Hrungnir ist in der nordischen Mythologie der stärkste der Riesen, ein Wesen mit Kopf, Herz und Schild aus Stein, das Thor im Zweikampf bei Grjótúnagarðar mit Mjölnir erschlägt – nicht ohne Preis: Ein Splitter von Hrungnirs Wetzstein bleibt für immer in Thors Schädel stecken. Ausführlich erzählt das Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert, doch die Kernszene ist viel älter und steht schon in der Skaldendichtung um 900. Wir zeigen dir die ganze Geschichte vom Wettritt bis zum Stern am Himmel, sauber nach Quellen getrennt.
Manche Mythen beginnen mit dem Weltenbeginn. Dieser beginnt mit einer Angeberei unter Reitern. Ein Fremder mit goldenem Helm galoppiert durch Luft und Wasser, ein Riese bewundert das Pferd, ein Wort gibt das andere – und am Ende liegt der Donnergott mit einem Stein im Kopf unter dem Bein eines toten Riesen und kommt allein nicht mehr hoch. Die Geschichte von Hrungnir ist eine der dichtesten Erzählungen über Thor: Sie hat Wette, Gelage, Duell, Kriegslist, einen Kinderhelden, eine Zauberin, einen Stern und sogar ein Haushaltsverbot. Und sie hat für uns in der Werkstatt einen besonderen Reiz, denn ihr Held ist ein Riese aus Stein. Wer täglich Schiefer graviert, liest so etwas mit einem gewissen Respekt.
Vorab eine Einordnung, damit du weißt, was du in der Hand hältst. Die vollständige Handlung kennen wir nur aus der Skáldskaparmál („Sprache der Dichtkunst“), dem zweiten Teil der Prosa-Edda des Isländers Snorri Sturluson (um 1220). Snorri erzählt sie, um Dichterumschreibungen zu erklären, sogenannte Kenningar – bildhafte Ersatzbezeichnungen wie „Hrungnirs Töter“ für Thor. Ältere Zeugen sind zwei Gedichte von Skalden, also höfischen Dichtern der Wikingerzeit: die Haustlöng des Þjóðólfr ór Hvini (um 900) und die Ragnarsdrápa des Bragi Boddason (9. Jahrhundert). Beide schildern Bilder auf Schilden. Was davon wirklich alt ist und was Snorri ausgeschmückt hat, schauen wir uns weiter unten genau an.
Nach Snorri reitet Odin auf Sleipnir, seinem achtbeinigen Hengst, nach Jötunheim, ins Land der Riesen, und kommt zu Hrungnir. Der Riese fragt, wer da mit Goldhelm durch Luft und Meer reite, und lobt das Pferd des Fremden. Odin antwortet mit einem Satz, den man sich merken sollte: Er wette seinen Kopf, dass es in ganz Jötunheim kein ebenso gutes Pferd gebe. Hrungnir widerspricht. Sein eigenes Pferd heiße Gullfaxi („Goldmähne“) und mache viel längere Sprünge.
Der Riese ist gekränkt, springt auf Gullfaxi und jagt Odin hinterher. Odin reitet so schnell, dass Hrungnir ihn nicht einholt, aber der Riese ist in eine solche Raserei geraten, dass er gar nicht merkt, wohin er reitet. Plötzlich ist er innerhalb der Tore von Asgard, der Burg der Götter.
Bemerkenswert ist, was die Asen jetzt tun. Sie greifen nicht zu den Waffen, sondern laden ihn zum Trinken ein. Das ist keine Naivität, sondern Gastrecht. Wer unter dem Schutz eines Gastgebers steht, darf nicht angegriffen werden, und Hrungnir wird später genau damit argumentieren: Odin habe ihn eingeladen.
Hrungnir betritt die Halle und verlangt zu trinken. Man bringt ihm die Schalen, aus denen sonst Thor trinkt, und der Riese leert sie eine nach der anderen. Damit beginnt der Teil der Geschichte, den man heute vermutlich als Eskalation im Partyraum beschreiben würde. Betrunken prahlt Hrungnir, er werde Walhall hochheben und nach Jötunheim tragen, Asgard versenken und alle Götter töten – bis auf Freyja und Sif, die er mit nach Hause nehmen wolle.
