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Die Edda – woher wir die nordischen Mythen kennen: Lieder-Edda, Snorra-Edda und ihre Handschriften

Mythologie Die Edda – woher wir die nordischen Mythen kennen: Lieder-Edda, Snorra-Edda und ihre Handschriften

Die Edda ist kein einzelnes Buch, sondern der Name für zwei mittelalterliche Werke aus Island: die Snorra-Edda (Prosa-Edda), ein Lehrbuch für Dichter, das Snorri Sturluson um 1220–1225 verfasste, und die Lieder-Edda (Poetische Edda), eine Sammlung anonymer Götter- und Heldenlieder, die vor allem in einer einzigen Handschrift von etwa 1270 überliefert ist, dem Codex Regius. Fast alles, was wir über Odin, Thor, Yggdrasil und Ragnarök erzählen, stammt aus diesen beiden Quellen. Hier erfährst du, was drinsteht, wie die Bücher überlebt haben, was das Wort „Edda“ bedeutet und wie du sie heute selbst lesen kannst.

Stell dir vor, das gesamte Wissen über eine Religion, die jahrhundertelang zwischen Norwegen, Schweden, Dänemark und Island gelebt wurde, hinge an ein paar Bündeln Kalbsleder. Kein heiliges Buch der Heiden, keine Predigt eines Priesters, kein Gebetbuch. Die Wikinger selbst haben ihre Mythen nicht aufgeschrieben – sie haben sie erzählt, gesungen und in Runen höchstens angedeutet. Aufgeschrieben wurden sie erst später, im christlichen Island des 13. Jahrhunderts. Und dass wir heute überhaupt wissen, wer Odin war, warum Thor einen Hammer trägt und wie die Welt im Ragnarök untergeht, verdanken wir im Kern zwei Werken, die beide denselben rätselhaften Namen tragen: Edda.

Wir gravieren täglich Motive aus diesen Texten. Deshalb sagen wir dir hier ehrlich, woher sie kommen und wo die Überlieferung dünn wird.

Was ist die Edda? Zwei Bücher, ein Name

Wer „die Edda“ sagt, meint je nach Zusammenhang zwei sehr verschiedene Dinge. Die Snorra-Edda, auch Prosa-Edda oder Jüngere Edda genannt, ist das Werk eines namentlich bekannten Autors: des isländischen Gelehrten, Dichters und Politikers Snorri Sturluson (1179–1241). Sie ist ein Handbuch der Dichtkunst, geschrieben in Prosa, mit eingestreuten Strophen. Nur dieses Werk hieß schon im Mittelalter „Edda“.

Die Lieder-Edda, auch Poetische, Ältere oder Sæmundar-Edda genannt, ist dagegen eine Sammlung von Gedichten ohne Autorennamen. Sie enthält Lieder über Götter und über Helden wie Sigurd, Brynhild und Gudrun. Den Namen „Edda“ bekam diese Sammlung erst im 17. Jahrhundert – durch einen Irrtum, zu dem wir gleich kommen.

Beide Werke stammen aus Island, beide aus dem 13. Jahrhundert, beide wurden von Christen niedergeschrieben – rund zwei Jahrhunderte nachdem Island um das Jahr 1000 das Christentum angenommen hatte. Was wir „Wikinger-Mythen“ nennen, kennen wir also fast nur in der Fassung christlicher Isländer, die lange nach der Wikingerzeit schrieben.

Was bedeutet das Wort „Edda“?

Die ehrliche Antwort lautet: Niemand weiß es sicher. Die Forschung diskutiert seit dem 17. Jahrhundert mindestens vier Erklärungen, und keine hat sich vollständig durchgesetzt.

Erstens: „Urgroßmutter“. Im Altnordischen gibt es tatsächlich ein Wort edda mit dieser Bedeutung. In der Rígsþula, einem eddischen Lied über die Entstehung der Stände, heißt das älteste Paar Ái und Edda – Urgroßvater und Urgroßmutter. Bei Edda kehrt der Gott Ríg ein, und sie bringt danach den Stammvater der Knechte zur Welt. Auch in Snorris Skáldskaparmál taucht edda in einer Liste von Verwandtschaftsbezeichnungen auf. Ein „Urgroßmutterbuch“ als Titel eines Lehrwerks ist aber schwer vorstellbar.

