Der junge Sigurð reitet allein zu seinem Mutterbruder Grípir, dem weisesten aller Menschen, der die Zukunft schaut. Im langen Wechselgespräch entlockt Sigurð ihm Schritt für Schritt sein ganzes Schicksal: wie er den Drachen Fáfnir und den Schmied Regin auf der Gnitaheide erschlagen, die schlafende Fürstentochter auf dem Berg wecken und von ihr Runen und Weisheit empfangen wird; wie er zu Gjúkis Hof kommt, den Vergessenstrank der Grímhild trinkt, Guðrún heiratet und in Gunnars Gestalt für diesen die Brynhild durch die Waberlohe gewinnt; wie aus dem Betrug an Brynhild Streit, Verrat und schliesslich sein eigener früher Tod erwächst. Grípir zögert lange, das Unheil zu offenbaren, tröstet den Helden aber zuletzt: solange die Welt steht, wird kein edlerer Mann unter der Sonne wandeln als Sigurð, und sein Ruhm wird niemals sterben. Grípisspá gilt als das jüngste Lied der Lieder-Edda und fasst in der Handschrift die ganze Sigurð-Sage wie ein knapper Vorspann zusammen. Quellen: altnordischer Text nach dem Codex Regius (Ausgabe Guðni Jónsson), deutsche Übertragung von Karl Simrock (1851/1878) – beides gemeinfrei.
Str.AltnordischDeutsch (Simrock)
1
Sigurðr: Hverr byggir hér
borgir þessar?
Hvat þann þjóðkonung
þegnar nefna?
Geitir: Grípir heitir
gumna stóri,
sá er fastri ræðr
foldu ok þegnum.
Sigurd: Wie heisst, der hier die Halle bewohnt?
Wie nennen die Leute den König des Landes?
Geitir: Gripir heisst der Herscher der Männer,
Der des festen Lands und der Leute waltet.
Hinweis: Erste Halbstrophe = Sigurð, zweite = sein Diener Geitir.
2
Sigurðr: Er horskr konungr
heima í landi?
Mun sá gramr við mik
ganga at mæla?
Máls er þarfi
maðr ókunnigr,
vil ek fljótliga
finna Grípi.
Ist der hehre Fürst daheim im Land?
Kann der König mit mir zu reden kommen?
Der Unterredung bedarf ein Unbekannter:
Bald begehr ich Gripirn zu finden.
3
Geitir: Þess mun glaðr konungr
Geiti spyrja,
hverr sá maðr sé,
er máls kveðr Grípi.
Sigurðr: Sigurðr ek heiti,
borinn Sigmundi,
en Hjördís er
hilmis móðir.
Geitir: Der gute König wird Geitirn fragen
Wie der Mann genannt sei, der nach ihm fragt.
Sigurd: Sigurd heiss ich, Sigmunds Erzeugter;
Hiördis heisst des Helden Mutter.
Hinweis: Erste Halbstrophe = Geitir, zweite = Sigurð.
4
Þá gekk Geitir
Grípi at segja:
Hér er maðr úti
ókuðr kominn;
hann er ítarligr
at áliti;
sá vill, fylkir,
fund þinn hafa.
Da ging Geitir Gripirn zu sagen:
»Ein Unbekannter ist angekommen;
Von Antlitz edel ist er zu schauen,
Der gern zusammen käme, König, mit dir.«
5
Gengr ór skála
skatna dróttinn
ok heilsar vel
hilmi komnum:
þiggðu hér, Sigurðr,
væri sæmra fyrr,
en þú, Geitir, tak
við Grana sjalfum.
Aus dem Gemach ging der mächtige Fürst
Und grüsste freundlich den fremden König:
»Sei willkommen, Sigurd; was kamst du nicht längst?
Du geh, Geitir, nimm den Grani ihm ab.«
6
Mæla námu
ok margt hjala
þá er ráðspakir
rekkar fundusk.
Sigurðr: Segðu mér, ef þú veizt,
móðurbróðir:
Hvé mun Sigurði
snúna ævi.
Sie begannen zu sprechen, und sagten sich Manches,
Da die rathklugen Recken sich fanden.
»Melde mir, magst dus, Mutterbruder,
Wie wird dem Sigurd das Leben sich wenden?«
Hinweis: Zwei Erzählzeilen, dann Sigurðs Frage.
