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Sigrdrífumál – Die Sprüche der Sigrdrífa

Altnordisch & Deutsch, Strophe für Strophe

Nach dem Sieg über den Drachen Fáfnir reitet Sigurð hinauf auf den Berg Hindarfjall und sieht dort ein Feuer, das bis zum Himmel leuchtet. In einer von Schilden umgebenen Burg findet er eine Gestalt, die in voller Rüstung schläft — als er den Helm abnimmt, erkennt er eine Frau. Es ist die Walküre Sigrdrífa, in der Heldensage mit Brynhild gleichgesetzt. Odin hatte sie mit dem Schlafdorn in Schlaf versenkt, weil sie im Kampf den falschen König, den greisen Hjálmgunnar, hatte fallen lassen, dem er selbst den Sieg verheißen hatte. Sigurð schneidet ihr mit dem Schwert Gram die festgewachsene Brünne auf; sie erwacht, grüßt Tag und Nacht, Asen und Asinnen und reicht ihm den Erinnerungstrank. Dann lehrt sie ihn die Runenweisheit — Sieg-Runen, Ael-Runen, Berg- und Nornen-Runen zur Geburtshilfe, Brandungs-Runen für die Seefahrt, Ast-Runen zum Heilen, Rede-Runen und Geist-Runen — und gibt ihm elf weise Lebensregeln mit. Das Ende ist von der großen Lücke des Codex Regius betroffen. Quellen: altnordisch Codex Regius (Ausgabe Guðni Jónsson), deutsch Karl Simrock 1851 — beides gemeinfrei.

Str.AltnordischDeutsch (Simrock)
1
Hvat beit brynju?
Hví brá ek svefni?
Hverr felldi af mér
fölvar nauðir?
Hann svaraði: Sigmundar burr,
sleit fyr skömmu
hrafn hrælundir,
hjörr Sigurðar!
Was zerschnitt mir die Brünne?
Wie brach mir der Schlaf?
Wer befreite mich der falben Bande?
Sigurd: Sigmunds Sohn: eben zerschnitt
Das Wehrgewand dir Sigurds Waffe.
Hinweis: Str. 1 fasst Frage und Antwort zusammen; sie stammt aus einem anderen Lied als Str. 2-4.
2
Lengi ek svaf,
lengi ek sofnuð var,
löng eru lýða læ;
Óðinn því veldr,
er ek eigi máttak
bregða blundstöfum.
Lange schlief ich, lange hielt mich der Schlummer,
Lange lasten Menschenlose.
So waltete Odin, ich wußte nicht
Die Schlummerrunen abzuschütteln.
3
Heill dagr!
Heilir dags synir!
Heil nótt ok nift!
Óreiðum augum
lítið okkr þinig
ok gefið sitjöndum sigr!
Heil dir Tag, Heil euch Tagessöhnen,
Heil dir Nacht und nährende Erde:
Mit unzorngen Augen schaut auf uns
Und gebt uns Sitzenden Sieg.
4
Heilir æsir!
Heilar ásynjur!
Heil sjá in fjölnýta fold!
Mál ok mannvit
gefið okkr mærum tveim
ok læknishendr, meðan lifum.
Heil euch Asen, Heil euch Asinnen,
Heil dir, fruchtbares Feld!
Wort und Weisheit gewährt uns edeln zwein
Und immer heilende Hände!
5
Bjór færi ek þér,
brynþings apaldr,
magni blandinn
ok megintíri;
fullr er hann ljóða
ok líknstafa,
góðra galdra
ok gamanrúna.
Bier bring ich dir, du Baum in der Schlacht,
Mit Macht gemischt und Mannesruhm,
Voll der Lieder und lindernder Sprüche,
Guter Zauber voll und Freudenrunen.
6
Sigrúnar skaltu kunna,
ef þú vilt sigr hafa,
ok rísta á hjalti hjörs,
sumar á véttrimum,
sumar á valböstum,
ok nefna tysvar Tý.
Siegrunen schneide, wenn du Sieg willst haben;
Grabe sie auf des Schwertes Griff;
Auf die Seiten einige, andere auf das Stichblatt
Und nenne zweimal Tyr.
7
Ölrúnar skaltu kunna,
ef þú vill annars kvæn
véli-t þik í tryggð, ef þú trúir;
á horni skal þær rísta
ok á handar baki
ok merkja á nagli Nauð.
Aelrunen kenne, daß des andern Frau
Dich nicht trüge wenn du traust.
Auf das Horn ritze sie und den Rücken der Hand
Und mal ein N (Not) auf den Nagel.
