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Sigurd, Brynhild & die Nibelungen – die Völsungensage zwischen Edda, Felsritzung und Nibelungenlied

Sagen Sigurd, Brynhild & die Nibelungen – die Völsungensage zwischen Edda, Felsritzung und Nibelungenlied

Sigurd ist der größte Held des Nordens: der Völsunge, der mit dem Schwert Gram den Drachen Fáfnir tötet, Brynhild hinter der Waberlohe erweckt und am Ende von seinen eigenen Schwägern ermordet wird. Seine Geschichte kennen wir aus den Heldenliedern der Lieder-Edda und der isländischen Völsunga saga des 13. Jahrhunderts; in Deutschland heißt er Siegfried und stirbt im Nibelungenlied an einer Quelle. Hier erfährst du, was in welcher Quelle steht, was Felsritzungen und Kirchenportale verraten – und wie viel Geschichte in der Sage steckt.

Ein Fluch, der an einem Ring klebt. Ein Schwert, das ein Gott zerbrochen hat. Eine Frau, die den Mann, den sie liebt, töten lässt – und sich dann neben ihm verbrennt. Die Völsungensage hat kein Happy End. Trotzdem hat kaum ein Stoff des Mittelalters so viele Spuren hinterlassen: in Fels geritzt in Schweden, in Kirchentüren geschnitzt in Norwegen, auf Kreuze gemeißelt auf der Isle of Man, auf Pergament geschrieben auf Island und in Bayern.

Wir gehen mit dir durch den ganzen Zyklus, von Sigurds Vorfahren bis zum Untergang der Gjukungen an Atlis Hof. Den Drachen streifen wir nur – ihm gehört ein eigener Artikel: Fafnir – vom Bruder zum Drachen.

Woher wir die Völsungensage kennen

Die wichtigste Quelle ist die Lieder-Edda, eine Sammlung altnordischer Götter- und Heldenlieder. Ihre Haupthandschrift, der Codex Regius (GKS 2365 4to), entstand um 1270 auf Island, und die meisten ihrer Heldenlieder kreisen um Sigurd und die Gjukungen. Mehr zur Handschrift findest du in Die Edda – woher wir die Mythen kennen.

Die Lieder stehen in der Reihenfolge der Handlung: Grípisspá (eine Weissagung über Sigurds Leben), Reginsmál, Fáfnismál, Sigrdrífumál – dann bricht der Text ab. Mitten im Codex fehlt eine Lage von acht Blättern, die „große Lücke“. Danach setzt die Handschrift mit dem Schluss eines Liedes ein, das man Brot af Sigurðarkviðu nennt, „Bruchstück eines Sigurdliedes“. Es folgen drei Gudrunlieder (Guðrúnarkviða I–III), die Sigurðarkviða in skamma, Helreið Brynhildar, Oddrúnargrátr, Atlakviða, Atlamál, Guðrúnarhvǫt und Hamðismál.

Was in der Lücke stand, wissen wir ungefähr dank der Völsunga saga. Ein Isländer hat im späteren 13. Jahrhundert den Stoff in Prosa nacherzählt und dabei Eddalieder benutzt, auch heute verlorene. Erhalten ist die Saga in einer einzigen mittelalterlichen Handschrift von etwa 1400 (NKS 1824 b 4to, Königliche Bibliothek Kopenhagen). Dort geht sie direkt in die Ragnars saga loðbrókar über, denn Ragnars Frau Aslaug gilt als Tochter Sigurds und Brynhilds – mehr bei Ragnar Lodbrok.

Dazu kommen Snorri Sturlusons Nacherzählung in der Prosa-Edda (dort erklärt die Geschichte, warum Gold in der Dichtung „Otterbuße“ heißen kann), die norwegische Þiðreks saga af Bern aus der Mitte des 13. Jahrhunderts und auf dem Kontinent das Nibelungenlied um 1200.

