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Thjálfi und Röskva – die Bauernkinder, die mit Thor gegen Riesen zogen

Sagen & Mythen Thjálfi und Röskva – die Bauernkinder, die mit Thor gegen Riesen zogen

Thjálfi und Röskva (altnordisch Þjálfi und Rǫskva) sind ein Geschwisterpaar aus einem Bauernhaus, das dem Donnergott Thor als Diener folgt – zur Sühne, weil Thjálfi beim Abendessen den Knochen eines von Thors Ziegenböcken spaltete und das Tier danach lahmte. So erzählt es Snorri Sturluson um 1220 in der Gylfaginning. Thjálfi wird danach zum schnellsten Läufer unter den Menschen, rennt in Utgard gegen den „Gedanken“ und besiegt im Hrungnir-Kampf einen Lehmriesen. Von Röskva bleibt kaum mehr als ihr Name. Hier liest du, was die Quellen wirklich sagen.

Ein abgelegener Hof, Abend, ein Herdfeuer. Vor der Tür hält ein Wagen, gezogen von zwei Ziegenböcken. Zwei Fremde treten ein und bitten um ein Nachtlager. Einer von ihnen ist rotbärtig, breitschultrig und erstaunlich höflich. Er schlachtet seine eigenen Zugtiere, kocht sie und lädt die ganze arme Familie zum Essen ein. Nur eine Bedingung stellt er: Alle Knochen sollen auf die ausgebreiteten Felle geworfen werden. Ein Junge am Tisch denkt an das gute Mark im Schenkelknochen. Er greift zum Messer. Und mit diesem einen Schnitt verändert sich sein Leben für immer.

Der Gast ist Thor, der Junge heißt Thjálfi, seine Schwester Röskva. Ab dem nächsten Morgen gehören die beiden zum Gefolge eines Gottes – eine echte Ausnahme, denn Menschen, die dauerhaft an der Seite eines Gottes reisen, gibt es in den Mythen sonst kaum. Wir gehen der Geschichte nach und trennen dabei, was alte Dichtung belegt, was Snorri erzählt und was moderne Deutung ist.

Wer sind Thjálfi und Röskva? Die kurze Antwort

Thjálfi und Röskva sind die Kinder eines Bauern (altnordisch búandi, „der Ansässige, Hofbesitzer“). Thor nimmt sie als Diener mit, nachdem einer seiner beiden Böcke durch Thjálfis Schuld lahm wurde. Thjálfi begleitet den Gott danach auf mehreren Fahrten zu den Riesen, ist „der fußschnellste aller Menschen“ und trägt Thors Proviantsack. Röskva taucht nur in zwei kurzen Sätzen bei Snorri auf und in einigen Umschreibungen der Dichtersprache.

Die ausführlichste Fassung steht in der Gylfaginning, dem ersten Hauptteil der Prosa-Edda des Isländers Snorri Sturluson (um 1220). Eine kürzere, abweichende Version enthält das Eddalied Hymiskviða, den Kampf gegen den Lehmriesen erzählen Snorris Skáldskaparmál, und schon die heidnische Skaldendichtung des 10. Jahrhunderts kennt Thjálfi als Begleiter Thors. Einen Überblick über die Textsammlungen gibt unser Artikel über die Edda.

Die Nacht auf dem Bauernhof: Gylfaginning, Kapitel 44

Der Sagenkönig Gylfi hat gefragt, ob Thor je auf etwas Stärkeres getroffen sei. Die Antwort beginnt unspektakulär: Ökuþórr, „Fahr-Thor“, ist mit seinen Böcken und mit Loki unterwegs und kehrt am Abend bei einem Bauern ein.

Thor schlachtet beide Böcke, Tanngnjóstr und Tanngrisnir, zieht ihnen das Fell ab und lässt das Fleisch in den Kessel legen. Bauer, Bäuerin und die beiden Kinder sind zum Essen eingeladen. Dann legt Thor die Bocksfelle neben das Feuer und sagt, alle sollen die Knochen auf die Felle werfen. Hier fällt der entscheidende Satz, den wir aus dem altnordischen Text selbst übertragen:

„Þjálfi, sonr búanda, hélt á lærlegg hafrsins ok spretti á knífi sínum ok braut til mergjar.“
Thjálfi, der Sohn des Bauern, hielt den Schenkelknochen des Bocks, schlitzte ihn mit seinem Messer auf und brach ihn bis zum Mark.Snorri Sturluson, Gylfaginning 44 (eigene Übertragung)

Das ist keine Bosheit, sondern Hunger. Knochenmark war ein begehrter, fettreicher Bissen, und aufgeschlagene Röhrenknochen sind gewöhnliche Funde in Siedlungsabfällen der Wikingerzeit (mehr dazu in Was aßen die Wikinger?). Thjálfi tut, was jedes Kind auf einem armen Hof getan hätte. Nur eben am falschen Tisch.

