Ein Zwergenfluch, ein neu geschmiedetes Schwert und ein Stich von unten: Wie der junge Sigurd den goldgierigen Drachen Fafnir erschlug, am Herzblut die Vogelsprache lernte – und warum das mit Siegfrieds „unverwundbarer Haut“ nichts zu tun hat. Vor allem aber: wie aus dieser Drachensage die größte Tragödie des Nordens erwächst – über die Walküre Brynhild und Gudruns Rache bis hin zu Atli, dem Hunnenkönig Attila.
Alles beginnt mit einem erschlagenen Otter. Auf einer Reise töten Odin, Loki und Hœnir ein Tier, das in Wahrheit Ótr war, Sohn des zauberkundigen Hreidmar. Als Bußgeld verlangt Hreidmar Gold. Loki presst dem Zwerg Andvari seinen ganzen Hort ab – samt dem Ring Andvaranaut. Der Zwerg verflucht das Gold: Es soll jedem, der es besitzt, den Tod bringen.
Der Schmied Regin zieht den jungen Sigurd auf und stachelt ihn zum Drachentöten an – er will selbst an das Gold. Er schmiedet ihm das Schwert Gram, neu aus den Bruchstücken jener Klinge, die einst Odin in einen Baumstamm gestoßen hatte. Auf klugen Rat gräbt Sigurd eine Grube in Fafnirs Weg und stößt von unten zu, als der Drache darüberkriecht.
Nun der Kern der nordischen Fassung: Regin trägt Sigurd auf, Fafnirs Herz zu braten. Sigurd prüft mit dem Finger, ob es gar ist, verbrennt sich den Daumen und steckt ihn in den Mund. Kaum berührt das Herzblut seine Zunge, versteht er die Sprache der Vögel – und hört sie warnen: Regin plant, ihn zu töten. Sigurd kommt ihm zuvor. Dann reitet er auf Grani (einem Nachkommen von Odins Ross Sleipnir) weiter und erweckt die in Feuer und Zauberschlaf gefangene Walküre Brynhild/Sigrdrífa.

Das Schönste an dieser Sage: Sie ist nicht nur Text, sie ist Bild – und zwar Jahrhunderte, bevor die Edda-Handschrift entstand.

