Fast alles, was wir über die nordischen Götter wissen, verdanken wir zwei Büchern aus dem mittelalterlichen Island. Ein Blick auf die Quellen – und ihre Grenzen.
Wenn wir heute von Odin, Yggdrasil oder Ragnarök erzählen, schöpfen wir fast immer aus derselben Quelle: der Edda. Doch „die Edda“ gibt es streng genommen gar nicht – es sind zwei verschiedene Werke, die diesen Namen tragen.
Die Lieder-Edda (auch Ältere oder Poetische Edda) ist eine Sammlung von Götter- und Heldenliedern. Überliefert ist sie vor allem in einer einzigen Handschrift, dem Codex Regius, der um 1270 in Island niedergeschrieben wurde. Jahrhundertelang galt er als verschollen, bis ihn 1643 der isländische Bischof Brynjolfur Sveinsson wiederentdeckte. Ohne diesen einen Band wären Lieder wie die Völuspa (die Weissagung der Seherin) oder die Havamal (die Sprüche des Hohen) wohl für immer verloren.
Die Snorra-Edda (Jüngere oder Prosa-Edda) stammt von dem isländischen Gelehrten und Häuptling Snorri Sturluson und entstand um 1220. Sie war als Lehrbuch für Dichter gedacht: Snorri erklärte darin die alten Bilder und Umschreibungen der Skaldendichtung und fasste dafür die Mythen systematisch zusammen. Vieles, was wir heute als geschlossene Erzählung kennen, hat erst Snorri so geordnet.
Beide Werke wurden im 13. Jahrhundert aufgeschrieben – also rund zweihundert Jahre nach dem Ende der eigentlichen Wikingerzeit und in einem längst christlichen Island. Die Lieder selbst sind älter und wurden mündlich weitergegeben, doch wir sehen die heidnische Götterwelt durch die Feder christlicher Schreiber. Manches ist sicher treu bewahrt, anderes umgedeutet oder ergänzt. Seriose Beschäftigung mit der Mythologie heißt deshalb immer auch: zu wissen, woher ein Detail stammt.
„Besitz stirbt, Sippen sterben, du selbst stirbst wie sie; doch der Nachruhm stirbt nimmermehr, den ein jeder sich Gutes erwirbt.“Havamal 76, Übertragung nach Karl Simrock (gemeinfrei)
Genau dieser Gedanke – dass das Wort den Menschen überdauert – hat die Lieder über die Jahrhunderte getragen. In unserer Bibliothek findest du die wichtigsten gemeinfreien Ausgaben der Edda zum kostenlosen Nachlesen.