Zweitens: „Das Buch von Oddi“. Snorri wuchs auf dem Hof Oddi in Südisland auf, einem der wichtigsten Bildungszentren des Landes. „Edda“ wäre dann so etwas wie „das Oddi-Buch“. Sprachlich ist diese Ableitung aber kaum haltbar; der englische Snorri-Herausgeber Anthony Faulkes hält sie sowohl sprachlich als auch historisch für unwahrscheinlich, und sie gilt heute weitgehend als verworfen.

Drittens: Von óðr, „Dichtung, Begeisterung“. Das Wort steckt auch im Namen Odins und im Dichtermet Óðrerir. Inhaltlich würde das gut passen – ein Buch über Dichtkunst. Sprachlich ist eine solche Neubildung im 13. Jahrhundert aber nicht wahrscheinlich.

Viertens: Ein Lehnwort aus dem Latein. Das lateinische edo bedeutet „ich verfasse, ich gebe heraus“. Nach demselben Muster ist im Isländischen aus lateinisch credo („ich glaube“) das Wort kredda („Glaubenssatz“) geworden. „Edda“ hieße dann etwa „Dichtkunst, Poetik“. Viele Fachleute halten das heute für die plausibelste Deutung, sicher ist aber auch sie nicht.

Gesicherter Befund: Die Uppsala-Handschrift der Snorra-Edda (Anfang 14. Jahrhundert) beginnt mit dem Satz, dieses Buch heiße Edda und Snorri Sturluson habe es so zusammengestellt. Das ist der älteste Beleg dafür, dass das Werk diesen Namen trug – und für Snorris Verfasserschaft.

Die Snorra-Edda: ein Lehrbuch für Dichter

Snorri Sturluson war kein weltabgewandter Mönch. Er war einer der reichsten und mächtigsten Männer Islands, mehrfach Gesetzessprecher am Althing, Skalde am norwegischen Königshof und ein Machtpolitiker, der 1241 auf seinem Hof Reykholt erschlagen wurde. Nach seinem Aufenthalt in Norwegen 1218–1220 schrieb er die Edda, wohl um 1220–1225. Sein Ziel war praktisch: Junge Dichter sollten die alte Skaldenkunst beherrschen, deren Bildersprache ohne Kenntnis der heidnischen Mythen unverständlich war.

Die Snorra-Edda besteht aus vier Teilen:

Snorri war ein brillanter Erzähler und Systematiker: Er hat aus verstreuten Liedern und Skaldenstrophen ein geschlossenes Weltbild gebaut. Vieles, etwa die Ordnung der neun Welten, ist so klar erst bei ihm. Wo er ältere Lieder zitiert, können wir ihn kontrollieren. Wo er allein steht, bleibt offen, ob er alte Überlieferung bewahrt, kombiniert oder dazugedichtet hat. Nur bei ihm steht etwa Thors Besuch bei Utgard-Loki.

Die Handschriften der Snorra-Edda

Snorris Originalmanuskript ist verloren. Erhalten sind Abschriften aus dem 14. Jahrhundert und später, die sich teils deutlich unterscheiden. Vier gelten als Haupthandschriften:

Codex Regius der Snorra-Edda (GKS 2367 4to): aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, die vollständigste Fassung und Grundlage der meisten Ausgaben und Übersetzungen. GKS steht für Gammel kongelig samling in Kopenhagen, „4to“ für das Quartformat. Nicht verwechseln mit dem gleichnamigen Codex Regius der Lieder-Edda – beide heißen „Königsbuch“, weil sie in der dänischen Königsbibliothek lagen.

Codex Upsaliensis (DG 11 4to): aus dem ersten Viertel des 14. Jahrhunderts, heute in der Universitätsbibliothek Uppsala. Die Uppsala-Edda bietet eine eigenwillige, in Teilen kürzere Textfassung, enthält den berühmten Einleitungssatz mit Snorris Namen und eine Zeichnung, die Gangleri vor den drei thronenden Gestalten zeigt. Manche Forscher halten ihre Fassung für näher an einem frühen Entwurf, andere für eine spätere Kürzung – die Frage ist offen.

