Was macht der stärkste Gott, wenn man ihm Hammer, Kraftgürtel und Eisenhandschuhe weggenommen hat? Er zieht trotzdem los. Die Sage von Thors Fahrt zu Geirröd ist ein Meisterstück nordischer Erzählkunst: Sie beginnt mit Lokis Übermut, führt durch einen Fluss, den eine Riesin mit ihrem eigenen Wasser anschwellen lässt, und endet mit einer glühenden Eisenstange, die den falschen Weg fliegt. Dahinter steht eines der schwierigsten und ältesten Skaldengedichte überhaupt.
Wie so oft ist Loki der Funke, der das Feuer entzündet. Aus reiner Neugier leiht er sich Friggs Falkengewand und fliegt hinaus in die Riesenwelt, bis er zur Halle des Geirröd kommt. Dort setzt er sich als Falke ans Fenster und späht neugierig hinein. Geirröd erkennt, dass da mehr ist als ein Vogel, lässt ihn fangen und blickt ihm in die Augen. Kein gewöhnlicher Falke schaut so. Der Riese sperrt ihn in eine Truhe und lässt ihn drei Monate lang hungern, bis Loki gesteht, wer er ist. Um sein Leben zu retten, schwört er einen folgenschweren Eid: Er werde Thor in Geirröds Halle bringen, und zwar ohne dessen Hammer Mjölnir, ohne den Kraftgürtel Megingjörð und ohne die Eisenhandschuhe. Ein Donnergott ohne seine drei wichtigsten Dinge, das ist der Plan, mit dem Loki freikommt. Man merkt schon hier, worum es der Sage geht: Es ist eine Prüfung, ob Thor auch dann Thor bleibt, wenn man ihm seine Ausrüstung nimmt.
Loki bringt Thor tatsächlich dazu, arglos mitzukommen. Doch unterwegs machen sie Halt bei der Riesin Gríðr, einer wohlgesinnten Bekannten, Mutter von Odins Sohn Víðarr. Während Loki nicht aufpasst, warnt sie Thor: Geirröd sei tückisch und gefährlich, und Thor komme ohne seine eigenen Waffen. Sie tut, was eine gute Gastgeberin tut, und leiht ihm das Ihre. Sie gibt ihm ihren Stab, den Gríðarvölr, dazu ihre eisernen Handschuhe und einen Kraftgürtel. So gerüstet zieht Thor weiter, in fremder Ausrüstung, aber nicht wehrlos. Man merkt der Geschichte an, wie gern der Norden erzählte, dass selbst der Stärkste manchmal auf die Freundlichkeit anderer angewiesen ist. Bemerkenswert ist auch, dass es eine Riesin ist, die Thor rettet: Nicht alle Bewohner der Riesenwelt sind Feinde, und die Grenze zwischen Asen und Riesen verläuft in der Edda weit weniger scharf, als man meinen möchte. Gríðr gehört selbst zu jenem Geschlecht, das Thor sonst bekämpft, und doch stattet sie ihn gerade gegen einen der Ihren aus.
Bald erreichen sie den Fluss Vimur, den größten aller Ströme. Thor gürtet sich mit Gríðrs Gürtel, stützt sich auf den Stab und watet hinein, mit Loki, der sich am Gürtel festklammert. In der Mitte aber steigt das Wasser rasend an, bis es Thor über die Schultern schäumt. Da blickt er stromaufwärts und sieht die Ursache: Gjálp, eine Tochter Geirröds, steht in einer Bergschlucht und lässt den Fluss mit ihrem eigenen Wasser anschwellen; sie ist es, die ihn ertränken will. Thor hebt einen großen Stein aus dem Flussbett und wirft ihn nach ihr mit den Worten, ein Fluss müsse an der Quelle gestemmt werden. Er trifft, und das Wasser fällt. Am Ufer packt er einen Zweig der Eberesche und zieht sich daran ans Land. Daher, sagt die Sage, kommt das Sprichwort, die Eberesche sei Thors Rettung. Es ist ein hübsches Detail, wie sich hier ein handfestes Naturbild und ein alter Volksglaube um den Baum verknüpfen, denn die Eberesche galt lange als Schutzbaum gegen böse Mächte.