Vor Tagesanbruch steht Thor auf, zieht sich an, hebt den Hammer Mjöllnir und weiht damit die Felle. Die Böcke stehen auf. Aber einer lahmt am Hinterbein. Thor bemerkt es sofort und schließt daraus, dass jemand im Haus nicht vernünftig mit den Knochen umgegangen ist.

Weiße Knöchel am Hammerschaft: Thors Zorn und die Sühne

Was dann folgt, gehört zu den stärksten Bildern der ganzen Prosa-Edda. Snorri beschreibt Thors Wut nicht mit Donner und Blitz, sondern mit einem einzigen körperlichen Detail: Er presst die Hände so fest um den Hammerschaft, dass die Knöchel weiß werden („svá at hvítnuðu knúarnir“).

Der Bauer und seine Leute schreien auf, bitten um Frieden und bieten alles an, was sie besitzen. Thor sieht ihre Angst, und sein Zorn legt sich. Als Ausgleich nimmt er die Kinder, Thjálfi und Röskva. Snorri nennt sie skyldir þjónustumenn, also zum Dienst verpflichtete Leute, und fügt hinzu, dass sie Thor seither stets folgen. Die Böcke lässt Thor auf dem Hof zurück und zieht zu Fuß weiter nach Osten, Richtung Riesenland.

Die Szene folgt der Logik von Buße und Ausgleich: Wer Schaden verursacht, schuldet Ersatz, und wer nichts hat, zahlt mit Arbeitskraft. Schuldknechtschaft und Unfreiheit gehörten zur Wirklichkeit des Nordens, wie wir im Beitrag über Sklaverei bei den Wikingern zeigen. Snorri malt das Verhältnis aber nicht als Elend: Thjálfi wird Thors Gefährte, nicht sein Opfer.

Gesicherter Textbefund: Die gesamte Episode mit dem gespaltenen Knochen, der Weihe durch den Hammer, dem lahmen Bock und der Übergabe der Kinder steht in Snorris Gylfaginning (Kap. 44 der üblichen Zählung). Der altnordische Text spricht ausdrücklich vom lærleggr, dem Schenkelknochen, und davon, dass einer der Böcke am Hinterbein lahmt.

Eine zweite Fassung: Hymiskviða und der Verdacht gegen Loki

Snorri ist nicht der einzige, der von dem lahmen Bock weiß. Das Eddalied Hymiskviða („Das Lied von Hymir“) erzählt, wie Thor beim Riesen Hymir einen riesigen Braukessel holt und dabei die Midgardschlange angelt. Ganz am Ende, auf dem Heimweg, folgt eine knappe, fast beiläufige Notiz. In den Strophen 37 und 38 der altnordischen Zählung (in manchen Übersetzungen 38 und 39) heißt es sinngemäß: Sie waren noch nicht lange unterwegs, da lag einer von Thors Böcken halbtot am Boden, lahm am Bein. Und das habe der listige Loki verursacht.

Dann wendet sich der Dichter direkt an sein Publikum: Ihr habt ja gehört, welchen Ausgleich der Gott vom hraunbúi erhielt, der ihm beide Kinder dafür gab. Hraunbúi bedeutet wörtlich „Lavafeld-Bewohner“ oder „Felsbewohner“ – ein Ausdruck, der eher nach einem Riesen klingt als nach einem gewöhnlichen Bauern. Namen nennt das Lied nicht.

Die Strophen zeigen zweierlei: Die Geschichte ist keine Erfindung Snorris, denn der Dichter setzt voraus, dass sein Publikum sie kennt. Und es gab mehrere Fassungen. Das Lied steht im Codex Regius aus dem späten 13. Jahrhundert; sein Alter ist umstritten, viele halten es für eher jung.