7
Grípir: Þú munt maðr vera
mæztr und sólu
ok hæstr borinn
hverjum jöfri,
gjöfull af gulli,
en glöggr flugar,
ítr áliti
ok í orðum spakr.
Du wirst der mächtigste Mann auf Erden,
Der edelste aller Fürsten geachtet.
Im Schenken schnell und säumig zur Flucht,
Ein Wunder dem Anblick und weiser Rede.
8
Sigurðr: Segðu, gegn konungr,
gerr en ek spyrja,
snotr, Sigurði,
ef þú sjá þykkisk:
Hvat mun fyrst gerask
til farnaðar,
þá er ór garði emk
genginn þínum?
Lass, Fürst, erfahren genauer als ich frage,
Weiser, den Sigurd, wähnst dus zu schauen:
Was wird mir Gutes begegnen zuerst,
Wenn ich hinging von deinem Hofe?
9
Grípir: Fyrst muntu, fylkir,
föður of hefna,
ok Eylima
alls harms reka;
þú munt harða
Hundings sonu
snjalla fella,
muntu sigr hafa.
Zuvörderst erfichst du dem Vater Rache
Und dem Eilimi Ahndung alles Leides.
Du wirst die harten Hundings Söhne,
Die schnellen, fällen und den Sieg gewinnen.
10
Sigurðr: Segðu, ítr konungr,
ættingi, mér
heldr horskliga,
er vit hugat mælum:
Sér þú Sigurðar
snör brögð fyrir,
þau er hæst fara
und himinskautum?
Sag, edler König, mir Anverwandter,
Gieb volle Kunde, da wir freundlich reden.
Siehst du Sigurds Siege voraus,
Die zuhöchst sich heben unter des Himmels Rändern?
11
Grípir: Muntu einn vega
orm inn frána,
þann er gráðugr liggr
á Gnitaheiði;
þú munt báðum
at bana verða
Regin ok Fáfni,
rétt segir Grípir.
Du fällst allein den gefrässigen Wurm,
Der glänzend liegt auf Gnitahaide.
Beiden Brüdern bringst du den Tod,
Regin und Fafnirn: vor siehts Gripir.
12
Sigurðr: Auðr mun ærinn,
ef ek eflik svá
víg með virðum,
sem víst segir;
leið at huga
ok lengra seg:
Hvat mun enn vera
ævi minnar?
Schätze gewinn ich, wenn so mir gelingt
Zu kämpfen mit Männern wie du mir kund thust.
Im Geist erforsche ferner und sage mir,
Wie lenkt mein Lebenslauf sich hernach?
13
Grípir: Þú munt finna
Fáfnis bæli
ok upp taka
auð inn fagra,
gulli hlæða
á Grana bógu;
ríðr þú til Gjúka,
gramr vígrisinn.
Finden wirst du Fafnirs Lager,
Wirst heimführen den glänzenden Hort,
Mit Golde beladen Granis Rücken
Und zu Giuki reiten, kampfrüstiger Held.
14
Sigurðr: Enn skaltu hilmi
í hugaðsræðu,
framlyndr jöfurr,
fleira segja.
Gestr em ek Gjúka
ok ek geng þaðan,
hvat mun enn vera
ævi minnar?
Noch sollst du dem Fürsten in freundlicher Rede,
Weitschauender König, Weiteres künden.
Gast war ich Giukis, nun geh ich von dannen:
Wie lenkt meines Lebenslauf sich hernach?
15
Grípir: Sefr á fjalli
fylkis dóttir
björt í brynju
eftir bana Helga;
þú munt höggva
hvössu sverði,
brynju rísta
með bana Fáfnis.
Auf dem Felsen schläft die Fürstentochter
Hehr im Harnisch nach Helgis Tode:
Mit scharfem Schwerte wirst du schneiden,
Die Brünne trennen mit Fafnirs Tödter.
16
Sigurðr: Brotin er brynja,
brúðr mæla tekr,
er vaknaði
víf ór svefni.
Hvat mun snót at heldr
við Sigurð mæla,
þat er at farnaði
fylki verði?
Die Brünne brach, nun redet die Braut,
Die schöne, so vom Schlaf erweckt.
