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Egill Skallagrímsson – der Dichter, der um seinen Kopf sang

Skalden & Sagas Ein rauer Krieger-Dichter im Halblicht

Er war Krieger und Dichter, Totschläger und Zauberkundiger, Bauer und Grabräuber – und der wohl größte Skalde des Nordens: Egill Skallagrímsson. In seinen Versen liegt die ganze Wikingerseele offen: die kalte Freude am Töten und die nackte Trauer eines Vaters, der seine Söhne verliert. Zwei Gedichte machen ihn unsterblich – das eine rettet seinen Kopf, das andere sein Leben.

Ein Ungeheuer mit der Gabe des Gesangs

Egill wächst im Island des 10. Jahrhunderts auf, in einer Familie, die selbst nach den Maßstäben der Saga schwierig ist: kräftig, dunkel, jähzornig, mit einem Zug ins Trollhafte. Die Egils saga erzählt, er habe schon als kleines Kind gedichtet und mit sieben Jahren seinen ersten Mann erschlagen, weil er beim Ballspiel unterlag. Das ist kein Ruhmesblatt, und die Saga schönt es auch nicht – sie zeichnet einen Mann, der zugleich abstoßend und großartig ist.

Gerade dieser Widerspruch macht Egill so modern. Er ist hässlich, wo die Helden schön sein sollten; er ist geizig und nachtragend, wo Großzügigkeit als höchste Tugend gilt. Und doch trägt er die kostbarste Gabe des Nordens in sich: die Dichtkunst, die als Geschenk Odins galt. Bei Egill sitzt das Ungeheuer und der Künstler im selben Körper – und das weiß er selbst.

Höfuðlausn – die Nacht, in der ein Lied einen Kopf freikaufte

Die berühmteste Szene spielt in England. Egill erleidet Schiffbruch an der Küste von Northumbria und gerät ausgerechnet nach York – altnordisch Jórvík, damals Hauptstadt des von Skandinaviern beherrschten Danelaw. Dort herrscht sein Todfeind: König Eiríkr Blóðøx, „Blutaxt". Zwischen den beiden liegen alte Rechnungen, Tote und ein regelrechter Fluch, den Egill einst gegen das Königspaar aufgerichtet hatte. Egill weiß: Dieser Morgen könnte sein letzter sein.

Sein treuer Freund Arinbjörn, der am Hof Eiríks steht, erwirkt einen einzigen Aufschub – eine Nacht. Er rät Egill, die Zeit zu nutzen und ein Preislied auf den Feind zu dichten: Ein Lob aus dem Mund des Beleidigten wiegt schwerer als jedes andere. In dieser einen Nacht dichtet und memoriert Egill ein vollständiges Preisgedicht auf Eiríkr – ganze zwanzig Strophen. Am Morgen tritt er vor den König und trägt es vor. Und Eiríkr, obwohl er allen Grund hätte, Egills Kopf rollen zu lassen, schenkt ihm das Leben. Das Lied heißt seither „Höfuðlausn" – „Kopflösung", die Haupteslösung.

Das Bemerkenswerte ist nicht nur die Kühnheit der Tat, sondern die Form. Nordische Dichtung arbeitete mit Stabreim, nicht mit Endreim. Die Höfuðlausn dagegen ist durchgehend endgereimt – etwas, das im Norden so früh kaum vorkommt und den Anschein erweckt, Egill habe die Technik von den Angelsachsen oder aus Britannien mitgebracht. Ein Dichter, der in Todesgefahr auch noch mit einer neuen Kunstform experimentiert: Das ist die Legende, die die Saga uns verkauft.

„Ich brachte dem Fürsten die Flut des Lobes, / trug meines Mundes Schiff in den Hafen des Ohrs." — Höfuðlausn, sinngemäß nach W. C. Green (1893)

Eiríkr Blóðøx – der Feind, der selbst in Walhall einzog

Wer war der Mann, dem Egill sang? Eiríkr Blóðøx war ein Sohn Harald Schönhaars und trug seinen finsteren Beinamen, weil er im Thronkampf mehrere Halbbrüder beseitigt hatte. In Norwegen hielt er sich nur kurz, dann wurde er von seinem Bruder Håkon dem Guten vertrieben. Seine zweite Karriere machte er in England: Zweimal war er König von Jórvík, gestützt vom mächtigen Erzbischof Wulfstan, der in ihm einen Schutzschild gegen die Expansion der Westsachsen sah. Seine Münzen aus York zeigen ein gezogenes Schwert und die Aufschrift „ERIC REX" – ein Herrschaftsstatement in Silber.