8
Full skal signa
ok við fári sjá
ok verpa lauki í lög;
þá ek þat veit,
at þér verðr aldri
meinblandinn mjöðr.
Die Füllung segne vor Gefahr dich zu schützen
Und lege Lauch in den Trank.
So weiß ich wohl wird dir nimmerdar
Der Met mit Wein gemischt.
Hinweis: Bei Bellows an Str. 7 angehängt; hier nach der altnordischen und Simrock-Zählung als eigene Strophe.
9
Bjargrúnar skaltu kunna,
ef þú bjarga vilt
ok leysa kind frá konum;
á lófum þær skal rísta
ok of liðu spenna
ok biðja þá dísir duga.
Bergrunen schneide, wenn du bergen willst
Und lösen die Frucht von Frauen,
In die hohle Hand und hart um die Knöchel
Und heische der Disen Hilfe.
10
Brimrúnar skaltu rísta,
ef þú vilt borgit hafa
á sundi seglmörum;
á stafni skal rísta
ok á stjórnarblaði
ok leggja eld í ár,
er-a svá brattr breki
né svá bláar unnir,
þó kemstu heill af hafi.
Brandungsrunen schneide, wenn du bergen willst
Im Sund die Segelrosse;
Aufs Steven sollst du sie und aufs Steuerblatt ritzen,
Dabei ins Ruder brennen:
Nicht so wild ist der Sturm, nicht so schwarz die Welle,
Heil kommst du heim vom Meere.
11
Limrúnar skaltu kunna,
af þú vilt læknir vera,
ok kunna sár at sjá;
á berki skal þær rísta
ok á baðmi viðar,
þeim er lúta austr limar.
Astrunen kenne, wenn du Arzt willst sein
Und Wunden wissen zu heilen.
In die Rinde ritze sie und das Reis am Baum,
Wo ostwärts die Äste sich wenden.
12
Málrúnar skaltu kunna,
ef þú vilt, at manngi þér
heiftum gjaldi harm:
þær of vindr,
þær of vefr,
þær of setr allar saman
á því þingi,
er þjóðir skulu
í fulla dóma fara.
Gerichtsrunen kenne, wenn du der Rache willst
Deiner Schäden sicher sein.
Die winde du ein, die wickle du ein
Und setze sie alle zusammen
Bei der Malstätte, wo Männer sollen
Zu vollzähligem Gerichte ziehen.
13
Hugrúnar skaltu kunna,
ef þú vilt hverjum vera
geðsvinnari guma;
þær of réð,
þær of reist,
þær of hugði Hroftr
af þeim legi,
er lekit hafði
ór hausi Heiðdraupnis
ok ór horni Hoddrofnis.
Geistrunen schneide, willst du klüger scheinen
Als ein anderer Mann.
Die ersann und sprach, die schnitt zuerst
Odin, der sie auserdacht
Aus der Flut, die geflossen war
Aus dem Hirn Heiddraupnirs;
Aus dem Horn Hoddraupnirs.
Hinweis: Bellows zählt die Denk-Runen-Zeilen als Str. 12-13; hier nach Simrock als eine Strophe 13 zusammengeführt.
14
Á bjargi stóð
með Brimis eggjar,
hafði sér á höfði hjalm;
þá mælti Mímis höfuð
fróðligt it fyrsta orð
ok sagði sanna stafi.
Auf dem Berge stand er mit blankem Schwert,
Den Helm auf dem Haupte.
Da hub Mimirs Haupt an weise das erste Wort
Und sagte wahre Stäbe.
15
Á skildi kvað ristnar,
þeim er stendr fyr skínandi goði,
á eyra Árvakrs
ok á Alsvinns hófi,
á því hvéli, er snýsk
undir reið Hrungnis,
á Sleipnis tönnum
ok á sleða fjötrum.
Auf dem Schilde stünden sie vor dem scheinenden Gott,
Auf Arwakrs Ohr und Alswidrs Huf,
Auf dem Rad, das da rollt unter Rögnirs Wagen,
Auf Sleipnirs Zähnen, auf des Schlittens Bandern.
16
Á bjarnar hrammi
ok á Braga tungu,
á ulfs klóum
ok á arnar nefi,
á blóðgum vængjum
ok á brúar sporði,
á lausnar lófa
ok á líknar spori.
Auf des Bären Tatze, auf Bragis Zunge,
Auf den Klauen des Wolfs und den Krallen des Adlers,
Auf blutigen Schwingen, auf der Brücke Kopf,
Auf des Lösenden Hand und des Lindernden Spur.