Was soll mit Sigurd die Sinnige reden,
Das zum Heile mir Helden werde?
17
Grípir: Hon mun ríkjum þér
rúnar kenna,
allar þær er aldir
eignask vildu,
ok á manns tungu
mæla hverja,
líf með lækning;
lifðu heill, konungr.
Sie wird dich Reichen Runen lehren,
Alle, die Menschen wissen möchten,
Dazu in allen Zungen reden,
Und heilende Salben: so Heil dir, König!
18
Sigurðr: Nú er því lokit,
numin eru fræði
ok em braut þaðan
búinn at ríða,
leið at huga
ok lengra seg:
Hvat mun meir vera
minnar ævi?
Nun lass es gelungen sein, gelernt die Stäbe,
Von dannen zu reiten bin ich bereit;
Im Geist erforsche ferner und sage mir,
Wie lenkt mein Lebenslauf sich hernach?
19
Grípir: Þú munt hitta
Heimis byggðir
ok glaðr vera
gestr þjóðkonungs;
farit er, Sigurðr,
þats ek fyrir vissak,
skal-a fremr en svá
fregna Grípi.
Du wirst zu Heimirs Behausung kommen,
Wirst dem Volksfürsten ein froher Gast sein.
Zu End ist, Sigurd, was ich voraus sah:
Nicht fürder sollst du Gripirn fragen.
20
Sigurðr: Nú fær mér ekka
orð þatstu mæltir,
því at þú fram of sér
fylkir, lengra;
veiztu ofmikit
angr Sigurði,
því þú, Grípir, þat
gerr-a segja.
Nun schafft mir Sorge das Wort, das du sagtest,
Denn Ferneres siehst du, Fürst, voraus.
Weist du unsägliches Unheil dem Sigurd,
Darum du, Gripir, nicht gerne redest?
21
Grípir: Lá mér um æsku
ævi þinnar
ljósast fyrir
líta eftir;
rétt em ek
ráðspakr taliðr
né in heldr framvíss,
farit þats ek vissak.
Mir lag der Lenz deines Lebens
Hell vor Augen anzuschauen.
Nicht mit Recht bin ich rathklug genannt,
Noch vorwissend: was ich wuste, sprach ich.
22
Sigurðr: Mann veit ek engi
fyr mold ofan,
þann er fleira sé
fram en þú, Grípir;
skal-at-tu leyna,
þótt ljót séi,
eða mein gerisk
á mínum hag.
Auf Erden ahn ich den Andern nicht,
Der so Vieles, Gripir, vorschaut als du.
Nicht sollst du mir bergen was Böses ist,
Wär es auch Meinthat, in meinem Geschick.
23
Grípir: Er-a með löstum
lögð ævi þér,
láttu, inn ítri, þat,
öðlingr, nemask,
því at uppi mun,
meðan öld lifir,
naddéls boði,
nafn þitt vera.
Nicht Laster liegen in deinem Loose,
Halt das, herlicher Held, im Gedächtnis.
Dieweil die Welt steht wird erhaben,
Schlachtgebieter, bleiben dein Name.
24
Sigurðr: Verst hyggjum því,
verðr at skiljask
Sigurðr við fylki
at sógöru;
leið vísa þú,
- lagt er allt fyrir -
mærr, mér, ef þú vilt,
móðurbróðir.
Trennen, seh ich, muss sich nun trauernd
Von dem Seher Sigurd, da es so sich fügt.
Weise den Weg (gewiss ist doch Alles)
Mir, Mutterbruder, vermagst du es doch.
25
Grípir: Nú skal Sigurði
segja görva,
alls þengill mik
til þess neyðir;
muntu víst vita
at vætki lýgr;
dægr eitt er þér
dauði ætlaðr.
Nun will ich Sigurden Alles sagen,
Da mich drängt der Degen dazu.
Wisse gewiss, die Wahrheit ist es:
Dir ist ein Tag zum Tode bestimmt.
26
Sigurðr: Vilk-at ek reiði
ríks þjóðkonungs,
góð ráð at heldr
Grípis þiggja;
nú vill víst vita,
þótt viltki sé,
hvat á sýnt Sigurðr
sér fyr höndum.
