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Draupnir – Odins tropfender Ring zwischen Zwergenesse, Totenfeuer und Eidring

Kleinode Draupnir – Odins tropfender Ring zwischen Zwergenesse, Totenfeuer und Eidring

Draupnir ist der goldene Ring Odins, von dem in jeder neunten Nacht acht gleich schwere Goldringe abtropfen – daher sein Name, „der Tropfende“. Geschmiedet haben ihn nach Snorri die Zwergenbrüder Brokkr und Sindri, Odin legte ihn seinem toten Sohn Balder auf den Scheiterhaufen, und Hermóðr brachte ihn aus dem Totenreich zurück. Hier erfährst du, was die Edda wirklich über Draupnir erzählt, welche Rolle er im Werbungslied Skírnismál spielt und warum ausgerechnet ein Ring zum Bild für Herrschaft, Eid und Freigebigkeit wurde – bis hinunter zum zerhackten Silber auf der Händlerwaage.

Stell dir einen Ring vor, der nie leer wird. Du schenkst einen davon weg, und neun Nächte später liegen acht neue neben ihm, jeder genauso schwer wie das Original. Kein Zinseszins, keine Bank. Nur Gold, das von Gold tropft.

Das ist Draupnir, Odins Ring, eines der großen Kleinode der nordischen Mythologie. Er kämpft nicht, er fliegt nicht, er zertrümmert keine Riesenschädel. Er liegt still da und vermehrt sich. Und gerade deshalb sagt er mehr über die Welt der Wikinger aus als manches Schwert: über Könige, die Gold verteilen mussten, um Könige zu bleiben, über Eide, die man auf Ringe schwor, und über eine Wirtschaft, in der Silber nicht gezählt, sondern gewogen wurde.

Wir in der Werkstatt in Alsdorf mögen Draupnir besonders, weil er so wenig protzt. Ein schlichter Reif, eine einzige Idee: Reichtum, der weitergegeben wird.

Der Name: Was bedeutet Draupnir?

Der Name ist durchsichtig. Draupnir gehört zum altnordischen Verb drjúpa, „tropfen, triefen“. Das Präteritum lautet draup, „es tropfte“ – und genau dieses Wort steckt im Namen. Draupnir ist also „der Tropfende“ oder, etwas altmodischer, „der Träufler“. Henry Adams Bellows übersetzte den Namen 1923 in einer Anmerkung zu seiner Edda-Übersetzung mit „Dropper“.

Der Name erzählt bereits die ganze Geschichte. Die neuen Ringe werden nicht geschmiedet, nicht geboren, nicht hergezaubert: Sie tropfen ab. Snorri benutzt in der Prosa-Edda dasselbe Verb: Von dem Ring sollen acht gleich schwere Ringe „abtropfen“.

Interessant ist ein Nebenbefund: Draupnir heißt auch ein Zwerg. In der langen Zwergenliste der Völuspá, dem Eröffnungsgedicht der Lieder-Edda, taucht in Strophe 15 (Zählung nach Neckel) die Zeile „Þar var Draupnir ok Dólgþrasir“ auf – „Da war Draupnir und Dólgþrasir“. Ob zwischen dem Zwergennamen und dem Ring ein Zusammenhang besteht, ist nicht belegt.

Die Quellen: Wer erzählt von Draupnir?

Eine ehrliche Bestandsaufnahme: Draupnir ist kein archäologisches Objekt, und keine Runeninschrift nennt ihn. Alles, was wir über ihn wissen, stammt aus isländischen Texten des 13. Jahrhunderts – aus einem seit gut zweihundert Jahren christlichen Island.

Die wichtigste Quelle ist die Prosa-Edda des Snorri Sturluson, entstanden um 1220. Snorri erzählt in zwei Teilen von Draupnir: In Skáldskaparmál, seinem Lehrbuch der Dichtersprache, schildert er, wie der Ring in der Zwergenschmiede entstand. In Gylfaginning, seiner Erzählung von der Götterwelt, beschreibt er die Bestattung Balders und die Rückgabe des Rings. Nur bei Snorri trägt der Ring ausdrücklich den Namen Draupnir.

Die zweite Quelle ist älter überliefert, aber jünger aufgeschrieben, als man denkt: das Lied Skírnismál in der Lieder-Edda, erhalten vor allem im Codex Regius aus der Zeit um 1270. Dort bietet Freyrs Diener Skírnir der Riesentochter Gerðr einen Ring an, von dem in jeder neunten Nacht acht gleich schwere Ringe tropfen und der mit Odins Sohn verbrannt wurde. Einen Namen nennt das Lied nicht. Dass es sich um Draupnir handelt, ergibt sich erst aus dem Vergleich mit Snorri.