Nur Freyja wagt es, ihm nachzuschenken. Er kündigt an, er werde alles Bier der Asen austrinken. Den Göttern wird das zu viel, und sie tun, was sie in solchen Lagen immer tun: Sie sprechen Thors Namen aus. Im nächsten Augenblick steht Thor in der Halle, den Hammer erhoben, und ist sehr zornig. Wer habe erlaubt, dass hier ein Riese trinke? Wer habe Hrungnir freies Geleit gegeben? Und warum schenke Freyja ihm ein wie bei einem Gelage der Asen?
Die Szene ist kein Zufallsdetail. Die Drohung, Göttinnen zu verschleppen, zieht sich durch die nordische Mythologie: Der Baumeister der Asgardmauer will Freyja, Þrymr will Freyja, der Riese Þjazi raubt Iðunn. Hrungnirs Prahlerei setzt ihn in eine Reihe von Riesen, deren Begehren immer auf das zielt, was die Götterwelt ausmacht: Fruchtbarkeit, Schönheit, Jugend, die Ordnung des Hauses.
Hrungnir bleibt erstaunlich kühl. Er sieht Thor an und sagt, Odin habe ihn zum Trinken eingeladen, er stehe unter dessen Schutz. Thor antwortet, diese Einladung werde der Riese bereuen, bevor er hinauskomme. Jetzt kommt Hrungnirs klügster Zug. Es bringe Thor wenig Ruhm, einen unbewaffneten Mann zu töten. Mutiger wäre es, sich mit ihm an der Grenze zu messen, bei Grjótúnagarðar – der Name bedeutet ungefähr „Steingehöft-Zäune“. Es sei töricht von ihm gewesen, Schild und Wetzstein daheim zu lassen. Hätte er seine Waffen dabei, würden sie es gleich hier austragen. Töte Thor ihn unbewaffnet, so erkläre er ihn zum níðingr, zum Ehrlosen.
Ein Nichtswürdiger zu sein war in der altnordischen Ehrvorstellung schlimmer als eine Niederlage. Thor nimmt an, und Snorri fügt hinzu, Thor sei begierig auf den Kampf gewesen, weil ihn vorher noch nie jemand zum Zweikampf gefordert habe.
Hrungnir reitet zurück, und Snorri betont, dass diese Reise unter den Riesen berühmt wurde. Für sie stand viel auf dem Spiel. Hrungnir galt als der Stärkste unter ihnen. Fiel er, so hatten sie von Thor Schlimmes zu erwarten. Also bereiteten sie sich vor.
Bei Grjótúnagarðar bauen die Riesen einen Mann aus Lehm. Nach Snorri ist er neun Rasten hoch und unter den Armen drei Rasten breit. Eine röst ist ein altnordisches Wegmaß, eine längere Strecke zwischen zwei Rastpunkten; die Zahl soll dir zeigen, dass dieses Geschöpf eher einem Berg als einem Mann glich. Ein Herz, das groß genug gewesen wäre, fanden sie nicht – bis sie ihm das Herz einer Stute einsetzten. Und genau das ging schief: Dieses Herz war nicht standhaft, als Thor kam.
Der Lehmriese heißt Mökkurkálfi, was gern mit „Nebelkalb“ oder „Wolkenkalb“ übersetzt wird. Snorri gönnt ihm einen der derbsten Sätze der ganzen Edda: Als der Koloss Thor erblickte, habe er sich vor Angst in die Hose gemacht – wörtlich, er habe Wasser gelassen.
Hrungnir selbst ist anders gebaut. Sein Herz war aus hartem Stein, scharfkantig und dreieckig, so wie das geritzte Zeichen, das man später „Hrungnirs Herz“ (Hrungnis hjarta) nannte. Auch sein Kopf war aus Stein, ebenso sein Schild, breit und dick. Den Schild hielt er vor sich, als er bei Grjótúnagarðar auf Thor wartete, und als Waffe trug er einen Wetzstein über der Schulter.