Mythos-Check: „Thjálfi hat den Bock aus Bosheit verletzt.“ – Nein. Bei Snorri handelt er aus Hunger und Unachtsamkeit, in der Hymiskviða ist gar nicht er, sondern Loki schuld. Wer heute behauptet, „die Edda“ erzähle eindeutig, wer den Bock lähmte, vereinfacht zwei verschiedene Überlieferungen zu einer.

Ein Wettlauf gegen den Gedanken: Thjálfi in Utgard

Direkt im Anschluss an die Bauernhof-Szene beginnt bei Snorri die große Fahrt nach Utgard (Kap. 45–47). Thor, Loki, Thjálfi und Röskva überqueren das Meer und wandern durch einen riesigen Wald. Hier führt Snorri Thjálfi mit einem knappen Satz ein, der seine Rolle für immer festlegt: „Þjálfi var allra manna fóthvatastr“ – Thjálfi war der fußschnellste aller Menschen. Er trägt Thors Sack mit dem Proviant, nur dass gerade nichts Gutes zu essen darin ist.

Unterwegs übernachten die vier in einer Halle, die sich am Morgen als Handschuh des Riesen Skrýmir entpuppt. Die ganze Geschichte erzählen wir im Beitrag Thor bei Utgard-Loki.

In der Burg des Riesenkönigs Útgarða-Loki muss jeder Gast eine Kunst vorführen. Loki tritt im Wettessen an, Thjálfi im Wettlauf. Sein Gegner ist ein junger Mann namens Hugi. Der Lauf findet auf einer ebenen Bahn statt, und er geht dreimal:

Útgarða-Loki lobt Thjálfi trotzdem: Noch nie sei jemand hier gewesen, der schneller lief. Erst am Ende, als die Gäste schon abreisen, lüftet der Riese das Geheimnis. Hugi war sein Gedanke – altnordisch hugr heißt „Sinn, Gedanke, Geist“ –, und von Thjálfi sei nicht zu erwarten gewesen, dass er mit der Schnelligkeit des Gedankens mithalten könne. Derselbe Wortstamm steckt übrigens in Odins Raben, wie wir im Beitrag über Hugin und Munin zeigen.

Thjálfi gegen den Lehmriesen: der Hrungnir-Kampf

Die zweite große Szene steht in Snorris Skáldskaparmál. Thor ist zum Zweikampf mit dem Steinriesen Hrungnir verabredet, an einem Ort namens Grjótúnagarðar an der Grenze zum Riesenland. Die Riesen fürchten um ihren Champion und bauen ihm einen Helfer: einen Riesen aus Lehm, neun Rasten hoch und drei Rasten breit unter den Armen. Eine Rast (rǫst) ist ein altnordisches Wegmaß von mehreren Kilometern. Nur ein passendes Herz finden sie nicht, also setzen sie ihm das Herz einer Stute ein. Sein Name ist Mökkurkálfi, etwa „Nebel-“ oder „Wolkenkalb“.

Thjálfi läuft Thor voraus und spielt eine entscheidende Rolle. Er ruft Hrungnir zu, er stehe unvorsichtig da, mit dem Schild vor sich; Thor habe ihn gesehen und werde von unten, aus der Erde, auf ihn losgehen. Hrungnir legt den Schild auf den Boden und stellt sich darauf. Im nächsten Moment kommt Thor in Blitz und Donner von vorn, und der Hammer zerschmettert Hrungnirs Schädel. Wie der Kampf weitergeht – mit dem Splitter im Kopf des Gottes und Thors kleinem Sohn Magni, der ihn unter dem Riesenbein hervorholt –, erzählen wir in den Beiträgen Thor gegen Hrungnir und Magni und Modi.

Und der gewaltige Lehmriese? Als er Thor sieht, bekommt er solche Angst, dass er sich einnässt – so jedenfalls „wird gesagt“, wie Snorri vorsichtig formuliert. Thjálfi greift ihn an, und Mökkurkálfi fällt „við lítinn orðstír“, mit wenig Ruhm.

Der Sprachwissenschaftler Anatoly Liberman vermutet hinter dem schwankhaften Ton ein älteres Motiv: einen ernsthaften Zweikampf zwischen Thjálfi und einem Gegner namens Kálfi, der später zur Farce wurde. Das ist eine Hypothese, kein Befund.

