Kein Gott des Nordens ist ohne sein Kleinod: Thor ohne Hammer wäre nur ein zorniger Riese, Odin ohne Speer und Ring nur ein einäugiger Wanderer. Fast alle diese Wunderdinge stammen aus einer Hand – der der Zwerge. Dieser Beitrag stellt die wichtigsten Kleinode der Edda vor: ihre Kräfte, ihre Herkunft und die Geschichte, die sie alle verbindet.
Die nordische Mythologie ist voll von Gegenständen, die Geschichte machen: Waffen, die nie fehlgehen, Ringe, die sich vermehren, Schiffe, die in die Tasche passen. „Kleinod“ (altnord. gersemi, „Kostbarkeit“) ist der alte Begriff für solche kostbaren Wunderwerke. Die meisten von ihnen entstanden bei einem Schmiedewettstreit der Zwerge – und die Schuld daran trägt, wie so oft, Loki.
Aus reiner Bosheit schneidet Loki der Göttin Sif, Thors Gemahlin, das prachtvolle goldene Haar ab. Um Thors Zorn zu entgehen, muss er Ersatz beschaffen. Er geht zu den Söhnen Ivaldis, geschickten Zwergenschmieden, und diese fertigen drei Wunderwerke: neues, echtes Goldhaar für Sif, das von selbst wächst; das Schiff Skidbladnir; und den Speer Gungnir.
Übermütig wettet Loki dann seinen eigenen Kopf mit den Zwergen Brokkr und Sindri (Eitri), dass sie nichts Besseres schmieden könnten. Als Fliege verwandelt versucht Loki, sie beim Schmieden zu stören – am Blasebalg stechend. Dennoch entstehen drei weitere Schätze: der goldborstige Eber Gullinborsti, der Ring Draupnir und der Hammer Mjöllnir – der zwar einen etwas zu kurzen Griff bekam, weil Lokis Stich Brokkr im entscheidenden Moment traf. Die Götter erklären Mjöllnir zum wertvollsten aller Schätze; Loki verliert die Wette – rettet seinen Kopf aber mit einer Spitzfindigkeit (der Hals war nicht Teil der Wette).

Das mächtigste Kleinod: Der Hammer Mjöllnir trifft immer sein Ziel, kehrt geworfen in die Hand zurück und lässt sich verkleinern. Er weiht Ehen und Scheiterhaufen (er ist Waffe und Segensinstrument zugleich) und ist der Grund, warum die Riesen die Götter fürchten. Über tausend Thorshammer-Amulette sind archäologisch belegt. Alles dazu im eigenen Beitrag: Der Thorshammer Mjölnir.
Gungnir („der Schwankende“) ist der Speer Odins, geschmiedet von den Söhnen Ivaldis. Einmal geworfen, verfehlt er nie sein Ziel und kehrt zurück. Auf seine Spitze sind heilige Runen geritzt. Mit dem Wurf des Gungnir über ein Heer weihte Odin seine Feinde dem Tod – so eröffnete er den ersten Krieg der Welt. Mehr im Beitrag Gungnir.
Draupnir („der Tröpfelnde“) ist ein goldener Armring Odins, geschmiedet von Brokkr und Sindri. In jeder neunten Nacht tropfen von ihm acht gleich schwere Goldringe ab – ein Bild endloser Fülle und königlicher Freigebigkeit. Odin legte Draupnir seinem toten Sohn Baldr auf den Scheiterhaufen. Mehr im Beitrag Draupnir.
Brisingamen ist das prachtvolle Halsband der Göttin Freyja, das schönste Schmuckstück der Welt, gefertigt von vier Zwergen (den Brisingar). Es ist Sinnbild von Freyjas Schönheit und Macht – und Anlass mancher Geschichte, in der Loki es raubt. Mehr im Beitrag Brisingamen.
Skidbladnir gehört dem Fruchtbarkeitsgott Freyr. Es ist das beste aller Schiffe: Sobald man das Segel setzt, hat es immer günstigen Wind, es fasst alle Götter samt Rüstung – und lässt sich doch wie ein Tuch zusammenfalten und in die Tasche stecken. Ein Meisterstück der Söhne Ivaldis.
Gullinborsti („Goldborste“), auch Slidrugtanni genannt, ist Freyrs Eber aus glühendem Gold, von Brokkr und Sindri geschmiedet. Seine Borsten leuchten und er läuft schneller als jedes Pferd durch Luft und Wasser, hell in der finstersten Nacht.
Kein Schmuck, aber das raffinierteste Kleinod: Gleipnir, das seidenweiche Band, das den Wolf Fenrir hält. Die Zwerge fertigten es aus sechs unmöglichen Dingen – dem Geräusch der Katze, dem Bart der Frau, den Wurzeln des Berges, dem Atem der Fische, dem Speichel des Vogels und den Sehnen des Bären. Deshalb gibt es diese Dinge heute nicht mehr.
Gjallarhorn („das laut Tönende“) ist das Horn des Wächters Heimdall, dessen Klang durch alle neun Welten dringt. Mit ihm läutet Heimdall Ragnarök ein. Es steht am Brunnen des weisen Mimir – manche Überlieferung sieht darin dasselbe Gefäß, aus dem Odin einst trank.
Neben dem Hammer gehören zu Thor der Gürtel Megingjörd, der seine göttliche Kraft verdoppelt, und die eisernen Handschuhe Járngreipr, ohne die er den glühenden Mjöllnir gar nicht führen könnte.
Nicht jedes Kleinod ist aus Metall: Die goldenen Äpfel der Idun erhalten den Göttern ihre Jugend. Werden sie geraubt, altern selbst die Unsterblichen – der eindringlichste Beweis, wie zerbrechlich die Macht der Asen ist.
Das kostbarste immaterielle Kleinod ist der Dichtermet (Óðrœrir), gebraut aus dem Blut des weisen Kvasir. Wer davon trinkt, wird zum Dichter und Gelehrten. Odin gewann ihn in einer seiner listigsten Geschichten von den Riesen zurück.
Weitere berühmte Kostbarkeiten runden den Schatz des Nordens ab: Hlidskjalf, Odins Hochsitz, von dem aus er alle neun Welten überblickt; Sleipnir, das achtbeinige Ross Odins (von Loki geboren), das schnellste aller Pferde; Andvaranaut, der verfluchte Ring aus dem Hort des Drachen Fafnir (siehe Sigurd & Fafnir); und – als düsteres Gegenstück – Naglfar, das Totenschiff aus den Nägeln der Toten, das bei Ragnarök in See sticht.
Einzelne Kleinode: Mjöllnir · Gungnir · Draupnir · Brisingamen. Die Schmiede dahinter: Die Zwerge · Sindri & Brokkr · Ivaldi. Verwandtes: Iduns Äpfel · Heimdall & Gjallarhorn · Sigurd & der Hort.
Snorri Sturluson, Prosa-Edda (Skáldskaparmál: die sechs Schätze; Gylfaginning: Gleipnir, Draupnir, Skidbladnir, Sleipnir), um 1220. Lieder-Edda: Völuspá, Grímnismál, Lokasenna. Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001).