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Thor gegen Hrungnir: Das Duell mit dem Steinriesen

Sagenwelt Thor gegen Hrungnir: Das Duell mit dem Steinriesen

Es beginnt mit einem betrunkenen Prahler und endet mit einem Splitter im Schädel des Donnergottes. Die Geschichte von Thor und Hrungnir ist eine der ältesten und farbigsten Kampfsagen des Nordens: ein Wettreiten bis nach Asgard, ein Lehmriese mit dem Herzen einer Stute, ein Zweikampf, den ein dreijähriges Kind entscheidet. Snorri erzählt sie mit sichtlichem Vergnügen, und dahinter steht ein noch älteres Skaldenlied. Setzen wir uns ans Feuer.

Ein Wettreiten aus Übermut

Alles fängt harmlos an. Odin reitet auf Sleipnir, seinem achtbeinigen Hengst, durch die Lande und stößt auf Hrungnir, den stärksten unter den Riesen. Ein Wort gibt das andere, und schnell geht es um die Frage, wessen Pferd das bessere sei. Hrungnir schwört, sein Hengst Gullfaxi, die Goldmähne, laufe schneller als jedes Ross Asgards. Odin gibt Fersengeld, Hrungnir setzt in blindem Zorn hinterher und merkt vor lauter Eifer gar nicht, dass er die Grenzen der Götterwelt längst überschritten hat. Erst vor den Toren von Asgard hält er inne.

Die Götter tun, was Gastfreundschaft gebietet: Sie laden ihn ein. Man reicht ihm die großen Trinkschalen, aus denen sonst Thor trinkt, und Hrungnir leert sie eine nach der anderen. Der Wein tut sein Werk. Aus dem Gast wird ein Großmaul. Er drohe, so grölt er, die ganze Halle Walhall in die Riesenwelt zu tragen, Asgard zu versenken, alle Götter zu erschlagen und nur Freyja und Sif am Leben zu lassen, um sie mitzunehmen. Freyja ist die Einzige, die ihm noch einschenkt, während die anderen ratlos zusehen. So weit ist es gekommen.

Der Lehmriese mit dem Stutenherz

Dann kehrt Thor heim, den Hammer schon in der Hand, und will den Prahler auf der Stelle erschlagen. Doch Hrungnir beruft sich auf das Gastrecht und fordert stattdessen einen ehrlichen Zweikampf, eine holmganga, am Grenzland Grjótúnagarðar. Ein waffenloser Totschlag im Saal brächte Thor wenig Ruhm; ein offenes Duell dagegen ist eine andere Sache. Thor nimmt an, und Hrungnir kehrt heim, um sich zu rüsten.

Die Riesen sind in Sorge um ihren Stärksten. Sie kneten aus Lehm einen gewaltigen Hilfskämpfer, Mökkurkálfi, neun Rasten hoch und drei breit. Nur ein Herz fanden sie, das groß genug war, das einer Stute, und selbst das schlägt dem Lehmkoloss vor Angst bis zum Hals. Hrungnir selbst ist ganz aus Stein: Sein Herz ist steinern und dreieckig geformt, sein Kopf ist Stein, und auch sein Schild ist ein breiter Steinschild. Seine Waffe ist ein hein, ein mächtiger Wetzstein, den er über die Schulter geschultert trägt. Ein Gegner wie ein wandelnder Fels.

Der Trick des Knechts

Thor kommt nicht allein. Sein Knecht Þjálfi, flink und listig, läuft voraus zum Kampfplatz und ruft dem Riesen zu, es sei unklug, den Schild vor sich zu halten. Thor komme von unten durch die Erde. Hrungnir glaubt es, wirft den schweren Steinschild zu Boden und stellt sich darauf, um von unten gewappnet zu sein, und nimmt den Wetzstein in beide Hände.