Wichtig zur Quellenlage: Das Skaldengedicht Haustlöng des Þjóðólfr aus Hvinir (um 900) schildert den Hrungnir-Kampf in mehreren Strophen, nennt aber weder Thjálfi noch Mökkurkálfi. Beide Figuren kennen wir in dieser Episode nur aus Snorris Prosa. Ob er dafür eine verlorene Quelle hatte oder Details selbst ausgestaltete, lässt sich nicht entscheiden.

Thjálfi in der Skaldik: Þórsdrápa und Hárbarðsljóð

Die eindrucksvollste frühe Erwähnung stammt aus der Þórsdrápa, einem Preislied auf Thor, das der Skalde Eilífr Goðrúnarson im späten 10. Jahrhundert für den norwegischen Jarl Hákon dichtete – also für einen Herrscher, der sich bewusst zum alten Glauben bekannte. Das Gedicht erzählt Thors Fahrt zum Riesen Geirröd. Thjálfi ist dabei: Er hält sich beim Durchwaten eines reißenden Flusses an Thor fest und kämpft anschließend mit ihm gegen die Riesen. Eilífr nennt ihn in seiner kunstvoll verschlüsselten Sprache unter anderem „Röskvas Bruder“.

Das ist bemerkenswert, denn in Snorris Prosafassung derselben Geschichte ist nicht Thjálfi, sondern Loki der Begleiter Thors. Die ganze Geschichte – und warum Thor dort ohne Hammer auskommen muss – findest du im Beitrag Thor bei Geirröd. Für unsere Frage zählt: Ein heidnischer Hofdichter um das Jahr 1000 kannte Thjálfi als mutigen Kampfgefährten des Gottes. Der Bauernsohn ist also keine Schöpfung des christlichen 13. Jahrhunderts.

Ein weiterer kurzer Auftritt steht in der Hárbarðsljóð, dem Spottgedicht, in dem Thor mit dem Fährmann Hárbarðr (hinter dem Odin steckt) Prahlereien austauscht. Thor erzählt, er habe auf der Insel Hlésey mit wilden „Bräuten von Berserkern“ gekämpft, die sein Schiff angriffen und Thjálfi verjagten. Hier wirkt der treue Diener ausnahmsweise wie einer, der davonläuft.

Unter den dichterischen Umschreibungen (Kenningar) für Thor, die Snorri in den Skáldskaparmál auflistet, steht außerdem „Herr von Thjálfi und Röskva“.

Röskva – die Flinke, von der fast nichts bleibt

Bei Röskva wird es still. Snorri nennt sie bei der Übergabe der Kinder und zu Beginn der Utgard-Reise. Dann verschwindet sie: kein Wettkampf, keine Rede, keine Tat. Dazu kommen nur die beiden Kenningar. Mehr gibt es nicht.

Ihr Name gehört zum altnordischen Adjektiv rǫskr, das „flink, rührig, tüchtig, tapfer“ bedeutet; im heutigen Dänischen und Schwedischen lebt es als rask („schnell, rasch“) weiter, und auch das deutsche „rasch“ ist damit verwandt. Röskva ist also „die Flinke“ oder „die Tüchtige“. Passend zum schnellsten Bruder der Welt.

Mythos-Check: „Röskva war eine Seherin“ oder „Röskva ist die Völva aus der Völuspá.“ – Dafür gibt es keinen einzigen Quellenbeleg. Diese Gleichsetzung stammt aus der dänischen Comicreihe Valhalla und ihrem Zeichentrickfilm von 1986. Auch Deutungen, die in Röskva die „reife Ähre“ oder ein Erntesymbol sehen, sind moderne Spekulation; der Name sagt zunächst nur „flink, tüchtig“.

Was bedeutet der Name Thjálfi?

Bei Thjálfi ist die Lage viel schwieriger, und das macht sie spannend. Liberman hat 2009 die lange Forschungsgeschichte zusammengestellt. Die wichtigsten Vorschläge:

Ehrlich gesagt: Die Etymologie ist ungeklärt. Sicher ist nur, dass Þjalfi ein echter Männername der Wikingerzeit war. Auf dem schwedischen Runenstein Sö 194 bei Strängnäs aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts errichten Ingimundr und Þjalfi einen Stein für ihren Vater Þorketill; in Runen geschrieben steht dort þalfi. Weitere schwedische Runensteine kennen ihn ebenfalls. Eltern gaben ihn ihren Söhnen offenbar ohne Scheu – ob sie dabei an Thors Diener dachten, wissen wir nicht.