Nicht reizen will ich dich, reicher König,
Deinen guten Rath nur, Gripir, erlangen.
Wissen will ich und sei es auch widrig,
Welch Schicksal weist du Sigurds warten?
27
Grípir: Fljóð er at Heimis
fagrt álitum,
hana Brynhildi
bragnar nefna,
dóttir Buðla,
en dýrr konungr
harðugðigt man
Heimir fæðir.
Eine Maid ist bei Heimir, herlich von Antlitz,
Mit Namen ist sie Brynhild genannt,
Die Tochter Budlis; aber der theure
Heimir erzieht die hartgesinnte.
28
Sigurðr: Hvat er mik at því,
þótt mær séi
fögr áliti
fædd at Heimis?
Þat skaltu, Grípir,
görva segja,
því at þú öll of sér
örlög fyrir.
Was mag mir schaden, ob schön die Maid
Von Antlitz sei, die Heimir aufzieht?
Das sollst du mir, Gripir, von Grunde melden,
Denn alles Schicksal schaust du voraus.
29
Grípir: Hon firrir þik
flestu gamni,
fögr áliti,
fóstra Heimis,
svefn þú né sefr
né of sakar dæmir,
gár-a þú manna
nema þú mey séir.
Schier alle Freude führt dir dahin
Die schöne von Antlitz, die Heimir aufzieht.
Schlaf wirst du nicht schlafen, nicht schlichten und richten,
Die Männer meiden, du sähst denn die Maid.
30
Sigurðr: Hvat mun til líkna
lagt Sigurði?
Segðu, Grípir, þat,
ef þú sjá þykkisk:
Mun ek mey ná
mundi kaupa,
þá ina fögru
fylkis dóttur?
Was lindert das leidige Loos dem Sigurd?
Sage mir, Gripir, siehst dus voraus.
Mag ich die Maid um Mahlschatz kaufen,
Des Volksgebieters blühende Tochter?
31
Grípir: It munuð alla
eiða vinna
fullfastliga,
fá munuð halda;
verit hefr þú Gjúka
gestr eina nótt,
mant-at-tu horska
Heimis fóstru.
Ihr werdet euch alle Eide leisten,
Hoch und heilig, doch wenige halten.
Warst du Giukis Gast eine Nacht,
So hat Heimirs Maid dein Herz vergessen.
32
Sigurðr: Hvat er þá, Grípir,
get þú þess fyr mér,
sér þú geðleysi
í grams skapi,
er ek skal við mey þá
málum slíta,
er ek alls hugar
unna þóttumk.
Wie so denn, Gripir? Sage mir an.
Weist du Wankelmuth in meinem Wesen?
Werd ich mein Wort nicht bewähren der Maid?
Ich schien sie zu lieben aus lauterm Herzen.
33
Grípir: Þú verðr, siklingr,
fyr svikum annars,
muntu Grímhildar
gjalda ráða,
mun bjóða þér
bjarthaddat man
dóttur sína,
dregr hon vél at gram.
Das wirst du Fürst, durch fremde Tücke;
Der Räthe Grimhilds wirst du entgelten:
Die weissgeschleierte wird sie dir bieten,
Die eigene Tochter: so betriegt sie dich, König!
34
Sigurðr: Mun ek við þá Gunnar
görva hleyti
ok Guðrúnu
ganga at eiga?
Fullkvæni þá
fylkir væri,
ef meintregar
mér angraði-t.
Schliess ich Verschwägerung mit Giukis Geschlecht
Und gehe den Bund mit Gudrun ein,
Wohl gefreit hätte der Fürst,
Müst ich mich nicht um Meineid ängstigen.
35
Grípir: Þik mun Grímhildr
görva véla,
mun hon Brynhildar
biðja fýsa
Gunnari til handa,
Gotna dróttni,
heitr þú fljótliga för
fylkis móður.
Grimhild wird dich gänzlich bethören:
Sie bringt dich dazu, um Brynhild zu werben
Zu Handen Gunnars, des Gotenkönigs.
Zu früh gelobst du die Fahrt des Fürsten Mutter.
36
Sigurðr: Mein eru fyr höndum,
má ek líta þat;
ratar görliga
ráð Sigurðar,
ef ek skal mærrar
meyjar biðja
öðrum til handa,
þeirar ek unna vel.