Thor kommt nicht allein. Mit ihm ist Thjálfi, sein schneller Diener. Thjálfi läuft voraus zu Hrungnir und sagt ihm: Du stehst unvorsichtig da, Riese, mit dem Schild vor dir. Thor hat dich gesehen. Er geht unter der Erde und wird von unten über dich kommen. Hrungnir glaubt ihm, schiebt den Schild unter seine Füße, stellt sich darauf und nimmt den Wetzstein in beide Hände.
Im nächsten Moment sieht er Blitze und hört gewaltigen Donner, und dann sieht er Thor im Götterzorn heranstürmen. Thor schwingt den Hammer und wirft ihn aus großer Entfernung. Hrungnir hebt den Wetzstein mit beiden Händen und schleudert ihn dagegen. Die Waffen treffen sich in der Luft. Der Wetzstein bricht entzwei. Ein Stück fällt zur Erde, und daher, so Snorri, kommen alle Wetzsteinfelsen (heinberg). Das andere Stück fährt Thor in den Kopf, sodass er nach vorn zu Boden stürzt. Mjölnir aber trifft Hrungnir mitten in den Kopf und zerschmettert den Schädel in kleine Stücke.
Hrungnir fällt vornüber, und zwar auf Thor, sodass sein Fuß quer über Thors Hals liegt. Thjálfi wendet sich derweil gegen Mökkurkálfi, der nach Snorri „mit wenig Ruhm“ fällt.
Thjálfi versucht, das Bein des Riesen von Thor zu heben, und schafft es nicht. Dann kommen alle Asen herbei, als sie hören, dass Thor gefallen ist. Auch sie schaffen es nicht. Schließlich kommt Magni, Thors Sohn mit der Riesin Járnsaxa („Eisenmesser“). Snorri sagt ausdrücklich, er sei damals drei Nächte alt gewesen (þrínættr). Der Säugling wirft den Fuß einfach von seinem Vater herunter und sagt sinngemäß: Schade, Vater, dass ich so spät kam. Ich glaube, ich hätte diesen Riesen mit der Faust totgeschlagen, wenn ich ihn getroffen hätte.
Thor steht auf, begrüßt seinen Sohn und sagt, aus ihm werde ein großer Mann. Zum Lohn schenkt er ihm das Pferd Gullfaxi, das ja jetzt keinen Reiter mehr hat. Und nun meldet sich Odin. Thor tue unrecht, so ein gutes Pferd dem Sohn einer Riesin zu schenken statt seinem eigenen Vater. Man ahnt hier den Ursprung der ganzen Geschichte: Odin wollte das Pferd. Snorri spricht das nicht aus, aber die Klammer zwischen Anfang und Ende – Wette um ein Pferd, Streit um dasselbe Pferd – ist zu sauber, um Zufall zu sein.
Magni gehört nach den Vafþrúðnismál zu den Göttern, die Ragnarök überleben und Mjölnir erben. Die Szene unter Hrungnirs Fuß ist eine Vorschau darauf: Die nächste Generation hebt, was die alte nicht mehr heben kann.
Thor kehrt heim nach Þrúðvangar, seinem Wohnsitz, den Wetzstein noch im Kopf. Dann kommt die Seherin Gróa, die Frau von Aurvandill dem Kühnen. Sie singt ihre Zaubersprüche über Thor, bis sich der Wetzstein lockert. Thor spürt das und schöpft Hoffnung. Er will Gróa die Heilkunst lohnen und ihr eine Freude machen, also erzählt er ihr eine Neuigkeit.
Er sei von Norden über die Élivágar gewatet, die eiskalten Urströme, und habe Aurvandill in einem Korb auf dem Rücken aus Jötunheim getragen. Zum Beweis: Ein Zeh habe aus dem Korb geragt und sei erfroren. Den habe Thor abgebrochen und an den Himmel geworfen, wo er nun als Stern stehe, Aurvandils tá, „Aurvandils Zehe“. Es werde nicht mehr lange dauern, bis Aurvandill heimkomme.
Gróa freut sich darüber so sehr, dass sie ihre Zauberlieder vergisst. Der Wetzstein lockert sich nicht weiter und steckt bis heute in Thors Kopf. Snorri schließt mit einer Regel: Deshalb sei es verboten, einen Wetzstein quer über den Fußboden zu werfen, denn dann rühre sich der Stein in Thors Kopf.