Gesichert ist: Der Ring mit den acht gleich schweren Tochterringen in jeder neunten Nacht ist in zwei voneinander unabhängig überlieferten Texten belegt, im eddischen Lied Skírnismál und in Snorris Prosa-Edda. Der Name Draupnir, die Herstellung durch die Zwerge und die Rückgabe aus dem Totenreich stehen nur bei Snorri. Wie alt diese Überlieferung vor ihrer Niederschrift ist, lässt sich nicht sicher sagen.

In der Esse der Zwerge: Brokkr und Sindri

Die Entstehungsgeschichte erzählen wir ausführlich in unserem Artikel über Sindri & Brokkr, deshalb hier nur das Wesentliche.

Alles beginnt mit einem Streich Lokis: Er schneidet Thors Frau Sif heimlich das Haar ab. Zur Sühne lässt er von den Söhnen Ivaldis goldenes Haar, das Schiff Skíðblaðnir und den Speer Gungnir schmieden. Übermütig wettet Loki anschließend seinen eigenen Kopf mit dem Zwerg Brokkr, dessen Bruder könne keine drei ebenso guten Kleinode schmieden.

Wie dieser Bruder heißt, hängt übrigens von Handschrift und Ausgabe ab: In vielen Übersetzungen, etwa der englischen von Anthony Faulkes, heißt er Eitri, in anderen Textfassungen Sindri. In der deutschsprachigen Nacherzählung hat sich „Sindri“ weitgehend durchgesetzt.

Der Schmied legt nacheinander drei Werkstücke in die Esse, und Brokkr muss den Blasebalg ziehen, ohne innezuhalten. Loki stört als Fliege: Er sticht Brokkr in die Hand, dann in den Hals, dann ins Augenlid. Beim ersten Stück, einer Schweinshaut, hält Brokkr durch, heraus kommt der Eber mit den goldenen Borsten, Gullinbursti. Beim zweiten Stück legt der Schmied Gold ins Feuer – und heraus kommt der Ring Draupnir. Erst beim dritten Stück, dem Eisen, blinzelt Brokkr einen Augenblick, weil ihm das Blut ins Auge läuft. Deshalb bleibt der Stiel des Hammers Mjölnir etwas zu kurz.

Bei der Übergabe vor den Göttern erklärt Brokkr jedes Geschenk. Odin bekommt den Ring, und Brokkr sagt, dass in jeder neunten Nacht acht Ringe von ihm abtropfen würden, „gleich schwer wie er“ – im Altnordischen jafnhöfgir. Die Götter erklären den Hammer zum besten Stück, Loki verliert die Wette. Seinen Kopf behält er dank einer Spitzfindigkeit, aber Brokkr näht ihm die Lippen zusammen.

Der Eber trägt Freyr, der Hammer schützt die Götterwelt. Der Ring tut nur eines: Er macht mehr Gold. Für den König der Götter ist das kein Spielzeug, sondern das Werkzeug der Herrschaft schlechthin.

Acht Ringe in jeder neunten Nacht

Die Zahlen sind kein Zufall, auch wenn wir sie nicht restlos entschlüsseln können. Neun ist in der nordischen Überlieferung eine auffällig häufige Zahl. Odin hängt nach dem Hávamál neun Nächte am windigen Baum, um die Runen zu gewinnen. Hermóðr reitet nach Snorri neun Nächte durch dunkle Täler, bis er die Brücke zum Totenreich erreicht. Draupnir passt in dieses Muster.

Im Altnordischen zählte man Zeiträume gern in Nächten. „In jeder neunten Nacht“ beschreibt also einen festen Rhythmus, einen Kalender des Reichtums. Acht neue plus der Mutterring ergeben neun – ob das beabsichtigt ist, sagt kein Text.

Mythos-Check: „Draupnir macht Odin unendlich reich, weil auch die neuen Ringe wieder Ringe tropfen.“ – Das steht in keiner Quelle. Weder Skírnismál noch Snorri sagen, dass die abgetropften Ringe selbst Zauberkraft hätten. Nach dem Wortlaut tropft nur Draupnir. Das ergibt acht Ringe alle neun Nächte, also gut dreihundert im Jahr – viel Gold, aber eine sehr gemächliche, lineare Vermehrung, kein exponentielles Wachstum. Mathematisch ist Draupnir eher Rentenfonds als Goldrausch.