Codex Wormianus (AM 242 fol): Mitte des 14. Jahrhunderts, benannt nach dem dänischen Gelehrten Ole Worm, der ihn im 17. Jahrhundert besaß. Er liegt in Kopenhagen. Neben der Edda enthält er grammatische Abhandlungen – und am Ende das einzige erhaltene Exemplar der Rígsþula, jenes Lieds, in dem die Urgroßmutter Edda vorkommt.

Codex Trajectinus (Utrecht, MS 1374): eine Papierhandschrift von etwa 1600, die eine verlorene Vorlage aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts kopiert.

Die Lieder-Edda und der Codex Regius (GKS 2365 4to)

Jetzt zum eigentlichen Schatz. Die Lieder-Edda steht und fällt mit einer einzigen Handschrift: dem Codex Regius, isländisch Konungsbók, mit der Signatur GKS 2365 4to. Ein Schreiber hat ihn in den 1270er-Jahren in Island geschrieben, vermutlich nach älteren, heute verlorenen schriftlichen Vorlagen aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Erhalten sind 45 Pergamentblätter. Ursprünglich waren es mehr: Mitten im Sigurd-Teil fehlt eine ganze Lage von acht Blättern – die sogenannte „große Lücke“ nach der Sigrdrífumál. Was dort stand, lässt sich nur indirekt aus der Prosa der Völsunga saga erschließen.

Ohne dieses unscheinbare Buch wüssten wir von der Völuspá nur Bruchstücke, und Lieder wie die Hávamál, die Lokasenna oder die Þrymskviða wären verloren.

Ein Bischof, ein Irrtum und ein Geschenk für den König

Wo der Codex Regius die ersten Jahrhunderte seines Lebens verbracht hat, wissen wir nicht. Er taucht erst 1643 auf, als er in den Besitz von Brynjólfur Sveinsson gelangt, dem gelehrten Bischof von Skálholt. Er schrieb die Sammlung Sæmundr fróði zu, „Sæmund dem Weisen“ (1056–1133), einem Priester und Gelehrten aus Oddi – als wäre dies die ältere Vorlage, aus der Snorri geschöpft hatte.

Heute ist klar: Für Sæmunds Verfasserschaft gibt es keinen Beleg, und die Handschrift ist rund 140 Jahre nach seinem Tod entstanden. Der Name Sæmundar-Edda und die Bezeichnung „Ältere Edda“ sind aber geblieben – ein Gelehrtenirrtum, der zum Markennamen wurde.

1662 schickte Brynjólfur den Codex als Geschenk an König Frederik III. von Dänemark. Daher der Name Codex Regius, „Königsbuch“. Gut dreihundert Jahre lag er danach in der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen.

Mythos-Check: „Die Lieder-Edda ist älter als die Prosa-Edda.“ Nur halb richtig. Die Handschrift der Lieder (um 1270) ist sogar jünger als Snorris Werk (um 1220–1225). Älter sind viele der Lieder selbst, die mündlich lange vor ihrer Niederschrift existierten. „Älter“ und „jünger“ sind Bezeichnungen aus dem 17. Jahrhundert, die auf Brynjólfurs Sæmund-These zurückgehen.

Was in der Lieder-Edda steht: Götterlieder und Heldenlieder

Der Codex Regius ist sorgfältig geordnet: erst die Götterlieder, dann die Heldenlieder, grob chronologisch nach der Geschichte der Völsungen. Kurze Prosastücke verbinden manche Lieder.

Götterlieder (in der Reihenfolge der Handschrift):

Heldenlieder: Den Anfang machen die drei Helgi-Lieder (Helgakviða Hundingsbana I, Helgakviða Hjörvarðssonar, Helgakviða Hundingsbana II). Dann folgt der große Sigurd-Nibelungen-Komplex: Frá dauða Sinfjötla (ein Prosastück), Grípisspá, Reginsmál, Fáfnismál, Sigrdrífumál, danach die Lücke, dann Brot af Sigurðarkviðu, Guðrúnarkviða I, Sigurðarkviða in skamma, Helreið Brynhildar, Dráp Niflunga, Guðrúnarkviða II und III, Oddrúnargrátr, Atlakviða und Atlamál in grœnlenzku. Den Schluss bilden Guðrúnarhvöt und Hamðismál über Gudruns Söhne und den Gotenkönig Jörmunrekk.

