Ein Ring, aus dem immer neue Ringe entstehen: Draupnir ist Odins goldenes Kleinod und eines der eindringlichsten Bilder der nordischen Mythologie. „Der Tröpfelnde“ steht für endlose Fülle, für königliche Freigebigkeit – und, weil Odin ihn seinem toten Sohn mitgab, für Trauer.
Der Name Draupnir (altnord. Draupnir) bedeutet „der Tröpfelnde“ oder „der Träufler“ – nach seiner wundersamen Eigenschaft: In jeder neunten Nacht tropfen von ihm acht gleich schwere Goldringe ab. Aus einem Ring werden neun, aus neun bald Dutzende. Draupnir ist damit weniger Schmuck als Sinnbild – für einen König, der Reichtum nicht hortet, sondern verschenkt.
Draupnir entstand beim großen Wettstreit der Zwerge, den Loki angezettelt hatte. Nachdem die Söhne Ivaldis drei Schätze geschmiedet hatten (darunter Odins Speer Gungnir), wettete Loki übermütig seinen eigenen Kopf mit den Brüdern Brokkr und Sindri (auch Eitri genannt), dass sie nichts Besseres zustande brächten.
Sindri legte Gold ins Feuer, und während Brokkr den Blasebalg zog, quälte Loki – als Fliege verwandelt – die Schmiede mit Stichen. So entstanden drei Meisterwerke: der goldborstige Eber Gullinborsti, der Ring Draupnir und der Hammer Mjöllnir. Die Götter erklärten den Hammer zum wertvollsten Schatz – Loki verlor die Wette (rettete seinen Kopf aber mit einer Spitzfindigkeit).
Der ergreifendste Moment des Rings ist zugleich sein trauervollster. Als der lichte Gott Baldr starb, legte Odin ihm bei der Bestattung den Ring Draupnir auf den Scheiterhaufen – das kostbarste Geschenk für den geliebten Sohn. Später sandte der Götterbote Hermod in die Unterwelt, um Baldr zurückzuholen; als Zeichen sandte Baldr den Ring Draupnir aus der Totenwelt an Odin zurück. So verbindet der Ring des ewigen Reichtums die Welt der Lebenden mit der der Toten.

Man sollte Draupnir nicht mit dem verfluchten Ring Andvaranaut verwechseln, der im Nibelungen-/Sigurd-Stoff Unglück bringt. Draupnir ist das genaue Gegenbild: kein Fluch, sondern Segen; kein Ring, der Menschen ins Verderben zieht, sondern einer, der Fülle schenkt. In der Symbolwelt des Nordens stehen beide Ringe für die zwei Seiten des Goldes – Gabe und Gier.
Alle Kleinode der Edda im Überblick · Gungnir – Odins Speer · Mjöllnir – Thors Hammer · Odin (Wotan) · Sigurd & der Hort des Fafnir.
Lieder-Edda: Skírnismál (Str. 21: acht Ringe in der neunten Nacht). Snorri Sturluson, Prosa-Edda (Skáldskaparmál: Schmiedung; Gylfaginning: Baldrs Bestattung), um 1220. Deutsche gemeinfreie Übersetzung: Karl Simrock, Die Edda (1851). Forschung: Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie; John Lindow, Norse Mythology (2001).