Wachse nicht, Vimur, / da waten ich will / zur Wohnung der Riesen hinüber.nach der Snorra-Edda / Skáldskaparmál (gemeinfreie Übersetzungstradition)
In Geirröds Halle weist man Thor ein Gästehaus zu, darin ein einziger Stuhl. Thor setzt sich, todmüde vom Fluss. Da spürt er, wie der Stuhl sich unter ihm hebt, höher und höher, der Decke entgegen. Er stemmt Gríðrs Stab gegen die Balken über sich und drückt mit aller Macht dagegen. Ein Krachen, ein gellender Schrei, dann Stille. Unter dem Stuhl hatten Geirröds Töchter Gjálp und Greip gehockt und ihn nach oben gedrückt, um Thor an der Decke zu zerquetschen. Thors Gegendruck aber brach ihnen beiden das Rückgrat. So starben die zwei Riesentöchter an ihrer eigenen List. Es ist eine grimmige Szene, und der Norden erzählte sie ohne Rührung: Wer den Donnergott zerdrücken will, muss mit dem Donnergott rechnen.
Nun ruft Geirröd Thor selbst in seine Halle, angeblich zu Spielen. In der Mitte brennen große Feuer. Als Thor eintritt, greift Geirröd mit einer Zange eine glühende Eisenstange aus der Glut und schleudert sie auf ihn. Doch Thor trägt Gríðrs eiserne Handschuhe. Er fängt das rotglühende Eisen mitten im Flug. Geirröd springt hinter eine eiserne Säule, um sich zu decken. Thor wirft die Stange zurück, mit solcher Wucht, dass sie durch die Säule fährt, durch Geirröd hindurch, durch die Wand dahinter und schließlich draußen in der Erde stecken bleibt. So endet der Riese, der geglaubt hatte, den Donnergott seiner Kraft berauben zu können, indem er ihm nur die Werkzeuge nahm. Denn die eigentliche Kraft trug Thor stets in sich; Hammer, Gürtel und Handschuhe waren mächtig, aber der Mut, mit dem er dem Fluss und dem Feuer entgegenging, war es mehr. Wer die andere Seite dieses ewigen Unruhestifters kennenlernen will, findet sie im Porträt von Loki, dem Listenreichen.
Snorri erzählt die Geirröd-Fahrt in Skáldskaparmál und beruft sich dabei auf die Þórsdrápa des Skalden Eilífr Goðrúnarson vom Ende des 10. Jahrhunderts, ein berüchtigt schwer zu deutendes Preisgedicht am Hof Hákon Jarls. Das bedeutet: Der Kern der Geschichte ist deutlich älter als Snorris Prosafassung um 1220 und war den Skalden der Wikingerzeit bekannt. Das Motiv des Thor, der einen Fluss durchwatet, findet sich zudem in mehreren unabhängigen Quellen und gehört zum festen Bild des Gottes.
Beliebt ist die Deutung, Geirröds Töchter Gjálp und Greip stünden für zwei anschwellende Ströme oder Gebirgsbäche und die ganze Fahrt sei eine verkleidete Naturallegorie vom Gewitter über den Bergen. Das ist eine mögliche Lesart, aber eben nur eine Deutung des 19. und 20. Jahrhunderts, nicht der Wortlaut der Quellen. Snorri erzählt eine Heldenfahrt, kein Wettergleichnis. Man sollte solche allegorischen Erklärungen als spätere Interpretation kennzeichnen und nicht als das ausgeben, was die Wikingerzeit selbst über ihren Donnergott gedacht hat.

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