Die Heldenlieder führen tief in die Völkerwanderungszeit: Hinter Atli steckt der Hunnenkönig Attila (gestorben 453), hinter Gunnar der Burgunderkönig Gundahar, dessen Reich 436/437 unterging – mehr dazu in unseren Beiträgen über Sigurd, Brynhild und die Nibelungen und über die historischen Burgunder. Es ist derselbe Stoff wie im Nibelungenlied, nur in nordischer, härterer Form.

Eddische Lieder außerhalb des Codex Regius

Im weiteren Sinn zählt man auch Gedichte im gleichen Stil dazu, die anderswo überliefert sind.

AM 748 I a 4to ist ein Fragment von sechs Pergamentblättern vom Anfang des 14. Jahrhunderts, heute im Arnamagnæanischen Institut in Kopenhagen. Es enthält Teile von Liedern, die auch im Codex Regius stehen – Grímnismál und Hymiskviða vollständig, Skírnismál, Hárbarðsljóð und Vafþrúðnismál in Teilen sowie den Anfang der Prosa-Einleitung zur Völundarkviða. Vor allem aber bewahrt es als einzige Quelle die Baldrs draumar („Balders Träume“), in denen Odin eine tote Seherin über das Schicksal seines Sohnes befragt.

Die Völuspá ist außerdem in der Hauksbók überliefert, einer großen Sammelhandschrift von etwa 1300, in deutlich anderer Strophenfolge. Die Hyndluljóð mit der eingeschobenen „kurzen Völuspá“ steht in der riesigen Flateyjarbók aus dem späten 14. Jahrhundert. Die Rígsþula kennen wir nur aus dem Codex Wormianus, den Grottasöngr (das Lied der Riesinnen an der Zaubermühle) aus Handschriften der Snorra-Edda. Weitere eddische Strophen sind in Sagas eingestreut; die Herausgeber Andreas Heusler und Wilhelm Ranisch haben sie 1903 unter dem Titel Eddica minora gesammelt.

Wie alt sind die Eddalieder? Die Datierungsdebatte

Die Entstehungszeit der einzelnen Lieder ist eine der großen offenen Fragen der Skandinavistik. Die Handschrift liefert nur das späteste mögliche Datum. Das früheste ergibt sich manchmal aus dem Inhalt: Ein Lied über Attila kann nicht vor dem 5. Jahrhundert entstanden sein, die Atlamál in grœnlenzku („die grönländischen Atli-Reden“) nicht vor der Besiedlung Grönlands um 985 – wenn der Titel stimmt.

Dazwischen streiten die Fachleute mit verschiedenen Werkzeugen:

Der norwegische Philologe Bjarne Fidjestøl hat die Methoden 1999 in seiner Studie The Dating of Eddic Poetry kritisch geprüft und gezeigt, wie unsicher viele scheinbar harte Kriterien sind. Grob gilt heute: Manche Lieder, etwa Atlakviða und Hamðismál, halten viele für vergleichsweise alt, vielleicht aus dem 9. oder 10. Jahrhundert. Andere, etwa die Grípisspá, wirken wie späte Zusammenfassungen aus dem 12. oder 13. Jahrhundert. Manche Lieder sind zudem in sich geschichtet – die Hávamál gilt als Zusammenstellung mehrerer ursprünglich selbständiger Teile. Feste Jahreszahlen für einzelne Lieder solltest du mit Vorsicht genießen.

Gesicherter Befund: Dass eddische Dichtung vor 1220 existierte, belegt Snorri selbst: Er zitiert in der Gylfaginning zahlreiche Strophen aus Völuspá, Grímnismál, Vafþrúðnismál und anderen Liedern, oft in leicht abweichendem Wortlaut. Die Lieder waren also bekannt, bevor der Codex Regius geschrieben wurde.