Quellenschichten: Bildzeugnisse ab dem späten 10. Jahrhundert (Isle of Man, Ramsund) · Eddalieder, zum Teil wohl deutlich älter als ihre Niederschrift um 1270 · Völsunga saga, späteres 13. Jh., Handschrift um 1400 · Nibelungenlied um 1200 · Thidrekssaga um 1250. Keine dieser Quellen ist ein Augenzeugenbericht; alle sind Dichtung.
Die Ramsund-Ritzung zeigt die Sigurd-Sage im Bild
Die Ramsund-Ritzung (Södermanland, um 1030): die ganze Sigurd-Sage in einen Fels geritzt – Sigurd sticht von unten in die Drachenschlange (durch deren Leib der Runentext läuft), brät das Herz, leckt den Daumen, die warnenden Vögel im Baum, Grani mit dem Schatz, der enthauptete Regin. Abbildung: gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Die Völsungen: ein Geschlecht mit Odin im Stammbaum

Die Saga beginnt Generationen vor Sigurd – mit Odin, dessen Sohn Sigi der Stammvater ist. Sigis Urenkel Völsung baut seine Halle um einen gewaltigen Baum, den Barnstokkr. Bei einer Hochzeit tritt ein einäugiger Alter im Mantel ein, stößt ein Schwert bis zum Heft in den Stamm und verkündet, wer es herausziehe, dürfe es behalten. Nur Völsungs Sohn Sigmund schafft es. Der Gast ist natürlich Odin.

Es folgt eine düstere Familiengeschichte aus Rache, Wolfsfellen und Inzest. Aus Sigmunds späterer Ehe stammt Helgi, der Held der Helgilieder und Sigurds Halbbruder – seine Geschichte steht in Helgi und Sigrún. Im Alter fällt Sigmund im Kampf gegen die Söhne Hundings: Der Einäugige tritt ihm entgegen, und Sigmunds Schwert zerspringt an seinem Speer. Sterbend befiehlt er seiner schwangeren Frau Hjördís, die Bruchstücke für den gemeinsamen Sohn aufzubewahren.

Sigurds Jugend: Regin, Grani und das Schwert Gram

Sigurd wächst am Hof König Hjalpreks auf. Sein Ziehvater ist der Schmied Regin – klug, kunstfertig und alles andere als selbstlos.

Zuerst bekommt Sigurd sein Pferd. Ein bärtiger Alter, wieder Odin, rät ihm, die Pferde in einen Fluss zu treiben und das zu wählen, das nicht ans Ufer zurückweicht. So findet er Grani, nach der Saga aus dem Geschlecht von Sleipnir. Grani wird später den Drachenschatz tragen und bei der Waberlohe entscheiden, wer reiten darf.

Dann das Schwert. Zweimal schmiedet Regin eine Klinge, zweimal zerschlägt Sigurd sie auf dem Amboss. Erst aus den Stücken von Sigmunds Schwert entsteht Gram. Die Prosa der Reginsmál berichtet, Sigurd habe damit den Amboss gespalten. Die Völsunga saga ergänzt eine zweite Probe: Im Fluss treibt eine Wollflocke gegen die Klinge und wird zerteilt. Wie echte Klingen gebaut waren, zeigt Das Wikinger-Schwert.

Mythos-Check: Es gibt kein Fundstück, das man mit Gram verbinden könnte. Und Balmung ist kein nordischer Name: So heißt Siegfrieds Schwert im Nibelungenlied.
Kriemhild wird von König Etzel (Atli/Attila) empfangen – Nibelungenlied-Handschrift
Kriemhild (die deutsche Gudrun) wird von König Etzel empfangen. Etzel ist Atli – und Atli ist Attila, der Hunnenkönig. Illustration aus einer Nibelungenlied-Handschrift (Hundeshagenscher Kodex, 15. Jh.). Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Die Otterbuße und der Ring Andvaranaut

Regin bewaffnet Sigurd nicht ohne Grund. Er erzählt ihm eine Familiengeschichte, die die Reginsmál und Snorri überliefern. Regins Vater Hreidmar hatte drei Söhne: Fáfnir, Regin und Otr, der als Otter fischte. Loki erschlug den Otter mit einem Stein, und die Götter Odin, Loki und Hœnir kehrten ausgerechnet bei Hreidmar ein.