Von Fafnirs Hort reitet Sigurd auf Grani weiter und findet auf einem Berg, umringt von einem Wall aus Feuer, eine schlafende Gestalt in Rüstung. Es ist die Walküre Sigrdrífa – in der Völsunga saga mit Brynhild gleichgesetzt –, die Odin mit einem Schlafdorn in diesen Zauberschlaf versenkt hatte. Sigurd schneidet ihr die festgewachsene Rüstung auf, weckt sie, und sie lehrt ihn Runenweisheit und kluge Lebensregeln. Die beiden schwören einander die Treue. Es könnte das Ende einer schönen Geschichte sein – doch es ist erst der Anfang der Tragödie.
Sigurd kommt an den Hof der Gjukungen (im Deutschen die Burgunden/Nibelungen). Deren zauberkundige Mutter Grimhild will den strahlenden Helden für ihre Sippe gewinnen und reicht ihm einen Vergessenstrank. Sigurd vergisst Brynhild vollständig und heiratet Grimhilds Tochter Gudrun. Schlimmer noch: Grimhilds Sohn Gunnar will nun selbst Brynhild freien – kann aber nicht durch den Flammenwall reiten. Also tauschen Sigurd und Gunnar per Zauber die Gestalt: Sigurd durchreitet ein zweites Mal das Feuer, diesmal in Gunnars Gestalt, und gewinnt Brynhild für den Schwager. Als Pfand nimmt er ihr den Ring Andvaranaut ab – ausgerechnet das Fluchgold.
Der Betrug fliegt auf die grausamste Weise auf. Beim Baden im Fluss geraten Brynhild und Gudrun in Streit, wessen Mann der Größere sei. Im Zorn verrät Gudrun die Wahrheit: Nicht Gunnar, sondern Sigurd ritt durch die Flammen – und zum Beweis zeigt sie den Ring Andvaranaut. Für Brynhild bricht eine Welt zusammen: betrogen, an den falschen Mann gebunden, um ihren wahren Geliebten gebracht. Aus verletztem Stolz und tiefem Schmerz fordert sie Sigurds Tod.
Gunnar und sein Bruder Högni sind durch einen Blutseid an Sigurd gebunden – also stiften sie den jüngeren Guttorm an, der keinen Eid geschworen hat. Sie füttern ihn mit einer Speise aus Wolfs- und Schlangenfleisch, bis er wild genug ist, und schicken ihn zum schlafenden Sigurd. Guttorm durchbohrt ihn – doch der sterbende Sigurd schleudert ihm noch das Schwert Gram hinterher und schneidet den Fliehenden entzwei. Als Brynhild Gudruns Klageschrei hört, lacht sie zuerst auf; dann gesteht sie, dass sie gelogen hat, und stürzt sich in ihr eigenes Schwert. Nach ihrem Wunsch wird sie mit Sigurd auf demselben Scheiterhaufen verbrannt. So endet, was der Schlafdorn begann.
Doch die Saga läuft weiter, denn Gudrun überlebt. Gegen ihren Willen vermählt man sie mit Atli, dem König der Hunnen – und hier berührt der Mythos die Weltgeschichte. Atli ist niemand Geringeres als Attila, der historische Hunnenkönig (gestorben 453 n. Chr.), dessen Name den Deutschen als „Etzel" im Ohr blieb. Aus Gier nach dem Nibelungengold lädt Atli Gudruns Brüder Gunnar und Högni zu sich. Als sie den Hort nicht preisgeben, lässt er sie töten: Gunnar wirft man gefesselt in eine Schlangengrube, wo er mit den Zehen die Harfe spielt, bis eine Natter ihn ins Herz beißt; Högni schneidet man das Herz heraus. Gudruns Rache ist grauenvoll: Sie tötet die eigenen Söhne, die sie Atli geboren hat, setzt sie dem König beim Mahl vor, ersticht ihn und steckt die Halle in Brand.

Dieselben Menschen, andere Namen: Aus Sigurd wird Siegfried, aus Gudrun Kriemhild, aus Gunnar Gunther, aus Högni Hagen (im Norden ein Bruder, im Nibelungenlied Gunthers Gefolgsmann), aus Brynhild Brünhild, aus Atli Etzel. Das deutsche Nibelungenlied (um 1200) ist christlich und höfisch: Die Helden tragen Ritterrüstung, nur Etzel bleibt „Heide".
Der größte Unterschied aber ist ein vertauschtes Herz. In der nordischen Fassung rächt Gudrun ihre Brüder an ihrem Mann Atli. Im Nibelungenlied ist es genau umgekehrt: Kriemhild rächt ihren ermordeten Mann Siegfried an ihren eigenen Brüdern – am Hof Etzels, wo alles in einem Blutbad endet. Zwei Kulturen, dieselbe Saga – und die Frage, wem die tiefste Treue gilt: der Blutssippe oder dem Ehepartner. Der Norden entscheidet sich für die Sippe, das höfische Deutschland für die Ehe.
Sigurd ist der nordische Zwilling des deutschen Siegfried aus dem Nibelungenlied (um 1200). Auch Richard Wagner schöpfte für seinen „Ring des Nibelungen“ vor allem aus den nordischen Quellen: Aus Gram wird das Schwert Nothung, aus Fafnir der Drache Fafner, aus Regin der Zwerg Mime.
Ehrlich bleibt: Die nordische Fassung ist die ältere und mythischere – mit Göttern, Fluchgold und der Vogelsprache. Wagners Ring ist eine grandiose Neudichtung des 19. Jahrhunderts, aber keine „echte Wikinger-Quelle“. Mehr davon in unserem Beitrag über den Thorshammer oder über die Runen.
Beleg/Mythos: Bild- und Textquellen zeigen Kern und Verbreitung der Sage; die Unverwundbarkeit ist ein Motiv der deutschen, nicht der nordischen Überlieferung.