17
Á gleri ok á gulli
ok á gumna heillum,
í víni ok í virtri
ok vilisessi,
á Gugnis oddi
ok á Grana brjósti,
á nornar nagli
ok á nefi uglu.
Auf Gold und Glas, auf dem Glück der Menschen,
In Wein und Würze, auf der Wala Sitz,
Auf Gungnirs Spitze und Granis Brust,
Auf dem Nagel der Norn und der Nachteule Schnabel.
18
Allar váru af skafnar,
þær er váru á ristnar,
ok hverfðar við inn helga mjöð
ok sendar á víða vega;
þær ro með ásum,
þær ro með alfum,
sumar með vísum vönum
sumar hafa mennskir menn.
Geschabt wurden alle, die geschnitten waren,
Mit hehrem Met geheiligt
Und gesandt auf weite Wege.
Die sind bei den Asen, die bei den Alfen,
Die bei weisen Wanen,
Einige unter Menschen.
19
Þat eru bókrúnar,
þat eru bjargrúnar
ok allar ölrúnar
ok mætar meginrúnar,
hveim er þær kná óvilltar
ok óspilltar
sér at heillum hafa;
njóttu, ef þú namst,
unz rjúfask regin.
Das sind Buchrunen, das sind Bergrunen,
Dies alle Aelrunen
Und rühmliche Machtrunen,
Wer sie unverwirrt und unverdorben
Walten läßt zu seinem Wohl.
Lerne sie und laß sie wirken
Bis die Götter vergehn.
20
Nú skaltu kjósa,
alls þér er kostr of boðinn,
hvassa vápna hlynr;
sögn eða þögn
hafðu þér sjalfr í hug;
öll eru mein of metin.
Wähle nun, da die Wahl dir geboten ist,
Scharfer Waffenstamm:
Sagen oder Schweigen ersinne dir selber;
Alle Meintat hat ihr Maß.
21
Munk-a ek flæja,
þótt mik feigan vitir,
emk-a ek með bleyði borinn;
ástráð þín
ek vil öll hafa;
svá lengi sem ek lifi.
Nicht werd ich weichen, war gewiß mir der Tod,
Ich bin nicht blöde geboren.
Deinem treuen Rat vertrauen werd ich
So lange mir Leben währt.
22
Þat ræð ek þér it fyrsta,
at þú við frændr þína
vammalaust verir;
síðr þú hefnir,
þótt þeir sakar geri;
þat kveða dauðum duga.
Das rat ich zuvörderst, gegen Freunde stets
Ledig zu leben aller Schuld.
Sei zu Rache nicht rasch, wenn sie dir Unrecht tun,
Das sagt man, taugt im Tode.
23
Þat ræð ek þér annat,
at þú eið né sverir,
nema þann er saðr sé;
grimmar limar
ganga at tryggðrofi;
armr er vára vargr.
Das rat ich zum andern, keinen Eid zu schwören,
Der sich als wahr nicht bewährt.
Grimme Fesseln folgen dem Meineid,
Unselig ist der Schwurbrecher.
24
Þat ræð ek þér þriðja,
at þú þingi á
deili-t við heimska hali,
því að ósviðr maðr
lætur oft kveðin
verri orð en viti.
Das rat ich zum dritten, daß du beim Dingmahl nicht
Mit läppischen Leuten rechtest.
Ein unkluger Mann kann oft doch sagen
Schlimmere Dinge, denn er weiß.
25
Allt er vant,
ef þú við þegir,
þá þykkir þú með bleyði borinn
eða sönnu sagðr;
hættr er heimis kviðr,
nema sér góðan geti;
annars dags
láttu hans öndu farit,
ok launa svá lýðum lygi.
Schlimm bleiben sie stets, denn schweigst du dazu,
So dünkst du blöde geboren,
Oder nicht mit Unrecht angeklagt.
Viel liegt am Leumund,
Drum gib dir Müh um guten.
Laß andern Tags sein Leben enden:
So lohne den Leuten die Lüge.
26
Þat ræð ek þér it fjórða,
ef býr fordæða
vammafull á vegi,
ganga er betra
en giska sé,
þótt þik nótt of nemi.
Das rat ich zum vierten, wenn eine Vettel, die
Am Wege wohnt, der Schanden voll,
Besser als bleiben dabei ist fortgehn,
Übernähme dich auch die Nacht.
27
Fornjósnar augu
þurfu fira synir,
hvars skulu vreiðir vega;
oft bölvísar konur
sitja brautu nær,
þær er deyfa sverð ok sefa.
Muntrer Augen braucht ein Menschensohn,
Wo es kommt zu heißem Kampf.