Wichtig ist das unscheinbare Wort jafnhöfgir, „gleich schwer“. Es geht nicht um irgendwelche Ringe, sondern um Ringe exakt gleichen Gewichts. Das ist die Denkweise einer Gesellschaft, in der Gold und Silber nach Gewicht bewertet wurden. Ein Ring war nicht nur Schmuck, er war eine Wertangabe. Darauf kommen wir weiter unten noch zurück.

Auf Balders Scheiterhaufen

Seinen großen Auftritt hat Draupnir in der traurigsten Geschichte der nordischen Mythologie. Balder, Odins strahlender Sohn, wird durch Lokis List vom Mistelzweig getötet, den sein blinder Bruder Höðr schleudert. Die ganze Vorgeschichte erzählen wir in Balders Tod.

Snorri beschreibt in Gylfaginning die Bestattung mit vielen Einzelheiten. Balders Leichnam wird auf sein Schiff Hringhorni getragen, das so schwer ist, dass die Götter es nicht ins Wasser schieben können; erst die Riesin Hyrrokkin bringt es in Bewegung. Balders Frau Nanna stirbt vor Kummer und wird zu ihm auf den Scheiterhaufen gelegt. Thor weiht das Feuer mit seinem Hammer. Balders Pferd wird mit allem Zaumzeug ins Feuer geführt. Und Odin legt den Ring Draupnir auf den Scheiterhaufen.

An genau dieser Stelle erklärt Snorri die Eigenschaft des Rings: Ihm folgte „seitdem“ die Natur, dass in jeder neunten Nacht acht gleich schwere Goldringe von ihm abtropften. Das „seitdem“ klingt, als habe erst das Totenfeuer dem Ring seine Kraft gegeben – obwohl Brokkr sie schon bei der Übergabe beschreibt. Wahrscheinlich erläutert Snorri hier nur für Leser, die die Schmiedegeschichte nicht kennen.

Odin gibt seinem Sohn die Quelle allen Goldes mit. Das entspricht einer Praxis, die die Archäologie gut kennt: Wikingerzeitliche Gräber enthalten oft Schmuck, Waffen, Gerät und Tiere. Ob die Beigaben den Toten im Jenseits dienen oder den Rang der Hinterbliebenen zeigen sollten, wird diskutiert – wahrscheinlich beides.

Snorri stützt sich bei der Bestattung teilweise auf die Húsdrápa des Skalden Úlfr Uggason. Deren erhaltene Strophen zeigen die Götter auf dem Weg zum Feuer, nennen den Ring aber nicht.

Hermóðrs Ritt und der Ring aus dem Totenreich

Frigg will ihren Sohn zurück. Hermóðr der Schnelle, ein Sohn Odins, erklärt sich bereit, zu Hel zu reiten und um Balders Freilassung zu bitten. Odin leiht ihm sein achtbeiniges Ross Sleipnir. Neun Nächte reitet Hermóðr durch tiefe, finstere Täler, bis er an den Fluss Gjöll und die Brücke Gjallarbrú kommt, die von der Jungfrau Móðguðr bewacht wird. Mehr über den Boten in Hermod – der Ritt nach Hel.

Hel stellt eine Bedingung: Balder darf zurück, wenn alle Dinge der Welt, lebendige wie tote, um ihn weinen. Bevor Hermóðr aufbricht, gibt ihm Balder etwas mit. Nach Snorri nimmt er den Ring Draupnir und schickt ihn Odin til minja – „zur Erinnerung“, als Andenken. Nanna sendet Frigg ein Leinentuch und weitere Gaben, und Friggs Dienerin Fulla einen goldenen Fingerring.

Der Ring, der Gold ohne Ende hervorbringt, kommt zurück, der Sohn nicht: Die Riesin Þökk weigert sich zu weinen – hinter ihr vermutet Snorri Loki.

Warum schickt Balder den Ring zurück? Die Quellen begründen es nicht. Die dänische Enzyklopädie lex.dk deutet die Rückgabe als Zeichen dafür, dass Balder eben nicht wie der Ring erneuert werden kann. Andere Leser sehen darin ein Pfand, ein Versprechen der Wiederkehr – nach der Völuspá kehrt Balder nach dem Weltenende tatsächlich zurück. Beides sind moderne Deutungen. Sicher ist nur das Wort minjar, Andenken: ein Erinnerungsstück aus der Welt der Toten an die Welt der Lebenden.