Dieses Verbot ist das handfesteste Detail der ganzen Erzählung. Es klingt wie eine Hausregel, die Snorri vorfand und mit dem Mythos erklärte – ob zuerst das Verbot oder die Geschichte da war, lässt sich nicht entscheiden.
Gróas Name bedeutet wahrscheinlich „Wachstum“. In den Svipdagsmál begegnet uns eine Gróa, die ihrem Sohn aus dem Grab neun Zauber singt; ob beide dieselbe Gestalt sind, ist offen. Mehr dazu findest du in unserem Beitrag über die Svipdagsmál.
Aurvandill ist im Norden nur bei Snorri bezeugt, aber sein Name ist es nicht. Er hat Verwandte quer durch die germanische Welt. Im Altenglischen heißt die Gestalt Ēarendel. Im Gedicht Crist I aus dem Exeter-Buch wird Earendel als „hellster der Engel“ angerufen, als Licht, das zu den Menschen gesandt ist; in anderen altenglischen Texten glossiert das Wort lateinische Ausdrücke für Morgenröte oder Morgenstern. Im Althochdeutschen sind Personennamen wie Aurendil und Ōrendil belegt, später das mittelhochdeutsche Epos Orendel, das allerdings vom heiligen Rock in Trier erzählt und mit der nordischen Sage inhaltlich kaum etwas zu tun hat. Bei den Langobarden findet sich der Name Auriwandalo. In Saxos Gesta Danorum heißt der Vater des Amleth – des späteren Hamlet – Horwendillus.
Gesichert ist also: Der Name ist alt und gemeingermanisch, und er hängt mit Licht oder Morgenröte zusammen. Unsicher bleibt, welcher Stern gemeint ist. Vorgeschlagen wurden die Venus als Morgenstern, Sirius und Rigel im Fuß des Orion. Keiner dieser Vorschläge lässt sich beweisen. Auch die Frage, ob Snorri die Zehen-Episode selbst erfunden hat, wird in der Forschung diskutiert; Rudolf Simek hält das zumindest für möglich.
Eine moderne Pointe zum Schluss: 2022 gaben Astronomen um Brian Welch einem extrem weit entfernten, durch einen Gravitationslinseneffekt vergrößerten Einzelstern den Namen Earendel – nach der altenglischen Form. Aurvandils Zehe hat damit, auf Umwegen, doch noch einen echten Platz am Himmel bekommen.
Jetzt wird es quellenkritisch, und das ist der spannendste Teil. Die Haustlöng („Herbstlang“) dichtete der Norweger Þjóðólfr ór Hvini um den Beginn des 10. Jahrhunderts. Er beschreibt Bilder auf einem Schild, den ihm ein Mann namens Þorleifr geschenkt hatte. Die Strophen 1–13 erzählen, wie Þjazi in Adlergestalt Iðunn raubt – siehe unseren Beitrag zu Þjazi –, die Strophen 14–20 schildern Thors Fahrt zum Duell mit Hrungnir. Erhalten ist das Gedicht nur, weil Snorri es in der Skáldskaparmál zitiert.
Der Ton der Haustlöng ist ein völlig anderer als bei Snorri. Wo Snorri die Anreise in einem Satz abhandelt, macht Þjóðólfr daraus ein kosmisches Ereignis: Thor fährt mit seinem Wagen, die Himmel brennen, Hagel prasselt auf die Erde, Felsen bersten, die Erde scheint zu zerreißen. Dann fliegen Hammer und Wetzstein, Hrungnir stürzt, und ein Wetzsteinsplitter fährt Thor in den Schädel. Am Ende spielt der Dichter darauf an, dass das Stück wieder entfernt werden soll.
Besonders aufschlussreich ist der Schild. Bei Snorri schiebt Hrungnir ihn unter seine Füße, weil Thjálfi ihn belügt. In der Haustlöng geschieht das, weil es die Mächte so wollten – nach den gängigen Deutungen die göttlichen Frauen, die dísir. Snorri hat dafür offenbar eine Erklärung gesucht und sie in einer listigen Nebenfigur gefunden.