Lieder-Edda und Prosa-Edda: der Unterschied auf einen Blick

Lieder-EddaSnorra-Edda (Prosa-Edda)
FormGedichte in Stabreimversen, wenige ProsastückeProsa mit eingestreuten Strophen
Verfasseranonym, viele Dichter über GenerationenSnorri Sturluson
EntstehungLieder: 9.–13. Jh. (umstritten); Handschrift: um 1270um 1220–1225; Handschriften ab 14. Jh.
HaupthandschriftCodex Regius, GKS 2365 4toCodex Regius, GKS 2367 4to
ZweckDichtung, Unterhaltung, ÜberlieferungLehrbuch für Skalden
Name „Edda“erst seit dem 17. Jh.schon im Mittelalter

Die Heimkehr der Handschriften nach Island

Über Jahrhunderte lagen die wichtigsten isländischen Handschriften in Kopenhagen – teils in der Königlichen Bibliothek, teils in der Sammlung des isländischen Gelehrten Árni Magnússon (1663–1730), der Pergamente aus Island sammelte und sie der Universität Kopenhagen vermachte. Nach langen Debatten beschloss das dänische Parlament 1965 die Übergabe eines Großteils der isländischen Kulturgüter; der Vertrag wurde 1971 wirksam.

Am 21. April 1971 war es so weit: Die beiden kostbarsten Stücke, der Codex Regius der Lieder-Edda und die Flateyjarbók, kamen nach Reykjavík. Weil man einem Flugzeug eine solche Fracht nicht anvertrauen wollte, reisten sie per Schiff unter militärischer Begleitung, an Bord des dänischen Marineschiffs Vædderen. Es folgten über Jahrzehnte weitere Lieferungen: insgesamt 1.666 Handschriften aus der Arnamagnæanischen Sammlung sowie Urkunden und Abschriften, dazu 141 Handschriften aus der Königlichen Bibliothek. Die letzten beiden Bände wurden im Juni 1997 übergeben. Ein Teil der Sammlung, darunter das Fragment AM 748 I a 4to und der Codex Wormianus, blieb in Kopenhagen.

Heute bewahrt das Árni-Magnússon-Institut für isländische Studien in Reykjavík den Codex Regius auf. Das Institut hat inzwischen ein eigenes Gebäude auf dem Universitätsgelände, das – wie passend – den Namen Edda trägt. In der Ausstellung World in Words („Heimur í orðum“) wird der Codex Regius zeitweise im Original gezeigt, gemeinsam mit anderen Prachthandschriften wie der Flateyjarbók und der Hauksbók.

UNESCO: Die Arnamagnæanische Handschriftensammlung, gemeinsam von Dänemark und Island betreut, wurde 2009 in das UNESCO-Register „Memory of the World“ (Weltdokumentenerbe) aufgenommen. Der Codex Regius der Lieder-Edda stammt allerdings aus der königlichen Sammlung (GKS), nicht aus Árni Magnússons Sammlung – ob er von dieser Eintragung mit erfasst ist, haben wir nicht eindeutig belegt gefunden.

Übersetzungen: von Simrock bis heute

Karl Simrock (1851): Der Bonner Germanist legte mit Die Edda, die ältere und jüngere, nebst den mythischen Erzählungen der Skalda die einflussreichste deutsche Übertragung des 19. Jahrhunderts vor. Sein Ton ist feierlich und bewahrt den Stabreim; der Text ist gemeinfrei. So klingt bei ihm der berühmte Spruch vom Nachruhm aus der Hávamál:

Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,
Endlich stirbt man selbst;
Doch nimmer mag ihm der Nachruhm sterben,
Welcher sich guten gewann.Hávamál, Str. 75 in Simrocks Zählung (in den meisten Ausgaben Str. 76), Übersetzung Karl Simrock (gemeinfrei)

Hugo Gering (1892): Die Edda. Die Lieder der sogenannten älteren Edda – philologisch genauer als Simrock, mit Erläuterungen. Ebenfalls gemeinfrei.

Henry Adams Bellows (1923): The Poetic Edda, die klassische gemeinfreie englische Übersetzung, mit ausführlichen Anmerkungen zu jedem Lied. Für die Snorra-Edda gibt es auf Englisch die gemeinfreie Übersetzung von Arthur Gilchrist Brodeur (1916).