Skírnismál: Der Ring, den Gerðr ausschlug

Die zweite große Draupnir-Szene steht in einem völlig anderen Ton. Im eddischen Lied Skírnismál hat sich der Gott Freyr in die Riesentochter Gerðr verliebt. Er schickt seinen Diener Skírnir, um für ihn zu werben – und gibt dafür sein Schwert her, das sich von selbst schwingt. Die ganze Geschichte findest du in Skírnismál – wie Freyr sein Schwert verlor.

Skírnir versucht es zuerst mit Geschenken. Er bietet Gerðr elf goldene Äpfel an. Sie lehnt ab. Dann kommt der Ring. In der gemeinfreien englischen Übersetzung von Bellows (1923, dort Strophe 21) klingt das so:

„Then do I bring thee | the ring that was burned / Of old with Othin's son; / From it do eight | of like weight fall / On every ninth night.“Skírnismál 21, übersetzt von Henry Adams Bellows (1923)

Sinngemäß: Den Ring bringe ich dir, der einst mit Odins Sohn verbrannt wurde; acht gleich schwere fallen von ihm in jeder neunten Nacht. Gerðr antwortet kühl (Str. 22): Den Ring will sie nicht, auch wenn er mit Odins Sohn verbrannt wurde – im Hof ihres Vaters Gymir fehle es nicht an Gold.

Der kostbarste Ring der Götter beeindruckt eine Riesentochter nicht – die Riesen sind alte, reiche Geschlechter. Erst Drohungen und ein furchtbarer Runenfluch brechen Gerðrs Widerstand.

Mythos-Check: „Freyr besaß Draupnir.“ – Das sagt keine Quelle so. Skírnismál nennt den Ring nicht beim Namen und erklärt nicht, wie er in Freyrs oder Skírnirs Hände kam. Snorri wiederum erzählt die Werbung um Gerðr in Gylfaginning ohne den Ring. Dass der Ring in Skírnismál Draupnir ist, gilt wegen der identischen Beschreibung als sehr wahrscheinlich. Wie die beiden Überlieferungen zusammenpassen – Odin bekommt den Ring zurück, später bietet ihn Freyrs Bote an –, lassen die Texte offen. Vermutlich kannten die Dichter unterschiedliche Fassungen und brauchten keine lückenlose Chronologie.

Ringe als Eide: der heiligste Schwur

Um Draupnir zu verstehen, muss man wissen, welches Gewicht ein Ring im Norden hatte – und zwar nicht nur in Gramm. Ringe waren Träger von Eiden. Wer auf einen Ring schwor, band sich vor Göttern und Menschen.

Ausgerechnet Odin selbst liefert das berühmteste Beispiel für einen gebrochenen Ringeid. Im Hávamál, der Spruchdichtung der Lieder-Edda, erzählt er, wie er den Dichtermet vom Riesen Suttung erschlich und dessen Tochter Gunnlöð verführte. Dann folgt eine bemerkenswert selbstkritische Strophe:

„On his ring swore Othin the oath, methinks; / Who now his troth shall trust?“Hávamál 110, übersetzt von Henry Adams Bellows (1923)

Sinngemäß: Einen Ringeid (baugeiðr) hat Odin wohl geschworen – wer soll seiner Treue nun trauen? Der Herr des Draupnir ist zugleich der Gott, der einen Ringeid brach – Herr der Gaben und Herr der List.

Die isländische Eyrbyggja saga beschreibt im vierten Kapitel den Tempel des Siedlers Þórólfr Mostrarskegg. Auf dem Altar habe ein Ring ohne Naht gelegen, ein tvítøgeyringr, also ein Ring von zwanzig Unzen – je nach angesetztem Unzengewicht grob ein halbes Kilo Silber. Auf diesen Ring seien alle Eide geschworen worden, und der Tempelpriester habe ihn bei allen Versammlungen am Arm tragen müssen. Ganz ähnlich schildert das Landnámabók einen Ring auf dem Altar jedes Haupttempels, auf den bei Gericht geschworen wurde.

Einschränkung: Beide Texte stammen aus dem 13. Jahrhundert. Wie genau ihre Tempelbeschreibungen sind, ist umstritten; manches mag antiquarische Rekonstruktion sein.

Zeitgenössischer Beleg: Die Angelsächsische Chronik berichtet zum Jahr 876, dass ein dänisches Heer König Alfred in Wareham Frieden schwor – „on þam halgan beage“, auf den heiligen Ring. Eine Quelle aus der Wikingerzeit selbst – von der Gegenseite. Die Dänen brachen den Frieden bald darauf.