Noch älter ist die Ragnarsdrápa des Bragi Boddason, des frühesten namentlich bekannten Skalden, aus dem 9. Jahrhundert. Auch sie ist ein Schildgedicht, und gleich zu Beginn nennt Bragi den Schild das „Sohlenblatt des Diebes der Þrúðr“. Damit setzt er die Geschichte mit dem Schild unter Hrungnirs Füßen voraus – schon die Kenning für „Schild“ lebt von dieser Szene. Außerdem nennt Bragi Hrungnir einen Dieb der Þrúðr. Þrúðr ist Thors Tochter. Von einem Raub weiß Snorri nichts.
Auch die Eddalieder kennen Hrungnir. In den Hárbarðsljóð prahlt Thor vor dem Fährmann Hárbarðr (in Wahrheit Odin), er habe mit Hrungnir gekämpft, dem hochmütigen Riesen mit dem Kopf aus Stein, und ihn gefällt. In der Lokasenna droht Thor Loki zweimal mit „Hrungnirs Töter“, gemeint ist Mjölnir. In den Grottasöngr rühmen sich die Riesenmägde Fenja und Menja ihrer Verwandtschaft: Hart sei Hrungnir gewesen und sein Vater, doch Þjazi stärker als beide.
Jetzt kommen Interpretationen. Bitte lies sie als das, was sie sind: Vorschläge der Forschung, keine Quellenaussagen.
1. Das Gewitter. Die naheliegendste Deutung sieht im Duell ein Naturbild. Thor, der Donnergott, trifft auf einen Riesen aus Stein; die Haustlöng malt Blitz, Hagel und berstende Felsen. Ein Gewitter über dem Gebirge, ein Blitz, der in den Fels fährt, Gesteinssplitter, die in der Gegend verstreut liegen – so ließe sich die Szene lesen. Snorris Herleitung der Wetzsteinfelsen aus dem zerbrochenen Wetzstein passt dazu. Das ist plausibel, aber nicht beweisbar.
2. Der kosmische Kampf. Der Skandinavist John Lindow hat 1996 betont, dass die Haustlöng den Kampf als Erschütterung des ganzen Kosmos darstellt. Das Duell wäre dann mehr als eine Rauferei: ein Kampf um die Weltordnung. Lindow hat außerdem vorgeschlagen, dass der ursprüngliche Anlass der Raub von Thors Tochter Þrúðr gewesen sein könnte – gestützt auf Bragis Kenning. Das wäre eine ältere Fassung, die Snorri entweder nicht kannte oder durch die Pferdewette ersetzte.
3. Die Kriegerweihe. Der französische Religionswissenschaftler Georges Dumézil hat in Thjálfis Sieg über den Lehmriesen den Nachklang einer Initiation gesehen: Ein junger Krieger beweist sich an einer künstlichen Gegnerfigur und wird damit in die Gemeinschaft der Kämpfer aufgenommen. Dumézil verglich das mit anderen indogermanischen Überlieferungen. Die These ist anregend, aber umstritten, wie vieles bei Dumézil.
4. Der Wetzstein als Zeichen. Warum ausgerechnet ein Wetzstein? Die englische Volkskundlerin Jacqueline Simpson hat 1979 im Fachblatt Antiquity gefragt, warum das berühmte Zepter aus dem Schiffsgrab von Sutton Hoo aus Wetzstein besteht – ein schweres, unhandliches Material, weder selten noch besonders schön. Üblich ist die Deutung als Zeichen des Kriegsherrn, der die Schwerter seiner Gefolgsleute „schärft“. Simpson zog altisländische Texte heran, in denen Wetzsteine in mythischen oder rituell wirkenden Zusammenhängen auftauchen, darunter Hrungnirs Waffe. Ob es eine direkte Linie vom Zepter zum Mythos gibt, bleibt offen.
Vergleiche über den Norden hinaus sind verlockend. In der hurritisch-hethitischen Überlieferung kämpft der Wettergott Teššub gegen den Steinriesen Ullikummi. In der irischen Ulster-Sage bleibt König Conchobar mac Nessa ein Wurfgeschoss im Kopf stecken, das seine Ärzte nicht zu entfernen wagen. Solche Parallelen zeigen, dass Wettergott gegen Steinwesen ein weit verbreitetes Motiv ist. Eine direkte Abhängigkeit beweisen sie nicht.