Hreidmar forderte Wergeld, also Buße für den getöteten Sohn: Der Otterbalg sollte mit Gold gefüllt und bedeckt werden. Loki fing mit dem Netz der Meeresgöttin Ran den Zwerg Andvari, der als Hecht in einem Wasserfall lebte, und nahm ihm sein Gold – auch den einen Ring, den Andvari behalten wollte. Da verfluchte der Zwerg Ring und Gold: Sie sollten jedem Besitzer den Tod bringen. Als ein Barthaar des Otters noch unbedeckt war, legte Odin den Ring darauf. Mehr dazu in Andvaris Fluchgold und bei Loki – Helfer und Verderber.

Fáfnir erschlug daraufhin den eigenen Vater, nahm den Schatz und zog sich auf die Gnitaheide zurück, wo er zum Drachen wurde. Regin ging leer aus. Deshalb schmiedet er Gram: Sigurd soll für ihn den Bruder töten.

Der Ring heißt in der Völsunga saga Andvaranaut, „Andvaris Gabe“. Er ist der rote Faden der Sage: von Andvari über die Götter, Hreidmar und Fáfnir zu Sigurd, zu Brynhild, zurück zu Sigurd und schließlich zu Gudrun. Fast jeder, der ihn trägt, stirbt gewaltsam.

Der Drachenkampf und das Herz Fáfnirs

Sigurd gräbt eine Grube auf dem Weg, den der Drache zum Wasser kriecht, und stößt Gram von unten in sein Herz. Die Fáfnismál machen daraus ein Gespräch: Der sterbende Fáfnir fragt nach dem Namen seines Mörders, es folgt ein Wissensdialog über die Nornen und das Weltende, und am Ende die Warnung, das Gold bringe Sigurd den Tod.

Dann der Moment, den fast jedes Bildzeugnis zeigt. Regin trinkt das Blut seines Bruders, schneidet das Herz heraus und lässt Sigurd es braten. Sigurd prüft mit dem Finger, ob es gar ist, verbrennt sich und steckt den Finger in den Mund. Mit dem Drachenblut auf der Zunge versteht er die Vögel: Regin plane Verrat. Sigurd schlägt ihm den Kopf ab, belädt Grani mit dem Gold und reitet davon. Mehr zum Drachen in Drachen & Schlangen in der nordischen Welt.

Sigrdrífa und Brynhild: die Walküre auf dem Berg

Die Vögel verraten noch etwas: Auf einem Berg schlafe eine Frau hinter einem Schildwall. In den Sigrdrífumál findet Sigurd dort eine Gestalt in voller Rüstung, schneidet mit Gram die Brünne auf, und sie erwacht. Sie heißt hier Sigrdrífa, „Siegtreiberin“. Odin hat sie mit einem Schlafdorn gestraft, weil sie gegen seinen Willen einem König den Sieg gab; sie aber schwor, nur einen Mann zu nehmen, der keine Furcht kennt.

Dann reicht sie Sigurd Met und lehrt ihn Runen – Siegrunen, Bierrunen, Brandungsrunen, Astrunen und mehr – samt Lebensregeln, die an die Hávamál erinnern. Die Strophen kannst du bei uns zweisprachig lesen: Sigrdrífumál lesen.

Ist Sigrdrífa dieselbe wie Brynhild? Die Völsunga saga sagt ja. Die Eddalieder sind weniger eindeutig, und die Forschung diskutiert seit dem 19. Jahrhundert, ob hier zwei Gestalten verschmolzen sind. In der nordischen Tradition ist Brynhild Walküre, Schildmaid und Königstochter zugleich – Tochter Budlis und Schwester Atlis. Mehr in Brynhild – Walküre, Königin, Rächerin und Die Walküren. In der Saga verloben sich die beiden, Sigurd steckt ihr Andvaranaut an, und eine Tochter, Aslaug, geht aus der Verbindung hervor. Dann zieht er weiter.

Vergessenstrank, Waberlohe, Gestaltentausch

König Gjuki und seine Frau Grimhild haben drei Söhne, Gunnar, Högni und Guttorm, und eine Tochter: Gudrun. Die zauberkundige Grimhild reicht Sigurd einen Trank, der ihn Brynhild vergessen lässt. Sigurd heiratet Gudrun und schwört mit Gunnar und Högni Blutsbrüderschaft. Guttorm schwört nicht mit – ein Detail, das sich rächen wird.