Mehr dazu: Die Eidringe der Wikinger.

Der Ringgeber: Herrschaft durch Freigebigkeit

In der Dichtung des Nordens ist der ideale Herrscher einer, der Ringe verteilt. Die Skalden und Eddadichter nennen Fürsten mit Umschreibungen, sogenannten Kenningar, die genau das ausdrücken. Ein solches Wort ist baugbroti, „Ringbrecher“, belegt in einem der Helgi-Lieder der Lieder-Edda. Der König bricht Ringe, um die Stücke an seine Gefolgsleute zu verteilen. Im altenglischen Beowulf heißt König Hroðgar entsprechend beaga brytta, „Verteiler der Ringe“, und der Herrscher ist der Ringgeber im Methaus.

Dahinter steht ein knallhartes Prinzip. Gaben verpflichteten zu Treue; wer nichts mehr zu geben hatte, verlor sein Gefolge. Das Hávamál formuliert es sinngemäß so: Mit Waffen und Kleidern sollen Freunde einander erfreuen; wer sich gegenseitig beschenkt, bleibt am längsten Freund. Wie solche Gefolgschaften funktionierten, zeigen wir in Lið, Hird und Leiðangr.

Vor diesem Hintergrund ist Draupnir die göttliche Steigerung des Königsideals. Ein irdischer Ringgeber muss Gold erbeuten, ertauschen oder einfordern, um es verteilen zu können. Odin dagegen hat eine Quelle, die nie versiegt. Er kann geben, ohne ärmer zu werden. Draupnir ist damit nicht das Symbol der Gier, sondern ihr Gegenteil: ein Schatz, der zum Weitergeben gemacht ist.

Was die Archäologie zeigt: Arm- und Halsringe aus Gold und Silber

Draupnir selbst wird niemand ausgraben. Aber die Ringe, an die die Erzähler dachten, liegen in unseren Museen. Arm-, Hals- und Fingerringe aus Gold und Silber gehören zu den häufigsten Edelmetallfunden der Wikingerzeit.

Das spektakulärste Stück aus Dänemark ist der goldene Halsring von Tissø auf Westseeland. Ein Landwirt pflügte ihn 1977 aus dem Boden. Er wiegt 1,83 Kilogramm; da ein kleines Stück fehlt, war er ursprünglich wohl noch etwas schwerer. Er gehört zum Umfeld eines großen wikingerzeitlichen Herrschersitzes am See und wird heute im Nationalmuseum in Kopenhagen gezeigt.

Aufschlussreich sind auch die Silberringe vom sogenannten Perm- oder Glazov-Typ, gedrehte Halsringe, die vor allem im 9. Jahrhundert zwischen dem Uralvorland und dem Ostseeraum zirkulierten. Die schwedische Archäologin Birgitta Hårdh hat 2016 gezeigt, dass sich ihre Gewichte um etwa 100 und 200 Gramm häufen, gelegentlich auch um 300 oder 400 Gramm. Sie deutet sie vorsichtig als Zahlungsringe nach festen Gewichtsverhältnissen. Auf Gotland fand man viele zu Spiralen gebogen – Schmuck, der zugleich Geld war.

Ein Zeuge aus der Fremde bestätigt diesen Doppelcharakter. Der arabische Gesandte Ibn Faḍlān beschrieb 922 die Rus an der Wolga. Ihre Frauen trugen nach seinem Bericht Halsringe aus Gold und Silber; jedes Mal, wenn der Besitz eines Mannes um zehntausend Dirham wuchs, ließ er seiner Frau einen weiteren Halsring machen. Ein Halsring war ein tragbarer Kontoauszug. Den Bericht kannst du bei uns nachlesen.

Viele erhaltene Armringe tragen kleine Kerben. Händler hieben mit der Messerspitze hinein, um zu prüfen, ob das Metall durch und durch Silber war oder nur ein überzogener Kern.

Vom Ring zum Hacksilber

Hier schließt sich der Kreis zum Wort jafnhöfgir. In weiten Teilen der Wikingerwelt bezahlte man nicht mit Münzen nach Nennwert, sondern mit Silber nach Gewicht. Münzen, Barren, Schmuck: alles kam auf die Klappwaage. Was zu viel war, wurde abgehackt. So entstand das Hacksilber, das in den großen Schatzfunden kiloweise auftaucht.