Abseits des Mythos lohnt ein Blick in die Archäologie, denn der Wetzstein war im Norden kein exotischer Gegenstand. Jeder, der ein Messer, eine Sense oder ein Schwert besaß, brauchte einen. Forschende um Irene Baug von der Universität Bergen haben über 400 Wetzsteine aus Ribe in Dänemark untersucht, dem frühen Handelsplatz an der Nordsee. Die Analysen zeigen, dass schon im frühen 8. Jahrhundert Wetzsteine aus Steinbrüchen in Mittelnorwegen, aus Trøndelag, über rund 1.100 Kilometer nach Ribe gelangten. Im frühen 9. Jahrhundert begann im Steinbruch von Eidsborg in Telemark eine Produktion im großen Maßstab.
Das verändert den Blick auf die Geschichte. Wenn Snorri schreibt, aus dem einen Bruchstück stammten „alle Wetzsteinfelsen“, dann erklärt er einen Rohstoff, den seine Zuhörer aus ihrem Alltag kannten, und dessen Lagerstätten man gezielt aufsuchte.
Wenn du die Geschichte in einem Satz erzählen willst, dann so: Ein Gast trinkt zu viel, verspricht zu viel und verliert seinen Kopf – und der Gastgeber trägt ein Stück davon für immer bei sich. Thor siegt, aber er wird verletzt. Das ist vielleicht die menschlichste Seite dieses Gottes. Er gewinnt nicht unversehrt. Er trägt seine Narben.
Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Wer ist Hrungnir in der nordischen Mythologie? Hrungnir ist ein Riese aus Stein, nach Snorri der stärkste aller Riesen. Er hat einen Kopf, ein dreieckiges Herz und einen Schild aus Stein und kämpft mit einem Wetzstein.
Wie besiegt Thor Hrungnir? Thjálfi lockt Hrungnir mit einer List dazu, sich auf seinen Schild zu stellen. Thor wirft Mjölnir, Hrungnir seinen Wetzstein; der Hammer zerschmettert den Schädel des Riesen, der Wetzstein zerbricht.
Warum steckt ein Wetzstein in Thors Kopf? Ein Bruchstück von Hrungnirs Wetzstein trifft Thor beim Duell. Die Zauberin Gróa lockert es mit Gesang, vergisst aber vor Freude ihre Sprüche, sodass es stecken bleibt.
Was ist Aurvandils Zehe? Ein Stern: Thor hat nach Snorri Aurvandills erfrorenen Zeh abgebrochen und an den Himmel geworfen. Welcher Stern gemeint ist, weiß niemand sicher.
Wer ist Mökkurkálfi? Ein riesiger Lehmriese, den die Riesen als Helfer Hrungnirs bauen und dem sie ein Stutenherz einsetzen. Aus Angst vor Thor versagt er, Thjálfi fällt ihn.
Wo steht die Geschichte von Thor und Hrungnir? Vollständig in der Skáldskaparmál der Prosa-Edda Snorri Sturlusons. Ältere Zeugnisse sind die Haustlöng (um 900), die Ragnarsdrápa (9. Jahrhundert) sowie Anspielungen in Hárbarðsljóð, Lokasenna und Grottasöngr.
Thor · Thor bei Geirröd · Magni & Modi – Thors Söhne · Thors Ziegenböcke · Das nordische Pantheon.
In der Trauer um den lichten Gott Baldr stoßen selbst die Asen an ihre Grenzen. Sein Bestattungsschiff steht fest im …
Weiterlesen →Idun hält das größte Geheimnis der Götter in einem einfachen Kästchen: die Äpfel, die jung erhalten. Ohne sie würden …
Weiterlesen →Sie ist so groß, dass sie die ganze Welt umspannt und sich in den eigenen Schwanz beißt: Jörmungandr, die …
Weiterlesen →Kein Gott des Nordens ist ohne sein Kleinod: Thor ohne Hammer wäre nur ein zorniger Riese, Odin ohne Speer und Ring nur …
Weiterlesen →