Da kommt Thor, nicht von unten, sondern in vollem Donner von vorn, und schleudert Mjölnir. Hrungnir wirft im selben Augenblick seinen Wetzstein. Die beiden Waffen prallen mitten in der Luft zusammen. Der Wetzstein zerspringt. Ein Teil fällt zu Boden, und daher, so sagt die Sage, stammen alle Wetzsteinfelsen der Welt. Ein anderer Splitter aber fährt Thor in den Kopf und bleibt dort stecken. Mjölnir jedoch fliegt weiter und zerschmettert Hrungnirs Steinschädel. Der Riese stürzt vornüber, und sein gewaltiges Bein fällt quer über Thors Hals. So liegt der Sieger unter dem Besiegten und kann sich nicht rühren.

Er kam noch als der dritte Nacht war alt, / da mahnte die Nornen zu neuem Geschick.
nach der Snorra-Edda / Skáldskaparmál (gemeinfreie Übersetzungstradition)

Ein Kind hebt, was Götter nicht heben

Kein Ase vermag das Bein zu heben. Da kommt Magni herbei, Thors Sohn mit der Riesin Járnsaxa, gerade einmal drei Nächte alt und doch schon von unbändiger Kraft. Er hebt das Bein wie einen Ast beiseite und bedauert nur, dass er zu spät kam; mit bloßer Faust hätte er den Riesen in den Boden geschlagen. Thor freut sich über den Sohn und schenkt ihm zum Lohn den goldmähnigen Gullfaxi, sehr zum Missfallen Odins, der findet, ein so gutes Pferd hätte dem Vater gebührt statt dem Sohn eines Riesenweibs. Unterdessen hat Þjálfi den Lehmriesen Mökkurkálfi ohne große Mühe erschlagen; gegen einen echten Gegner war der Koloss mit dem Stutenherzen nicht viel wert. Wer mehr über diese junge Generation wissen will, findet sie bei Magni und Modi, den Erben Thors.

Der vergessene Zauber der Gróa

Bleibt der Splitter im Kopf. Thor kehrt heim nach Þrúðvangr, den Stein noch im Schädel. Man ruft die Zauberin Gróa, deren Mann Aurvandill fern in der Fremde weilt. Sie beginnt ihre galdrar, ihre Zaubergesänge, und schon lockert sich der Stein. Da will Thor ihr eine Freude machen und erzählt ihr, dass er selbst ihren Mann Aurvandill in einem Korb über die eisigen Ströme des Nordens getragen habe. Eine Zehe habe aus dem Korb geragt und sei erfroren; die habe Thor abgebrochen und an den Himmel geworfen, wo sie nun als Stern leuchte, Aurvandils Zehe. Bald werde Aurvandill heimkehren. Vor Freude über diese Nachricht vergisst Gróa jedoch ihre Zaubersprüche vollständig. Der Stein löst sich nicht mehr und bleibt für immer in Thors Kopf. Deshalb, so schließt Snorri augenzwinkernd, soll man keinen Wetzstein quer über die Diele werfen: Dann rührt sich der Stein in Thors Haupt.

Was gesichert ist

Die Erzählung steht ausführlich in Snorris Skáldskaparmál, dem zweiten Teil der Prosa-Edda um 1220 bis 1230, und stützt sich dort ausdrücklich auf ein weit älteres Skaldengedicht, die Haustlöng des Þjóðólfr ór Hvíni aus dem 9. oder frühen 10. Jahrhundert. Der Kampf gehört damit zum ältesten Bestand der Thor-Überlieferung. Kenningar wie „Hrungnirs Schädelspalter" für den Hammer oder „Feind des Hrungnir" für Thor sind in der Skaldik fest verankert, was zeigt, dass die Geschichte den Dichtern und ihrem Publikum lange vor Snorri vertraut war.

Mythos-Check

Das dreieckige „Herz des Hrungnir" wird heute gern mit dem Valknut gleichgesetzt, jenem verschlungenen Dreiecksknoten von Bildsteinen wie Stora Hammars. Das ist unsicher. Snorri sagt nur, das Herz sei aus Stein und habe drei Spitzen; ob er damit exakt das Symbol meinte, das wir Valknut nennen, steht nirgends. Der Name Valknut selbst ist zudem neuzeitlich. Man sollte die dreispitzige Herzform der Sage und den geknoteten Valknut also nicht vorschnell in einen Topf werfen; es sind zwei verschiedene Dinge, die vielleicht verwandt, vielleicht aber auch nur zufällig ähnlich sind.

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