Der größte dieser Funde ist der Spillings-Schatz auf Gotland, voller Münzen und Armringe. In England enthält der um 905 vergrabene Cuerdale-Schatz aus Lancashire rund vierzig Kilogramm Silber, darunter zahlreiche ganze und zerhackte Armringe.

Ein Armring konnte heute schmücken, morgen als Lohn verschenkt und übermorgen zerhackt auf die Waage gelegt werden. Draupnir übertreibt diese Logik ins Mythische: Er liefert genormte, gleich schwere Ringe, perfekt für jede Waage. Der Ring der Götter ist zugleich die Idealvorstellung eines Silberhändlers.

Draupnir und die anderen Ringe

Draupnir wird oft mit einem anderen berühmten Ring verwechselt: Andvaranaut, dem Ring des Zwergs Andvari. Loki raubt ihn zusammen mit dessen Goldschatz, und Andvari belegt Ring und Gold mit einem Fluch, der über Fáfnir, Sigurd und die Nibelungen weiterwirkt. Mehr dazu in Andvaris Fluchgold. Bellows weist in seiner Anmerkung zu Skírnismál darauf hin, dass auch Andvaris Ring die Kraft hatte, Gold hervorzubringen.

Die beiden Ringe sind Gegenbilder. Draupnir wird freiwillig gegeben – als Lohn, als Grabbeigabe, als Andenken, als Brautgeschenk. Andvaranaut wird geraubt und bringt jedem Besitzer den Untergang. Gold, das fließt, gegen Gold, das festgehalten wird – Gabe gegen Gier.

Und Tolkien? Hier ist Vorsicht angebracht. Tolkien kannte die Edda gut – die Zwergennamen im Hobbit stammen aus der Völuspá. Einen Bezug seines Einen Rings zu Draupnir hat er aber nie hergestellt, und ein Ring der Freigebigkeit hat mit einem Ring der Herrschsucht wenig gemein. Näher läge allenfalls Andvaranaut. Was Tolkien wirklich aus dem Norden übernahm, zeigen wir in Tolkien und die Edda.

Warum Draupnir uns in der Werkstatt begleitet

Wenn wir einen Ring oder ein Ringmotiv auf Schiefer oder Holz gravieren, denken wir oft an Draupnir. Ein Ring war im Norden ein Versprechen: Treue gegen Gabe, Eid gegen Vertrauen. Deshalb passt das Motiv so gut zu Hochzeiten, Jubiläen und Erinnerungsstücken.

Und vielleicht ist das die schönste Lehre aus diesem Mythos: Reichtum, der weitertropft, ist mehr wert als Reichtum, der im Kasten liegt. Odin hat den Ring sogar ins Feuer gelegt – für jemanden, den er liebte.

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Häufige Fragen

Was ist Draupnir in der nordischen Mythologie? Draupnir ist Odins goldener Ring, von dem in jeder neunten Nacht acht gleich schwere Goldringe abtropfen. Er wird in Snorris Prosa-Edda beschrieben und ohne Namen auch im eddischen Lied Skírnismál erwähnt.

Was bedeutet der Name Draupnir? Der Name kommt vom altnordischen Verb drjúpa, „tropfen“, und bedeutet „der Tropfende“. Er beschreibt die Eigenschaft des Rings, neue Ringe abzutropfen.

Wer hat Draupnir geschmiedet? Nach Snorris Skáldskaparmál schmiedete ihn der Zwerg Sindri (in anderen Fassungen Eitri), während sein Bruder Brokkr den Blasebalg bediente. Brokkr überreichte den Ring anschließend Odin.

Warum legte Odin Draupnir auf Balders Scheiterhaufen? Die Quelle nennt keinen Grund, aber die Gabe entspricht dem Brauch, Toten Kostbarkeiten mitzugeben. Odin gab seinem Sohn damit das Wertvollste, was er besaß.

Wie kam Draupnir zu Odin zurück? Hermóðr ritt ins Totenreich, um Balders Rückkehr zu erbitten. Balder gab ihm den Ring als Andenken für Odin mit.

Ist Draupnir derselbe Ring wie der Ring der Nibelungen? Nein. Der Fluchring der Nibelungensage ist Andvaranaut, der Ring des Zwergs Andvari. Draupnir ist ein Ring der Gabe, Andvaranaut ein Ring des Raubs und des Fluchs.

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Alle Kleinode der Edda im Überblick · Gungnir – Odins Speer · Mjöllnir – Thors Hammer · Odin (Wotan) · Sigurd & der Hort des Fafnir.

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