Nun soll Gunnar Brynhild freien. Sie wohnt hinter der Waberlohe (altnordisch vafrlogi, „flackernde Flamme“) und nimmt nur den, der hindurchreitet. Gunnars Pferd scheut, und Grani lässt ihn nicht aufsitzen. Also tauschen Sigurd und Gunnar durch Grimhilds Kunst die Gestalt. Sigurd reitet als Gunnar durch das Feuer und verbringt drei Nächte bei Brynhild, mit dem blanken Schwert zwischen ihnen. Beim Abschied nimmt er ihr Andvaranaut ab und gibt ihr einen anderen Ring aus Fáfnirs Schatz. Den Fluchring schenkt er später Gudrun – ein Betrug, den alle Männer kennen, nur die betrogene Frau nicht.

Der Streit der Königinnen und Sigurds Tod

Jahre später baden Brynhild und Gudrun im Fluss. Brynhild watet weiter hinaus, damit das Wasser aus Gudruns Haar nicht auf sie fließe – ihr Mann sei schließlich durch das Feuer geritten. Gudrun antwortet, das sei Sigurd gewesen, und zeigt ihr Andvaranaut. Brynhild begreift alles.

Sie verlangt Sigurds Tod und behauptet, er habe in jenen Nächten den Eid gebrochen. Gunnar und Högni sind durch Blutsbrüderschaft gebunden, also stiften sie Guttorm an. Hier zerfällt die Überlieferung in Varianten, und die Edda verschweigt das nicht:

Diese Randnotiz ist Gold wert: Der isländische Schreiber kannte die kontinentale Fassung und ließ die Widersprüche lieber stehen, als sie zu glätten.

Brynhild lacht, als Gudrun aufschreit. Dann gesteht sie, dass Sigurd sie nie berührt hat, gibt sich selbst den Tod und lässt sich mit ihm auf einem Scheiterhaufen verbrennen. Die Helreið Brynhildar schickt sie auf den Weg zu Hel, wo sie sich gegenüber einer Riesin verteidigt – als Betrogene, nicht als Täterin.

Gudrun: die Frau, die überlebt

Der eindringlichste Teil des Zyklus gehört Sigurds Witwe. Im ersten Gudrunlied sitzt sie stumm über der Leiche und kann nicht weinen. Erst als ihre Schwester Gullrönd das Tuch von Sigurds Gesicht zieht, bricht Gudrun zusammen.

Später wird sie mit Atli verheiratet, Brynhilds Bruder, der Sigurds Gold begehrt. Im dritten Gudrunlied muss sie an Atlis Hof beweisen, dass sie nicht mit Thjodrek – Dietrich von Bern – geschlafen hat, und greift in kochendes Wasser. Ihre Hand bleibt heil, die Anklägerin Herkja verbrüht sich. Das Gottesurteil verrät, dass dieses Lied wohl jünger und christlich geprägt ist.

Atlakviða: der Untergang der Niflungen

Die Atlakviða gilt vielen als eines der ältesten Eddalieder; oft wird sie ins 9. Jahrhundert gesetzt, sicher ist das nicht. Ihr Ton ist hart und knapp.

Atli lädt Gunnar und Högni ein – wegen des Schatzes. Gudrun schickt eine Warnung: einen Ring mit eingewundenem Wolfshaar. Die Brüder reiten trotzdem, durch den Dunkelwald Myrkviðr, und werden überwältigt. Gunnar soll das Versteck des Goldes verraten, verlangt aber zuerst Högnis Herz zu sehen. Man bringt ihm das zitternde Herz eines Knechts; dann wird Högni das Herz herausgeschnitten, und er lacht dabei. Jetzt kennt nur noch Gunnar das Versteck, und er sagt sinngemäß: Der Rhein soll das Gold verwalten. Man wirft ihn in eine Schlangengrube, wo er Harfe spielt, bis eine Natter ihn tötet.