Meinthaten geschehen, das merk ich wohl:
Uebel wankt Sigurds Wille,
Wenn ich werben muss um die wonnige Maid
Einem Andern zu Handen, der ich hold bin selber.
37
Grípir: Ér munuð allir
eiða vinna
Gunnar ok Högni,
en þú, gramr, þriði;
þá it litum víxlið,
er á leið eruð,
Gunnar ok þú;
Grípir lýgr eigi.
Ihr werdet euch alle Eide leisten,
Gunnar und Högni, und du, Held, der dritte.
Unterwegs wechselt ihr Wuchs und Gestalt,
Du und Gunnar: Gripir lügt nicht!
38
Sigurðr: Hví gegnir þat?
Hví skulum skipta
litum ok látum,
er á leið erum?
Þar mun fláræði
fylgja annat
atalt með öllu;
enn segðu, Grípir.
Warum thun wir das? Warum tauschen
Wir unterwegs Wuchs und Gestalt?
Schon fürcht ich, es folge noch andre Falschheit,
Gar grimme: sprich, Gripir, weiter.
39
Grípir: Lit hefir þú Gunnars
ok læti hans,
mælsku þína
ok meginhyggjur;
muntu fastna þér
framlundaða
fóstru Heimis,
sér vætr fyr því.
Du hast nun Gunnars Gang und Gestalt;
Hast eigne Rede und edeln Sinn.
So verlobst du dich dem erlauchten
Hutkind Heimirs: das verhütet Niemand!
40
Sigurðr: Verst hyggjum því,
vándr munk heitinn
Sigurðr með seggjum
at sógöru;
vilda ek eigi
vélum beita
jöfra brúði,
er ek æðsta veitk.
Das Schlimmste scheint mir, Sigurd gilt dann
Dem Volk für falsch, fügt es sich so.
Ungern möcht ich mit Arglist trügen
Die Heldentochter, die ich die hehrste weiss.
41
Grípir: Þú munt hvíla,
hers oddviti
mærr, hjá meyju
sem þín móðir sé;
því mun uppi,
meðan öld lifir,
þjóðar þengill,
þitt nafn vera.
Liegen wirst du, Lenker des Heers,
Keusch bei der Maid wie bei der Mutter.
Drum wird erhaben so lange die Welt steht,
Volksgebieter, dein Name bleiben.
42
Sigurðr: Mun góða kván
Gunnarr eiga,
mærr með mönnum,
- mér segðu, Grípir, -
þótt hafi þrjár nætr
þegns brúðr hjá mér
snarlynd sofit?
Slíks eru-t dæmi.
Wird gute Gattin Gunnar erwerben,
Der herliche Held? verhehl es nicht, Gripir,
Wenn des Degens Braut bei mir drei Nächte,
Die hochherzge, lag? Unerhört ist Solches.
Hinweis: Simrock stellt Str. 42/43 in umgekehrter Reihenfolge (Handschrift-Anordnung 41,43,42); hier nach der Zählung Guðni Jónssons: 42 = Sigurðs Frage.
43
Grípir: Saman munu brullup
bæði drukkin
Sigurðar ok Gunnars
í sölum Gjúka;
þá hömum víxlið,
er it heim komið;
hefr hvárr fyr því
hyggju sína.
Zumal werden beide Bräute vermählt,
Sigurds und Gunnars, in Giukis Sälen.
Wieder wechselt ihr Wuchs und Gestalt
Daheim, nicht das Herz: das behielt Jedweder.
Hinweis: 43 = Grípirs Antwort (bei Simrock als Str. 42 gedruckt).
44
Sigurðr: Hvé mun at ynði
eftir verða
mægð með mönnum?
Mér segðu, Grípir.
Mun Gunnari
til gamans ráðit
síðan verða
eða sjalfum mér?
Wie mag zur Freude noch frommen darnach
Der Männer Verwandtschaft? Melde mir, Gripir.
Wird Glück dem Gunnar darnach noch gönnen
Solche Sippe, oder selber mir?
45
Grípir: Minnir þik eiða,
máttu þegja þó,
anntu Guðrúnu
góðra ráða;
en Brynhildr þykkisk
brúðr vargefin,
snót fiðr vélar
sér at hefndum.