Daneben gibt es moderne, urheberrechtlich geschützte Übersetzungen, die den neueren Forschungsstand einarbeiten: im Deutschen etwa die von Felix Genzmer und von Arnulf Krause, im Englischen die von Carolyn Larrington, Andy Orchard und – für die Snorra-Edda – Anthony Faulkes.

Wie du die Edda heute liest

Ein paar Tipps, damit die Edda nicht nach zwanzig Seiten im Regal landet:

Fang mit Snorri an. Die Gylfaginning ist zugänglich, unterhaltsam und gibt dir den Überblick über Schöpfung, Götter und Weltende.

Dann die Völuspá. Sie ist kurz, wuchtig und das Rückgrat der ganzen Mythologie. Bei uns findest du sie zum Nachlesen: die Völuspá im Volltext.

Die Hávamál in kleinen Portionen. Das Lied ist eine Spruchsammlung, kein Roman. Unsere zweisprachige Hávamál stellt den altnordischen Text neben die Übersetzung, und mit dem Hávamál-Versfinder kannst du gezielt nach Strophen zu Themen wie Freundschaft, Gastfreundschaft oder Nachruhm suchen.

Dann die Heldenlieder. Ein guter Einstieg ist die Sigrdrífumál, in der die erweckte Walküre Sigurd Runenweisheit lehrt.

Achte auf die Quellenangabe. Wenn du irgendwo ein „Edda-Zitat“ liest, frag dich: Aus welchem Lied? Welche Strophe? Welche Übersetzung? Viele Sprüche, die im Netz als „Wikinger-Weisheit“ kursieren, stehen in keiner Handschrift.

Und: Die Edda ist keine Bibel. Für das, was Menschen in der Wikingerzeit tatsächlich geglaubt haben, ergänzt man sie mit Runeninschriften, Bildsteinen, Ortsnamen, Skaldendichtung und archäologischen Funden. Zum Vergleich lohnen auch die Isländersagas, die großen Prosawerke desselben Jahrhunderts.

Und noch ein Grund, warum sich die Mühe lohnt: Ohne Edda gäbe es den modernen Odin nicht. J. R. R. Tolkien etwa entnahm die Namen seiner Zwerge – und den Namen Gandalf – fast wörtlich dem Zwergenverzeichnis der Völuspá (mehr in Tolkien und die Edda).

Häufige Fragen

Was ist die Edda einfach erklärt? Die Edda ist der Name für zwei Werke aus dem mittelalterlichen Island: die Lieder-Edda, eine Sammlung alter Götter- und Heldenlieder, und die Snorra-Edda, ein Lehrbuch für Dichter von Snorri Sturluson.

Was ist der Unterschied zwischen Lieder-Edda und Prosa-Edda? Die Lieder-Edda besteht aus anonymen Gedichten, überliefert vor allem im Codex Regius von etwa 1270. Die Prosa-Edda schrieb Snorri Sturluson um 1220–1225 als Handbuch, das die Mythen in Prosa nacherzählt und die Dichtersprache erklärt.

Was bedeutet das Wort Edda? Das ist nicht sicher geklärt. Diskutiert werden „Urgroßmutter“, eine Ableitung vom Hof Oddi, von óðr („Dichtung“) oder vom lateinischen edo („ich verfasse“); die letzte Deutung im Sinn von „Poetik“ gilt vielen als die wahrscheinlichste.

Wer hat die Edda geschrieben? Die Prosa-Edda stammt von Snorri Sturluson. Die Lieder der Lieder-Edda sind anonym und von vielen Dichtern über Generationen geformt; die frühere Zuschreibung an Sæmund den Weisen gilt als Irrtum.

Wo ist der Codex Regius heute? Der Codex Regius der Lieder-Edda (GKS 2365 4to) liegt seit 1971 wieder in Island, im Árni-Magnússon-Institut in Reykjavík, wo er zeitweise ausgestellt wird.

Für Mut. Für Erinnerung. Für Legenden, die weiterleben.

Quellen & Literatur

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