Gudruns Rache ist das Grausamste in der Edda. Sie tötet ihre Söhne von Atli, setzt ihm ihre Herzen als Speise vor, ersticht ihn nachts im Bett und brennt die Halle nieder. Danach geht der Zyklus weiter: Ihre Tochter Svanhild – Sigurds Tochter – wird vom Gotenkönig Jörmunrek von Pferden zertrampelt, ihre Halbbrüder Hamdir und Sörli rächen sie und fallen. Mit den Hamðismál endet das Heldengeschlecht.

Bildzeugnisse: Sigurd in Fels, Holz und Stein

Als Gravurwerkstatt fasziniert uns dieser Teil am meisten: Keine andere nordische Heldensage ist so oft im Bild überliefert, lange vor der isländischen Niederschrift.

Ramsund (Schweden). Am Ramsundsberget bei Eskilstuna ist eine Ritzung in den gewachsenen Fels gehauen, im Runenregister Sö 101, meist um 1030 datiert. Der Runentext hat mit Sigurd nichts zu tun: Sigrid, Mutter Alriks und Tochter Orms, machte diese Brücke für die Seele Holmgeirs, des Vaters ihres Mannes Sigröd. Doch das Runenband ist der Drache selbst, und darunter stößt Sigurd sein Schwert hinein. Daneben brät er das Herz und steckt den Daumen in den Mund; im Baum sitzen die Vögel, darunter steht Grani; Regin liegt enthauptet neben seinem Werkzeug; am Rand ist der Otter zu sehen. Der nahe Gök-Stein wiederholt dieses Programm. Mehr zur Kunst der Zeit in Die Kunststile der Wikingerzeit.

Isle of Man. Noch älter sind die Kreuzplatten der Insel aus dem späten 10. Jahrhundert. Auf dem Kreuz von Andreas (Nr. 121) sieht man den Drachenstich, das Herzbraten mit dem Finger im Mund, Grani und die Vögel; die Rückseite zeigt eine Figur zwischen Schlangen, meist als Gunnar gedeutet. Weitere Sigurdszenen tragen Platten in Jurby, Malew und Maughold. Heldensage auf christlichen Kreuzen – die Siedler lebten in zwei Welten, wie du in Die Nordleute auf der Isle of Man nachlesen kannst. Auch Steinfragmente in Nordengland, etwa aus Halton und Kirby Hill, zeigen die Szene mit dem Daumen.

Hylestad (Norwegen). Die Stabkirche im Setesdal wurde im 17. Jahrhundert abgerissen, doch ihre geschnitzten Portalpfosten stehen heute im Kulturhistorischen Museum in Oslo. Nach Kleidung und Ausrüstung der Figuren stammen sie aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. In sieben Feldern erzählen sie die Sage wie einen Comic: Regin und Sigurd an der Esse, das neue Schwert, der Drachenstich, das Herzbraten, Regins Tötung, Grani mit dem Schatz und zuletzt Gunnar in der Schlangengrube, der die Harfe mit den Füßen spielt. Warum ein Heldenepos am Kirchenportal steht, ist nicht sicher geklärt. Zur Technik: Die Holzschnitzerei der Wikinger.

Was die Bilder beweisen: Drachenstich von unten, gebratenes Herz, verbrannter Finger, Vogelsprache, Regins Tod, Grani mit dem Schatz, Gunnar unter Schlangen – diese Kernhandlung war im 10. und 11. Jahrhundert so bekannt, dass ein Bild ohne Beschriftung genügte. Die Isländer des 13. Jahrhunderts haben die Sage nicht erfunden, sondern aufgeschrieben.

Sigurd und Siegfried: Edda und Nibelungenlied im Vergleich

Das Nibelungenlied entstand um 1200 vermutlich im Raum Passau und ist in drei Hauptfassungen überliefert (Handschriften A, B, C). Es erzählt im Kern dieselbe Geschichte – mit völlig anderem Herzen.