Am Wege sitzen böse Weiber oft,
Die Schwert und Sinn betäuben.
28
Þat ræð ek þér it fimmta,
þóttú fagrar séir
brúðir bekkjum á,
sifja silfr
lát-a-ðu þínum svefni ráða;
teygj-at-tu þér at kossi konur.
Das rat ich dir fünftens, wo du schöne Frauen
Sitzen siehst auf den Bänken,
Laß Weiberschönheit dir den Schlaf nicht rauben,
Noch hoffe sie heimlich zu küssen.
29
Þat ræð ek þér it sétta,
þótt með seggjum fari
ölðrmál til öfug,
drukkin deila
skal-at-tu við dolgviðu;
margan stelr vín viti.
Das rat ich dir sechstens, wo Männer gesellig
Worte wechseln hin und her,
Trunken tadle nicht tapfre Männer:
Manchem raubt der Wein den Witz.
Hinweis: Nach der ersten Zeile von Str. 29 bricht der Codex Regius ab (große Lücke); der Rest und Str. 30-37 sind aus jüngeren Papierhandschriften ergänzt.
30
Söngr ok öl
hefr seggjum verit
mörgum at móðtrega,
sumum at bana,
sumum at bölstöfum;
fjölð er, þat er fira tregr.
Tobende Trunkenheit hat Betrübnis schon
Manchem Manne gebracht,
Einigen Unheil, andern den Tod;
Vielfältig ist das Leiden.
31
Þat ræð ek þér it sjaunda,
ef þú sakar deilir
við hugfulla hali,
berjask er betra
en brenna sé
inni auðstöfum.
Das rat ich zum siebenten, wo du zu schaffen hast
Mit beherzten Helden,
Mehr frommt fechten als in Feuer aufgehn
Mit Hof und Halle.
32
Þat ræð ek þér it átta,
at þú skalt við illu sjá
ok firrask flærðarstafi;
mey þú teygj-at
né manns konu
né eggja ofgamans.
Das rat ich dir achtens. Unrecht zu meiden
Und List und lose Tücke;
Keine Maid verführe, noch des andern Gemahl,
Verleite sie nicht zur Lüsternheit.
33
Þat ræð ek þér it níunda,
at þú náum bjargir,
hvars þú á foldu finnr,
hvárts eru sóttdauðir
eða eru sædauðir
eða eru vápndauðir verar.
Das rat ich dir neuntens, nimm dich des Toten an,
Wo du im Feld ihn findest,
Sei er siechtot oder seetot,
Oder am Stahl gestorben.
34
Laug skal gera,
þeim er liðnir eru,
þváa hendr ok höfuð,
kemba ok þerra,
áðr í kistu fari,
ok biðja sælan sofa.
Ein Hügel hebe sich dem Hingegangenen,
Gewaschen seien Haupt und Hand.
Zur Kiste komm er gekämmt und trocken,
Und bitte, daß er selig schlafe.
35
Þat ræð ek þér it tíunda,
at þú trúir aldregi
várum vargdropa,
hvárstu ert bróður bani
eða hafir þú felldan föður;
ulfr er í ungum syni,
þó sé hann gulli gladdr.
Das rat ich zum zehnten, zögre zu trauen
Gesipptem Freund des Feindes,
Dessen Bruder du umbrachtest,
Dessen Vater du fälltest:
Dir steckt ein Wolf im unmündigen Sohn,
Hat gleich ihn Gold beschwichtigt.
36
Sakar ok heiftir
hyggja-t svefngar vera
né harm in heldr;
vits ok vápna
vant er jöfri at fá
þeim er skal fremstr með firum.
Wähne Streit und Haß nicht eingeschlafen,
Noch halte Harm für vergessen.
Witz und Waffen wisse zu brauchen,
Der von allen der erste sein will.
37
Þat ræð ek þér it ellifta,
at þú við illu séir
hvern veg at vini;
langt líf þykkjumk-a-k
lofðungs vita;
römm eru róg of risin.
Das rat ich dir elftens, betrachte das Übel,
Welchen Weg es nehmen will.
Nicht lange wähn ich des Königs Leben:
Übler Trug ist angelegt.
Hinweis: Letzte erhaltene Strophe; danach ist das Lied durch die große Lücke des Codex Regius verloren.

Quelle & Gemeinfreiheit

Altnordisch nach dem Codex Regius (Ausgabe Guðni Jónsson); deutsch nach Karl Simrock (1851). Beides gemeinfrei. Zusammenstellung von Glanz & Gravur.

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