Dir gedenkt der Eide, must dennoch schweigen.
Zwar Gudrunen liebst du in guter Ehe;
Doch bös verbunden dünkt Brynhild sich,
Die Schlaue sinnt sich Rache zu schaffen.
46
Sigurðr: Hvat mun at bótum
brúðr sú taka,
er vélar vér
vífi gerðum?
Hefir snót af mér
svarna eiða
enga efnda,
en unað lítit.
Was wird zur Busse der Brynhild genügen,
Da wir mit Tücke betrogen die Frau?
Eide geschworen hab ich der Edeln
Und nicht gehalten; auch hat sie nicht Frieden.
47
Grípir: Mun hon Gunnari
görva segja,
at þú eigi vel
eiðum þyrmðir,
þá er ítr konungr
af öllum hug,
Gjúka arfi,
á gram trúði.
Die Grimme geht dem Gunnar sagen,
Ihm habest du übel die Eide gehalten,
Da dir der Herscher von ganzem Herzen doch,
Giukis Erbe, Vertrauen gönnte.
48
Sigurðr: Hvat er þá, Grípir,
get þú þess fyr mér,
mun ek saðr vera
at sögu þeiri,
eða lýgr á mik
lofsæl kona
ok á sjalfa sik?
Segðu, Grípir, þat.
Wie ergeht das, Gripir? Gieb mir Bescheid.
Werd ich schuldig sein in dieser Sache,
Oder verlügt mich das löbliche Weib,
Und sich auch selber? Sage mir, Gripir.
49
Grípir: Mun fyr reiði
rík brúðr við þik
né af oftrega
allvel skipa;
viðr þú góðri
grand aldrigi,
þó ér víf konungs
vélum beittuð.
Aus Herzensharm wird die hehre Frau
Und aus Ueberschmerz euch Unheil fügen.
Du gabst der Guten nicht Grund dazu
Obwohl ihr die Königin mit Listen kränktet.
50
Sigurðr: Mun horskr Gunnarr
at hvötun hennar
Gutþormr ok Högni
ganga síðan?
Munu synir Gjúka
á sifjugum mér
eggjar rjóða?
Enn segðu, Grípir.
Wird ihrem Reizen der rathkluge Gunnar,
Guthorm und Högni, dann Folge geben?
Werden Giukis Söhne in mir Gesipptem
Die Schwerter röthen? Rede, Gripir.
51
Grípir: Þá er Guðrúnu
grimmt um hjarta;
bræðr hennar
þér til bana ráða,
ok at engu verðr
ynði síðan
vitru vífi;
veldr því Grímhildr.
Der Gudrun vergeht vor Grimm das Herz,
Wenn Dir ihre Brüder Verderben rathen.
Ledig lebt aller Lust
Das weise Weib: das wirkte Grimhild.
52
Grípir: Því skal hugga þik,
hers oddviti,
sú mun gift lagið
á grams ævi:
Mun-at mætri maðr
á mold koma
und sólar sjöt,
en þú, Sigurðr, þykkir.
Dir bleibt der Trost, Gebieter der Heerschar,
Die Fügung fiel aus des Fürsten Leben:
So edeln Mann wird die Erde nicht mehr
Noch die Sonne schauen, Sigurd, als dich.
Hinweis: Grípirs Trost. Bellows druckt Str. 52/53 in umgekehrter Reihenfolge; Zählung hier nach Guðni Jónsson (52 = Trostspruch).
53
Sigurðr: Skiljumk heilir,
mun-at sköpum vinna.
Nú hefir þú, Grípir, vel
gört sem ek beiddak.
Fljótt myndir þú
fríðri segja
mína ævi,
ef þú mættir þat.
Heil uns beim Scheiden! Das Geschick bezwingt man nicht.
Mir ward der Wunsch hier, Gripir, gewährt.
Du hättest gerne mehr Glück verheissen
Meinem Lebenslauf, lag es an dir.
Hinweis: Sigurðs Abschied (bei Bellows als Str. 52 gedruckt).
Altnordisch nach dem Codex Regius (Ausgabe Guðni Jónsson); deutsch nach Karl Simrock (1851). Beides gemeinfrei. Zusammenstellung von Glanz & Gravur.