Siegfried kommt aus Xanten am Niederrhein, Sohn von Siegmund und Sieglinde – für uns in Alsdorf fast ein Nachbar. Den Drachen hat er schon vor der Handlung erschlagen; durch das Bad im Drachenblut ist er unverwundbar, außer dort, wo ein Lindenblatt lag. Brünhild ist keine Walküre, sondern Königin von Isenstein, die ihre Freier im Kampfspiel prüft; Siegfried hilft Gunther mit einer Tarnkappe. Der Streit der Königinnen spielt vor dem Dom zu Worms: Wer geht zuerst hinein? Siegfried stirbt bei einer Jagd an einer Quelle, von Hagen mit dem Speer getroffen.

Der größte Unterschied liegt im zweiten Teil. In der Edda rächt Gudrun ihre Brüder an Atli. Im Nibelungenlied rächt Kriemhild ihren Mann an ihren Brüdern, und Etzel ist eher ein gutmütiger König, den das Geschehen überrollt. Am Ende sind fast alle tot, und der Hort liegt im Rhein – das verbindet beide Fassungen.

Die Thidrekssaga steht dazwischen: Sie lässt Sigurd als Findelkind beim Schmied Mimir aufwachsen und verlegt Atlis Residenz nach Susat – Soest in Westfalen. Die Sage ist also gleich zweimal in Nordrhein-Westfalen zu Hause.

MotivEdda / Völsunga sagaNibelungenlied
HeldSigurd FáfnisbaniSiegfried von Xanten
SchwertGramBalmung
BrynhildWalküre hinter der WaberloheKönigin von Isenstein
Streit der Königinnenbeim Baden im Flussvor dem Dom zu Worms
MörderGuttorm (Bett oder Wald)Hagen (an der Quelle)
RacheGudrun an AtliKriemhild an ihren Brüdern

Wie viel Geschichte steckt in der Sage?

Hier trennen wir bewusst zwischen Quellenbefund und Forschungsdiskussion.

Weitgehend anerkannt ist der Kern um die Burgunder. Ihr Reich am Rhein unter König Gundahar wurde um 436 vernichtet; der weströmische Heermeister Aëtius setzte dabei hunnische Hilfstruppen ein. Prosper von Aquitanien berichtet, Gundahar sei mit seinem Volk umgekommen, eine gallische Chronik nennt 20.000 Tote. Das burgundische Gesetzbuch nennt um 500 als frühere Könige Gibica, Gundomar, Gislahar und Gundahar – im Norden werden daraus Gjuki und Gunnar, im Nibelungenlied Gunther und Giselher. Dass die Burgunder in Worms saßen, sagt allerdings erst die Dichtung; ihr Sitz ist historisch nicht sicher bestimmt.

Atli ist Attila – auch das gilt als sicher. Am Untergang der Burgunder war Attila nach heutigem Wissen aber nicht selbst beteiligt. Er starb 453 in der Nacht nach seiner Hochzeit mit einer Frau namens Ildico; Jordanes berichtet nach Priskos von einem Blutsturz, spätere Chronisten erzählten, eine Frau habe ihn getötet. Viele Forscher sehen darin den Keim von Gudruns Mord an Atli. Eine Hypothese, kein Beweis. Ähnlich steht Jörmunrek für den Gotenkönig Ermanarich, der um 375 starb; Jordanes erzählt von einer Sunilda, die auf seinen Befehl von Pferden zerrissen wurde.

Für Sigurd selbst gibt es keinen gesicherten historischen Kern. Oft genannt wird der Frankenkönig Sigibert I., 575 ermordet und mit der westgotischen Königstochter Brunichild verheiratet, deren Fehde mit Fredegunde an den Streit der Königinnen erinnert. Andere Vorschläge, etwa Arminius, gelten überwiegend als Spekulation. Gut möglich, dass Sigurd eine Heldenfigur ist, die an den historischen Burgunderuntergang angelagert wurde.

Mythos-Check: „Das Nibelungenlied ist ein Geschichtsbuch.“ Nein. Namen und ein Ereignis reichen ins 5. Jahrhundert zurück, Handlung und Motive gehören der Dichtung. Die Sage bringt sogar Gestalten zusammen, die nie gleichzeitig lebten: Ermanarich, Attila und Dietrich von Bern, also Theoderich der Große.

