – also nicht Snorris Erfindung. Zur Aufbewahrung finden sich unterschiedliche Angaben: Das norwegische Lexikon Store norske leksikon nennt das Horsens Museum, andere Quellen das Moesgaard Museum bei Aarhus.

Mythos-Check: „Der Snaptun-Stein zeigt Loki.“ – Möglich, sogar naheliegend, aber nicht beweisbar. Gesichert sind Fundort, Material, Datierung in die Wikingerzeit und die Funktion als Blasebalgstein. Die Identifikation mit Loki ist eine Deutung von 1961, die viele Forschende teilen, aber eben eine Deutung.

Echte Schmiede der Wikingerzeit: Mästermyr und die Blasebalgsteine

Die Szene bei Snorri ist Mythos – aber das Handwerk dahinter ist sehr real. Der Ablauf, den er beschreibt, ist technisch stimmig: Einer schmiedet, einer hält mit dem Blasebalg die Glut auf Temperatur, und wer den Balg loslässt, riskiert, dass das Werkstück in der falschen Hitze verdirbt.

Der wichtigste Fund zum Thema ist die Werkzeugkiste von Mästermyr auf Gotland. Im Oktober 1936 stieß ein Bauer beim Pflügen in einem trockengelegten Moor bei Sproge auf eine eichene Truhe, etwa 90 Zentimeter lang, mit eisernen Beschlägen. Darin lagen über 200 Gegenstände: Schmiedehämmer, kleine Ambosse, Zangen, Feilen, Nageleisen, dazu Holzwerkzeuge wie Breitbeil, Dechsel, Säge und Löffelbohrer, außerdem Schlossteile und halbfertige Arbeiten. Datieren lässt sie sich nur grob in die Wikingerzeit. Sie gehörte wohl einem wandernden Handwerker, der Schmied und Zimmermann zugleich war. Heute liegt sie im Historischen Museum in Stockholm.

Einen Blasebalg enthält die Kiste nicht – Leder und Holz vergehen –, aber Blasebalgsteine wie der von Snaptun zeigen, wie er angeordnet war.

Schmiede waren in der nordischen Vorstellungswelt geachtet und ein wenig unheimlich – denk an Völund aus der Lieder-Edda, dessen Rache aus der Esse kommt. Mehr über Technik, Eisengewinnung und Werkzeuge erfährst du in unserem Beitrag über die Schmiedekunst der Wikinger.

Wie alt ist die Geschichte wirklich?

Hier lohnt eine saubere Trennung. Archäologisch belegt sind zahlreiche Thorshammer-Anhänger aus der späten Wikingerzeit; Thor und sein Hammer waren also lange vor Snorri fest im Glauben verankert. Ältere Dichtung kennt Mjölnir gut: Eddalieder wie Þrymskviða, Hymiskviða und Lokasenna erzählen vom Hammer, Skaldenstrophen besingen Thors Kämpfe. Aber keine dieser Quellen sagt, wer ihn geschmiedet hat. Snorris Text um 1220 ist die einzige Quelle für die Wette, die Fliege und die Brüder. Und der Snaptun-Stein könnte, wenn die Deutung stimmt, zumindest das Motiv der vernähten Lippen in die Zeit um 1000 zurückführen.

Snorri war ein gebildeter Christ, der heidnische Überlieferung sammelte und erzählerisch ausformte. Die hübsche Symmetrie – drei Ivaldi-Gaben gegen drei Brokkr-Gaben vor drei Richtern – trägt deutlich seine Handschrift. Ob er die Wette aus älterem Stoff übernahm oder aus Bruchstücken zusammensetzte, lässt sich nicht entscheiden.

Mythos-Check: „Mjölnirs kurzer Griff erklärt die Form der Thorshammer-Anhänger.“ – Eine hübsche Idee, die man oft liest. Viele Anhänger haben tatsächlich einen kurzen Schaft. Aber niemand weiß, ob Snorri solche Anhänger vor Augen hatte oder ob umgekehrt der Mythos die Form prägte. Kurze Schäfte haben auch praktische Gründe: Ein Anhänger soll am Hals hängen.

Was die Geschichte erzählt: Handwerk, Übermut und ein Makel

Unter der Komik steckt eine kluge Erzählung. Das mächtigste Werkzeug der Götterwelt entsteht nicht in Ruhe, sondern unter Störung, unter Schmerz, und es behält eine Spur davon. Der zu kurze Schaft ist kein Konstruktionsfehler des Meisters, sondern das Ergebnis eines Augenblicks, in dem Brokkr die Hand vom Balg nahm.

Loki ist hier nicht der finstere Verderber des Weltendes, sondern ein Spieler, der zu hoch pokert, schummelt, verliert und sich mit einer Spitzfindigkeit rettet. Dass ausgerechnet ihm der Mund zugenäht wird, ist genau die passende Strafe für einen, dessen Waffe das Reden ist. Und doch verdanken die Götter gerade ihm ihre sechs größten Schätze.

Und die Zwerge? Sie sind keine Diener der Götter, sondern selbstbewusste Handwerker, die wetten und ihren Lohn einfordern – notfalls mit der Ahle.

Von der Esse auf den Schiefer: Ideen für eine Gravur

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Die Fliege ist eine schöne Erinnerung für alle, die mit den Händen arbeiten: Gute Arbeit gelingt auch unter Störungen, und ein kleiner Makel macht ein Werk nicht kleiner.

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Häufige Fragen

Wer hat Thors Hammer Mjölnir geschmiedet? Nach Snorris Skáldskaparmál der Zwerg Sindri (in anderen Ausgaben Eitri), während sein Bruder Brokkr den Blasebalg bediente. Eine andere Quelle für die Herkunft des Hammers gibt es nicht.

Warum ist der Griff von Mjölnir zu kurz? Weil Loki als Fliege Brokkr beim Schmieden des Hammers in die Augenlider stach. Brokkr ließ kurz den Blasebalg los, und das Werk geriet nicht ganz vollkommen.

Wer waren die Richter in Lokis Wette? Odin, Thor und Freyr. Sie erklärten den Hammer zum wertvollsten Schatz, weil er die beste Wehr gegen die Reifriesen sei.

Warum wurde Loki der Mund zugenäht? Loki hatte seinen Kopf verwettet, behauptete aber, der Hals gehöre nicht dazu. Brokkr konnte ihm den Kopf daher nicht nehmen und nähte ihm stattdessen mit der Ahle seines Bruders die Lippen zu; der Riemen hieß Vartari.

Was zeigt der Snaptun-Stein? Einen wikingerzeitlichen Blasebalgstein aus Speckstein mit einem Männergesicht, dessen Mund vernäht wirkt. Seit 1961 wird er häufig als Loki gedeutet – plausibel, aber nicht beweisbar.

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