Knochen, die nicht brechen dürfen: ein Motiv mit langen Wurzeln

Das Herzstück der Geschichte ist ein Motiv, das weit über den Norden hinausreicht: Ein Tier wird geschlachtet und gegessen, aus seinen Knochen wieder zum Leben erweckt – und wenn ein Knochen fehlt oder beschädigt ist, bleibt ein Makel zurück. Der schwedische Volkskundler Carl Wilhelm von Sydow hat 1910 in seinem Aufsatz Tors färd till Utgård Dutzende Parallelen gesammelt, vor allem aus christlichen Heiligenlegenden der Britischen Inseln, Frankreichs und des Alpenraums.

Die auffälligste stammt aus der Historia Brittonum, einer lateinischen Geschichte der Briten aus Wales, die im 9. Jahrhundert entstand – also deutlich vor Snorri. Dort zieht der heilige Germanus von Auxerre durch Britannien. Ein Herrscher verweigert ihm die Aufnahme, doch ein armer Mann nimmt ihn auf. Er besitzt nur eine Kuh und ein Kalb, schlachtet das Kalb und setzt es seinen Gästen vor. Germanus gebietet seinen Begleitern, keinen Knochen des Kalbes zu zerbrechen. Am nächsten Morgen steht das Kalb lebendig und unversehrt neben seiner Mutter.

Die Übereinstimmungen sind verblüffend: ein mächtiger Gast, eine Nacht bei armen Leuten, ein geschlachtetes Tier, das Verbot, Knochen zu brechen, die Wiederbelebung am Morgen. Von Sydow folgerte daraus, das Motiv sei keltisch und erst in der Wikingerzeit in die nordische Mythologie gewandert. Der Religionswissenschaftler Matthias Egeler hat diese These 2013 kritisch überprüft. Er bemängelt, dass viele von Sydows Belege sehr spät sind, hält eine Übernahme aus der Historia Brittonum aber für ernsthaft möglich – und schlägt eine reizvolle Deutung vor: Vielleicht haben Heiden der Bekehrungszeit sich ein christliches Wundermotiv angeeignet, um zu zeigen, dass ihr Gott dasselbe kann. Ganz ähnlich, wie silberne Thorshammer-Amulette im 10. Jahrhundert oft als Antwort auf das Kreuz gelesen werden.

Auch im Norden selbst gibt es Verwandte: den Eber Sæhrímnir, den die Einherjer in Walhall jeden Abend essen und der morgens wieder heil ist – Rudolf Simek stellt die Böcke ausdrücklich daneben –, und Volkssagen von Hexen, die Hering magisch vermehren, solange niemand die Gräten bricht.

Mythos-Check: „Die Geschichte von Thors Böcken beweist ein uraltes germanisches Opferritual.“ – So einfach ist es nicht. Ähnliche Knochen-Regeln kennt man aus vielen Jägerkulturen Eurasiens, und Simek erwägt einen Hintergrund in solchen Vorstellungen. Ob aber die Erzählung bei Snorri auf heidnischen Brauch zurückgeht, auf eine christliche Legende oder auf beides, ist in der Forschung offen.

Ein Verwandter auf Gotland? Thjálfi und Tjelvar

Eine weitere Spur führt auf die Insel Gotland. Die Gutasaga, eine kurze Ursprungsgeschichte der Gotländer, die im 13. Jahrhundert aufgezeichnet wurde und in einer Handschrift von etwa 1350 erhalten ist, beginnt mit einem Mann namens Þieluar (Tjelvar). Gotland war damals verzaubert: Tagsüber versank die Insel im Meer, nur nachts lag sie trocken. Tjelvar brachte als Erster Feuer auf die Insel, und seitdem sank sie nicht mehr. Er gilt als Stammvater der Gotländer.

Wegen der Namensähnlichkeit haben viele Forscher Þieluar mit Þjálfi gleichgesetzt. Liberman sieht nur einen dünnen Faden – wer Land nahm, indem er Feuer darum trug, brauchte einen schnellen Läufer – und urteilt nüchtern: Die Namen sind wahrscheinlich verwandt, die Gleichsetzung sollte man weder leugnen noch überbewerten. Wie eng Gotland mit der Bilderwelt der Mythen verbunden ist, zeigen übrigens seine Bildsteine.

