Es ist die Geschichte, in der die unsterblichen Götter zum ersten und einzigen Mal grau werden. Ein Adler auf einem Ochsen, ein erpresster Eid, eine Göttin in eine Nuss verwandelt und ein Feuer auf Asgards Mauer, das einem Riesen die Federn versengt. Der Raub der Idun ist eine der schönsten Sagen der Edda, und aus ihr wächst nebenbei die Geschichte einer Riesentochter, die man später Skadi nannte. Setzen wir uns und hören zu.
Drei Götter sind auf Wanderschaft: Odin, Hœnir und Loki. Der Weg ist weit, das Land öde, der Hunger groß. Endlich treiben sie einen Ochsen aus einer Herde, schlachten ihn und legen ihn ins Feuer. Doch so lange sie auch warten, das Fleisch will nicht garen. Sie schüren das Feuer neu, prüfen, warten, und wieder ist der Ochse roh. Da hören sie eine Stimme aus der Eiche über ihnen: Ein gewaltiger Adler sitzt dort und erklärt, er sei es, der das Garen verhindere. Wenn man ihm einen Anteil vom Ochsen gebe, werde das Fleisch schon weich. Die hungrigen Götter willigen ein.
Der Adler stürzt herab und reißt sich sogleich die besten Stücke an sich, zwei Keulen und beide Schultern. Das ist Loki zu viel. Er packt eine große Stange und schlägt nach dem gierigen Vogel. Doch die Stange bleibt am Adler kleben, und Lokis Hände kleben an der Stange. Der Adler erhebt sich und schleift Loki über Stock und Stein, dicht über dem Boden, dass ihm fast die Arme aus den Gelenken gerissen werden. Loki fleht um Gnade. Der Adler aber, der in Wahrheit der Riese Thjazi in Adlergestalt ist, nennt seinen Preis: Loki müsse ihm die Göttin Idun samt ihren Äpfeln aus Asgard herauslocken. Unter Schmerzen schwört Loki den Eid und wird freigelassen.
Idun hütet die goldenen Äpfel, von denen die Götter kosten, wenn das Alter sie streift, und die sie wieder jung machen. Ohne diese Äpfel gibt es keine ewige Jugend in Asgard. Zur festgesetzten Zeit lockt Loki die arglose Idun aus den Mauern. Er habe im Wald, so sagt er, ganz ähnliche Äpfel entdeckt; sie möge doch die ihren mitbringen, um zu vergleichen. Idun folgt ihm hinaus. Da kommt Thjazi im Adlergewand herbeigeflogen, greift Idun samt ihren Äpfeln und trägt sie fort in seine Bergheimat Þrymheimr.
Þrymheim heißt der siebente, / wo Thjazi wohnte, / der riesenstarke Joten.nach der Snorra-Edda / Grímnismál (Karl Simrock, Übersetzungstradition 1851)
Nun beginnt für die Götter das, was sie nie erlebt haben. Ohne Iduns Äpfel altern sie. Das Haar wird grau, die Haut welk, die Glieder steif. Ratlos und ergraut halten sie Ding und suchen die Schuld. Bald ist klar, dass Idun zuletzt mit Loki gesehen wurde. Man greift sich den Listigen, und unter Drohungen gesteht er alles. Dann bekommt er, was jede gute Sage braucht: die Chance zur Wiedergutmachung, aber nur unter Zwang. Wer diese heilkundige Hüterin der Jugend näher kennenlernen möchte, findet sie im Porträt von Idun und den Äpfeln der Jugend.
Loki leiht sich Freyjas Falkengewand und fliegt nach Þrymheim. Thjazi ist gerade auf dem Meer beim Rudern, die Halle steht offen. Loki findet Idun allein, verwandelt sie flugs in eine Nuss, packt sie in seine Krallen und fliegt, so schnell die Falkenschwingen tragen, zurück gen Asgard. Bald kehrt Thjazi heim, entdeckt den leeren Saal, zieht sein Adlergewand an und setzt zur Verfolgung an. Ein Adler hinter einem Falken, über Meer und Land, und der Adler ist schneller.
Die Götter aber sehen die beiden kommen. Sie schichten Hobelspäne und Reisig auf die Mauer von Asgard. Kaum ist Loki mit der Nuss über die Mauer gestrichen, entzünden sie das Feuer. Der Adler Thjazi, in vollem Flug und zu nah, kann nicht mehr bremsen. Seine Federn fangen Feuer, er stürzt innerhalb der Mauern zu Boden, und dort erschlagen ihn die Götter. So endet der Riese, der die Jugend selbst hatte rauben wollen.
Damit ist die Sache nicht zu Ende. Thjazis Tochter Skadi rüstet sich mit Helm, Brünne und Waffen und zieht nach Asgard, um den Tod des Vaters zu rächen. Die Götter aber bieten ihr Versöhnung an. Zum Ausgleich darf sie sich einen Gatten unter ihnen wählen, doch nur nach den Füßen, ohne die Männer zu sehen. Sie erspäht ein Paar besonders schöner Füße und glaubt, es sei Baldr, der Strahlende. Es ist aber Njörd, der Gott des Meeres. So kommt die Berg- und Wintergöttin zu einem Gatten aus der salzigen See, eine Ehe zwischen zwei Welten, die nicht lange hält. Zweitens verlangt Skadi, dass man sie zum Lachen bringe, was ihr in ihrer Trauer unmöglich scheint. Da bindet Loki einen Strick an den Bart einer Ziege und an seinen eigenen Körper und veranstaltet ein Tauziehen, bis beide meckern und schreien und Loki schließlich der Ziege in den Schoß fällt. Skadi muss lachen. Zuletzt tröstet Odin sie: Er nimmt Thjazis Augen und wirft sie an den Himmel, wo sie fortan als zwei Sterne leuchten. So versöhnt der Norden Rache und Recht, Trauer und Gelächter in einer einzigen Geschichte.
Die Erzählung steht in Snorris Skáldskaparmál und stützt sich dort auf die Haustlöng des Skalden Þjóðólfr ór Hvíni aus dem 9. oder frühen 10. Jahrhundert, ein Schildgedicht, das die Szenen ausdrücklich als Bildbeschreibung wiedergibt. Der Riese Thjazi und sein Wohnsitz Þrymheimr werden unabhängig davon auch im eddischen Grímnismál genannt, ebenso die Verbindung zu Skadi. Die Grundzüge der Sage sind also durch mehr als eine Quelle gesichert und gehören zum alten mythologischen Bestand.
Iduns Äpfel werden heute gern als Symbol nordischer Naturmagie oder als Beleg für einen wikingerzeitlichen Apfelkult ausgelegt. Vorsicht: Das altnordische Wort epli bezeichnete ganz allgemein Obst oder Baumfrüchte, nicht zwingend den Apfel unserer Vorstellung, und die einzige ausgearbeitete Erzählung stammt von Snorri, gut zweihundert Jahre nach der Bekehrung. Dass die Wikinger tatsächlich Äpfel als Jugend spendende Kultobjekte verehrten, ist nicht belegt. Die Äpfel sind ein starkes literarisches Bild der Jugend und des Alterns, mehr an sicherem Wissen gibt die Quellenlage nicht her.

Idun & die Äpfel der Jugend · Loki · Skadi – Göttin der Berge · Die Kleinode der Götter · Das nordische Pantheon.