Warum die Sage bis heute wirkt

Die Völsungensage feiert keinen Sieger. Sie erzählt von Schuld, die sich vererbt, von Eiden, die binden, und von Frauen, die mehr handeln als die Männer um sie herum. Richard Wagner baute daraus seinen „Ring des Nibelungen“, 1876 in Bayreuth erstmals vollständig aufgeführt und mit großen eigenen Freiheiten. J. R. R. Tolkien schrieb Sigurd-und-Gudrun-Gedichte im altnordischen Versmaß, die erst 2009 erschienen – mehr in Tolkien und die Edda.

Und das Motiv, das schon die Steinmetze auf Man und die Ritzer in Södermanland wählten, bleibt das stärkste: der junge Held unter dem Drachen, das Schwert nach oben gestoßen. Wenn wir es auf Schiefer gravieren, halten wir uns an diese alten Vorlagen, nicht an Fantasy-Drachen. Weitere Helden versammelt unsere Legendenkunde.

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Häufige Fragen

Ist Sigurd derselbe wie Siegfried? Ja. Sigurd ist die altnordische, Siegfried die deutsche Form derselben Sagengestalt. Schwertname, Brynhilds Rolle und der Mörder unterscheiden sich deutlich.

Wie heißt das Schwert von Sigurd? Gram. Regin schmiedet es aus den Bruchstücken des Schwertes von Sigurds Vater Sigmund. Im Nibelungenlied heißt Siegfrieds Schwert Balmung.

Was ist der Ring Andvaranaut? Ein Goldring, den Loki dem Zwerg Andvari abnahm und den dieser verfluchte. Er wandert über Fáfnir zu Sigurd, Brynhild und Gudrun und bringt fast jedem Träger den Tod.

Wer tötet Sigurd? In Edda und Völsunga saga Guttorm, der jüngste Gjukung, im Bett oder im Wald. Im Nibelungenlied tötet Hagen Siegfried an einer Quelle.

Gab es Sigurd wirklich? Das ist nicht belegt. Historisch fassbar sind die Burgunder unter Gundahar, die um 436 untergingen, und Attila. Für Sigurd gibt es nur umstrittene Deutungen.

Wo sieht man Sigurd-Bilder heute? Die Ramsund-Ritzung liegt im Freien bei Eskilstuna, die Hylestad-Pfosten stehen im Kulturhistorischen Museum in Oslo, die Sigurdkreuze der Isle of Man in Andreas, Jurby, Malew und Maughold.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Quellen & Belege

  • Edda. Die Lieder des Codex Regius nebst verwandten Denkmälern. Hg. von Gustav Neckel, 5. Aufl. bearb. von Hans Kuhn. Heidelberg: Winter 1983.
  • Hugo Gering (Übers.): Die Edda. Die Lieder der sogenannten älteren Edda. Leipzig/Wien 1892.
  • R. G. Finch (Hg./Übers.): Vǫlsunga saga. The Saga of the Volsungs. London: Nelson 1965.
  • Jesse L. Byock (Übers.): The Saga of the Volsungs. Berkeley: University of California Press 1990.
  • Theodore M. Andersson: The Legend of Brynhild. Ithaca: Cornell University Press 1980 (Islandica 43).
  • Joachim Heinzle: Die Nibelungen. Lied und Sage. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2005.
  • Edward R. Haymes, Susann T. Samples: Heroic Legends of the North. An Introduction to the Nibelung and Dietrich Cycles. New York: Garland 1996.
  • Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie. 3. Aufl. Stuttgart: Kröner 2006.
  • P. M. C. Kermode: Manx Crosses. London 1907. Volltext bei Manx Notebook
  • Jesse L. Byock: Sigurðr Fáfnisbani. An Eddic Hero Carved on Norwegian Stave Churches. PDF, UCLA
  • Samnordisk runtextdatabas, Eintrag Sö 101 (Ramsundsristningen).

Beleg/Mythos: Bild- und Textquellen zeigen Kern und Verbreitung der Sage; die Unverwundbarkeit ist ein Motiv der deutschen, nicht der nordischen Überlieferung.

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