Gibt es Bilder von Thjálfi?

Bisher ist keine Darstellung der Wikingerzeit sicher als Thjálfi oder Röskva gedeutet. Die bekannten Thor-Bilder – der Runenstein von Altuna in Uppland, der Stein von Gosforth in Cumbria, der Stein von Hørdum in Thy – zeigen Thor beim Fang der Midgardschlange, nicht seine Diener. Wer online „Thjálfi auf einem Bildstein“ findet, sollte nach der Quelle fragen.

Nachleben: vom dänischen Comic bis zur Eisbahn

In Skandinavien sind Thjálfi und Röskva heute vor allem durch die dänische Comicreihe Valhalla von Peter Madsen bekannt. Dort sind „Tjalfe“ und „Røskva“ die eigentlichen Hauptfiguren, zwei Menschenkinder, aus deren Sicht man die Götterwelt erlebt. Der gleichnamige Zeichentrickfilm von 1986 und ein Realfilm von 2019 haben die Geschwister einem breiten Publikum vertraut gemacht. Viel davon ist freie Erfindung – liebevoll, aber frei.

Auch in den Marvel-Comics hat Thialfi einen Nebenauftritt (siehe unseren Marvel-Thor-Faktencheck). Und das Eisschnelllauf-Stadion Thialf in Heerenveen trägt den Namen über einen friesischen Eislaufverein aus dem 19. Jahrhundert – ein passender Pate für eine Bahn der Schnellsten.

Fast immer dienen die Geschwister dabei als Identifikationsfiguren – die Menschen, durch deren Augen wir die Götter sehen. Das ist schon bei Snorri angelegt. Wer mehr über die ältere Gestalt ihres Herrn im kontinentalen Germanien wissen will, liest weiter bei Donar, dem Donnergott der Germanen.

Unsere Gravur-Idee: der Wagen, die Böcke und die Kinder

In unserer Werkstatt in Alsdorf reizt uns an dieser Geschichte vor allem ein Bild: zwei Ziegenböcke vor einem Wagen, einer davon mit angezogenem Hinterbein. Ein einziges, kleines Detail, und wer die Geschichte kennt, versteht sofort. Auf Schiefer wirkt so ein Motiv besonders, weil die Lasergravur hell aus dem dunklen Stein tritt – wie Knochen auf einem Fell am Herdfeuer.

Dazu passt der Name in Runen, so wie er auf dem Runenstein Sö 194 steht: ᚦᛅᛚᚠᛁ (þalfi) im jüngeren Futhark. Ein Motiv für Läufer, Sportvereine – und für Geschwister, die zusammenhalten.

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Häufige Fragen

Wer sind Thjálfi und Röskva? Sie sind Bruder und Schwester, Kinder eines Bauern, die Thor als Diener mitnimmt. Snorri erzählt in der Gylfaginning, dass sie ihm seither stets folgen.

Warum mussten Thjálfi und Röskva Thor dienen? Thjálfi spaltete beim Mahl einen Schenkelknochen von Thors Bock, um an das Mark zu kommen. Als Thor die Böcke am Morgen wiederbelebte, lahmte einer, und die Eltern gaben ihre Kinder als Ausgleich.

Gegen wen lief Thjálfi in Utgard? Gegen Hugi, der sich als der Gedanke Útgarða-Lokis herausstellte. Thjálfi verlor alle drei Läufe, galt aber dennoch als schnellster aller Menschen.

Was bedeutet der Name Röskva? Er gehört zu altnordisch rǫskr „flink, tüchtig, tapfer“ und bedeutet etwa „die Flinke“. Der Name Thjálfi ist dagegen bis heute nicht sicher gedeutet.

Kommt Thjálfi auch in der Lieder-Edda vor? Ja, kurz in der Hárbarðsljóð. Die Hymiskviða erzählt die Geschichte vom lahmen Bock und den zwei Kindern, nennt aber keine Namen und macht Loki zum Schuldigen.

Wer besiegte Mökkurkálfi? Thjálfi. Nach Snorris Skáldskaparmál fiel der Lehmriese mit dem Stutenherz im Kampf gegen ihn „mit wenig Ruhm“, während Thor Hrungnir erschlug.

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Thor (Donar) · Thor bei Utgard-Loki · Die Midgardschlange · Die Riesen.

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