954 endete alles: aus York vertrieben, wurde Eiríkr auf dem einsamen Pass von Stainmore in den Pennines überfallen und erschlagen. Vielen Historikern gilt sein Tod als das Ende des Wikingerreichs von Jórvík. Und doch bekam er das schönste Nachleben: Das Gedicht Eiríksmál, in Auftrag gegeben von seiner Witwe, der zauberkundigen „Königsmutter" Gunnhild, lässt Odin höchstselbst die Bänke Walhalls für den gefallenen König rüsten. Egill hat ihn verflucht und dann besungen; die Nachwelt hat ihn erschlagen und dann vergöttlicht. Es ist eine sehr nordische Ironie, dass Feind und Skalde zusammen unsterblich wurden.

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Sonatorrek – als die Trauer beinahe stärker war als der Mann

So laut die Höfuðlausn ist, so leise und erschütternd ist Egills anderes großes Gedicht. Im Alter verliert er seinen Lieblingssohn Böðvarr, der bei einer Überfahrt im Sturm ertrinkt. Egill bettet den Leichnam ins Familiengrab, reitet heim, legt sich in sein Bett und verschließt die Tür: Er will sich zu Tode hungern. Für einen Mann, der sein Leben lang jeden Kampf gesucht hat, ist das die eine Niederlage, gegen die kein Schwert hilft.

Es ist seine kluge Tochter Þorgerðr, die ihn rettet – nicht mit Trost, sondern mit List. Sie legt sich zu ihm, als wolle auch sie sterben, und bringt ihn dann dazu, ein Gedächtnislied auf die toten Söhne zu dichten, damit ihr Name nicht vergehe. Und indem Egill zu dichten beginnt, kehrt er ins Leben zurück. Das Lied heißt „Sonatorrek" – „der Verlust der Söhne". Es ist eine der ersten großen Klagen der europäischen Literatur, in der ein Mensch nicht einen Helden besingt, sondern sich selbst und seinen Schmerz.

Das Erschütterndste daran ist die Ehrlichkeit gegenüber den Göttern. Egill hadert offen mit Ægir, dem Meer, das ihm den Sohn nahm, und mit Odin, dem er lange treu diente. Er wäre bereit gewesen, gegen das Meer selbst mit dem Schwert anzutreten, gesteht er – und weiß doch, dass er es nicht kann. Am Ende ringt er sich zu einem bitteren Frieden durch: Odin hat ihm die Söhne genommen, aber er hat ihm auch die Dichtung gegeben, die Gabe, den Schmerz in Worte zu fassen. Genau dieses Gedicht ist der Beweis.

„Genommen hat der Freund der Götter mir viel – doch gab er zum Ausgleich die Kunst des Liedes." — Sonatorrek, sinngemäß nach W. C. Green (1893)

Dichtung als Waffe, Handwerk und Trost

Egills beide Meisterwerke zeigen, was Dichtung im Norden bedeutete – und es war weit mehr als Unterhaltung. Ein Skalde war Hofdichter, Chronist und Waffe zugleich. Ein Preislied konnte einen Kopf freikaufen; ein Spottvers (níð) konnte einen Mann gesellschaftlich vernichten. Die Kunstform war hochkomplex: das Hauptversmaß dróttkvætt verlangte Stabreim, Binnenreim und Silbenzählung zugleich, und die Bilder liefen über Kenningar – rätselhafte Umschreibungen wie „Wogen-Pferd" für das Schiff oder „Met der Zwerge" für die Dichtung selbst.

Diese Verse wurden nicht gedruckt, sondern auswendig getragen, von Skalde zu Skalde, über Generationen. Dass wir Egills Worte heute noch lesen können, verdanken wir Islands Erzähltradition und den Sagaschreibern des 13. Jahrhunderts. In unserer Werkstatt denken wir bei solchen Zeilen gern an das, was auch wir tun: einem vergänglichen Augenblick eine dauerhafte Form geben. Was der Skalde im Gedächtnis bewahrte, halten wir im Schiefer fest.

Beleg & Quellen. Die Egils saga Skallagrímssonar wurde um 1220–1240 aufgezeichnet, möglicherweise von Snorri Sturluson. Die Höfuðlausn-Episode steht in Kap. 59–61, das Sonatorrek in Kap. 78. Die eingestreuten Gedichte sind im Prosimetrum überliefert – Prosa mit eingelegten Versen. Gemeinfreie englische Übersetzung: W. C. Green, The Story of Egil Skallagrimsson (1893).
Mythos-Check. Ob die Gedichte wirklich im 10. Jahrhundert von Egill selbst stammen oder spätere Zudichtungen sind, ist in der Forschung umstritten – bei der Höfuðlausn gerade wegen des für die Zeit ungewöhnlichen Endreims. Auch die dramatischen Szenen der Saga (der Mord mit sieben Jahren, die eine Nacht in York) sind Literatur, nicht Protokoll. Die Egils saga bleibt ein Meisterwerk – aber sie ist als Kunstwerk zu lesen, nicht als Tatsachenbericht.

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Quellen & Literatur

Egils saga; W. C. Green, The Story of Egil Skallagrimsson (1893); skaldic.org. Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie.

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